Dolmetscherin von Sergej Lawrow korrigiert stillschweigend Lapsus ihres Chefs

Sergej Lawrow
Der russische Außenminister Sergej Lawrow ist seit 2004 im Amt. Er hat vor Baerbock schon sechs andere deutsche Außenminister erlebt. - Bild: E. Pesow / Außenministerium Russland

Beim Konferenzdolmetschen gelten etwas andere Grundsätze als beim Urkundenübersetzen, wo Fehler im Ausgangstext auch in die Übersetzung übernommen und ggf. mit einer Anmerkung versehen werden müssen.

Dass es gerade in der Politik zielführender ist, statt des Gesagten das Gemeinte zu verdolmetschen, zeigte sich am 18. Januar 2022 einmal mehr beim Antrittsbesuch der neuen deutschen Außenministerin Annalena Baerbock in Moskau.

„Einfach weglassen“ ist manchmal die beste Lösung

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sprach am Verhandlungstisch einleitend davon, dass er sich konstruktivere „russisch-amerikanische Beziehungen“ wünsche, meinte aber das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland.

Lawrows Dolmetscherin ließ diesen offensichtlichen Flüchtigkeitsfehler ihres Vorgesetzten bei der konsekutiven Übertragung ins Deutsche elegant unter den Tisch fallen, wie dieses Tondokument belegt:

Atmosphäre: kühl bis frostig

Bei der Zusammenkunft wurden die üblichen Floskeln ausgetauscht und höflich, aber bestimmt die jeweiligen Positionen und Hoffnungen vorgetragen.

Aufschlussreich für den spätestens seit der Krimkrise 2014 katastrophal schlechten Zustand der deutsch-russischen Beziehungen ist die in unkommentierten Mitschnitten spürbare kühle bis frostige Atmosphäre, die angespannte Nervosität auf deutscher und die abgebrühte Gleichgültigkeit auf russischer Seite.

Lawrow, Baerbock, Dolmetscherinnen
Im Vordergrund ist die russische Dolmetscherin zu sehen, links im Hintergrund die deutsche.
Lawrow, Baerbock, Dolmetscherinnen
Während Lawrows Dolmetscherin direkt neben ihm saß, …
Lawrow, Baerbock, Dolmetscherinnen
… hatte die Dolmetscherin des Auswärtigen Amts neben Staatssekretär Andreas Michaelis ihren Platz. Das mochte seine Gründe haben, war aber zumindest für die Eröffnungserklärungen der Minister etwas ungünstig.
Lawrow, Baerbock, Dolmetscherinnen
Denn dadurch musste sie oft angestrengt zur Seite schauen, um Kontakt zu Baerbock zu halten. Die Sitzordnung war durch Namensschilder an den Plätzen vorgegeben.
Sergej Lawrow, Dolmetscherin
Gut zu erkennen sind hier die Werkzeuge beim Konsekutivdolmetschen: Ein Schreibblock mit Spiralbindung (damit keine Blätter verloren gehen) und zwei Kugelschreiber, von denen einer in Bereitschaft liegt, denn Kulis streiken gelegentlich.

Anmerkung zum vorangehenden Bild: Warum benutzen hochbezahlte Top-Dolmetscherinnen billige Wegwerf-Kugelschreiber? Weil man nur bei diesen den Füllstand der Mine erkennen kann.

Bei den Großraumminen von Markenherstellern wie Lamy, Cross, Parker, Montblanc & Co. kommt der leere Tintentank hingegen immer als große Überraschung. Ein Schreckmoment, den man sich bei solchen Anlässen nicht leisten kann.

Zwar ist die Klecks- und Schmiergefahr bei Premiumschreibgeräten geringer, aber auf ein schönes Schriftbild und Klecksfreiheit kommt es bei Dolmetschnotizen nicht an.

Lawrow kann auf mehr Amtsjahre zurückblicken als Angela Merkel

Sergej Lawrow führt das russische Außenministerium seit 2004 und ist damit länger im Amt als Angela Merkel Kanzlerin war. Baerbock ist die erste Frau im deutschen Außenamt, aber schon das siebte außenpolitische Gegenüber des Russen. So konferierte er bereits mit ihren Vorgängern Joschka Fischer, Frank-Walter Steinmeier, Guido Westerwelle, erneut Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Heiko Maas.

Lawrow hat damit den Niedergang der deutschen Diplomatie unmittelbar miterlebt, die unter Hans-Dietrich Genscher international noch eine bedeutende Rolle spielte. Zunächst im Rahmen der von Willy Brandt angeregten Entspannungspolitik sowie später bei den Verhandlungen zur Wiedervereinigung. Innerhalb der Bundesregierung galt die Leitung des Außenministeriums damals noch als zweitwichtigstes Amt nach dem des Kanzlers und war traditionell mit der Vizekanzlerschaft verbunden.

Seit dem Amtsantritt von Angela Merkel wird die Außenpolitik im Kanzleramt gemacht. Zweitwichtigstes Ministerium ist schon lange das Finanzministerium. Die auf Joschka Fischer folgenden Außenminister waren kaum mehr als Behördenleiter, keiner konnte eigene Akzente setzen. Die jeweiligen Amtsinhaber scheinen inzwischen beliebig austauschbar zu sein.

Lawrow, Baerbock, Dolmetscherinnen
Nur eines tröstet: Noch schlechter können die deutsch-russischen Beziehungen nicht werden.

Lawrows Sprachkenntnisse: Englisch, Französisch, Singhalesisch und Dhivehi

Lawrow spricht neben seiner Muttersprache Russisch auch fließend Englisch. Er soll zumindest passiv des Französischen mächtig sein sowie Grundkenntnisse der Sprachen Singhalesisch und Dhivehi, der Amtssprache der Malediven, besitzen.

Die Sprachkenntnisse erwarb er bereits im Studium an der Ostabteilung des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen (MGIMO). Anschließend war er ab 1972 vier Jahre an der sowjetischen Botschaft in Sri Lanka tätig, wo er sein Singhalesisch perfektionieren konnte.

Richard Schneider
(Bildmaterial: Videomitschnitte russischer Medien.)

Das GDolmG muss weg