Mitgliederversammlung des BDÜ Nord beschließt Auflösung – Regionalverband in Liquidation

BDÜ-Landkarte ohne Landesverband Mecklenburg-Vorpommern und BDÜ Nord
Die BDÜ-Landkarte Anfang 2026: Der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern und der Regionalverband BDÜ Nord befinden sich in Liquidation. - Bild: UEPO.de

Die Mitglieder des BDÜ Nord haben am 18. Oktober 2025 die Auflösung ihres Vereins beschlossen, der bis zum Abschluss der Liquidation eines von zurzeit neun Mitgliedern des BDÜ-Bundesverbandes bleibt.

Die „Vorstände und die Geschäftsführung“ wollen „die Interessen der Sprachmittlerbranche im Norden Deutschlands und darüberhinaus nun an anderer Stelle wie gewohnt fortsetzen“, heißt es auf der Website des BDÜ Nord. Offenbar ist die Gründung eines neuen Verbands unter der Bezeichnung „Sprachgilde“ außerhalb des BDÜ geplant. Jedenfalls wird auf die Website sprachgil.de verlinkt.

Bundesverband schweigt und will Auffangbecken einrichten

Der Bundesvorstand hat sich zum Verlust des immerhin mehrere Hundert Mitglieder starken Mitgliedsverbands noch nicht öffentlich geäußert. Intern wurde aber schon vor Monaten angekündigt, umgehend eine Lösung für diejenigen BDÜ-Nord-Mitglieder anzubieten, die langfristig im BDÜ verbleiben möchten. Man sei auf einen möglichen Auflösungsbeschluss vorbereitet, hieß es schon im Oktober 2025.

Insgeheim dürfte man im Rest-BDÜ froh sein, die „Querulanten“ im Norden nun endlich los zu sein. Hatte man doch seit 2021 über Jahre vergeblich versucht, den BDÜ Nord insgesamt aus dem Bundesverband auszuschließen, um dessen unbequemes Vorstandspersonal loszuwerden.

Nun haben diese den Verband aus eigenem Antrieb verlassen und als Schlussakzent gleich noch ihr erst 10 Jahre altes Schiff versenkt, statt einfach von Bord zu gehen.

„Wir bedauern diese Entwicklung sehr“

Auf der Website des BDÜ Nord heißt es zu der neuen Situation:

Die Mitglieder des BDÜ Nord haben am 18. Oktober 2025 die Auflösung des Vereins beschlossen. Wir bedauern diese Entwicklung sehr, aber es fand sich trotz mehrfacher Versuche und Aufrufe niemand, der die Arbeit des Vorstands innerhalb der BDÜ-Familie fortsetzen wollte, weswegen nur noch diese Lösung blieb. Die Vorstände und die Geschäftsführung werden die Interessen der Sprachmittlerbranche im Norden Deutschlands und darüberhinaus nun an anderer Stelle wie gewohnt fortsetzen.

In unserem Berufsverband waren einst etwa 460 professionelle Dolmetscher und Übersetzer vorrangig (aber nicht nur) aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen organisiert, die Sprachdienstleistungen in über 40 Sprachen, in der deutschen Gebärdensprache und auch für Übersetzungen in deutsche Leichte Sprache und Einfache Sprache in ganz unterschiedlichen Fachgebieten von Medizin über Technik bis Jura anbieten. Der BDÜ LV Nord war Interessenvertreter im Norden und darüberhinaus. Wir setzten uns ein für den Bestandsschutz für beeidigte Dolmetscher und Übersetzer, informierten über unsere Berufe, setzten uns bei Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für gute Rahmenbedingungen und angemessene Honorare für unsere Berufe ein.

Wir konzipierten und verteilten Broschüren, gaben bei der Politik Stellungnahmen zu uns betreffenden Themen ab, standen als beratender Berufsverband zur Verfügung. Wir waren in Kontakt mit Wirtschaftsvertretern und der Wissenschaft. Wir förderten seit Jahren den Sprachmittlernachwuchs über insgesamt 3 Deutschlandstipendien und über kostenfreie studentische Mitgliedschaften. Wir boten Seminare an und Onlinetreffen und organisierten gerne Werksbesichtigungen, Netzwerkessen in Nord (NiNo) und andere Events, die großen Zuspruch fanden.

Zudem erhielten Sie als Mitglied im LV Nord u.a. kostenfreie Muster-AGB für Ihre Website und konnten sich im Verband mit Ihren Ideen einbringen. Wir arbeiteten transparent und hinterfragten Bedingungen, wenn Sie uns darauf aufmerksam machten und wir es für angezeigt hielten.

Der Landesverband Nord ist bis zur endgültigen Auflösung Mitglied im Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ), dem größten deutschen Berufsverband in der Sprachmittlerbranche.

BDÜ-Landkarte 1989 - 2019
Austritte, Auflösungen, Zusammenschlüsse und immer wieder weiße Flecken auf der Landkarte, die in Hamburg und Schleswig-Holstein 18 Jahre lang bestanden. Der BDÜ ist für seine unzeitgemäße Kleinstaaterei bekannt und findet nicht den Mut zu einer Umwandlung in einen Zentralverband. – Bild: UEPO.de

An anderer Stelle auf der Website des BDÜ Nord wird eine Bilanz des zehnjährigen Bestehens gezogen:

Rückblende: Beharrlich bei Bewährtem und flexibel bei Aktuellem – die letzten 10 Jahre des BDÜ Nord

18.10.2025

Oft hören wir inzwischen, unsere Berufe würden bald von der KI ersetzt und komplett überflüssig. Wie kann ein Verband dem begegnen? Sich selbst aufgeben und den Mitgliedern berufliche Umorientierung empfehlen? Weiterhin an womöglich überalterten Strukturen und Themen festhalten? Der BDÜ Nord sucht Wege in die Zukunft.

An Klassikern festhalten

Gerechte Bezahlung für hochqualifizierte Leistungen

Eine Kernforderung, für die sich der Verband stets stark macht, ist die einer angemessenen Vergütung für Sprachmittler sowohl in der Justiz und bei Behörden als auch in Wirtschaft, Technik, Medizin, Psychotherapie oder beim Dolmetschen im Gemeinwesen. Eine gute Kommunikation gelingt nur unter Einsatz von ausgebildetem und qualifiziertem Personal, ein Appell, den der BDÜ Nord nicht müde wurde zu wiederholen. Für diese Anliegen hat der BDÜ Nord immer wieder Lobbyarbeit betrieben – nicht nur auf dem Papier, sondern auch durch persönliche Teilnahme an politischen Anhörungen, an Tagungen, in Wirtschaftsclubs oder bei Werksbesichtigungen. Zu diesen Gelegenheiten warben die Vertreter des BDÜ Nord beharrlich für den Einsatz von Fachkräften auch aus den Reihen des Verbands.

Bestandsschutz für vereidigte Dolmetscher und Übersetzer bei Gericht

Die Weiterbeschäftigung bewährter Sprachmittler in der Justiz sichern – für dieses Anliegen setzte sich der Vorstand beharrlich ein. Hierfür machte er sich stark seit die ersten Gespräche über das Gerichtsdolmetschergesetz (GDolmG) stattfanden und die ersten Entwürfe dazu vorgelegt wurden: mit Stellungnahmen auf Bundes- und Landesebene. Der BDÜ Nord suchte auch Verbündete außerhalb der Sprachmittlerbranche und fand in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di einen starken Partner. Im September 2023 stellte sich der ver.di-Bundeskongress mit seinen über Tausend Delegierten hinter die Forderungen des BDÜ Nord. „Den „alten Hasen“ zu helfen, ihren Beruf auch weiterhin ausüben zu dürfen, ohne sich einer Nachprüfung unterziehen zu müssen, gehört zum Kerngeschäft der berufsständischen Interessenvertretung,“ erklärt Geschäftsführerin Catherine Stumpp, „damit helfen wir auch der Justiz, die sonst nach Ablauf der Übergangsfrist von einem Tag auf den anderen ohne ihre bewährten Fachkräfte dastünde“. Über die Jahre hat der Verband in vielen Gremien und Kommissionen Stellungnahmen und Einschätzungen zu den verschiedenen Mängeln in Gesetzen in puncto Sprachmittlung abgegeben.

Neue Themen aufgreifen: Corona, KI und Co.

Vom Komparsen zum Hauptdarsteller: Die Künstliche Intelligenz KI

Als die KI sich noch nur als fernes Ereignis am Horizont abzeichnete und bevor sie sich in nahezu allen Lebens- und Arbeitsbereiche ausgebreitet hatte, griff der BDÜ Nord das Thema öffentlichkeitswirksam auf. Im Herbst 2019 veranstalte er eine gutbesuchte Podiumsdiskussion in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin. Als Gast aus der Politik war Falko Mohrs (SPD) bei der Disskussion dabei, seinerzeit MdB und derzeit niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur. Solche Events helfen Sprachmittlern, sich angesichts neuer technischer Herausforderungen zu positionieren. Eine wichtige Botschaft, die die Verbandsvertreter des BDÜ Nord immer wieder vermittelten: Maschinelle Übersetzungen sind zwar durchaus hilfreich, aber ohne menschlichen Sachverstand und sachverständige Endkontrolle geht es nicht. Untermauert durch langjährige Erfahrung in der praktischen Anwendung, kam die Geschäftsführerin und langjährige Vorsitzende des BDÜ Nord Catherine Stumpp zu diesem Thema auch in der jüngeren Vergangenheit in den Medien häufiger zu Wort, etwa im Oktober 2024 im NDR-Fernsehen und im Februar 2025 als Branchenexpertin bei einer Podiumsdiskussion im Institut français in Hamburg.

Unterstützung in unsicheren Zeiten

Um Isolation, Ängste und Auftragsrückgänge während der Coronapandemie erträglicher zu gestalten, organisierte der BDÜ-Nord in diesen herausfordernden Jahren regelmäßig den virtuellen „Mittwochstalk“ für seine Mitglieder und Interessierte. In diesen sehr beliebten Gesprächsrunden berichteten Fachleute über neue Themen, Sprachmittler sprachen über Spezialisierungen und es gab viel Gelegenheit für persönlichen Austausch in der durch Lockdown und Anspannung geprägten Situation.

Auf aktuelle Themen wies der BDÜ Nord auch in der Öffentlichkeit hin, woraufhin die Regionalpresse und der NDR häufiger über unsere Anliegen berichteten.

Gemeinsam fit für die Zukunft:

Seminare und Preise

Die Seminare im Angebot des BDÜ Nord boten Gelegenheit, über technische Neuerungen, neueste Branchentrends, Fachsprache, Selbstmarketing und mehr dazuzulernen. Ein Ziel des Schulungsprogramms ist, Sprachmittler auf zukünftige Anforderungen vorzubereiten und ihnen Anregungen für zusätzliche mögliche Dienstleistungen anzubieten, wie Terminologie, Transkreation und mehr. Besonders beliebt ist das Seminar in redaktioneller Nachbearbeitung maschineller Übersetzungen (Maschine Translation Post Editing, kurz MTPE), das sich sehr großer Beliebtheit erfreut. Die Vorsitzende Ilka Waßman bedankt sich herzlich bei allen hochmotivierten Referenten, die für den BDÜ Nord inspirierende Seminare geleitet haben.

Um eine qualifizierte und zukunftsträchtige Ausbildung in der Branche anzuerkennen und aufrechtzuerhalten, vergab der BDÜ Nord regelmäßig Preise und Deutschlandstipendien für Studierende. Bereits seit den Neunzigerjahren verlieh er jährlich den Förderpreis für die erfolgreichsten Masterarbeiten in übersetzungsrelevanten Fächern der Uni Hildesheim. Von 2019 bis 2025 finanzierte der BDÜ-Nord zudem gemäß Mitgliederbeschluss jährlich drei Deutschlandstipendien in Translationswissenschaften; davon je eines an der Universität Hildesheim, der Hochschule Flensburg und zusätzlich an der Universität Hamburg für Gebärdensprachdolmetschen. Das Deutschlandstipendium wird je zur Hälfte von Förderern und aus Steuergeldern bezahlt und ist vom Bundesforschungsministerium initiiert.

Die treibende Kraft: Eine vielfältige Truppe mit hoher Motivation

Der Verband lebt von denen, die sich aktiv für ihn einsetzen. Regelmäßig fuhren Vorstände und Mitglieder durch Norddeutschland und die Republik, um auf Wirtschaftsmessen, Berufemessen und Fachtagungen für die Branche zu werben. Sie wirkten obendrein im DIN-Ausschuss für Leichte Sprache, der europäischen Vereinigung für Gerichtsdolmetscher (European Legal Interpreters and Translators Association EULITA) und vielen weiteren Gremien mit. Das Themenspektrum von Fachkonferenzen, die der BDÜ Nord besuchte, reicht vom Dolmetschen in der Psychotherapie über KI beim Behördendolmetschen bis hin zur Zukunft des E-Learnings in Afrika.

Schlussapplaus: Dank an die Mitwirkenden

Der Vorstand des BDÜ Nord und die Geschäftsführung danken allen, die bei Jahreshauptversammlungen, Stammtischen und Netzwerktreffen dabei waren und insbesondere bei jenen, die sich aktiv eingebracht haben. Jenen, die über die Jahre im Vorstand oder als zuständige Themenreferenten Verantwortung übernommen haben, gebührt unsere Anerkennung und unser Dank, dass sie ihre freie Zeit für uns alle aufgewendet und sich unermüdlich für uns eingesetzt haben.

Auch wenn in der bisherigen Form nun die Lichter langsam erlöschen werden, arbeitet das Vorstandsteam hinter den Kulissen schon an der Fortsetzung der Interessenvertretung für Sprachprofis in einer neuen Form.

Soweit die Darstellung des BDÜ Nord über die Geschehnisse. Wir dokumentieren die Texte hier in voller Länge, weil sie in absehbarer Zeit gelöscht werden dürften; spätestens nach Ablauf des vom Vereinsrecht vorgegebenen Sperrjahres bis zur Löschung aus dem Vereinsregister.

Mehr zum Thema

Richard Schneider