„Die Bienen und das Unsichtbare“: Clemens J. Setz zum Thema Plansprachen

Die Bienen und das Unsichtbare
Bild: Suhrkamp

Ich habe das Buch im Herbst 2020 in den Buchhandlungen durchaus wahrgenommen, es stand nämlich wochenlang in den Regalen mit Neuerscheinungen und ist bereits in zweiter Auflage erschienen. Dennoch habe ich es nie in die Hand genommen, weil mich der Titel Die Bienen und das Unsichtbare annehmen ließ, es handle sich um ein Öko-Buch zum Thema Insektensterben.

Erst Monate später verrieten mir Rezensionen, dass der bekannte österreichische Autor Clemens J. Setz darin ein Sujet behandelt, das für Übersetzer und andere Sprachen-Nerds durchaus von Interesse ist: Plansprachen.

Die Bienen und das UnsichtbareDer Ausdruck Plansprache wurde in den 1930er Jahren von dem österreichischen Terminologen Eugen Wüster geprägt. Er dient als Oberbegriff für künstlich entwickelte menschliche Sprachen. Esperanto ist sicher die bekannteste, aber es gibt ungefähr siebzig weitere wie zum Beispiel auch Klingonisch.

Warum erfinden Menschen Kunstsprachen?

„Warum misstrauen Menschen ihrer eigenen, natürlichen Sprache und erfinden Kunstsprachen wie Volapük, Blissymbolics oder Esperanto? Dem Antrieb und der Besessenheit ihrer Erfinder geht Clemens J. Setz in seinem neuen Buch anekdotenreich nach“, heißt es auf dem Umschlag.

Setz teilt die Entwickler dieser Sprachen in „Päpste“ und „Programmierer“ ein, denn manche haben ihre Erfindung eifersüchtig bewacht und kontrolliert. Andere, wie der Esperanto-Initiator Ludwik Zamenhof, haben ihr Konzept wie ein Shareware-Programmierer nach dem Open-Source-Prinzip der Allgemeinheit übergeben.

Der Autor geht bei seiner Tour durch die Welt der Plansprachen „mit der erwarteten Unsystematik eines Poeten“ vor, wie der Tagesspiegel schreibt. Aber gerade das macht diese Entdeckungsreise spannend.

Das Werk lässt sich in kein herkömmliches Genre einordnen. Es ist weder Sachbuch noch Belletristik, sondern ein Sachbuch mit belletristischem Anspruch, das verschiedene Erzählformen miteinander vermischt. Am ehesten ähnelt es einem mit Anekdoten gespickten Essay.

Immer wieder fügt der Autor wie ein Blogger eigene Tagebucheinträge, Reisenotizen und Betrachtungen hinzu und illustriert sie mit mehr als 50 Fotos, Screenshots und Skizzen.

Von Bliss-Symbolen über Volapük zu Esperanto

Im Klappentext heißt es:

Und diese Geschichte handelt unter anderem von Charles Bliss und seiner Symbolsprache, von Kindern mit Behinderung, die sich mit Blissymbolics zum ersten Mal ausdrücken können. Davon, wie Clemens J. Setz einen Sommer lang Volapük lernt und selbst eine eigene Sprache entwickelt. Es geht um die vermutlich einzige Volapük-Muttersprachlerin, die je gelebt hat, und die Plansprache Talossa für die gleichnamige Mikronation, die ein Teenager 1979 in seinem Schlafzimmer ausrief. Um Klingonisch und High Valyrian, eine Sprache, die für die Fernsehserie „Game of Thrones“ geschaffen wurde. Und um Esperanto, die größte Erfolgsgeschichte in der Welt der Plansprachen, deren Sprecher unter Stalin und Hitler verfolgt wurden und durch die ein junger blinder Russe zum Dichter, Abenteurer und anarchistischen Weltgelehrten wurde.

Stets ist es die eigenartige Vermengung von tiefer existenzieller Krise und Sprachenerfindung, die Setz aufspürt und die ihn in ihren Bann schlägt – und so ist dieses Buch auch die persönliche Geschichte des Sprachkünstlers Clemens J. Setz.

Clemens J. Setz
Clemens J. Setz am 18. Mai 2021 in einer Online-Veranstaltung zu seinem Buch, organisiert von Simon Meier-Vieracker, Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden. – Bild: Screenshot

Rezensionssplitter

Am 13. November 1925 schrieb Rilke an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz: „Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.“ Clemens Setz gibt dem Satz, den er im Titel seines Buches zitiert, eine besondere Wendung: „Ist das nicht auch die beste Definition von Dichtern in erfundenen Sprachen? Sie bringen Ertrag und Nährstoffe von einer Quelle, die sonst kaum jemand sehen kann.“ […] Nun hat er Volapük, Klingonisch, Lojban, Blissymbolics, Esperanto und ihre näheren und ferneren Verwandten besucht, ganz oder teilweise erlernt. Er nimmt sie gegen ihre Verächter in Schutz, erzählt von ihren Gründerfiguren und native speakern, übersetzt ihre Literatur, vor allem die Gedichte, aber auch die Prosa, und nicht zuletzt erzählt er von sich selbst. (Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung vom 14.11.2020)

Wer will, kann Die Bienen und das Unsichtbare ein durch Autofiktion und „Anekdoten“, wie der Suhrkamp Verlag es im Klappentext nennt, angereichertes Sachbuch über Plansprachen wie etwa Esperanto oder Volapük und deren Erfinder nennen. Vor allem aber ist es – obwohl oder eben gerade weil es weder mit großer Geste noch raunend oder verquast daherkommt, sondern unaufgeregt, als würde Setz in vertrauter Runde darüber plaudern – ein ebenso großartiger wie im kurios Abseitigen stöbernder Essay über das existentielle Verhältnis von Mensch und Sprache, über den Wunsch nach Verstandenwerden und Verstehen als anthropologische Grundkonstante. (Wiebke Porombka in der Frankfurter Allgemeinen vom 3.2.2021.)

Und dann wäre da noch jener vermeintliche Gebärdendolmetscher, der bei der offiziellen Trauerfeier für Nelson Mandela die Reden der Staatsgäste stundenlang nur mit Nonsens-Gesten übersetzte: Sein Auftritt war für Setz ein „vollkommenes Kunstwerk“. (Michael Wolf im Tagesspiegel vom 02.01.2021)

Die Darstellung der unterschiedlichen Plansprachen regt auch zum Nachdenken über die Frage an, was eine Sprache ausmacht. Welchem Zweck dienen Plansprachen und Sprachen überhaupt? Was ist das Wesen und Wesentliche einer Sprache?

Setz arbeitet auch als Übersetzer aus dem Englischen

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik sowie Germanistik studiert hat und heute als freier Übersetzer und Schriftsteller lebt.

2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein Roman Indigo stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012 und wurde mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2013 ausgezeichnet. 2014 erschien sein erster Gedichtband Die Vogelstrausstrompete. Für seinen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre erhielt Setz den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2015.

Bibliografische Angaben

  • Clemens J. Setz (2020): Die Bienen und das Unsichtbare. Berlin: Suhrkamp. 416 Seiten, Buch 24,00 Euro, E-Book 20,99 Euro, ISBN 978-3-518-42965-5. Auf Amazon ansehen/bestellen.

Weiterführende Links

Esperantomuseum, Sammlung Plansprachen
Wer nach Wien kommt, sollte nicht versäumen, das kleine, feine Esperanto-Museum und die weltweit größte „Sammlung für Plansprachen“ zu besuchen, die sich in Räumen der österreichischen Nationalbibliothek befindet. – Bild: UEPO
Esperanto-Museum
Bild: UEPO

Richard Schneider

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