“Jetzt auch auf Deutsch. Von wem? Von uns!” – Einblicke ins Literaturübersetzen

Lesefenster Zentralbibliothek Düsseldorf
Kurz vorm Hieronymustag bot die Düsseldorfer Zentralbibliothek drei Literaturübersetzerinnen eine Bühne. Rund 35 Zuhörer erlebten einen interessanten und kurzweiligen Abend. - Bild: UEPO.de

Die Weltlesebühne, der Master-Studiengang Literaturübersetzen an der Heinrich-Heine-Universität und die Zentralbibliothek Düsseldorf hatten am 25. September 2019 zu einem Abend ins “Lesefenster” am Hauptbahnhof geladen. Titel der Veranstaltung: “Jetzt auch auf Deutsch. Von wem? Von uns! – Drei Literaturübersetzerinnen geben Einblick in ihre Arbeit.”

Auf der Bühne saßen Dietlind Falk, Jenny Merling und Nina Loose. Alle drei hatten ein Übersetzungsprojekt mitgebracht, das im Lauf des Abends vorgestellt wurde. Ausgewählte Passagen lasen sie selbst vor. Die rund 35 interessierten Zuhörer konnten die Bücher nach der Veranstaltung in Augenschein nehmen.

Vera Elisabeth Gerling
Vera Elisabeth Gerling – Bild: UEPO.de

Moderiert wurde der Abend von PD Dr. Vera Elisabeth Gerling, die an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf unter anderem im Studiengang Literaturübersetzen lehrt und ihre Habilitation zum Thema “Leben im Text – Übersetzerisches Denken als epistemologisches Paradigma” verfasst hat.

Sie empfahl für die Suche nach Übersetzern und deren Werken die Amazon-Website, die in vorbildlicher Weise den Übersetzer stets neben dem Autor aufführt. Bücher kaufe man dort hingegen nicht, so Gerling mit einem Augenzwinkern.

Dietlind Falk, die Übersetzerin, die zur Autorin wurde

Dietlind Falk hat in Düsseldorf Literaturübersetzen studiert und arbeitet freiberuflich als belletristische Übersetzerin. Sie kennt das Buchgeschäft aber auch aus der Autorenperspektive. Im Jahr 2017 hat sie mit Das Letzte ihren ersten eigenen Roman veröffentlicht. Im Vergleich beider Tätigkeiten kommt sie zu dem Schluss, dass es leichter sei zu übersetzen als selbst zu schreiben.

Falk stellt ein von ihr aus dem Französischen übersetztes Buch vor und weist darauf hin, dass das Übersetzen immer ein schwieriger Prozess sei. Das “leichte Buch”, dessen Übersetzung sich wie von selbst schreibe, gebe es nicht.

Außerdem habe man nie vollständig mit einer Übersetzung abgeschlossen. Es fielen einem hinterher immer noch weitere Verbesserungsmöglichkeiten ein.

Jenny Merling, Nina Loose
Vor allem im lebhaften Vortrag von Jenny Merling kam die Freude am Beruf zum Ausdruck. – Bild: UEPO.de

Jenny Merling, die Übersetzerin, die auch unterrichtet

Einem kurzen, unglücklichen Lehramtsstudium folgte ein langes, sehr glückliches Literaturübersetzenstudium. Seit 2011 übertrage ich englischsprachige Literatur ins Deutsche und gebe seit 2017 auch noch Übersetzungsseminare für Englisch und Spanisch an der Uni Düsseldorf – der Kreis hat sich geschlossen. Und das kann auch gern so bleiben, denn etwas Schöneres als Übersetzen gibt es für mich einfach nicht.

Das schreibt Jenny Merling auf der Alumni-Seite des Düsseldorfer Studiengangs. Sehr ähnlich äußerte sie sich auch an diesem Abend. Die Begeisterung fürs Literaturübersetzen war ihr anzusehen.

Von Merling ging auch die Initiative zu dieser Podiumsdiskussion aus. Ihre Anregung wurde von Universität, Zentralbibliothek und Lesebühne gerne aufgenommen und umgesetzt.

Nina Loose, die Quereinsteigerin und Sachbuchübersetzerin

Loose hat Kunstgeschichte und Französisch studiert, entstammt also keinem speziellen Übersetzungsstudiengang. Den Quereinstieg empfindet sie als Kunsthistorikerin jedoch als Vorteil, da sie sich auf Sachbücher aus diesem Bereich spezialisiert hat.

Mehrere Monate saß Loose an einem rechercheintensiven Wälzer mit dem Titel Die Natur der Farben – Die Geschichte traditioneller Farben und Pigmente. Sie entschuldigte sich bei den Zuhörern vorab für das möglicherweise trockene Thema, das nicht jedermanns Sache sei, aber immerhin handle es sich um ein großformatiges, äußerst dekoratives Buch. Die dann vorgetragenen Abschnitte wussten jedoch sprachästhetisch durchaus zu gefallen.

Bei Sachbüchern werde viel gekürzt, so Loose, und der Zieltext entspreche dadurch nur selten dem Ausgangstext. Dies gelte auch für den Stil und die Leseransprache. So werde der als übertrieben empfundene Schreibstil amerikanischer Sach- und Anleitungsbücher im Deutschen meist auf die hier bevorzugte sachliche Stilebene heruntertransponiert.

Nina Loose, Natur der Farben
Als Kunsthistorikerin war Nina Loose bei dem Projekt über die Geschichte traditioneller Farben und Pigmente voll in ihrem Element. – Bild: DuMont, UEPO.de

Literaturübersetzen als Teamwork?

Eine Fragestellerin aus aus dem Publikum wollte wissen, wie sich die gemeinsame Arbeit an einem Werk gestalte, wenn der Verlag zur Beschleunigung des Übersetzungsprozesses mehrere Leute beauftrage. Alle drei meinten, dass das je nach Textsorte und Team durchaus gut funktionieren könne.

So übersetzt Jenny Merling regelmäßig gemeinsam mit einer ihr gut bekannten Kollegin. Man teile sich dann tatsächlich vorab die einzelnen Kapitel auf und lese gegenseitig Korrektur. Bei Gemeinschaftsprojekten helfe es natürlich, wenn die Beteiligten einen vergleichbaren Übersetzungsansatz verfolgten und sich im Schreibstil ähnelten. Von Vorteil sei es auch, wenn man sich schon seit Jahren kenne.

In Merlings Fall ist es so, dass sie bei gemeinsamen Projekten häufige persönliche Treffen vereinbart. Ihrer Ansicht nach ist es sogar dann sinnvoll, hin und wieder Tage mit Kollegen im selben Arbeitszimmer zu verbringen, wenn man an verschiedenen Übersetzungen arbeitet. Wenn die eine Kollegin übersetzerisch auf dem Schlauch stehe, könne die andere oft auf die Sprünge helfen.

Nina Loose berichtet von einem Projekt, an dem mit ihr insgesamt sieben Kolleginnen und Kollegen beteiligt waren, weil die Übersetzung aus produktionstechnischen Gründen innerhalb von zwei Monaten abgeschlossen werden musste. Bei Sachbüchern sei eine Aufteilung leichter als in der Belletristik und weitgehend unproblematisch, weil sich die Kapitel oft inhaltlich stark voneinander unterschieden.

Dietlind Falk, Jenny Merling, Nina Loose
Übersetzerin Dietlind Falk (links) hat 2017 ihren ersten eigenen Roman geschrieben. – Bild: UEPO.de

Übersetzer haben keinen Einfluss auf Buchtitel

Alle drei Übersetzerinnen wiesen darauf hin, dass sie grundsätzlich keinen Einfluss auf die Formulierung des Buchtitels (und die Gestaltung des Umschlags) haben. Darüber entscheide allein der Verlag, ggf. in Absprache mit der Marketingabteilung. Und zwar auch dann, wenn von Übersetzerseite gut begründete Vorschläge gemacht worden seien.

Es komme daher gar nicht so selten vor, dass Übersetzer für einen Titel kritisiert würden, der gar nicht von ihnen stamme und den sie niemals selbst gewählt hätten.

Hat das Studium etwas gebracht?

Während Dietlind Falk nach eigener Aussage durchaus hin und wieder mit dem Studium gehadert hat, fand Jenny Merling ihre Zeit an der Uni in Düsseldorf einfach nur großartig. Für die Qualität der Übersetzung zähle die spätere Übung und Erfahrung in der Berufspraxis letztlich aber mehr.

Wünsche für die Zukunft: Name auf Titelseite, Kurzvita in Klappentext

Dietlind Falk gab der Hoffnung vieler Übersetzer Ausdruck, den eigenen Namen auch einmal auf der Titelseite von Büchern zu finden. Darüber hinaus wünscht sie sich, dass in die Klappentexte von Übersetzungen neben den entsprechenden Angaben zum Autor auch eine Kurzvita des jeweiligen Übersetzers aufgenommen wird.

Anlass der Veranstaltung war der alljährlich am 30. September begangene Internationale Tag der Übersetzung.

Weiterführende Links

[Text: Richard Schneider.]