Bilanz Frankfurter Buchmesse 2021: Wiedersehensfreude und Aufbruchstimmung

Frankfurter Buchmesse, Messegelände
Die Frankfurter Buchmesse war 2021 sehr viel kleiner als sonst, kann aber als gelungener Neustart bezeichnet werden. - Bild: Webcam Messegesellschaft

Zwar war die Frankfurter Buchmesse 2021 noch nicht wieder die Buchmesse, die wir kennen und lieben, aber sie hat für die Kulturbranche ein wichtiges Zeichen des Aufbruchs gesetzt. Hinsichtlich der Fläche, der Aussteller- und der Besucherzahlen war sie auf ein Drittel ihrer normalen Größe geschrumpft. Die Bilanz in Zahlen:

  • 36.000 Fachbesucher aus 105 Ländern
  • 37.500 Privatbesucher aus 85 Ländern
  • 2013 Aussteller aus 80 Ländern präsentierten sich in den Hallen oder als digitale Aussteller im Netz.
  • 2.500 Medienvertreter aus 39 Ländern waren akkreditiert

Das Hygienekonzept mit breiteren Gängen, größeren Ständen, Maskenpflicht, 3G-Zugangsregelung und Besucherobergrenzen hat funktioniert. Die Branche konnte sich unter dem Motto „Re:connect“ wieder sicher begegnen.

Zwar bildeten sich morgens lange Schlangen am Einlass, in den Hallen selbst war es aber zumindest an den Fachbesuchertagen eher gespenstisch leer. Das dämpfte die sonst übliche Buchmessen-Stimmung, trug aber dazu bei, dass sich die Besucher vor einer gesundheitlichen Gefährdung sicher fühlten.

Karin Schmidt-Friderichs, Juergen Boos
Karin Schmidt-Friderichs und Juergen Boos bei der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse 2021. – Bild: Marc Jacquemin / FBM

Messedirektor: „Erwartungen weit übertroffen“

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, zeigt sich zufrieden:

Die 73. Frankfurter Buchmesse markiert nach 18 Monaten einen Neubeginn und hat angesichts der weltweit geltenden Reisebeschränkungen unsere Erwartungen weit übertroffen. Dies zeigt, wie resilient und kreativ unsere Branche ist. Viele Aussteller und Fachbesucher äußerten sich zufrieden über die Qualität der Gespräche. Man konnte die Wiedersehensfreude in den Hallen förmlich spüren. Mit unserem digitalen Fachprogramm haben wir eine Brücke zu Teilnehmern geschlagen, die in diesem Jahr nicht reisen konnten.

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ergänzt:

Die Frankfurter Buchmesse war geprägt von Wiedersehensfreude und Aufbruchsstimmung. Die Branche geht gestärkt aus der Pandemie hervor und hat die Messetage für die persönliche Begegnung, den Austausch über wichtige Branchenthemen und den Ausbau von Geschäftskontakten genutzt. Unterstützt durch ein breites digitales Angebot hat das Buch so eine weithin sichtbare Bühne bekommen.

In aufgewühlten Zeiten standen auch wichtige gesellschaftliche Themen auf der Agenda. Dabei hat sich auch gezeigt, dass es gesellschaftliche Debatten gibt, die wir intensiv weiterführen müssen und werden – so etwa die zur Bekämpfung von Rassismus oder die zum Umgang mit extremen politischen Positionen in unserer Gesellschaft und auf Buchmessen.

Frankfurter Buchmesse, Ralf König
Wie immer standen Buchvorstellungen auf dem Programm. So präsentierte Ralf König seine Lucky-Luke-Hommage „Zarter Schmelz“. – Bild: Marc Jacquemin
Frankfurter Buchmesse, Sahra Wagenknecht
Auch gesellschaftspolitische Diskussionen kamen nicht zu kurz, wie hier mit der Linken-Politikerin und Autorin Sahra Wagenknecht. – Bild: Marc Jacquemin

Auch die digitalen Angebote wurden angenommen

Vom 19. bis 24. Oktober nutzten 130.000 Interessierte die Angebote auf buchmesse.de. Der Livestream zum digitalen Fachprogramm Frankfurt Studio: Inside Publishing (27 Veranstaltungen) wurde allein auf der Website der Frankfurter Buchmesse über 15.500 Mal in 97 Ländern eingeschaltet. Das deutschsprachige Live-Programm für das Privatpublikum im Frankfurt Studio Festival in Kooperation mit dem Buchjournal (34 Veranstaltungen) wurde bis zum Sonntagmittag bereits über 5.200-mal eingeschaltet. Die ARD-Buchmessenbühne zeigte 46 Stunden Programm im Livestream und das Frankfurt Studio sendete 44,5 Stunden.

Das physische BOOKFEST-city-Programm kommt auf insgesamt 85,5 Stunden. Zusätzlich konnte ein Großteil des Live-Programms beider Livestreams auch über Facebook und YouTube verfolgt werden. Die Inhalte werden im November auf buchmesse.de in einer Mediathek zur Verfügung stehen.

Alle Gespräche, die an den Messetagen auf der ARD-Buchmessenbühne stattgefunden haben, sind in der ARD-Mediathek auch im Nachhinein verfügbar. Alle detektor.fm-Gespräche sind ebenfalls weiterhin als Podcast abrufbar und auch auf dem YouTube-Kanal der Frankfurter Buchmesse finden sich zahlreiche Inhalte der Messewoche für die Rückschau.

Frankfurter Buchmesse
Immer zwei Stühle Abstand: Das Hygienekonzept sorgte dafür, dass man sich nicht zu nahe kam. – Bild: Marc Jacquemin / FBM

Boykottaufruf sorgte für Diskussionen

Der Boykottaufruf einer Autorin wegen der Präsenz eines Verlages der „Neuen Rechten“, hat die Netz-Community aufgebracht die Öffentlichkeit gespalten: Wo kann ein Veranstalter wie die Frankfurter Buchmesse die Grenze ziehen, welche Verlage zugelassen werden? Wo endet die Meinungsfreiheit, wo beginnt Zensur?

Die meisten Aktivisten, die in Sachen Antifaschismus und Antirassismus unterwegs sind, haben sich entschieden, ihre geplanten Auftritte trotz des Boykottaufrufs wahrzunehmen und die Messe für sich und ihre Positionen zu nutzen. Zum Thema „Boykott oder Ausschluss? Wie umgehen mit rechten Verlagen auf Buchmessen“ fand am Messesonntag ein Panel mit der Grünen-Politikerin Mirrianne Mahn, Referentin für Diversitätsentwicklung der Stadt Frankfurt, sowie dem Schriftsteller Per Leo statt.

Boos: Freiheit des Wortes nicht verhandelbar

Juergen Boos bedauert, dass einzelne Autoren ihren Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse abgesagt haben:

Wir haben mit unseren Partnern ein umfangreiches diverses Programm zusammengestellt, um viele Perspektiven aufzuzeigen. Die Stimmen dieser Autoren haben gefehlt. Mit ihrer Anwesenheit hätten sie ein Zeichen gesetzt, so wie das in der Vergangenheit zum Beispiel Salman Rushdie oder Chimamanda Ngozi Adichie getan haben und in diesem Jahr unsere diesjährige Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga oder deren Laudatorin Auma Obama, und viele andere.

Er führt weiter aus:

Internationale Buchmessen leben von der Vielfalt der Meinungen und Inhalte sowie vom Austausch auf Augenhöhe. Inzwischen gibt es regelmäßig die Forderung nach Zensur und Ausschluss bestimmter Inhalte und Unternehmen – so auch in diesem Jahr.

Für die Buchmesse gelten seit jeher zwei Grundsätze: Die Meinungsfreiheit darf nicht über die vom Staat gezogenen Grenzen hinaus eingeschränkt werden – das heißt für die Zulassung von Ausstellern in dubio pro libertate, und die Sicherheit des Ablaufs muss jederzeit maximal gewährleistet werden, so dass jede und jeder Einzelne sich frei und sicher fühlen kann, die Messe zu besuchen.

Als Veranstalter der größten internationalen Buchmesse verwahren wir uns mit aller Schärfe gegen die Instrumentalisierung unserer Veranstaltungen. Die Freiheit des Wortes ist für uns nicht verhandelbar.

Frankfurter Buchmesse, Ehrengast-Pavillon Kanada
Der Pavillon des Ehrengastes Kanada. – Bild: Marc Jacquemin / FBM

Ehrengast Kanada präsentierte seine einzigartige Vielfalt

Unter der Motto „Singular Plurality – Singulier Pluriel“ präsentierte Ehrengast Kanada nach der Präsenz auf der rein digitalen Buchmesse im Vorjahr, nun erneut seine einzigartige Vielfalt. Steven Guilbeault, Minister für kanadisches Kulturerbe, resümiert:

Wir sind stolz darauf, dass wir die Gelegenheit hatten, unsere Literatur, Kunst und Kultur mit unseren deutschen Freunden und dem Rest der Welt zu teilen. Kanada ist ein Land mit vielen verschiedenen Stimmen, und wir sind uns sicher, dass unser Ehrengastauftritt diese Singular Plurality unseres Landes in den Fokus gerückt hat – die einzigartige Vielfalt, in der wir unsere Unterschiede annehmen und feiern.

Mit dem Abschluss unserer zwei Ehrengastjahre beenden wir nun dieses unerwartet lange Kapitel der Frankfurter Buchmesse, und können es kaum erwarten zu sehen, was Spanien im nächsten Jahr für uns bereithält.“

Der Kanadische Pavillon wurde von der kanadischen Generalgouverneurin Mary May Simon eröffnet. Die Besucher erwartete ein Parcours durch eine Installation, die mit den Elementen kanadischer Landschaft spielte. Der Pavillon, zu dem es in diesem Jahr erstmalig auch ein virtuelles Pendant gab, führte die Kreativität und Vielfalt der kanadischen Literatur- und Kulturszene vor Augen.

Insgesamt 60 kanadischen Autoren und Illustratoren gestalteten das kanadische Literaturprogramm. Die Ausstellung „Books on Canada“ im Ehrengast-Pavillon zeigte knapp 400 ins deutsche übersetzte Neuerscheinungen zu Kanada aus 165 Verlagen.

Frankfurter Buchmesse, Übergabe Gastrolle
Kanada übergibt an Spanien: Caroline Fortin (links) reichte die Gastrolle an ihre Nachfolgerin María José Gálvez weiter. – Bild: Marc Jacquemin / FBM

Im nächsten Jahr ist Spanien Ehrengast

In einer feierlichen Zeremonie mit Buchmessedirektor Juergen Boos übergab Caroline Fortin, Vorsitzende des Ehrengastkomitees CanadaFBM2020/21, die „GastRolle“ an María José Gálvez, Generaldirektorin für Bücher und Leseförderung im spanischen Kulturministerium.

Frankfurter Buchmesse, GastRolle
So sieht die „GastRolle“ aus der Nähe betrachtet aus. – Bild: Marc Jacquemin
Frankfurter Buchmesse
Nein, „geil“ war die FBM21 wegen der Corona-Einschränkungen nicht – aber ein notwendiger und gelungener Neustart sowie ein Zeichen der Hoffnung. – Bild: Niklas Görke / FBM

rs

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