Unwort des Jahres 2023: Remigration. Auf Platz 2 und 3: Sozialklimbim und Heizungs-Stasi

Remigration, Unwort des Jahres 2023
Der von der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) seit Jahren propagierte Begriff "Remigration" wurde zum Unwort des Jahres 2023 gewählt. - Bild: Richard Schneider

In Marburg hat die Jury der sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres die Unwörter für das Jahr 2023 bekannt gegeben. Hier die Pressemitteilung im Wortlaut:

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Platz 1: Remigration

Der Ausdruck Remigration ist ein vom lat. Verb remigrare (deutsch ‚zurückwandern, zurückkehren‘) abgeleitetes Fremdwort. Das Wort ist in der Identitären Bewegung, in rechten Parteien sowie weiteren rechten bis rechtsextremen Gruppierungen zu einem Euphemismus für die Forderung nach Zwangsausweisung bis hin zu Massendeportationen von Menschen mit Migrationsgeschichte geworden.

Die Jury kritisiert die Verwendung des Wortes, weil es 2023 als rechter Kampfbegriff, beschönigende Tarnvokabel und ein die tatsächlichen Absichten verschleiernder Ausdruck gebraucht wurde. Der aus der Migrations- und Exilforschung stammende Begriff, der verschiedene, vor allem freiwillige Formen der Rückkehr umfasst (darunter die Rückkehr jüdischer Menschen aus dem Exil nach 1945), wird bewusst ideologisch vereinnahmt und so umgedeutet, dass eine – politisch geforderte – menschenunwürdige Abschiebe- und Deportationspraxis verschleiert wird.

Die Neue Rechte zielt mit dem Wortgebrauch darauf ab, kulturelle Hegemonie und ethnische Homogenität zu erlangen. Das, was mit der Verwendung des Wortes gefordert wird, verletzt freiheitliche und bürgerliche Grundrechte von Menschen mit Migrationsgeschichte.

Das Eindringen und die Verbreitung des vermeintlich harmlosen und beschönigenden Ausdrucks in den allgemeinen Sprachgebrauch führt zu einer Verschiebung des migrationspolitischen Diskurses in Richtung einer Normalisierung rechtspopulistischer und rechtsextremer Positionen.

Der diesjährige Gastjuror Ruprecht Polenz (CDU) kommentiert die Verwendung und Wahl des Ausdrucks zum Unwort folgendermaßen:

Der harmlos daherkommende Begriff Remigration wird von den völkischen Nationalisten der AfD und der Identitären Bewegung benutzt, um ihre wahren Absichten zu verschleiern: die Deportation aller Menschen mit vermeintlich falscher Hautfarbe oder Herkunft, selbst dann, wenn sie deutsche Staatsbürger sind. Nach der Wahl zum „Unwort des Jahres“ sollte diese Täuschung mit Remigration nicht mehr so leicht gelingen.

Platz 2: Sozialklimbim

Der Ausdruck Sozialklimbim wurde im Zuge der öffentlich-politischen Diskussionen um die Kindergrundsicherung verwendet. In sozialpolitischen Debatten steht das Wort für eine im Jahr 2023 wieder häufiger zu beobachtende klassistisch diskriminierende Rhetorik. Durch die spezifische Wortverwendung wird die Gruppe einkommens- und vermögensschwacher Personen herabgewürdigt und diffamiert, als handle es sich bei sozialen Transferleistungen, die Menschen ein Leben in Würde sichern sollen, um unnützes Beiwerk oder sinnloses Getue.

Mit dem Ausdruck wird zugleich eine besonders vulnerable Gruppe – die Gruppe jener Kinder, die von Armut betroffen oder armutsgefährdet sind – stigmatisiert. Durch die Verwendung des Ausdrucks wird suggeriert, dass Bedürfnisse von Kindern in Armut wenig Bedeutung für Gesellschaft und Politik haben. Der Ausdruck reiht sich in ein Netz weiterer Unwörter ein, die dazu dienen, eine gesellschaftliche Gruppe, die kaum eine Lobby hat, zu diskreditieren: soziale Hängematte, Gratismentalität, Sozialhilfekarriere.

Platz 3: Heizungs-Stasi

Bei diesem Ausdruck handelt es sich um ein zusammengesetztes Wort, das den Ausdruck Heizung und das Kurzwort Stasi (= Staatssicherheit, eine Abkürzung für das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR) verbindet. Das Wort dient der populistischen Stimmungsmache gegen Klimaschutzmaßnahmen (Gebäudeenergiegesetz GEG). Diese werden als diktatorische Repressionen dargestellt, die gegen das Wohl der Bevölkerung durchgesetzt werden.

Der Ausdruck verstößt gegen das demokratische Prinzip, weil er das demokratische Gesetzgebungsverfahren verunglimpft. Zudem werden durch die Verwendung des Ausdrucks die Opfer der Staatssicherheit verhöhnt. Weitere eingereichte Wörter, die in diesen Bereich fallen und durch demokratische Prozesse in Kraft gesetzte Maßnahmen abwerten, sind: Heizhammer, Heizungshammer, Heizungsverbot, Öko-Diktatur.

Unwortstatistik 2023

Für das Jahr 2023 erhielt die Jury insgesamt 2.301 Einsendungen. Es wurden 710 verschiedene Ausdrücke vorgeschlagen, von denen knapp 110 den Unwort-Kriterien der Jury entsprachen.

Unter den häufigsten Einsendungen (mehr als 10), die aber nicht zwingend den Kriterien der Jury entsprechen, waren: Doppelwumms (12), Gamechanger (11), Klimakleber (20), Kriegstüchtigkeit (71), kulturelle Aneignung (12), Nachhaltigkeit (10), Remigration (27), Sondervermögen (62), Stolzmonat (982), Technologieoffenheit (78).

Jurymitglieder

Die Jury der institutionell unabhängigen und ehrenamtlichen Aktion „Unwort des Jahres“ besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier Sprachwissenschaftlern Dr. Kristin Kuck (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg), Prof. Dr. Martin Reisigl (Universität Wien), Prof. Dr. David Römer (Universität Kassel), Prof. Dr. Constanze Spieß (Sprecherin der Jury, Philipps-Universität Marburg) und der Journalistin Katharina Kütemeyer. Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr Ruprecht Polenz (MdB a. D., CDU) zu Gast.

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PR-Erfolg für Identitäre Bewegung?

Gastjuror Ruprecht Polenz glaubt, dass der Ausdruck Remigration durch die frühzeitige Etikettierung als Unwort gewissermaßen für die politische Debatte verbrannt ist.

Ein fataler Irrtum. Die Wahl ist vielmehr ein PR-Erfolg für Martin Sellner, der den Ausdruck seit mindestens 2016 im Rahmen der von ihm lange geleiteten Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) propagiert. Vor der Jury-Entscheidung war der Begriff in der breiten Wählerschaft völlig unbekannt, jetzt ist er in aller Munde und wird diskutiert.

Schon kurz nach der Wahl freute sich Sellner auf seinem Telegram-Kanal über die Entscheidung und warb gleichzeitig für sein Ende Februar erscheinendes Buch mit dem Titel Remigration – ein Vorschlag. Dieses wird auf der Verlags-Website wie folgt angekündigt:

Martin Sellner, Remigration - ein Vorschlag
Sellners Remigrationsbuch ist noch gar nicht erschienen, steht aber wegen nach Amazon-Angaben mehr als 7.000 Vorbestellungen bereits auf Platz 1 der Amazon-Verkaufscharts in der Kategorie Bücher (Bildschirmfoto vom 1. Februar 2024).

Remigration hat mit Vertreibung nichts zu tun. […] Es geht vielmehr um Anreizsysteme, um freiwillige Ausreise und um klare Kriterien wie Kriminalität, politische Religiosität und kulturelle Ferne. Es geht um einen Prozeß, der sich über 30, 40 Jahre erstrecken würde, wenn man ihn in Gang brächte.

Die Remigration von illegal eingewanderten, von nicht integrierbaren und von unerwünschten Ausländern ist juristisch möglich, politisch gerechtfertigt, moralisch vertretbar und praktisch umsetzbar. Sie wäre ein Prozeß zum Wohle aller.

Der politische Gegner bekämpft den Begriff der Remigration, indem er ihn mit Horrorszenarien gleichsetzt. In der politischen Auseinandersetzung ist Sellners Buch also auch ein Beitrag im Kampf um Begriffe.

Die Jury-Entscheidung könnte sich als Bumerang erweisen und die politische Auseinandersetzung über die Migrationspolitik der Ampel-Koalition im Superwahljahr 2024 zusätzlich befeuern.

Unwort-Jury wie immer auf dem linken Auge blind

Seit mehr als 30 Jahren werden von der Jury „linke“ Unwörter nicht berücksichtigt, obwohl im gesamten politischen Spektrum sprachlich interessante, aber kritikwürdige Wortprägungen entstehen.

So hatte der Kolumnist Sascha Lobo im Februar 2023 diejenigen, die sich für einen Waffenstillstand und Verhandlungen in der Ukraine einsetzen, als Friedensschwurbler diffamiert. Zwei Monate später verstieg er sich gar zu der Formulierung Lumpen-Pazifismus. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist der Mistgabelmob als Bezeichnung für protestierende Bauern.

Ein wissenschaftlicher Ansatz oder auch nur ein evidenzbasiertes Vorgehen ist bei der Wahl zum Unwort des Jahres nach wie vor nicht erkennbar. Die Entscheidungen erscheinen willkürlich, sind aber dennoch vorhersagbar: Es wird derjenige Ausdruck genommen, über den sich die politische Linke in jüngster Zeit am meisten echauffiert hat. UEPO.de konnte so 2022 auf Twitter die Klimaterroristen und 2023 die Remigration als Siegerwort korrekt vorhersagen.

Ein bisschen weniger politischer Aktivismus und ein bisschen mehr Sprachwissenschaft und Korpusarbeit täten dem Projekt gut.

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Eine typische Aktion der Identitären Bewegung zur Verbreitung ihres Remigrationsbegriffs war im März 2023 das Überkleben eines arabischen Straßenschilds in Düsseldorf:

Richard Schneider

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