Linkon 7: Linguistischer Studierendenkongress in Münster

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Der Linguistische Studierenden-Kongress Linkon ist eine von Studierenden des Masterstudiengangs Angewandte Sprachwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) ins Leben gerufene und organisierte linguistische Tagung.

Bei der 7. Ausgabe bieten am 12. Januar 2022 sechs studentische Kurzreferate Einblicke in aktuelle Studienprojekte. Den Abschlussvortrag hält am Abend Prof. Dr. Christian Efing von der RWTH Aachen.

Ziel der Tagung ist es, den Austausch und die fachliche Diskussion zwischen verschiedenen Studiengängen und zwischen Studenten und Fachwissenschaftlern zu fördern.

Abstracts der Vorträge

(1) Annika Hundt: Spannung in literarischen Texten – Eine sprachwissenschaftliche Betrachtung am Beispiel des Horror-Genres

In der Linguistik ist die Spannung ein bisher kaum untersuchtes Phänomen. Spannung lässt sich als das angenehme Gefühl der Erwartung in Leser*innen definieren, das durch angedeutete, aber noch nicht gegebene Informationen entsteht. Die Spannung herrscht zwischen dem propositionellen Gehalt der Äußerung und der implizierten und intendierten Bedeutung.

Spannungsschaffende Elemente können auf allen Ebenen der Sprache untersucht werden. Auf der textlinguistischen Ebene, wo es um Zurückhaltung und Verteilung von Informationen geht, können beziehungslose Fürwörter, Metaphern oder auch unbestimmte Artikel zur Spannung des Textes beitragen. Er war ein Vergessener, den ein Geheimnis umgab. Wer ist er? Welches Geheimnis?

Auf der pragmatischen Ebene gelten Implikaturen durch die Verletzung Grice’scher Maximen (1975) als eins der effektivsten Mittel, um Spannung zu erzeugen. Denn erst durch das Vorhandensein von Maximen, die verletzt werden können, kann Spannung entstehen. Die Aussage Er öffnete die Tür kann spannender ausgedrückt werden, indem die Maxime der Modalität verletzt wird. Er ging zur Tür, drückte den Griff im Uhrzeigersinn so weit hinunter, wie es ging, und zog die Tür dann vorsichtig zu sich heran.

Zwei Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe und H.P. Lovecraft sollen als Vertreter des Horror-Genres auf spannungsschaffende Elemente hin untersucht werden.

(2) Annika Hohn: Shirin David & Co: Genderspezifische Begriffe im Deutschrap – Eine diachrone Betrachtung

Der Ursprung der Hip-Hop-Musik liegt in afroamerikanischen Kulturen und erreichte in den 70er Jahren in New York ihren Durchbruch (vgl. Androutsopoulos 2003). Seit jeher ist das Hip-Hop-Genre und der damit verbundene Rap für die Produzent*innen und Rezipient*innen weit mehr als nur ein Musikstil. Viele Rapper*innen verstehen sich als „Reporter*innen“ mit der Verantwortung „über die Realität“ zu berichten (vgl. Androutsopoulos 2003). Somit ist Rap für viele eine Möglichkeit zur Identifikation mit einem bestimmten Lebensstil bzw. einer bestimmten Kultur, die wiederum im jeweiligen Kollektiv mit anderen geteilt werden kann. Ein großes Ziel dieses Musikstils ist daher die Authentizität und die Nähe zu Rezipient*innen (vgl. Androutsopoulos 2003), was die thematische Beschäftigung mit soziokulturellen Geschlechterrollen erwartbar macht. Aus diesem Grund gibt es bereits diverse Untersuchungen zum Gender-Aspekt in der Rapmusik (vgl. Hüpper/ Bukop 2012). Auch in Deutschland erfreut sich Rap seit Jahrzehnten einer großen Beliebtheit und wird unter anderem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen rezipiert, was sprachlich den Musikstil wiederum wechselseitig beeinflusst (vgl. Androutsopoulos 2003).

Ziel meiner Forschungsarbeit ist, die Geschlechterrollen „Mann“ und „Frau“ im Deutschrap zu untersuchen, indem lediglich genderspezifische Lexeme in Songtexten von Lady Bitch Ray, Kool Savas, Shirin David und Ali Bumaye betrachtet werden. Es werden ausgewählte Lexeme in den einzelnen Songtexten untersucht, die jeweils nur auf ein Geschlecht angewandt werden können. Diese werden innerhalb der spezifischen Kontexte analysiert und anschließend werden die Ergebnisse diachron miteinander verglichen, um eine eventuelle Entwicklung in der Verwendung dieser genderspezifischen Lexeme im Deutschrap darzulegen.

(3) Dominic Hendricks: ALso:- °h man LERNT damit auch zu lEben, – Zum Gebrauch von man in onkologischen Aufklärungsgesprächen

Das Indefinitpronomen man nimmt in vielfacher Hinsicht eine Sonderstellung unter den Pronomina ein. Aus der Sicht der Interaktionalen Linguistik (vgl. Couper-Kuhlen/Selting 2000) ist dabei insbesondere das Referenzierungspotenzial von man von Interesse: Während die generische Referenz auf eine abstrakte Gruppe die prototypische Interpretation darstellt (vgl. Zifonun 2000), geben erste Untersuchungen authentischer Interaktionen Hinweise auf abweichende, spezifische(re) Gebrauchsweisen (vgl. Bührig/Meyer 2013; Eggs 2017; Imo/Ziegler 2019). Das Referenzierungspotenzial scheint sich auf einem Kontinuum von maximaler Generizität (‚alle Menschen‘) bis zu maximaler Spezifizität (‚eine bestimmte Person‘) zu erstrecken.
Im Rahmen des Projekts soll dort angesetzt werden: Ziel ist die adäquate Systematisierung der Gebrauchsweisen von man in onkologischen Aufklärungsgesprächen. Dazu wird mit den Methoden der Interaktionalen Linguistik folgenden beiden Leitfragen nachgegangen: (1) Wie gehen Ärzt*innen und Patient*innen mit der referenziellen Ambiguität von man in der Interaktion um? Muss die Referenzdomäne stets spezifiziert werden? Und falls ja, welche Ressourcen werden dazu genutzt? (2) Welche interaktionalen Funktionen übernehmen verschiedene Verwendungsweisen von man in der kommunikativen
Gattung onkologischer Aufklärungsgespräche (vgl. Günthner 2017)? Das Funktionsspektrum wird dabei insbesondere vor dem Konzept der Agency reflektiert (vgl. Ahearn 2000; Duranti 2004).

Die gattungsbezogene Vorgehensweise ist insofern gewinnbringend, als dass sie einerseits der hohen Kontextsensitivität von Pronomina gerecht wird (vgl. Whitehead/Lerner 2020) und andererseits erlaubt, den man-Gebrauch in dem hochsensiblen, institutionellen Setting der medizinischen Kommunikation möglichst detailliert zu systematisieren. Die Studie verbindet somit das Forschungsfeld der Interaktionalen Linguistik mit der medizinischen Kommunikation und leistet an dieser Schnittstelle einen Beitrag zum Verständnis von Pronomina.

(4) Sissy Christin Paschereit: Visuelle Koorientierung über den Spiegel – Eine interaktionale Untersuchung zur Rolle des Spiegels in der Front-to-Back-Interaktion im Friseursalon

Der Vortrag steht im Kontext einer entstehenden Masterarbeit, die in mehreren multimodal-interaktionalen Einzelfallanalysen von audiovisuellen Szenen eine vermeintlich triviale Alltagssituation zwischen zwei sozialen Akteur*innen betrachtet: die Interaktion von Friseur*innen und Kund*innen im Friseursalon. Um das Haar als Zielobjekt der erwünschten Dienstleistung bearbeiten zu können, positionieren sich die Friseur*innen hierbei u.a. hinter ihren Kund*innen, die ihnen in dieser Formation ihren Hinterkopf zuwenden. Das je andere Gesicht ist somit sowohl den Klient*innen als auch den Dienstleistenden verborgen. Was trivial erscheint, sorgt für gravierende interaktionale Komplikationen. Trotzdem belegt die Alltagserfahrung, dass die Interaktion im Friseursalon meist reibungslos funktioniert – ohne dass eine Veränderung der Kopf- oder Körperausrichtung (body torque; vgl. Schegloff 1998) durch die Kund*innen die Dienstleistung durch Abwenden des Haares verhindern würde. Das unproblematische Problem (vgl. Schütz/Luckmann 2017) einer solchen perspektivischen Begrenztheit wird mit der Etablierung eines Spiegels vis-à-vis überwunden. Warum die beschriebene Situation keineswegs trivial ist und die Lösung des unproblematischen Problems ebenso interaktional genial ist, wie sie einfach scheint, soll der Vortrag anhand einer Beispielanalyse darlegen.

(5) Feixue Zhao: Der Ausdruck von Platzierungsereignissen in der Zweitsprache – Deutsch und Chinesisch im Vergleich

Dass sprachspezifische Unterschiede bei der Beschreibung von Platzierungsereignissen existieren, ist keine neue Erkenntnis in der Sprachvergleichsforschung. Je nach Sprache, Sprachfamilie und Sprachtyp können die verwendeten Platzierungsverben sehr spezifisch oder eher allgemein sein (vgl. Lewandowski/Özçalışkan 2021). Dies gilt beispielsweise für das Deutsche im Vergleich zum Chinesischen und Englischen: So wird im Deutschen zwischen einer horizontalen (legen) und einer vertikalen Platzierung (stellen) unterschieden, während im Chinesischen und Englischen normalerweise ein generisches Platzierungsverb verwendet wird (fang im Chinesischen und put im Englischen) (vgl. Liu/Chang 2018). Bisher wenig untersucht wurden jedoch Platzierungsausdrücke bei L2- Lerner*innen sowie mögliche L1-Interferenzen bei der Beschreibung von Platzierungsereignissen. Der Vortrag präsentiert Überlegungen zur Untersuchung von Platzierungsverben bei deutschen und chinesischen Muttersprachler*innen, die jeweils das Chinesische und das Deutsche als L2 beherrschen. In Anlehnung an die bestehende Forschung ist davon auszugehen, dass es für Lerner*innen, deren L1 ein allgemeineres System an Platzierungsverben bietet (z. B. Chinesisch), weitaus schwieriger ist, eine L2 mit einem spezifischeren System zu erlernen (z. B. Deutsch) (vgl. Lewandowski/Özçalışkan 2021) als im entgegengesetzten Fall. Häufig kommt es in der L2-Sprachproduktion zur Übergeneralisierung eines bestimmten Verbs, welches in der Zielsprache nur einen spezifischen Teil des Bedeutungsspektrums abdeckt. Mithilfe eines Elizitationsexperiments sollen Daten von deutschen Chinesischlerner*innen sowie chinesischen Deutschlerner*innen gesammelt werden, um einen Vergleich zwischen den beiden Sprachen als L1 und L2 ziehen zu können. Besonders relevant ist diese Studie für die Sprachlehr- und Lernforschung, da die Ergebnisse einen Ansatzpunkt bieten, um gezielt Fremdsprachen-Lehrpläne zu optimieren.

(6) Marie-Sophie Beaumont: Königsweg, Holzweg oder Umweg? Verschiedene Vermittlungsansätze der deutschen (S)OV-Wortstellung im DaZ-Unterricht

Die Auswahl und Reihenfolge der im DaZ-Unterricht behandelten Themen beeinflussen erwiesenermaßen die Motivation von Lernenden und können den Lernerfolg beeinträchtigen. Deshalb ist es von Bedeutung, die Einführungsreihenfolge entscheidender grammatischer Phänomene im DaZ-Unterricht gezielt zu untersuchen, mit dem Ziel eine Optimierung des Lernprozesses anzustreben. Eine besondere Rolle spielt hier die Wortstellung im Deutschen, da das Deutsche als Verbzweitsprache mit Satzklammer und SOV-Ausgangsstruktur über eine unübliche syntaktische Struktur verfügt, die Deutschlernenden beim Erwerb der Sprache Schwierigkeiten bereiten kann. Nach Haberzettl (2005, 2006) und Winkler (2011) ist davon auszugehen, dass die frühe und anfänglich ausschließliche Präsentation von SVO-Satzgliedfolgen im DaZ-Unterricht den muttersprachlichen Strukturtransfer negativ unterstützt. Traditionell wird davon abgesehen, die satzfinale Basisposition lexikalischer Verben im DaZ-Unterricht zu thematisieren und zumindest zu Beginn werden Satzkonstruktionen mit mehr als einem Verb vermieden. Nach Haberzettl (2005, 2006) führt dies die Lernenden auf den „Holzweg“, da auf diese Weise ein falsches Bild von der deutschen Wortstellung entsteht und fossilisiert wird. Alternativ wird geraten, (S)OV-Strukturen von Beginn an im DaF- bzw. DaZ-Unterricht bereitzustellen, um u.a. den Erwerb der Position nicht-finiter Verben und Verbteile zu begünstigen und die Lernenden auf den „Königsweg“ zu führen. Anlehnend an eine Interventionsstudie von Winkler (2011) soll diesem Ansatz der Zweiterwerbsforschung durch eine qualitative Untersuchung mit erwachsenen Lernenden verschiedener Muttersprachen nachgegangen werden.

(7) Ines Pons Andurell: True fruits oder true sexism? Eine Untersuchung der Werbesprache des Unternehmens True fruits

Werbung begegnet uns im Alltag überall. Auf Plakaten in der Öffentlichkeit, auf Social Media oder im Fernsehen, überall werden Produkte oder Dienstleistungen angeworben. Durch diesen Überfluss an Werbereizen wird es für Unternehmen umso wichtiger, mit ihrer Werbung aus der Masse hervorzustechen und sich somit von der Konkurrenz abzuheben und aufzufallen (vgl. Janich 2013). Dem deutschen Smoothie-Hersteller True fruits ist dies mit seiner Werbung zweifellos gelungen. Jedoch fällt das Unternehmen nicht nur positiv auf, sondern stößt vermehrt bei Rezipient*innen auf Kritik. Während einige die Werbesprache des Unternehmens als unproblematisch einordnen, äußern andere den Vorwurf, es handle sich bei einigen Elementen der verwendeten Werbesprache (Beispiel: Abgefüllt & mitgenommen) um Sexismus.

Um diesen Vorwurf näher betrachten zu können, soll zunächst ein Überblick zum Sexismus-Diskurs gegeben werden. Ausgewählte sprachliche Elemente der True fruits-Werbung werden in diesem Hinblick näher untersucht und eingeordnet. Diese ausgewählten Beispiele sollen in einen theoretischen Rahmen der Werbekommunikation eingebettet werden. Es soll geklärt werden, als welche Werbestrategien des Unternehmens diese sprachlichen Elemente fungieren und wie dies sprachlich umgesetzt wird.

(8) Kim-Khang Tran: Vom Gehen und Schlafen: Todesmetaphern im Deutschen und Chinesischen

Nicht immer nutzen wir die Wörter Tod und sterben, wenn wir über das Thema Tod sprechen. Häufig werden euphemistische Ausdrucksweisen wie von uns gegangen oder einschlafen verwendet. Ähnliche Todesmetaphern gibt es beispielsweise im Chinesischen, darunter 走 (zǒu ‚gehen‘) und 合眼 (héyǎn ‚die Augen schließen‘).

Nach der konzeptuellen Metapherntheorie von Lakoff/Johnson (1980) handelt es sich bei der Metapher nicht um ein rhetorisches Stilmittel, sondern vielmehr um ein kognitives Phänomen. Demnach sprechen wir nicht nur oft metaphorisch, sondern denken auch metaphorisch, indem wir ein Konzept durch ein anderes verstehen, beispielsweise das Konzept TOD durch SCHLAF.

Hinzu kommt die Frage nach der Tabuisierung des Todes. Ein Vergleich der Todesmetaphern der deutschen und der chinesischen Sprache soll zu einem besseren Verständnis der kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede beitragen. Zunächst werden Daten aus vergleichbaren Internetforen im Hinblick auf die verwendeten sprachlichen Ausdrücke untersucht. In einem weiteren Schritt soll eine Online-Fragebogenstudie auf Deutsch sowie auf Chinesisch durchgeführt werden, um aktuelle Tendenzen zu ermitteln.

(9) Lisa Felden: „Manschmal sach isch Kachte“ – Phonetisch-phonologische Regionalismen im Sprachgebrauch von Schüler*innen verschiedenen Alters in der Voreifel

Die Voreifel gilt als noch recht dialektstarke Gegend, der Dialektabbau ist hier im Vergleich zu anderen Regionen des Rheinlands am wenigsten weit fortgeschritten (vgl. Cornelissen 2005). Zwar geht auch dort die Zahl der Dialektsprechenden immer weiter zurück, jedoch verfügen viele über passive Dialektkenntnisse, die wiederum Einfluss auf die Regionalsprache ausüben (vgl. Cornelissen/Stiehl 2002).

Bisher wurden zur Untersuchung regionalsprachlicher Merkmale meist NORMs (Non-mobile Old Rural Male Speakers) befragt (vgl. Macha 1991). Im Gegensatz dazu konzentriert sich dieses Forschungsvorhaben auf Schüler*innen. Auch sie sind in der Regel am Erhebungsort aufgewachsen (und damit non-mobile), wodurch überregionale sprachliche Einflüsse als weniger starke Einflussfaktoren gewertet werden können. In der Schule werden Schüler*innen jedoch mit einem normorientierten Standard konfrontiert, die Kernlehrpläne weisen ‚die Standardsprache‘ als einzig akzeptable Unterrichtssprache aus (vgl. KLP NRW 2013). So ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen der überregional ausgerichteten Standardsprache und der regionaltypischen Sprechweise (vgl. Lameli 2011).

Dieses Spannungsverhältnis soll exemplarisch in einer altersdifferenzierten Untersuchung der Verwendung phonetisch-phonologischer Regionalismen ergründet werden. Ziel dieses Forschungsprojektes ist es, regionale Varianten im Sprachgebrauch von Schüler*innen herauszustellen und hinsichtlich ihrer Frequenz zu untersuchen. Durch zwei unterschiedliche Erhebungsformate (Bildergeschichte vs. Vorlesetext) kann überprüft werden, ob die Verwendung von Regionalsprache kontextabhängig ist. Zusätzlich werden leitfadengestützte sprachbiographische Interviews durchgeführt, mithilfe derer die Daten kontextualisiert werden können. Im Vortrag sollen neben dem Untersuchungsaufbau erste Ergebnisse des Prä-Tests vorgestellt werden.

(10) Sophia Pier: „Ick weeß jenau wat ich machen muss“ – Verwendung von Regionalsprache in den neuen Medien

Unser Alltag ist heutzutage so stark durch Medien geprägt wie nie zuvor. Mehr und mehr drücken sich die Leute über verschiedene Medien aus, kommunizieren untereinander und durch die erworbene Vernetzung auch mit einer breiten Masse (vgl. Walsh/Kilian/Hass 2008). In diesem Sektor der neuen Medien sind gerade Podcasts besonders schnell beliebt und erfolgreich geworden. Bereits 2005 wurde Podcast in Großbritannien vom New Oxford American Dictionary zum Wort des Jahres gewählt. Seitdem steigen die Zahlen der Podcast-Nutzer*innen weltweit rapide an (vgl. Klee 2008). Es gibt einen Wandel des Internets weg von einer starren Informationsquelle hin zu einem so genannten Mitmachmedium, doch wird es dadurch auch alltagssprachlicher geprägt und verschiedene Regiolekte finden Einzug in die neuen Medien (vgl. Walsh/Kilian/Hass 2008). Das Verhältnis zwischen einem dialektalen Sprachgebrauch und der medialen Kommunikation wird bereits seit den 1980er Jahren untersucht (vgl. Androutsopoulos/Ziegler 2019).

Lässt sich dieser dialektale Sprachgebrauch auch in neuen Medien wie Podcasts wiederfinden? Werden Dialekte, Regiolekte oder Standardsprache verwendet und welchen Umfang machen sie aus? Wie und wie oft werden regionalsprachliche Begriffe in Podcasts verwendet? Gibt es ein Aufleben der Regionalsprachen? Anhand der Verwendung des Berlinerischen im Podcast Gemischtes Hack soll diesen Fragen nachgegangen und Hypothesen zum Gebrauch sollen entwickelt werden.

(11) Laura Kathy Zorrmann: Sprache und Ideologie. Merkmale rechtsideologischer YouTube-Kommentare hinsichtlich ihrer Form und Funktion

Der Konsum digital abrufbarer Videoinhalte hat sich im 21. Jahrhundert zum Massenphänomen entwickelt, wobei die Plattform YouTube als eine der führenden Videoportale angesehen wird (vgl. Bachl 2011). Das soziale Medium ermöglicht neben der Veröffentlichung auch die Betrachtung, Bewertung sowie Kommentierung digitaler Videos und steht dabei sowohl Privatnutzer*innen als auch Gewerben (Firmen, öffentlich-rechtliche Sender, Parteien etc.) zur Verfügung.

Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf die Kommentare dieser Plattform, indem diskursanalytisch Charakteristika rechtsideologischer YouTube-Kommentare analysiert werden sollen. Mit dieser Methode soll die soziale Wirklichkeit, die in ausgewählten Kommentaren konstruiert wird, aufgedeckt und zudem sollen auftretende Machtstrukturen sowie Prozesse der sozialen Exklusion ermittelt werden (vgl. Bartel/Ullrich/Ehrlich 2008). Im Fokus der Analyse stehen sprachliche Strukturen rechtsideologischer Einstellungen, die sich im Kommentarbereich privat veröffentlichter Videoinhalte um das kontrovers diskutierte Thema Flüchtlingspolitik bewegen. Als relevant erachtet werden dabei neben onomastischen auch allgemein lexikalische, morphologische sowie syntaktische Formen innerhalb des abgegebenen Kommentars, welche als Indikatoren eines rechtspopulistischen Verständnisses fungieren (vgl. u.a. Nübling 2012; Wolf 2018).

Ziel ist die Analyse von Kommentaren hinsichtlich ihrer Form und Funktion: Zeigen sich im Kommentarbereich der Videoplattform YouTube rechtsideologische Ansätze und welche Einstellungen verbergen sich dahinter?

(12) Sarah Sophie Nagel: Gesprochene und geschriebene Sprache in Instagram-Stories – ein intermodaler Vergleich

Die Kommunikationsplattform Instagram bietet vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten zur Kommunikation mit anderen Nutzer*innen der Plattform. Wie heterogen die Kommunikate sind, hängt damit zusammen, dass das Internet auf mehreren Ebenen ein Hybridmedium ist (vgl. Marx/Weidacher 2014). Eine Form der Hybridisierung ist die Kopräsenz verschiedener semiotischer Modi. Insbesondere bei der Kommunikationsform Instagram-Story ist dieses Phänomen zu beobachten. Eine Story kann zeitgleich Bilder und Videos, Text- und Audioelemente enthalten, sodass die Rezipient*innen auf mehreren Sinneskanälen angesprochen werden, also z. B. ein Bild sehen, jemanden sprechen hören und einen Text lesen.

Immer mehr Instagram-Nutzer*innen fügen in einem nachträglichen Bearbeitungsschritt Textelemente in ihre Stories ein, wenn sie in ihre Smartphone-Kamera sprechen. Diese schriftlichen Elemente sind jedoch nicht mit Untertiteln im Sinne einer intralingualen Übersetzung, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, gleichzusetzen (vgl. Dürscheid 2021). Sie dienen durch das Ermöglichen der Rezeption ohne Tonausgabe zwar ebenfalls der barrierefreien Kommunikation, sind aber nicht auf eine Eins-zu-Eins-Übersetzung des Gesprochenen ausgelegt. Vielmehr ist es so, dass sich die Textelemente in den Stories von dem, was gesagt wird, unterscheiden.

Aus linguistischer Perspektive stellt sich die Frage, wie schrift- und gesprochensprachliche Elemente hier zusammenwirken. Auf Basis eines exemplarischen Korpus von 112 aufeinanderfolgenden Stories der Instagram-Nutzerin Lisa Sophie Laurent untersucht der Vortrag die Unterschiede medialer Mündlichkeit und medialer Schriftlichkeit. Die schriftlichen und gesprochenen Story-Elemente werden dazu u. a. hinsichtlich ihrer Ausprägung der Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit (vgl. Koch/Oesterreicher 1985) sowie der Herstellung von Dialogizität miteinander verglichen.

(13) Lisanne Droste: Anredepraktiken in textbasierten, dyadischen WhatsApp-Interaktionen – Vergleichende Untersuchung der Verwendung von Ruf- und Spitz-/Kosenamen

Warum wird in dyadischen WhatsApp-Interaktionen der*die Dialogpartner*in mit dem Namen adressiert, wenn nur diese eine Person angesprochen werden kann? Onymische Adressierungen kommen sowohl in gesprochener (Günthner 2016) als auch in messengerbasierter, dyadischer Konversation (Bauer 2016; Günthner/ Zhu 2015) vor. Gerade im Rahmen von Dialogeröffnungen, aber auch von Abschlusssequenzen wird der Name des*der Dialogpartner*in häufig verwendet (Günthner/Zhu 2015). Allerdings spielen onymische Anreden auch an anderen Positionen innerhalb der Interaktion eine Rolle und erfüllen dort verschiedene Funktionen, teilweise sogar mehrere gleichzeitig. So wurden von Bauer (2016) sowie Günthner/Zhu (2015) in messengerbasierter Interaktion unter anderem Funktionen wie die Beziehungsgestaltung im Zusammenhang mit face-threatening acts, das Anzeigen der sozialen Beziehung der Dialogpartner*innen oder das rituelle Rahmen der Konversation (Goffman 1974, 1977) zugewiesen.

Der Vortrag untersucht Anredepraktiken in Form von Ruf- und Spitz-/Kosenamen innerhalb dyadischer WhatsApp-Interaktionen. Dafür werden anhand einer Kollektionsanalyse die Vorkommen und Funktionen solcher onymischen Adressierungen verglichen, um herausstellen zu können, in welchen Kontexten vermehrt Spitz-/Kosenamen im Gegensatz zu Rufnamen auftreten. Es wird außerdem analysiert, welche Affordanzen des Messengerdiensts WhatsApp für die Verwendung der onymische Anrede genutzt werden und mit welchen sprachlichen und außersprachlichen Elementen (z. B. Emojis) sie kookkurieren.

(14) Gastvortrag von Prof. Dr. Christian Efing: Theoretische und empirische Zugänge zu Registern in der beruflichen Kommunikation

Berufliche Kommunikation (und berufsweltbezogene kommunikative Kompetenz) unterscheidet sich von alltäglicher Kommunikation (und allgemeiner kommunikativer Kompetenz) in den Anforderungen und benötigten Kompetenzen vor allem in den Bereichen der Register und der ihnen zugeordneten Text- und Gesprächssorten (Efing 2015). Dabei ist es keineswegs nur das Register der Fachsprache (Roelcke 2020, 2021), sondern vor allem das Register der Berufssprache (Efing 2014a), das sprachlich beherrscht werden muss, um beruflich-fachlich handlungsfähig zu sein.

Nicht nur für Fremd- und Zweitsprachler, sondern auch für sprachschwächere Erstsprachler ist es dabei keineswegs selbstverständlich, dass die sprachlich-kommunikativen Anforderungen ohne spezifische sprachdidaktische Förderung in der Aus- und Weiterbildung oder vorab in der allgemeinbildenden Schule (Efing 2013) beherrscht werden.

Und hier ist die Angewandte Sprachwissenschaft gefragt: In einem Dreischritt muss zunächst einmal empirisch in Anforderungsanalysen (Efing 2014b) erhoben werden, worin genau denn eigentlich berufliche sprachlich-kommunikative Anforderungen bestehen (berufsübergreifend vs. berufs- und fachspezifisch); sodann müssen Curricula für die berufsbezogene Sprachförderung erstellt und schließlich dazu Förderkonzepte und Aufgabenkonzeptionen erstellt werden (Efing 2016).

Der Vortrag gibt, ausgehend von empirischen, zum Teil aktuell laufenden Projekten zu verschiedenen Zielgruppen (funktionale Analphabeten, Fremdsprachler), einen Einblick in alle drei Schritte des Prozesses und zeigt aus theoretischer, empirisch-methodischer wie ergebnisbezogener Perspektive Beispiele zu Anforderungserhebungen, Curriculumkonzeptionen und Lehrmaterialerstellung. Dabei stehen die jeweils relevanten Register und Textsorten im Fokus.

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Veranstaltungsdaten

  • Linkon 7
    12.01.2022, 8:45 – 17:45 Uhr
    Münster, Schlossplatz 2, Senatssaal (im Schloss)
    Die Konferenz wird als Präsenzveranstaltung geplant, könnte kurzfristig aber auch ins Netz verlagert werden.

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rs

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