Europäische Übersetzungsgeschichte: Jörn Albrechts Opus magnum

Guido Reni: Der Raub der Europa
Bild: Guido Reni (1575–1642): Der Raub der Europa, gemeinfrei

Ende 2018 ist im Wissenschaftsverlag Narr Francke Attempto ein neues Werk von Jörn Albrecht und Iris Plack mit dem Titel Europäische Übersetzungsgeschichte erschienen. Wir maßen uns hier keine Rezension an, möchten den Titel aber doch zumindest vorstellen, weil das Thema viele Angehörige der Übersetzungsbranche interessieren dürfte.

Europäische ÜbersetzungsgeschichteJörn Albrecht ist vielen im Beruf stehenden Übersetzern, die in Germersheim oder Heidelberg studiert haben, noch als Professor für romanische Sprachen bzw. allgemeine Sprachwissenschaft bekannt. Andere haben seinen Namen womöglich in sprachwissenschaftlichen Veröffentlichungen wahrgenommen. Albrecht hat mehr als 20 Monographien und über 150 Aufsätze verfasst.

Der UEPO-Herausgeber hat sich Ende der 1980er Jahre für ein Referat im Rahmen eines Proseminars eingehend – und sehr gerne – mit Albrechts Promotionschrift zum Thema Le français langue abstraite? befasst und später auch ein von Albrecht selbst geleitetes Seminar besucht.

Seit 2004 ist der Sprachwissenschaftler emeritiert, 2019 konnte er seinen 80. Geburtstag feiern. Das 548 Seiten starke Buch betrachtet er als „eine Art von Summa“ seines wissenschaftlichen Lebens, wie er im Vorwort schreibt.

Worum geht es?

Im Klappentext wird der Inhalt wie folgt skizziert:

Übersetzungen haben die europäische Literaturgeschichte wesentlich geprägt: Sie eröffnen den Zugang zu fremden Kulturen und Literaturen, sie bestimmen die Wahrnehmung kanonischer Werke und Autoren zum Teil über Jahrhunderte – und wenn sie gut sind, werden sie gar nicht wahrgenommen.

Der Band bietet ein Panorama der europäischen Übersetzungsgeschichte und bringt dabei Aspekte zur Sprache, die in klassischen Übersetzungsgeschichten nur gestreift werden: die Forschungsmethoden und Erkenntnisinteressen der Übersetzungsgeschichte, die Zusammenhänge zwischen Übersetzungstätigkeit und Sprachgeschichte, die Abhängigkeit der Übersetzungskonzeptionen von geistesgeschichtlichen Strömungen, der Einfluss bedeutender Übersetzerpersönlichkeiten auf das Übersetzungswesen und einiges andere mehr.

Beispiele aus unterschiedlichen Sprachenpaaren ermöglichen einen Einblick in Besonderheiten der Übersetzung auch aus wenig vertrauten Sprachen.

Iris Plack und Jörn Albrecht schreiben in den Vorbemerkungen: „Europäische Übersetzungsgeschichte – ein vielversprechender, möglicherweise zu viel versprechender Titel. Zutreffender wäre wohl eine Formulierung wie ‚Einige ausgewählte Fakten und systematische Aspekte der Übersetzungstätigkeit in Europa von der Antike bis heute‘ gewesen.“ Das Buch biete „eine Art von Panorama der europäischen Übersetzungsgeschichte“.

Notgedrungen handle es sich um eine Auswahl. Repräsentativität oder gar Vollständigkeit anzustreben, wäre vermessen gewesen, so die Autoren. Leser, die zu einzelnen Aspekten mehr erfahren möchten, werden in der 59 Seiten starken Bibliographie sicherlich fündig.

Weiter heißt es:

Neben der sog. „schönen Literatur“ sollen auch religiöse, philosophische und fachliche Texte in den Blick genommen werden. Darüber hinaus wollen wir aufzeigen, welchen Einfluss bedeutende Übersetzerpersönlichkeiten auf die Art und Weise des Übersetzens in verschiedenen historischen Epochen ausgeübt haben. […]

Nicht selten wird ein Passus aus einem literarischen Werk zusammen mit seiner Übersetzung in verschiedene Sprachen (oft auch mit mehreren Übersetzungen in dieselbe Sprache) angeführt. […]

Im systematischen Teil des Bandes werden vorzugsweise Aspekte behandelt, die der Geschichte des Übersetzungswesens oder, salopper, des allgemeinen Übersetzungsbetriebs zuzurechnen sind.

In der spezifischen Auswahl der mitgeteilten historischen Fakten (z. B. in einer starken Betonung der sprachgeschichtlichen Begleitumstände vornehmlich der frühen Übersetzungstätigkeit) sowie in der Behandlung der systematischen Aspekte im zweiten Teil, die in den meisten Übersetzungsgeschichten nur nebenbei erwähnt werden, liegt die Originalität, die die Autoren für sich beanspruchen.

An wen richtet sich das Buch?

„Das Buch wendet sich an ein breiteres Publikum mit philologischen und kulturgeschichtlichen Interessen, nicht nur an Translatologen“, so Plack und Albrecht. „Fremdsprachige Zitate – mit Ausnahme der englischen – erscheinen in deutscher Übersetzung oder, wenn sie sprachlich nicht besonders anspruchsvoll sind, im Original mit anschließender Paraphrase.“

Den besten Eindruck von der inhaltlichen Breite und den Schwerpunkten eines Werks kann man sich mit einem Blick aufs Inhaltsverzeichnis verschaffen. Deshalb geben wir es weiter unten wieder.

Jörn Albrecht, Iris Plack
Jörn Albrecht und Iris Plack. – Bild: Uni Heidelberg (Das Foto von Albrecht ist allerdings mindestens 20 Jahre alt.)

Über die Autoren

Prof. Dr. Jörn Albrecht studierte Germanistik und Romanistik in Tübingen und Berlin und war an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland tätig. Von 1981 bis 1991 wirkte er an der Universität Mainz in Germersheim zunächst als Professor in der Italianistik und später für die Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft. Anschließend war er bis 2004 ordentlicher Professor für Übersetzungswissenschaft mit besonderer Berücksichtigung des Französischen an der Universität Heidelberg. Nach dem Eintritt in den Ruhestand war Albrecht zunächst weiterhin in beschränktem Umfang in der Lehre tätig. Seinen Forschungsschwerpunkt sah er in den letzten Jahren vor allem in der Übersetzungsgeschichte.

PD Dr. Iris Plack ist akademische Mitarbeiterin in der Lehre der Universität Heidelberg. Die Diplom-Übersetzerin studierte in Heidelberg, promovierte in Germersheim und habilitierte sich 2013 in Heidelberg unter dem Mentorat von Jörn Albrecht.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorbemerkungen

I. Historischer Teil

1 Übersetzungsgeschichte: Fragestellungen, Methoden, Erkenntnisinteressen einer wenig bekannten Disziplin
1.1 Der Gegenstand der Übersetzungsgeschichte
1.2 Die Forschungsmethoden der Übersetzungsgeschichte
1.2.1 Die Forschungsmethoden der äußeren Übersetzungsgeschichte
1.2.2 Die Forschungsmethoden der inneren Übersetzungsgeschichte
1.3 Die Erkenntnisinteressen der Übersetzungsgeschichte
1.3.1 Literarische und translatorische Erkenntnisinteressen
1.3.2 Sprachgeschichtliche Erkenntnisinteressen

2 Übersetzen und Dolmetschen in der Antike
2.1 Der Beginn der römischen Literatur aus dem Geist der Übersetzung
2.2 Cicero, Horaz, Hieronymus und die Folgen
2.2.1 Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.)
2.2.2 Quintus Horatius Flaccus (65-8 v. Chr.)
2.2.3 Eusebius Sophronius Hieronymus (um 345-420 n. Chr.)

3 „Vertikales“ und „horizontales“ Übersetzen im Mittelalter
3.1 Bemerkungen zur Terminologie
3.2 Die Arbeit der frühen Übersetzer oder „Vulgarisatoren“ und ihre sprachlichen Konsequenzen
3.3 Der Aufstieg der europäischen Volkssprachen in den Rang „würdiger“ Übersetzungssprachen

4 Der Einfluss der Übersetzungen auf die jungen europäischen Volkssprachen und Literaturen
4.1 Vom Nutzen und Nachteil der Übersetzung für die Sprache
4.2 Der Beitrag der Übersetzer zum Ausbau der europäischen Vokssprachen
4.3 Die „verdeckte“ Latinisierung des Deutschen
4.4 Die Verbreitung lexikalischen und syntaktischen Lehnguts durch die Übersetzung
4.5 Die Einführung und Verbreitung literarischer Gattungen über ihren Entstehungsbereich hinaus durch die Übersetzungen

5 Die Vielschichtigkeit des Englischen im Lichte der Übersetzungsgeschichte
5.1 Die verschiedenen ethnisch-kulturellen und sprachlichen Schichten im chronologischen Überblick
5.2 Alt- und Mittelenglisch: Einige Informationen zu Sprache und wichtigen Übersetzungen
5.3 Der Anteil der Übersetzer an der Entwicklung des Englischen zur lingua franca

6 Bibelübersetzung in Europa
6.1 Offenbarungsreligion und „heiliger Text“. Übersetzungsoptimismus und -pessimismus bei den Buchreligionen
6.2 Unterschiedliche Skopoi der Bibelübersetzung
6.3 Bibelübersetzungen im Mittelalter
6.4 Bibelübersetzungen vom Spätmittelalter bis heute
6.4.1 Französischer Sprachraum
6.4.2 Deutscher Sprachraum
6.4.3 Englischer Sprachraum
6.4.4 Spanischer und italienischer Sprachraum

7 Von der Renaissance zur Aufklärung: Die Vertreter der belles infidèles und ihre Gegner in Frankreich, England und Deutschland
7.1 Anekdotisches zum Ausdruck Les belles infidèles
7.2 Einige Beispiele
7.3 Die Gegner der belles infidèles
7.4 Die zweite Welle der belles infidèles im 18. Jahrhundert

8 Die ‚Wende‘ der europäischen Übersetzungsgeschichte in der Romantik. Die Entstehung der philologisch-dokumentarischen Übersetzung
8.1 Friedrich Schleiermacher und der beginnende Historismus
8.2 Einige Beispiele zur Übersetzungstheorie und -praxis

9 Die Übersetzungsgeschichte ausgewählter Werke der Weltliteratur
9.1 Italien
9.2 Spanien und die iberische Halbinsel
9.3 Frankreich
9.4 Großbritannien und Irland
9.5 Deutschland, Österreich, Schweiz
9.6 Russland
9.7 Weitere europäische Länder
9.8 Metamorphosen des Pantheons: Statusverschiebungen von literarischen Werken durch die übersetzerische Rezeption

10 Bedeutende Übersetzerpersönlichkeiten von der frühen Neuzeit bis heute
10.1 Elisabeth von Lothringen, Gräfin von Nassau-Saarbrücken (um 1395-1456)
10.2 Ludwig I., Fürst von Anhalt-Köthen (1579-1650)
10.3 Johann Gottfried Gottsched (1700-1766) und Luise Adelgunde Victorie Gottsched geb. Kulmus: die Gottschedin (1713-1762)
10.4 Johann Joachim Christoph Bode (1731-1793)
10.5 Johann Diederich Gries (1775-1842)
10.6 Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
10.7 Paul Heyse (1830-1914)
10.8 Henri Albert (1869-1921)
10.9 Hans Reisiger (1884-1968)
10.10 Swetlana Geier (1923-2010)

II. Systematischer Teil

11 Übersetzungsströme. Die übersetzerische „Handelsbilanz“ Europas im Überblick
11.1 Hic sunt leones: Die „weißen Flecken“ in der übersetzerischen Rezeption
11.2 Steuerung der Übersetzungsströme durch Zensur und ähnliche Maßnahmen

12 Sonderformen der Übersetzungswege
12.1 ‚Umwegübersetzungen‘ oder Übersetzungen aus zweiter Hand
12.1.1 Welche Gründe veranlassen Übersetzer dazu, auf eine oder mehrere bereits vorliegende Übersetzungen in der Sprache, in die übersetzt wird, oder in einer dritten Sprache zu rekurrieren?
12.1.2 Welche Faktoren haben historisch betrachtet dazu beigetragen, dass sich das Französische zur bevorzugten „Muttersprache“ entwickelt hat?
12.1.3 Wie wirkt sich die Praxis der Übersetzung aus zweiter Hand auf die Rezeption einzelner Werke und Autoren im Zielland der Übersetzung aus?
12.2 Rückübersetzungen
12.3 „Selbstübersetzungen“ (autotraductions)

13 Status und Rolle der Literaturübersetzer im Literaturbetrieb von der frühen Neuzeit bis heute
13.1 Otium cum dignitate: Die Übersetzung als gelehrter Zeitvertreib
13.2 Die Entstehung des Übersetzerberufs
13.3 Schriftsteller als Übersetzer
13.3.1 Welche Motive veranlassen Schriftsteller dazu, sich als Übersetzer zu versuchen?
13.3.2 Was unterscheidet übersetzende Schriftsteller von ‚gewöhnlichen‘ Übersetzern?
13.3.3 Muss man über schöpferische literarische Begabung verfügen, um große Literatur übersetzen zu können, oder verleitet nicht eben die Begabung den übersetzenden Autor dazu, die ‚Grenzen der Übersetzung‘ zu überschreiten?

14 Der Aufstieg der ‚niedrigen Register‘ in die ‚Schöne Literatur‘ in den europäischen Sprachen und die Folgen dieser Entwicklung für die Übersetzung und die Lexikographie
14.1 England und Frankreich als ‚Vorreiter‘
14.2 Deutschland und Italien als ‚Nachzügler‘

15 Die Berücksichtigung des Faktors „Übersetzung“ in der Sprach- und Literaturgeschichtsschreibung
15.1 Übersetzung und Sprachgeschichten
15.2 Übersetzung und Literaturgeschichten

16 Die Entwicklung des Übersetzungs- und Übersetzerrechts und deren Folgen für den Übersetzungsbetrieb
16.1 Die Berner Übereinkunft von 1886 bis heute
16.2 Übersetzungs- und Übersetzerrecht
16.3 Die Schutzwürdigkeit von Übersetzungen aus juristischer Sicht

17 Nachwort und Ausblick

18 Literatur
18.1 Grundbibliographie zur Übersetzungsgeschichte
18.1.1 Allgemeine bibliographische Hinweise
18.1.2 Anthologien zur Geschichte der Übersetzung und der Übersetzungstheorie
18.1.3 Allgemeine Übersetzungsgeschichten
18.1.4 Länderspezifische Übersetzungsgeschichten
18.1.5 Partielle Übersetzungsgeschichten
18.1.6 Übersetzungsbibliographien und -anthologien
18.2 Sonstige Literatur
18.2.1 Primärliteratur
18.2.2 Wissenschaftliche Literatur

Personenregister

Gunter Narr
Ohne geduldige und verständnisvolle Verleger wie Gunter Narr (hier auf der Frankfurter Buchmesse 2018) könnte so manches wissenschaftliche Werk gar nicht erscheinen. – Bild: Richard Schneider

Bibliographische Angaben

Jörn Albrecht, Iris Plack (2018): Europäische Übersetzungsgeschichte. Tübingen: Narr Francke Attempto. – 548 Seiten. Gebunden 79,90 Euro, Kindle-Version 64 Euro. ISBN 978-3-8233-8255-3. Auf Amazon ansehen/bestellen.

Narr Francke Attempto gehört zu den führenden Wissenschaftsverlagen auf den Gebieten der Germanistik, Romanistik, Anglistik, Fremdsprachendidaktik, Theologie und Kulturwissenschaft. Seit annähernd 50 Jahren erscheinen in Tübingen Lehrbücher, wissenschaftliche Monographien und Fachzeitschriften.

[Text: Richard Schneider.]