Schweden: Dolmetscher erkranken dreimal häufiger an COVID-19 als Durchschnittsbürger

Folkhälsomyndigheten
Die Behörde für öffentliche Gesundheit in Schweden ist dem Ministerium für Gesundheit und Soziales untergeordnet. Ihr Aufgabenbereich ist mit dem des deutschen Robert-Koch-Instituts vergleichbar. - Bild: Folkhälsomyndigheten

Nach einer aktuellen Studie der schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit (Folkhälsomyndigheten) erkranken Dolmetscher fast dreimal häufiger an COVID-19 als der Durchschnittsbürger. Ihr Risiko entspricht dem 2,9-Fachen des Durchschnittswerts. Sie liegen damit an vierter Stelle aller Berufsgruppen außerhalb des Gesundheitswesens.

Die am stärksten gefährdeten Berufsgruppen sind demnach:

  1. Taxifahrer: relatives Risiko 4,8
    (d. h. das Risiko einer Infektion/Erkrankung ist 4,8 Mal höher als im Durchschnitt)
  2. Pizzabäcker: 4,5
  3. Bus- und Straßenbahnfahrer: 4,3
  4. Dolmetscher / Sprachmittler („Översättare, tolkar och lingvister“): 2,9
  5. Restaurant- und Küchenmanager: 2,5
  6. Sonstige Servicemitarbeiter (Automaten auffüllen, Parkuhren leeren, Strom-, Gas- und Wasserzähler ablesen usw.): 2,5
  7. Feuerwehrleute: 2,2
  8. Fahrzeugaufbereiter, Fensterputzer, Reinigungsarbeiter: 1,7
  9. Hausmeister: 1,6
  10. Reinigungskräfte in Gebäuden: 1,5
  11. Restaurant- und Küchenhilfen: 1,4

In absoluten Zahlen: 16 von 4.033 Sprachmittlern erkrankt

Im untersuchten Zeitraum (13. März bis 27. Mai 2020) sind 16 von 4.033 in Schweden tätigen Dolmetschern/Übersetzern an COVID-19 erkrankt. Das ist die kleinste Fallzahl aller 11 oben dargestellten Berufsgruppen. Da die Berufsgruppe der Sprachmittler aber insgesamt ebenfalls sehr klein ist, ergibt sich dennoch ein vergleichsweise hohes Risiko.

Zum Vergleich: Unter den Hausmeistern gab es 164 Krankheitsfälle, aber mit 81.022 Berufsangehörigen ist ihre Berufsgruppe 20 Mal größer als die der Übersetzer und Dolmetscher. Basierend auf diesen Zahlen ist das statistische Risiko für Hausmeister daher nur halb so hoch wie für Sprachmittler.

Das Durchschnittsalter der Sprachmittler lag zum Zeitpunkt der Diagnose bei 58 Jahren.

Tatsächliches Risiko für Dolmetscher möglicherweise noch höher

Das Risiko der im direkten Kundenkontakt dolmetschenden Sprachmittler könnte in Wirklichkeit sogar noch höher sein. Denn es wird dadurch verwässert, dass ihre Fälle durch die Gesamtzahl der Angehörigen der Berufsgruppe geteilt werden. Dazu gehört auch die große Gruppe der Übersetzer, die ohne jeglichen persönlichen Kundenkontakt im stillen Kämmerlein tätig sind.

Zur Studie

Da in der Studie von COVID-19 (also der Krankheit) und nicht von SARS-CoV-2 (dem Virus) die Rede ist, gehen wir davon aus, dass es hier um Erkrankungen und nicht um Infektionen geht. Andererseits dürfte diese Unterscheidung für die Berechnung des statistischen Risikos letztendlich gleichgültig sein.

Die im Gesundheitswesen beschäftigten Berufsgruppen wurden in die Auswertung nicht einbezogen, da für sie laut Gesundheitsbehörde kein korrekter Vergleich mit anderen Berufsgruppen möglich ist.

Von allen anderen Berufsgruppen wurden diejenigen berücksichtigt, bei denen 15 oder mehr Personen mit COVID-19 diagnostiziert wurden.

Untersucht wurden die zwischen dem 13. März und 27. Mai 2020 registrierten Fälle. Die Gesamtzahl der berücksichtigten Fälle belief sich auf 3.188.

Für das in Schulen tätige Personal ergab sich im Vergleich zu anderen Berufen übrigens kein signifikant höheres Risiko.

Bei der Interpretation der Ergebnisse und im Vergleich mit anderen Ländern sollte möglicherweise auch berücksichtigt werden, dass Schweden eine etwas andere Strategie zur Bewältigung der Pandemie verfolgt hat als etwa Deutschland und Österreich.

Auf Schutzmaßnahmen wie Masken, Plexiglaswände, Personenführungsanlagen beim Dolmetschen vor Gericht usw. hat man im Norden nach unserem Kenntnisstand zumindest für eine gewisse Zeit weitgehend verzichtet, sodass die Durchseuchung schneller und ungehinderter erfolgte als in anderen Ländern.

Weiterführender Link

Richard Schneider

Das GDolmG muss weg