Tag der Muttersprache: Schutz von Regional- und Minderheitensprachen in Deutschland

UNESCO Twitter 2019
Konsens-Folklore statt politischer Forderungen zur Sprachenpolitik: UNESCO-Tweets 2019. - Bildmontage: UEPO

Der 21. Februar wird als “Internationaler Tag der Muttersprache” begangen. Ursprünglich als Kampf- und Gedenktag gegen staatliche Willkür in der Sprachenpolitik gedacht, wird dieser von überstaatlichen Organisationen wie UNO, UNESCO und EU nur noch als Diversity-Feiertag begangen.

Gerade im “Jahr der indigenen Sprachen” soll auf die Vielfalt der weltweit gesprochenen Idiome aufmerksam gemacht werden, auch wenn diese nicht als Nationalsprachen fungieren.

Der Leiter des Instituts für Germanistik der Universität Leipzig, Prof. Dr. Frank Liedtke, äußert sich nachfolgend zur Entstehung und Bedeutung dieses Tages sowie über den Schutz von Regional- und Minderheitensprachen in Deutschland.

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Prof. Dr. Frank Liedtke
Prof. Dr. Frank Liedtke

Bei etwa 6.500 bis 7.000 Sprachen der Welt und weniger als 200 Staaten kommt der überwiegenden Zahl der gesprochenen Sprachen nicht der Status einer Nationalsprache zu, selbst wenn man in Einzelfällen mehrere in einem Staat anerkannte Nationalsprachen annimmt.

Mit dem Internationalen Tag der Muttersprache soll auf das verbreitete Sprachensterben vor allem von kleineren Minderheitensprachen aufmerksam gemacht werden, und es sollen Initiativen unterstützt werden, die zum Erhalt dieser Sprachen beitragen.

Die jeweils gesprochene Sprache ist Teil der kulturellen Ressourcen ihrer Sprecher. Das Ende einer Sprache gefährdet ebenso auch die tradierte kulturelle Identität der Bevölkerungsgruppe, die sie spricht.

Tag geht auf Initiative Bangladeschs zurück

Dass dieser Tag begangen wird, geht auf eine Initiative der Regierung von Bangladesch zurück, die damit die Ereignisse des 21. Februar 1952 in Erinnerung halten möchte. An diesem Tag kam es im damaligen Ost-Pakistan zu einer Demonstration gegen das verordnete Urdu als Nationalsprache und für das Bengali, das im heutigen Bangladesch gesprochen wird. Bei den Auseinandersetzungen wurden mehrere Studenten von Sicherheitskräften erschossen, so dass dieser Tag als Gedenktag in die Geschichte Bangladeschs eingegangen ist.

Die UNESCO schloss sich der Initiative des Mitgliedslandes an und erklärte im Jahre 1999 diesen Tag zum Internationalen Tag der Muttersprache. Die UN-Generalversammlung machte sich diesen Beschluss im Jahre 2002 zu eigen und rief dazu auf, die Erhaltung und den Schutz aller von den Völkern der Welt gesprochenen Sprachen zu fördern. Wesentlich früher, im Jahre 1992, wurde schon die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen vom Europarat beschlossen und 1998 durch die Bundesregierung ratifiziert.

Märtyrer-Denkmal in Dhaka (Shahee Minar)
Nur in Bangladesch wird der Tag der Muttersprache als politischer Gedenktag für die 1952 im Kampf für ihre Muttersprache Bengali gefallenen Märtyrer begangen. Das Foto zeigt das “Shaheed Minar” (Märtyrer-Denkmal) in der Hauptstadt Dhaka. – Bild: Mostaque Ahammed, Lizenz CC BY-SA 2.0

Vier anerkannte Minderheitensprachen in Deutschland: Dänisch, Friesisch, Sorbisch, Romanes

Neben dem Hochdeutschen – der Standardsprache – gibt es viele Varietäten, die vor allem in Form regionaler Dialekte in Erscheinung treten. Aber auch die Standardsprache ist alles andere als einheitlich, so dass man Deutsch als eine Sprache mit mehreren standardsprachlichen Zentren auffassen muss – als eine plurizentrische Sprache.

Dies ist nachvollziehbar, wenn man an Österreich, die deutschsprachige Schweiz, Ostbelgien, Südjütland in Dänemark und andere Regionen Europas als Orte der deutschen Sprache denkt. Neben dem Deutschen in seinen regionalen Varietäten werden aber auch in Deutschland andere Sprachen als Muttersprache gesprochen.

Die Ratifizierung der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen hatte für die Sprachenpolitik der Bundesregierung unmittelbare Folgen. So wurden vier Minderheitensprachen anerkannt, nämlich Dänisch, Friesisch (mit Nord- und Saterfriesisch), Sorbisch (mit Nieder- und Obersorbisch) sowie Romanes. Das Niederdeutsche wurde als Regionalsprache bestimmt.

Alles Weitere, vor allem die spezifischen Fördermaßnahmen, wurde in die Kompetenz der Bundesländer gelegt, in denen diese Sprachen hauptsächlich gesprochen werden. Hier ergeben sich durchaus Unterschiede in der Art der Förderung, beispielsweise in dem Umfang, in dem die jeweilige Sprache in den Schulen unterrichtet wird, oder in ihrer Verankerung in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehprogrammen.

Abgesehen von der staatlichen Förderung spielen die Minderheitensprachen im Alltag ihrer Sprecher eine bedeutende Rolle, denn sie sind ein zentraler Faktor für ihre kulturelle Identität als Angehörige der jeweiligen Bevölkerungsgruppe. Dies spiegelt sich in mannigfaltigen kulturellen Aktivitäten und Initiativen wider, bei denen der Gebrauch der Sprache im Kontext mit anderen kulturellen Praktiken gepflegt wird.

“Kiezdeutsch” hat seine eigenen Strukturregeln

Die Sprecher der genannten Minderheiten- und Regionalsprachen sind durchweg mindestens zweisprachig, wobei sich der Gebrauch der jeweiligen Sprache auf verschiedene Domänen des Alltagslebens verteilt.

Dies ist auch bei den in Deutschland gesprochenen Sprachen der Migranten der Fall, die neben ihrer Muttersprache mit Behörden und in offiziellen Kontexten auf Deutsch kommunizieren. In der zweiten und dritten Generation wird beispielsweise neben dem Türkischen und dem Deutschen manchmal eine sogenannte Migrantensprache verwendet, die Regeln der Muttersprache mit denjenigen des Standarddeutschen kombiniert.

Daraus ist das sogenannte Kiezdeutsch vor allem in Berlin entstanden, das durchaus eigene Strukturregeln aufweist. Wie sich diese Varietät entwickelt, wird die Zukunft zeigen. Das Deutsche als Muttersprache von etwa 100 Millionen Menschen ist davon kaum betroffen. Die verschiedenen Standardvarietäten entwickeln sich vielmehr weiter, indem sie Elemente aus anderen Sprachen aufnehmen und integrieren, wo es sich als notwendig erweist.

Weiterführender Link

[Text: Prof. Dr. Frank Liedtke. Quelle: Pressemitteilung Universität Leipzig, 2019-02-18.]