Sylvia Reinart: Im Original geht viel verloren. Warum Übersetzungen oft besser sind

Sylvia Reinart: Im Original geht viel verloren
Bild: Frank & Timme

Beim Übersetzen, so heißt es gemeinhin, ginge immer etwas verloren. Wer die Sprache des Originals beherrsche, sei daher gut beraten, das Ursprungswerk heranzuziehen.

Für Übersetzer sowie für alle, deren Fremdsprachenkenntnisse nicht ausreichen, um den Ratschlag zu befolgen, ist die These der Verlustbilanz jedoch einigermaßen frustrierend. Aber stimmt sie überhaupt? Zahlreiche Fakten sprechen dagegen.

Sylvia Reinart weitet in dem soeben erschienenen Band Im Original geht viel verloren – Warum Übersetzungen oft besser sind als das Original den etablierten unidirektionalen Blick auf das Übersetzen: Neben dem möglichen Verlust nimmt sie gleichberechtigt den sicheren Gewinn ins Visier. In der Einleitung schreibt sie:

Sylvia Reinart
Sylvia Reinart – Bild: privat

Unser Blick auf Übersetzungen ist von einem Paradoxon gekennzeichnet: Wir wissen, dass wir zwingend auf sie angewiesen sind und werten es als Adelsschlag für ein Werk, wenn es in möglichst viele Sprachen übertragen wurde. Dem übersetzten Text selbst begegnen wir jedoch mit Misstrauen. Das Original ist eben das Original und es gilt als ausgemacht, dass es beim Übersetzen nur verlieren kann.

Aber was passiert, wenn man die Voreingenommenheit, die hinter dem Pauschalurteil des „Lost in Translation“ steckt, einmal umdreht, wenn man den Übersetzern eine Stimme verleiht und die Translate anhand wissenschaftlicher Maßstäbe daraufhin überprüft, ob sie das Original nicht nur erreichen, sondern sogar übertreffen (können)? Und darf das überhaupt passieren – oder ist das Übertreffen des Originals nicht auch schon wieder ein Mangel des Translats?

Der Titel fordert zum Überdenken traditioneller Konzepte auf und verweist auf die Strahlkraft von Übersetzungen. Manch eine Übersetzung ist tatsächlich besser als das Original. Oder wie Reinart schreibt:

Unprofessionellen Schreibprozessen können professionelle Übersetzungsprozesse gegenüberstehen – mit der Folge, dass die Übersetzungen besser sind als die Originale.

Inhalt

1 Einleitung

2 Lost or found in translation?

2.1 Heilige Originale und unheilige Übersetzungen
2.1.1 Das Original: Prestige durch Primat
2.1.2 Die Übersetzung: Sekundarität als Stigma

2.2 Unübersetzbarkeit: Mythos und Realität
2.2.1 Unübersetzbare Wörter
2.2.2 Sprache und Wirklichkeitserfassung
2.2.3 Vom Wort zum Text
2.2.4 Von der Sprache zur Kultur

2.3 Übersetzungskonventionen
2.3.1 Translationskultur und berufsethische Grundsätze
2.3.2 Was darf man überhaupt übersetzen?

2.4 Konsequenzen aus der Übersetzbarkeitsdebatte
2.4.1 Das Maß an Ausgangstextorientierung
2.4.2 Die Frage der Funktionszuweisung
2.4.3 Der Übersetzungsbegriff

3 Im Original geht viel verloren – die Übersetzungstheorie

3.1 Perspektivenwechsel

3.2 Übersetzungswissenschaftliche Denkschulen oder „welche Theorie“?

3.3 Übersetzung, Bearbeitung, Neuschöpfung?

3.4 Was ist eine Übersetzung?

4 Was ist eine „Verbesserung“?

4.1 Qualitative und quantitative Änderungen

4.2 Verbesserungen und Augmentationen

4.3 Wann sind Verbesserungen zulässig?
4.3.1 Allgemeine Voraussetzungen für das Verbessern
4.3.2 Literaturübersetzung vs. Fachübersetzung
4.3.3 Dokumentarische vs. instrumentelle Übersetzung – funktionskonstante vs. funktionsvariante Übersetzung
4.3.4 Autorität des Autors vs. Autorität des Ausgangstexts
4.3.5 Übersetzungstraditionen und Rollenbilder

4.4 Welche Form dürfen Verbesserungen annehmen?
4.4.1 Das Instrumentarium der Verbesserungen
4.4.2 Mediale und textsortenspezifische Restriktionen

5 Im Original geht viel verloren – die Übersetzungspraxis

5.1 Die Stimmen der Übersetzer

5.2 Die (Un-)Sichtbarkeit von Verbesserungsleistungen

5.3 Die Motive für das Verbessern
5.3.1 Rollenverständnis der Übersetzer und Produkthaftung der Hersteller
5.3.2 Selbstschutz der Übersetzer
5.3.3 Prestigeerhöhung für Text und Textsorte

5.4 Die Notwendigkeit des Verbesserns

5.5 Die Arten des Verbesserns
5.5.1 Intentionale und automatische Verbesserung
5.5.2 Formale und inhaltliche Verbesserung
5.5.3 Punktuelle und gesamttextuelle Verbesserung
5.5.4 Verbesserung in- und außerhalb des Textes

5.6 Die großen Fragen des Übersetzens
5.6.1 Übersetzen oder nicht übersetzen?
5.6.2 Übersetzen: gedrucktes Medium oder digitaler Raum?
5.6.3 Übersetzen: Bereicherung oder Verarmung?
5.6.4 Übersetzen: kulturelle Differenz als Störfaktor?
5.6.5 Kleidet die Zielsprache das Werk besser als die Sprache des Originals?

6 Sekundarität als Chance

6.1 Rekreation vs. Kreation

6.2 Außenperspektive vs. Innenperspektive

6.3 Unantastbare Originale vs. flexible Übersetzungen

6.4 Alternde Originale vs. „junge“ Übersetzungen

6.5 Alte vs. neue Interpretationsräume

7 Übersetzungen als „neue Originale“?

8 Schlussbetrachtung

8.1 Warum wird ein neuer Blick auf das Übersetzen benötigt?

8.2 Wem nutzt ein neuer Blick auf das Übersetzen?

8.3 Vom Original zur Übersetzung und zurück

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Übersetzerinnen und Übersetzer

Stichwortverzeichnis

Reinart lehrt am FTSK Germersheim

Sylvia Reinart hat 1992 zur Terminologielehre promoviert und sich 2009 in Translationswissenschaft habilitiert. Sie lehrt und forscht seit 1992 am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Terminologie sowie die Fach- und Medienübersetzung.

Bibliografische Angaben

  • Sylvia Reinart (2022): Im Original geht viel verloren. Warum Übersetzungen oft besser sind als das Original. Berlin: Frank & Timme. 448 Seiten, 49,80 Euro, ISBN 978-3-7329-0826-4. Auf Amazon ansehen/bestellen.

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