Erste Ausgabe von Chronotopos erschienen – Online-Zeitschrift für Translationsgeschichte

Raum und Zeit
Translationswissenschaft in Abhängigkeit von Raum und Zeit - ein spannendes Beschäftigungsfeld. - Bild: PIRO4D / Pixabay

Chronotopos 1/2019Soeben ist Chronotopos 1/2019 erschienen, die erste Ausgabe einer wissenschaftlichen Online-Zeitschrift für Translationsgeschichte. Auf 229 Seiten werden Forschungsbeiträge auf Deutsch, Englisch oder Französisch präsentiert.

In halbjährlichem Rhythmus sollen neben Artikeln zu Translationsereignissen, Methoden der Translationsgeschichte und der Geschichte der Translationswissenschaft auch Rezensionen zu Publikationen über diese Themen, Besprechungen von Tagungen sowie Übersetzungen wissenschaftlicher Artikel zum Thema erscheinen.

Chronotopos dient Wissenschaftlern als Plattform für Veröffentlichungen. Sie soll Forschungsergebnisse einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich machen und so den Informationsaustausch und Dialog zwischen wissenschaftlichen Disziplinen sowie zwischen Theorie und Praxis fördern.

Deshalb ist der Zugang nach dem Open-Access-Prinzip bewusst für jedermann ohne Registrierung und Anmeldung kostenfrei möglich. Ausgabe 1 kann insgesamt als PDF-Datei online gelesen oder heruntergeladen werden. Wer sich nur für bestimmte Beiträge interessiert, kann diese aber auch einzeln aufrufen und speichern.

Warum “Chronotopos” als Titel?

“Den Aspekt des Raum-Zeit-Gefüges in der Translationsgeschichte im Speziellen, aber damit für die gesamte Translationswissenschaft zu beleuchten, ist programmatisch für Chronotopos”, heißt es in einem einleitenden Artikel der ersten Ausgabe.

Mit dem Titel der Zeitschrift nehmen wir eine Anleihe beim Literaturwissenschaftler Bachtin auf. Bachtins Raum-Zeit-Theorie, für die er den Begriff des Chronotopos verwendete, ist am und mit dem literarischen Text entworfen. Als wir den Begriff des Chronotopos als Titel für eine Zeitschrift zur Translationsgeschichte wählten, lösten wir ihn aus dem literarischen und übertrugen ihn in einen historiographischen Rahmen.

Dabei will man weiter zurückblicken als bis in die 1970er Jahre, die gemeinhin als Geburtsstunde der Übersetzungswissenschaft angesehen werden. Es gelte, “einen souveränen Umgang mit den historischen und historiographischen Vorläufern in den Quelldisziplinen der Translationswissenschaft zu finden und sie aus translationswissenschaftlicher Perspektive zu integrieren.” Eine Trennung zwischen wissenschaftlicher und sogenannter vorwissenschaftlicher Beschäftigung mit der Materie könne es in der Betrachtung der Geschichte nicht geben.

Translationsgeschichte hat Konjunktur

Auf der Website chronotopos.eu beschreiben die Herausgeber ihre Beweggründe und das Konzept:

Translationsgeschichte hat Konjunktur: Seit einigen Jahren ist ein zunehmendes Interesse seitens unterschiedlicher Disziplinen wie z. B. der Translationswissenschaft, Literaturwissenschaft, Wissensgeschichte oder den Transfer Studies an der historischen Betrachtung von Translationsphänomenen zu verzeichnen. Dieses Interesse hat zwar zu einer erstaunlichen Produktivität geführt, die sich in der Vielzahl und Vielfalt einzelner ‚Fallstudien‘ manifestiert. Doch gleichzeitig läuft die Forschung Gefahr, ob der rasanten Akkumulation empirischer Daten, die Möglichkeit eines zusammenfassenden und verallgemeinernden Blicks aufs ‚Ganze‘ zu verlieren.

Das Potential der Translationsgeschichte ist enorm: Ein noch weitgehend unerschlossenes und unbearbeitetes Gebiet ‚rohen‘ Materials, das in transkultureller Perspektivierung neue Einsichten in Transferprozesse in Aussicht stellt, die sich in den unterschiedlichsten Zusammenhängen vollziehen, so etwa in der Geschichte des Wissens und der Wissenschaft, in der Geschichte von Literatur(en) und Sprache(n) sowie der Geschichte im Allgemeinen. Allerdings fehlt es ihr bisher noch an systematischen Ansätzen, kritisch reflektierten methodischen Zugängen und einer gemeinsamen (translationswissenschaftlich fundierten) Perspektive.

Das Programm dieser Zeitschrift, das sich im Namen Chronotopos widerspiegelt, reagiert auf diese Schieflage durch die Berücksichtigung unterschiedlicher Ebenen: Zum einen geht es um die wissenschaftliche Thematisierung der Historizität translatorischer Ereignisse, d. h. um die Explikation ihrer zeitlichen und (darin) räumlichen Dimensionen. Zum anderen um die Reflexion der (narrativen) Struktur translationsgeschichtlicher Darstellungen translatorischer Ereignisse.

Als Beispiele für das breite Themenspektrum seien aus der aktuellen Ausgabe nur vier genannt:

  • Larisa Schippel: Erich Prunč – Slawist und Translationswissenschaftler – Der Translationspilosoph (Nachruf)
  • Wolfgang Pöckl: Sechstes Germersheimer Symposium Übersetzen und Literatur (UeLit VI), 15.-17. Juni 2018. Konferenzbericht
  • Lieven D’hulst: Le dilemme de Buridan : Une histoire de la traduction belge est-elle possible ?
  • Pekka Kujamäki, Päivi Pasanen: Interpreting prisoners-of-war. Sketches of a military translation culture in Finnish POW camps during World War II (1941-1944)

Redaktion im Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien

Die redaktionelle Arbeit wird von einem Team am Zentrum für Translationswissenschaft (ZTW) der Universität Wien geleistet, das aus Joana Brandtner, Stefanie Kremmel, Julia Richter, Tomasz Rozmyslowicz, Larisa Schippel und Karlheinz Spitzl besteht.

Unterstützend wirkt ein Editorial Board als Entscheidungsinstanz für allgemeine Fragen, dem 17 Sprachwissenschaftler aus verschiedenen Ländern angehören. Es soll die wissenschaftliche Qualität der Beiträge sicherstellen. Darüber hinaus ist ein achtköpfiges Advisory Board beratend tätig.

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[Text: Richard Schneider.]