Uni Zürich: Mit jeder indigenen Sprache stirbt auch das Wissen über Heilpflanzen

Indigene Sprachen und Heilpflanzen
Die Apotheke der Natur: Beispielhafte Darstellung von Kenntnissen über Heilpflanzen und ihre Verbindung zu den auf dem Etikett angegebenen indigenen Sprachen. Sehr viele Heilpflanzen sind nur in einer einzigen Sprache bekannt. Stirbt die Sprache, verschwindet das Wissen. - Bild: Uni Zürich

Urvölker geben ihr Wissen über Heilpflanzen mündlich weiter. Sterben ihre indigenen Sprachen aus, gehen auch wertvolle medizinische Kenntnisse verloren. Eine Studie der Universität Zürich schätzt, dass weltweit 75 Prozent der Anwendungen jeweils in nur einer Sprache bekannt sind.

Sprache ermöglicht es indigenen Gesellschaften, fast jeden Flecken dieser Erde zu besiedeln. Indigene Gesellschaften beschreiben in ihrer jeweiligen Sprache die sie umgebende biologische Vielfalt. So werden auch Heilpflanzen benannt und als natürliche Apotheke nutzbar gemacht. Das Wissen, welche Pflanzen heilen und welche töten können, wird so von Generation zu Generation weitergegeben.

Die meisten der mehr als 7.000 Sprachen besitzen keine Schrift

Heute werden weltweit fast 7.400 verschiedene Sprachen gesprochen. Die meisten davon sind jedoch nicht schriftlich festgehalten und viele werden auch kaum mehr an die nächste Generation weitergegeben.

Dies führt gemäss Schätzungen von Linguisten dazu, dass 30 Prozent aller Sprachen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts verschwunden sein werden.

Indigene Kulturen, die ihr Wissen meist mündlich weitergeben, laufen somit Gefahr, dass ihre medizinischen Kenntnisse ebenfalls in Vergessenheit geraten könnten.

Indigene Sprachen und Heilpflanzen
Wie die Forscher zeigen konnten, ist das Wissen über die medizinische Wirkung pflanzlicher Inhaltsstoffe oft nur in einer einzigen Sprache vorhanden. Schon das Nachbarvolk kennt die Wirkung oft nicht. Das Histogramm stellt die Zahl der indigenen Sprachen dar, die eine Heilwirkung benennen. A Nordamerika, B Nordwest-Amazonien, C Neuguinea. Der rote Balken steht für den Anteil der Heilwirkungen, die in nur einer einzigen Sprache bekannt sind. – Bild: UZH

Sprachen vermitteln Wissen

In einer neuen Studie analysierten PhD Rodrigo Cámara-Leret und Jordi Bascompte, Professor für Ökologie an der Universität Zürich, wie indigene Heilpflanzen-Kenntnisse mit den jeweiligen Muttersprachen verknüpft sind.

Sie erforschten dazu die indigenen Sprachen Nordamerikas, aus dem nordwestlichen Amazonasgebiet und in Neuguinea. Untersucht wurden 3.597 Heilpflanzenarten und deren 12.495 Anwendungen in Verbindung mit 236 indigenen Sprachen. „Wir fanden heraus, dass über 75 Prozent der Verwendungszwecke von Arzneipflanzen jeweils nur in einem indigenen Volk – und daher nur in einer Sprache – bekannt sind“, erklärt Erstautor Cámara-Leret.

Das Forschungsteam wollte weiterhin herausfinden, wie viel von diesem einzigartigen Wissen verloren gehen könnte, sollten entweder die Sprache oder die Pflanzen aussterben. Sie nutzten dazu zum einen den Glottolog-Katalog der Weltsprachen und zum anderen die Rote Liste der International Union for Conservation of Nature (IUCN).

Indigene Sprachen und Heilpflanzen
Verteilung medizinischen Kenntnisse auf die Sprachen. Die Linien verdeutlichen die Entwicklungsgeschichte und die Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Sprachen in (A) Nordamerika (119 Sprachen), (B) Nordwest-Amazonien (37 Sprachen) und (C) Neuguinea (80 Sprachen). Die Abbildung zeigt, welche indigenen Völker in ihrer Sprache die jeweils meisten Kenntnisse über Heilwirkungen vermitteln. In Nordamerika sind dies die Sprachen (1) Cherokee, (2) Huron–Wyandot und (3) Navajo. In Nordwest-Amazonien die Sprachen (4) Ticuna, (5) Barasana-Eduria und (6) Cubeo. In Neuguinea die Sprachen (7) Biak, (8) Lower Grand Valley Dani und (9) Molima. (Grafik mit Rechtsklick vergrößern.) – Bild: UZH

Sprachen weit stärker gefährdet als die Heilpflanzen

Das Resultat: In Nordamerika und Amazonien werden über 86 Prozent des Wissens über Heilmittel jeweils nur in einer bedrohten indigenen Sprache vermittelt, in Neuguinea sind es 31 Prozent. Im Gegensatz dazu galten weniger als 5 Prozent der Heilpflanzenarten als unmittelbar bedroht.

Die vorliegende Studie belegt, dass jede indigene Sprache einzigartiges Wissen über medizinische Heilpflanzen besitzt und damit auch Wissen über die biologische Vielfalt von einer Generation auf die andere weitergibt.

Sterben Sprachen aus, geht auch das Wissen über die Wirkung von Heilpflanzen unwiederbringlich verloren, auch wenn die Pflanzen selbst nicht vom Aussterben bedroht sind.

Indigene Sprachen und Heilpflanzen
Verteilung des Wissens über Heilpflanzen auf die verschiedenen Pflanzenarten in (A) Nordamerika (2.475 Arten), (B) Nordwest-Amazonien (645 Arten) und (C) Neuguinea (477 Arten). Die Abbildung verdeutlicht, welche Pflanzenarten als Heilpflanzen in der jeweiligen Region am häufigsten bekannt sind. In Nordamerika sind dies 1 Liriodendron tulipifera, 2 Persea borbonia und 3 Pinus glabra. In Nord-Amazonien: 4 Tachigali paniculata, 5 Fittonia albivenis, 6 Tetrapterys styloptera. In Neuguinea: 7 Inocarpus fagifer, 8 Flagellaria indica, 9 Cordyline fruticosa. (Grafik vergrößern mit Rechtsklick.) – Bild: UZH

Internationale Dekade der indigenen Sprachen

Die Studie bestätigt, wie wichtig die von der UNO ausgerufene „Internationale Dekade der indigenen Sprachen“ ist. Die Vereinten Nationen möchten damit das weltweite Bewusstsein für die kritische Situation vieler indigener Sprachen schärfen.

„Wir stimmen mit der Vision der UN überein. Es sollten mehr Ressourcen für die Erhaltung, Wiederbelebung und Förderung bedrohter Sprachen mobilisiert werden“, fordert Bascompte. Entscheidend wären, so die Forscher, groß angelegte, partizipative Projekte, um gefährdetes medizinisches Wissen zu dokumentieren, bevor es zu spät ist.

Indigene Sprachen und Heilpflanzen
Ein Angehöriger der Yucuna blickt auf sein Stammesgebiet im Amazonas-Regenwald, wo viele Sprachen bis zum Ende des Jahrhunderts aussterben werden. – Bild: Rodrigo Cámara-Leret / UZH

Weiterführender Link

  • Rodrigo Cámara-Leret, Jordi Bascompte (2021): Language extinction triggers the loss of unique medicinal knowledge. Proceedings of the National Academy of Sciences, USA. June 8, 2021. DOI: 10.1073/pnas.2103683118.

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