lit.COLOGNE 2022: Das Übersetzen ist wieder nur ein Randthema

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Bild: lit.COLOGNE

Seit dem Jahr 2001 findet jedes Frühjahr in Köln die lit.COLOGNE statt. Mit bis zu 200 Einzelveranstaltungen in Theatern und Spielorten im gesamten Stadtgebiet hat sich die elftägige Veranstaltung inzwischen nach eigenen Angaben zu Europas größtem Literaturfestival entwickelt. Es besteht also durchaus ein internationaler Anspruch.

Dennoch spielte das Thema Übersetzungen in den Lesungen, Gesprächen und Diskussionen bislang kaum eine Rolle und kam allenfalls am Rande vor. Das ist auch in diesem Jahr nicht anders.

Dennoch finden sich im Programm einzelne Veranstaltungen, an denen bekannte Literaturübersetzer als Referenten, Experten oder Moderatoren beteiligt sind oder bei denen der Fokus auf einzelnen Fremdsprachen liegt:

(1) Im Land der kurzen Sätze (Dänemark)

Literaturübersetzer Hinrich Schmidt-Henkel stellt am 22. März seine dänische Erfolgsautorin Stine Pilgaard vor, zu der es im Programm heißt:

In Dänemark ist sie ein Star, ihr Roman Meter pro Sekunde wurde bereits vielfach ausgezeichnet – nun kommt Stine Pilgaard auch zu uns! Mit Humor und Sprachkunst schreibt sie von einer jungen Mutter, die mit Mann und Baby ins ruhige Westjütland zieht. Als sie Kummerkasten-Redakteurin bei der lokalen Zeitung wird, ändert sich ihr Leben, und der Himmel bricht auf.

Caroline Peters trägt einzelne Passagen vor.

(2) Hanya Yanagihara – Über das, was uns zu Menschen macht

Literaturübersetzer Bernhard Robben (Salman Rushdie, Ian McEwan, Patricia Highsmith, John Williams, Philip Roth) moderiert am 17. März diese Veranstaltung, auf der Ulrich Noethen den deutschen Text vorträgt.

Drei Jahrhunderte, drei Schicksale, drei Amerikas. In ihrem mutigen neuen Roman Zum Paradies schreibt Hanya Yanagihara (Ein wenig Leben) Geschichte und Zukunft des Landes neu.

1893 können die Menschen in New York dem Anschein nach leben und lieben, wie sie möchten. Statt standesgemäß zu heiraten, lässt sich ein junger Mann mit einem mittellosen Musiklehrer ein. 1993 steht Manhattan im Bann der AIDS-Epidemie, und ein junger Hawaiianer lebt mit einem deutlich älteren, reichen Mann zusammen. 2093 wird die autoritär kontrollierte Welt von Seuchen geplagt, und die Enkelin eines mächtigen Wissenschaftlers versucht, ihr Leben ohne ihn zu bewältigen.

Ein Haus am Washington Square wird zum verbindenden Element zwischen den Zeiten und den immer wiederkehrenden Motiven: Krankheit und Therapie, Reichtum und Elend, gefährlicher Hochmut der Mächtigen und Illusion eines irdischen Paradieses.

(3) Hervé Le Tellier und die Anomalie

Das Übersetzerpaar Jürgen und Romy Ritte präsentiert am 26. März seinen Autor Hervé Le Tellier und dessen Roman Die Anomalie, der 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Den deutschen Text liest Gerd Köster.

Der spektakuläre Bestseller des Prix-Goncourt-Preisträgers Hervé Le Tellier ist eine brillante Mischung aus Thriller, Komödie und großer Literatur.

Im März 2021 fliegt eine Boeing 787 auf dem Weg nach New York durch einen elektromagnetischen Sturm und sprengt alle vermeintlichen Gesetze der Wirklichkeit. Hochkomisch und teuflisch intelligent spielt Die Anomalie mit unseren Gewissheiten und fragt nach den Grenzen von Sprache, Literatur und Leben. Facettenreich, weltumfassend, ein literarisches Ereignis.

„Ohne Zweifel Weltliteratur“ (Druckfrisch), „Die Kombination aus schwarzem Humor, Gedankenspiel-Kitzel und emotionaler Dichte macht aus Le Tellier einen Autor, den man spätestens jetzt entdecken sollte“ (FAZ). „Ein echter Knaller! Philosophisch, überraschend, intelligent, unterhaltsam und komisch zugleich“ (NDR Kultur). „Was für ein grandioser Roman“ (DLF).

(4) „Jiddisch hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen“ – Isaac Bashevis Singer

Am 24. März werden Singer und seine Figuren von den Schauspielern Adriana Altaras und Matthias Matschke wieder zum Leben erweckt.

Als Isaac Bashevis Singer 1978 hörte, er bekomme den Nobelpreis für Literatur, hielt er das für einen schlechten Scherz. Er bedankte sich in Stockholm auf Jiddisch.

1904 in Radzymin (Polen) geboren, wuchs er in Warschau auf, besuchte eine Rabbinerschule. 1935 emigrierte er nach New York. Er schrieb unzählige Romane und Kurzgeschichten, alle auf Jiddisch, bevor sie ins Englische übersetzt wurden. Z.B. „Old Love“, Gefilde des Himmels“, „Verloren in Amerika“, „Yentl the Yeshiva Boy“ (verfilmt von und mit Barbra Streisand).

Die alte Welt des osteuropäischen Judentums vergaß Singer nie und hielt das „Schtetl“ in seinen Büchern lebendig. „Wir Juden leiden an vielen Krankheiten, aber Gedächtnisschwund gehört nicht dazu.“ Er starb 1991 in Florida.

(5) Die Diva der lateinamerikanischen Literatur – eine Entdeckungsreise in Leben und Werk von Clarice Lispector

Nicht nur für Portugiesisch-Übersetzer dürfte diese Veranstaltung am 16. März mit Hannelore Hoger als Vortragender und Thomas Böhm als Moderator interessant sein. Aktueller Lispector-Übersetzer ist Luis Ruby.

Clarice Lispector – in Lateinamerika kennt jeder diesen Namen; ihr Porträt findet sich auf Briefmarken, ihr Ruf ist der einer Diva, ihre Bücher gelten als die bedeutendsten, die von einer Frau auf Portugiesisch verfasst wurden.

Hierzulande ist ihr Werk, das oft anhand alltäglicher Situationen die Machtunterschiede zwischen Männern und Frauen darstellt, noch zu entdecken, insbesondere die psychologische Genauigkeit, mit der weibliche Innenwelten und die seelischen Folgen fehlender Gleichberechtigung erfasst werden.

Die Schauspielerin Hannelore Hoger, die Lispector (1920–1977) als „Vorreiterin der Emanzipation“ schätzt und die „große umherschweifende Phantasie“ von Lispectors Texten bewundert, liest aus dem Werk der Autorin, über das ein Kritiker sagte, darin fänden sich „Sätze, wie man sie noch nie irgendwo gelesen hat“.

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Richard Schneider

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