Unwörter 2021: „Pushback“, „Sprachpolizei“ und Vergleiche mit Nationalsozialismus

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Bild: UdJ

Alle Hoffnungen, dass die Jury der sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres nach der vollständigen personellen Erneuerung ihre traditionelle Blindheit auf dem linken Auge endlich überwindet und auch Unwörter aus dem eigenen Lager (wie etwa Covidiot) berücksichtigt, wurden enttäuscht. Auch dieses Mal wurden lediglich solche Ausdrücke kritisiert, die der politischen Linken ein Dorn im Auge sind.

Ein wissenschaftlicher Ansatz oder auch nur ein evidenzbasiertes Vorgehen ist nach wie vor nicht erkennbar. Die Jury bleibt ein akademischer Stammtisch politisch Gleichgesinnter, der einfach diejenigen Ausdrücke kürt, über die er sich im vergangenen Jahr am meisten echauffiert hat. Weniger Aktivismus und mehr Wissenschaft täte dem Projekt gut.

Aber immerhin hat die Jury ihrer Pressemitteilung eine kleine Statistik der eingesandten Vorschläge beigefügt. Dort finden sich die Unwort-Kandidaten, die für das Pandemie-Jahr 2021 sehr viel typischer sind:

Das statistisch zumindest im täglichen verbalen Bürgerkrieg auf Twitter am häufigsten verwendete Unwort Covidiot, die Entgleisung Tyrannei der Ungeimpften des Weltärztebund-Vorsitzenden Frank Ulrich Montgomery (mit Abstand häufigster eingesandter Vorschlag) und das Düsseldorfer Behördenunwort Verweilverbotszone.

Die Pressemitteilung im Wortlaut:

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Platz 1 und damit Wort des Jahres: Pushback

Der Ausdruck Pushback stammt aus dem Englischen und bedeutet ‚zurückdrängen, zurückschieben‘. Im Migrationsdiskurs bezeichnet das Wort die Praxis von Europas Grenztruppen, Flüchtende an der Grenze zurückzuweisen und am Grenzübertritt zu hindern. Ganz unterschiedliche Politiker:innen, Journalist:innen und Organisationen verwendeten im Jahr 2021 den Ausdruck in Debatten zur Einwanderung über die europäischen Außengrenzen.

Die Jury kritisiert die Verwendung des Ausdrucks, weil mit ihm ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt wird, der den Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nimmt, das Menschen- und Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen. Den Flüchtenden wird somit ein faires Asylverfahren vorenthalten.

Der Einsatz des Fremdwortes trägt zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei. Mit dem Gebrauch des Ausdrucks werden zudem die Gewalt und Folgen wie Tod, die mit dem Akt des Zurückdrängens von Migrant:innen verbunden sein können, verschwiegen. Die Jury kritisiert die in den Medien unreflektierte Nutzung dieses Wortes auch bei Kritiker:innen der Maßnahmen.

Auf Platz 2: Sprachpolizei

Mit dem Ausdruck Sprachpolizei werden Personen diffamiert, die sich u. a. für einen angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen, der bisher benachteiligte und ausgegrenzte Gruppen sprachlich einschließt.

Die Jury bewertet ihn als irreführend, weil er suggeriert, dass es eine exekutive Instanz gäbe, die über die Einhaltung von Sprachregeln ‚wacht‘ und bei ‚Nichteinhaltung‘ Bestrafungen vorsieht oder Bestrafungen durchsetzt.

Platz 3: Vergleiche mit dem Nationalsozialismus

Vergleiche mit dem Nationalsozialismus: Unter den Einreichungen fanden sich zudem eine Vielzahl an Ausdrücken, die im Zuge der Corona-Demonstrationen von Impfgegner:innen verwendet werden und völlig unzulässig eine Ähnlichkeit zwischen Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie und der nationalsozialistischen Diktatur nahe legen. Zu nennen wären hier z.B.: Impfnazi, Ermächtigungsgesetz (für Infektionsschutzgesetz) oder der gelbe Stern mit dem Aufdruck „ungeimpft“.

Die deplatzierte Verwendung solcher Ausdrücke führt zur Verharmlosung des Nationalsozialismus, zur Verhöhnung der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und in manchen Fällen zu einer Opfer-Täter-Umkehr.

Unwort des Gastjurors: Militärschlag

In diesem Jahr greift die Jury wieder auf die 2013 eingeführte Kategorie des persönlichen Unworts des Gastjurors zurück, um Ausdrücke, die den jährlich wechselnden Gastjuror:innen am Herzen liegen, zu würdigen. Das persönliche Unwort des diesjährigen Gastes Harald Schumann (Journalist):

Militärschlag ist eine zutiefst euphemistische Bezeichnung für einen aggressiven kriegerischen Akt. Schon seit Jahrzehnten bedienen sich Politiker:innen und unkritische Medien dieses Ausdrucks und verschleiern damit, worum es eigentlich geht: Bombenangriffe und Artillerie- oder Raketenbeschuss auf Ziele, bei denen die Aggressoren skrupellos den Tod unschuldiger und zumeist auch unbewaffneter Opfer in Kauf nehmen.

Wenn eine Regierung ihre Bomber, Drohnen, Panzer und Raketen für Angriffe auf andere Völker oder auch Widerstandsgruppen im eigenen Land einsetzt, dann handelt es sich um Krieg, nicht bloß um ein paar Schläge.

Unwortstatistik 2021

Für das Jahr 2021 erhielt die Jury insgesamt 1.308 Einsendungen. Es wurden 454 verschiedene Ausdrücke vorgeschlagen, von denen knapp 45 den Unwort-Kriterien der Jury entsprachen.

Unter den häufigsten Einsendungen (mehr als 10x), die aber nicht zwingend den Kriterien der Jury entsprechen, waren: boostern (22x), Covidiot (20x), Eigenverantwortung (14x), Gendersternchen (16x), illegaler Kindergeburtstag (71x), Impfangebot (13x), Impfdurchbruch (13x), Impfdrängler (11x), Impfverweigerer (11x), Pandemie der Ungeimpften (16x), Querdenker (47x), systemrelevant (24x), Tyrannei der Ungeimpften (287x), Ungeimpft(e) (21x), Verweilverbotszone (30).

Die Jury der institutionell unabhängigen und ehrenamtlichen Aktion „Unwort des Jahres“ besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier Sprachwissenschaftler:innen Dr. Kristin Kuck (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg), Prof. Dr. Martin Reisigl (Universität Wien), Dr. David Römer (Universität Trier), Prof. Dr. Constanze Spieß (Sprecherin, Philipps-Universität Marburg) sowie der freien Journalistin Katharina Kütemeyer.

Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr der Journalist Harald Schumann beteiligt.

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Richard Schneider

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