Jetzt im Kino: Isabelle Huppert als Polizei-Dolmetscherin mit „berauschenden Talenten“

Isabelle Huppert
Isabelle Huppert beim Abhören und Übersetzen aufgezeichneter Telefonate der Drogenhändler.

Am 08.10.2020 kommt ein Film in die Kinos, dessen Hauptfigur eine angestellte Polizeidolmetscherin ist – gespielt von dem französischen Weltstar Isabelle Huppert: Eine Frau mit berauschenden Talenten (im Original La Daronne, „Die Alte“).

Das Drehbuch basiert auf dem Roman La Daronne von Hannelore Cayre, die als Strafverteidigerin das Drogenmilieu aus erster Hand kennt. Auf Deutsch ist das Buch als Die Alte, übersetzt von Iris Konopik, im Hamburger Argument Verlag erschienen.

„DAS Komödien-Must-See des Jahres“?

Vom Filmverleih wird der Film als Komödie ankündigt:

Patience (Isabelle Huppert) ist selbstbewusst, unabhängig und vor allem schlagfertig. Nur bei ihren Finanzen ist Luft nach oben. Als Dolmetscherin im Drogendezernat übersetzt sie abgehörte Telefonate der Drogenszene und ist dafür massiv unterbezahlt.

Als das kostspielige Pflegeheim ihrer Mutter wegen unbezahlter Rechnungen droht, die alte Dame auszuquartieren, gerät Patience unter Handlungsdruck. Der Zufall will es, dass gerade eine Drogenlieferung auf dem Weg nach Paris ist. Patience entscheidet sich spontan gegen die Ehrlichkeit und sabotiert die Beschlagnahmung der Drogen. In Eigenregie fahndet sie nach dem hochwertigen Hasch – und wird fündig.

Patience macht sich sofort fröhlich ans Werk und zeigt sich von ihrer besten Seite: als begnadete Verkäuferin mischt sie den Pariser Drogenmarkt maximal auf. Mit offensichtlichem Vergnügen an ihrer neuen Rolle als gebieterische Madame Hasch lässt sie ihrer kriminellen Kreativität freien Lauf: Ob marokkanische Koffer, Bauchtaschen oder Keksverpackungen: Patience ist die neue Drogen-Autorität der Stadt und für die Polizei ein Phantom, das die Nerven ihrer ahnungslosen Kollegen sichtlich strapaziert.

Doch die Drogendiva muss sich sputen, denn ausgerechnet ihr Verehrer Philippe, Leiter des Drogendezernats, hat einen Verdacht, wer hinter dem Phantom wirklich steckt …

Fintenreich, französisch, fabelhaft: die großartige Isabelle Huppert beweist ihr riesiges Komödientalent und flunkert sich mit großer Schlagfertigkeit durch die Königsdisziplinen unter den Männerdomänen. Regisseur Jean-Paul Salomé gelingt mit Eine Frau mit berauschenden Talenten eine herrlich scharfsinnige und beschwingte Verwechslungskomödie auf höchstem Humor-Niveau. DAS Komödien-Must-See des Jahres!

Isabelle Huppert
Die Dolmetscherin Patience adoptiert einen ausrangierten Drogenspürhund, macht eine Riesenladung Haschisch ausfindig und vertickt den Stoff verkleidet als reiche Araberin an Pariser Drogendealer.

Keine Komödie, sondern ein Frauenfilm, ein Migrantenfilm, ein Film über die Midlife Crisis mit viel schwarzem Humor

Wir haben uns den Streifen in einer Vorabpremiere im französischen Original mit deutschen Untertiteln (Übersetzung von Babelfisch Translations, Berlin) angesehen und waren angenehm überrascht. Ja, man wird gut unterhaltenden, aber der Film passt nicht so recht in die Komödien-Schublade. Der Humor ist eher fein und subtil als schenkelklopfend und vor allem oft schwarz.

Die Handlung beginnt wie bei einem Thriller, geht dann in eine Komödie über und entwickelt sich allmählich zu einem Frauenporträt mit Gefühlsstärke. Der Film ist also vieles auf einmal:

  • Ein Frauenfilm bzw. ein Film über milieuübergreifende Frauensolidarität zwischen der Dolmetscherin Patience, der mysteriösen Vermieterin Madame Fo und der Altenpflegerin Khadija, ein Film über die Midlife Crisis, über die Schwierigkeit, als alleinerziehende Frau einen Partner zu finden.
  • Ein Film über Migrantenmilieus (hier das arabische und chinesische) und zwar sowohl das kriminelle als auch das gern gesehene, das die Jobs übernimmt, die die Ureinwohner nicht mehr ausführen wollen (hier in der Altenpflege). Gedreht wurde in den Pariser Stadtvierteln Belleville und Ménilmontant.
  • Ein Film über Frustrationen im Beruf der Polizeidolmetscherin. Patience wird als Dolmetscherin beleidigt und angespuckt. Ihr Gehalt reicht nicht aus, um das Pflegeheim für ihre zunehmend in die Demenz abgleitende Mutter zu bezahlen.
  • Ein Film über die sinnlos erscheinende Sisyphos-Arbeit der Polizei gegen den Drogenhandel. In Ansätzen klingt sogar das Thema Polizeigewalt an, jedenfalls sind einige Reaktionen der Beamten nicht vorschriftsgemäß.
  • Letztendlich thematisiert der Film auch das Schicksal der aus Nordafrika vertriebenen Franzosen (pieds-noirs) mit ihren Sehnsüchten in Bezug auf die verlorene arabische Heimat. Die Hauptfigur gehört zu dieser Bevölkerungsgruppe, daher spricht sie Arabisch – und ihre Mutter als Jüdin auch Jiddisch.

Diese Gemengelage wird aber nicht oberlehrerhaft problematisiert und mit politisch korrekten Schuldzuweisungen aufbereitet, sondern mit viel Sympathie für alle beteiligten Gruppen – auch die Drogenhändler – geschildert und mit einem gehörigen Schuss schwarzen Humors gewürzt.

Isabelle Huppert dazu:

Mir gefällt die Verbindung zwischen Patience, Madame Fo und der Pflegerin Khadija. Drei Frauen mit verschiedenen Hintergründen, die eine liebevolle Solidarität zusammenführt. Was in dem Film gut funktioniert, ist das Verwischen archetypischer Muster: Die Darstellung von Stärke aus einer zerbrechlichen Position heraus. Das ist es, was amüsant ist.

Isabelle Huppert
Allmählich wird es eng für die dealende Dolmetscherin: Die Cherkaoui-Brüder, rechtmäßige Besitzer der heißen Ware, sind ihr dicht auf den Fersen.

Isabelle Huppert zur Herausforderung, Arabisch zu lernen

Hauptdarstellerin Isabelle Huppert musste für ihre Rolle der in Nordafrika aufgewachsenen Französin etliche arabische Dialogzeilen auswendiglernen. Dazu Huppert:

Ja, die arabische Sprache zu verstehen und zu sprechen ist Teil der Hauptfigur und der Auslöser für die Erzählung. Es war sehr schwierig, aber die Herausforderung hat Spaß gemacht.

Im selben Jahr musste ich auch für den Film LUZ von Flora Lau ein wenig Chinesisch sprechen. Bei Sprachen, die dem Französischen ähneln, ist es einfach, aber im Chinesischen und Arabischen gibt es viele Laute, die wir nur schwer reproduzieren können. Die Laute machen nur einen Teil der Arbeit aus.

Ich habe schon ein paar Monate vor den Dreharbeiten damit begonnen, Arabisch aussprechen zu lernen. Zunächst habe ich nur die allgemeine Bedeutung eines Satzes verstanden.

Nach und nach gelang es mir, die Bedeutung von Worten oder Wortgruppen zu verstehen. Aber der Klang der Aussprache ist so wichtig, dass es in gewisser Weise egal war, ob man inhaltlich etwas versteht oder nicht. Ich konzentrierte mich darauf, die Klangnuancen so gut wie möglich zu reproduzieren.

Das Gesamtbild war entscheidend: Im Film spreche ich arabisch, verkleidet als arabische Frau. Manchmal als eine sehr reiche arabische Frau und manchmal als ärmere Frau.

Mir gefällt das Kostüm, das Patience im Lebensmittelmarkt trägt. Ich finde es sehr authentisch. Wenn ihre Kleidung glanzvoller wird, ist es eher eine Maskerade. Es hat eine Menge Spaß gemacht: Ich konnte die Sprache nicht vom Kostüm trennen.

Jean-Paul Salomé
Das Arbeitsumfeld der Polizeidolmetscherin wird realistisch dargestellt. Regisseur Jean-Paul Salomé traf sich dazu vorab mit echten Dolmetschern.

Regisseur Jean-Paul Salomé traf sich mit Gerichtsdolmetschern

Haben Sie sich mit Gerichtsdolmetschern getroffen?

Ja, mit zweien. Einer half uns bei der Übersetzung des Drehbuchs ins Arabische. Er kannte die Begriffe der Dealer.

Dann hatten wir eine Dolmetscherin, die aus dem Portugiesischen übersetzte. Sie ist spezialisiert auf Fälle mit der brasilianischen Gemeinschaft, z. B. gefälschte Ausweispapiere, Kokainhandel usw. Sie gab uns Einblicke in ihre Arbeit. Sie übersetzt auch häufig Abhörbänder von zu Hause. Manchmal bügelt sie dabei.

Beide hatten an Polizeieinsätzen, wie der Verhaftung zu Beginn des Films, teilgenommen.

Lange Zeit wurde diese Art der Arbeit übersehen: Juristische Dolmetscher wurden vom Justizministerium aus dem Budget für „Briefmarken und Umschläge“ bezahlt. Es gab keine Beiträge zur Altersvorsorge. Das hat sich erst vor kurzem geändert. Es erklärt, warum Patience sich Sorgen um ihre Zukunft macht.

Ich habe mich auch mit Polizisten der Drogenfahndung getroffen, um zu sehen, wie sie mit den Übersetzern zusammenarbeiten, wie die Verhöre ablaufen, das Warten und die langen Nächte der Abhörungen. Ich bat sie, die Szenen zu lesen, und sie gaben mir interessante Rückmeldungen.

Wie hat sich Isabelle Huppert auf die Dreharbeiten vorbereitet?

Da sie kein Arabisch spricht, musste sie ihre Texte phonetisch lernen. Das ist harte Arbeit, aber für sie kein Problem.

Wir begannen mit den Dreharbeiten im November 2018. Bereits im Sommer hatten wir aber alle ihre Zeilen auf verschiedene Weise aufgenommen, gesprochen von einem Mann, von einer Frau, in normaler Geschwindigkeit oder verlangsamt. Sie lernte sie Silbe für Silbe, Intonation für Intonation.

Ich habe mir ein bisschen Sorgenv gemacht, weil es schon ziemlich schwierig ist. Ihr Trainer, der mit uns bis zu den Dreharbeiten arbeitete, hat mich aber beruhigt. Isabelle war vorher bei den Dreharbeiten für Frankie in Portugal. Ich glaube, sie hat unseren Text zwischen den Aufnahmen gelernt, wann immer sie Zeit hatte.

Als es soweit war, konnte sie alles auswendig. Es war erstaunlich.

Im schlimmsten Fall hätten wir sie auch teilweise synchronisieren können. Aber das war nicht nötig. Die Marokkaner hörten sich ihre Texte an. Sie sagten, sie spricht gut, mit einem leichten französischen Akzent.

Kommissar
Philippe (gespielt von Hippolyte Girardot) ist Chef der Drogenfahndung, unterhält eine amouröse Beziehung zur alleinerziehenden Dolmetscherin und macht sich Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.

Kinotypische Spannung bis zum Schluss

Der Drehbuchautorin und dem Regisseur gelingt es, die Spannung bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Man fragt sich angesichts der immer riskanter und gefährlicher werdenden Geschichte ständig: Wie will die Dolmetscherin jemals wieder aus dieser Nummer herauskommen?

Der Film ist also zweifellos kinotauglich, wird aber sicher auch in den kommenden Jahren erfolgreich im Fernsehen laufen und vielfach wiederholt werden.

Zum Kinostart wird La Daronne in einzelnen Programmkinos auch in französischer Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Polizei- und Justizdolmetscher sollten sich den Film ansehen

Für Übersetzer und Dolmetscher mit eigenen Erfahrungen in der Arbeit für Polizei und Justiz lohnt sich der Kinobesuch in besonderem Maße. Die Tätigkeit der Telefon- bzw. Telekommunikationsüberwachung (TÜ, TKÜ) wird durchaus realistisch dargestellt, einschließlich der damit verbundenen Frustrationen:

Man hat tagein, tagaus nur mit Kriminellen zu tun, stumpft ab und entwickelt einen gewissen Zynismus. Nicht selten verbunden mit einem Hass auf die selten ins Netz gehenden Hintermänner, aber auch mit Sympathien für die unbeholfen aus der Not heraus agierenden „kleinen Fische“.

Richard Schneider
Bild- und Interview-Material: Neue Visionen Filmverleih

Babbel