International Translation Day von UNO beschlossen? Eine Abstimmung fand nie statt

UNO New York
Der weltweit bekannte Sitzungssaal der Vereinten Nationen in New York. - Bild: Patrick Gruban / CC BY-SA 2.0

Die nationalen Übersetzerverbände und deren internationaler Dachverband FIT weisen gerne darauf hin, dass 2017 die 71. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen „unanimously“ die Resolution A/RES/71/288 angenommen hat. Damit wurde die Rolle der professionellen Übersetzung für Völkerverständigung, Frieden und gegenseitiges Verständnis anerkannt und der International Translation Day etabliert. Formaljuristisch ist das korrekt.

Die in den Köpfen der Leser hervorgerufenen Bilder von einem voll besetzten Sitzungssaal in New York, der zugunsten der Übersetzer und Dolmetscher mit überwältigender Mehrheit für die offizielle Festschreibung des Hieronymustags gestimmt hat, könnten jedoch falscher nicht sein.

Nur 27 von 193 Staaten waren dafür

Das im Protokoll vermerkte „unanimously“ ist in diesem Fall nicht als „einstimmig“, sondern lediglich als „einmütig“ zu verstehen. Denn am 24. Mai 2017 haben lediglich 27 der 193 Mitgliedsstaaten der UNO die genannte Resolution unterstützt. Weil aber niemand dagegen war, gilt sie als angenommen.

Kein einziger Staat der Europäischen Union oder Nordamerikas befürwortete den vorgeschlagenen Übersetzertag. Das Thema stieß nicht nur im Westen, sondern praktisch weltweit auf vollkommenes Desinteresse. Geschätzte drei Viertel der UNO-Mitglieder hatten nicht einmal einen Vertreter in den Sitzungssaal entsandt.

Eine Abstimmung fand nie statt

Entgegen dem Eindruck, den UNO-Resolutionen gemeinhin vermitteln, fand zu keinem Zeitpunkt eine Abstimmung statt. Im Protokoll ist ausdrücklich vermerkt: „Adopted without vote“.

Mit sehr viel Wohlwollen kann man das Meinungsbild am Stichtag als ein Votum mit 27 Ja-Stimmen und 166 Enthaltungen betrachten.

Spezielles Demokratieverständnis der Vereinten Nationen

Seit Mitte der 1970er Jahre kommen nach dem Demokratieverständnis der Vereinten Nationen die meisten UN-Resolutionen nach dieser so genannten „Konsensregel“ ohne Abstimmung zustande. Vereinfacht ausgedrückt gilt ein Antrag als einmütig angenommen, wenn niemand dagegen ist. Die Zahl der Befürworter und deren prozentuales Verhältnis zur Gesamtzahl der 193 Mitgliedsstaaten spielen keine Rolle.

Von FIT geschickt eingefädelt – Kooperation mit Schurkenstaaten

Auf diese Weise konnte eine kleine Unterstützergruppe von 27 Ländern die Resolution durch die Vollversammlung bringen und den International Translation Day auf höchster politischer Ebene etablieren.

An der Initiative waren folgende Staaten beteiligt: Aserbaidschan, Argentinien, Bahrain, Bangladesch, Belarus, China, Costa Rica, Ekuador, Irak, Iran, Israel, Kasachstan, Katar, Kirgisistan, Kuba, Libanon, Namibia, Nicaragua, Paraguay, Peru, Russland, Tadschikistan, Türkei, Turkmenistan, Usbekistan, Vietnam und die Zentralafrikanische Republik.

Die Federführung lag in enger Abstimmung mit der FIT bei Belarus (Weißrussland), das tatkräftig von Aserbaidschan unterstützt wurde.

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