Zum 37. Mal laden die Türkischen Filmtage München ein, in die Filmlandschaften aus und über die Türkei einzutauchen. Zehn Tage lang wird ein umfangreiches und vielfältiges Programm präsentiert mit elf Spielfilmen, neun Dokumentarfilmen und acht Kurzfilmen.
Sie erzählen von Fluchten aus der Realität, von Ungleichheit und Solidarität, vom Frausein und Muttersein, von der Kraft der Kunst und der Fantasie. Sie geben Einblick in das, was die Gesellschaft derzeit bewegt, und in die turbulenten Jahre ihrer Geschichte. Berührend, bewegend und oft mit einer gehörigen Prise Humor.
Zahlreiche Gäste aus der Türkei werden ihre Filme persönlich vorstellen und mit dem Publikum ins Gespräch gehen. In einem Podiumsgespräch am 18. April werden die als Ehrengast geladene Schauspielerin Nur Sürer, die Schauspielerin Hayal Kaya und die Regisseurin Emine Emel Balcı über ihre Erfahrungen als Frauen in der Welt des Films sprechen (in türkischer Sprache).
Den Auftakt im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele am Freitag, 17. April macht ein Filmklassiker aus dem Jahr 1989: UÇURTMAYI VURMASINLAR – LASST DEN DRACHEN FLIEGEN, der in der Türkei damals zum besten Film des Jahres gekürt wurde. Der Film spielt im Nachgang des Militärputsches von 1980 in einem türkischen Frauengefängnis und erzählt von der Beziehung zwischen einer jungen politischen Gefangenen und einem 5-jährigen Kind, das dort mit seiner inhaftierten Mutter lebt. Die Hauptdarstellerin Nur Sürer, die seit über 40 Jahren mit ihrer ausdrucksstarken Performance das türkische Kino prägt, ist Ehrengast des Festivals und wird mit einem Preis für ihr Lebenswerk geehrt. Anschließend entführt DJ Funshine auf der Festivalparty musikalisch nach Istanbul – mit Sounds zum Tanzen und Feiern. Das weitere Programm findet im Royal Filmpalast und im Gasteig HP8 statt.
Der Film BURADAYIM İYİYİM – I’M HERE, I’M FINE (18.04.) von Emine Emel Balcı, die auch an dem Podiumsgespräch teilnimmt, dreht sich um die Situation einer jungen Frau, die sich in ihrer Rolle als berufstätige Mutter überfordert fühlt und endlich etwas für sich selbst tun will. Ein starker Film, der Frauen eine Stimme gibt, die für sich neue Wege finden.
Vor einem ganz anderen Problem mit dem Muttersein steht die Ukrainerin Lia im neuen Film von Özcan Alper, ERKEN KIŞ – EARLY WINTER (23.04.). Sie wurde als Leihmutter von einem Istanbuler Paar engagiert, muss aber nun das Kind, das sie zur Welt gebracht hat, verlassen. Auf der mehrtägigen Fahrt entlang der Schwarzmeerküste zur georgischen Grenze entscheidet sich ihr Schicksal.
Die als starke Geschichtenerzählerin bekannte Regisseurin Pelin Esmer präsentiert ihr jüngstes Werk auf dem Festival selbst. O DA BİR ŞEY Mİ – AND THE REST WILL FOLLOW (22.04.) ist ein poetischer Film über zwei Menschen, die sich unter ungewöhnlichen Umständen kennenlernen und eine Beziehung zwischen Realität und Fiktion entwickeln, die die Kraft zu haben scheint, räumliche und soziale Grenzen zu überwinden.
Unerwartet poetisch entwickelt sich auch das Erstlingswerk des Regisseurs Murat Fıratoğlu, HEMME’NİN ÖLDÜĞÜ GÜNLERDEN BİRİ – ONE OF THOSE DAYS WHEN HEMME DIES (18.04.), das eigentlich mit einem Racheplan beginnt. Der Film gewann überraschend den Special Orizzonti-Preis in Venedig.
Außergewöhnlich viele auf internationalen Festivals ausgezeichnete Filme stehen dieses Jahr auf dem Programm, darunter zwei Sundance-Preisträger. Diese beiden Filme sind auch deshalb etwas Besonderes, weil sie von nicht-türkischen Regisseuren stammen. ÖLDÜRDÜĞÜN ŞEYLER – THE THINGS YOU KILL (19.04.) wurde von dem iranischen Regisseur Alireza Khatami in der Türkei gedreht und erzählt die faszinierende Geschichte der Rache eines Sohnes an seinem Vater, die zu einer Konfrontation mit den eigenen Dämonen wird. In seinem ersten Spielfilm DJ AHMET (24.04.) lässt der nordmazedonische Regisseur Georgi M. Unkovski die in seinem Heimatland lebenden, türkischsprachigen Yörüken zum Technobeat über die Felder tanzen. Ein humorvoller Film über jugendliche Rebellion und die erste Liebe.
Eine internationale Produktion ist auch der jüngste Film des in New York lebenden türkischen Regisseurs Tolga Karaçelik. Es ist der erste englischsprachige Film des international erfolgreichen Regisseurs, besetzt mit einem hochkarätigen Staraufgebot. Steve Buscemi, John Magaro und Britt Lower brillieren als Serienkiller im Ruhestand, erfolgloser Schriftsteller und entnervte Ehefrau in der schrägen Komödie PSYCHO THERAPY: THE SHALLOW TALE OF A WRITER WHO DECIDED TO WRITE ABOUT A SERIAL KILLER (20.04.), zu deren Vorstellung Tolga Karaçelik selbst anwesend sein wird.
Mit viel Ironie wartet auch der Film PERDE – CURTAIN (19.04.) des Regisseurs Özkan Çelik auf. In temporeichen Dialogen und spitzfindigen Konstellationen nimmt er die Doppelmoral der Mittelklasse aufs Korn und stellt die Frage, wie viel moralische Ansprüche noch zählen, wenn es um die eigenen Interessen geht.
Düsterer geht es hingegen in dem Film IDEA (21.04.) des renommierten Regisseurs Tayfun Pirselimoğlu zu, einer schmerzhaft-ironischen Auseinandersetzung mit dem kafkaesken Gefühl der Ohnmacht im Angesicht von Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch. Ein argloser Mann wird beschuldigt, Kopf einer kriminellen Geheimorganisation zu sein und gerät in ein undurchsichtiges Katz-und-Maus-Spiel. Tayfun Pirselimoğlu wird seinen Film persönlich vorstellen.
Auch Regisseur Seyfettin Tokmak ist mit seinem auf dem Black Nights Festival in Tallinn ausgezeichneten Erstlingswerk persönlich zu Gast. TAVŞAN İMPARATORLUĞU – THE EMPIRE OF THE RABBITS (19.04.) erzählt die berührende Geschichte eines Kindes, das unter der unbarmherzigen Last der Erwachsenenwelt leidet und sich in eine Welt der Fantasie flüchtet. Das „Reich der Kaninchen“ wird zu seinem einzigen Rückzugsort.
Dokumentarfilme zur Geschichte und Gegenwart der Türkei
Die neun Dokumentarfilme des Festivals setzen sich mit Geschichte und Gegenwart der Türkei auseinander. BÖLÜK PÖRÇÜK – ALL OVER THE PLACE (23.04.) dokumentiert die ganze Bandbreite des vielfältigen künstlerischen Schaffens des 2013 verstorbenen, international geachteten Schauspielers Tuncel Kurtiz vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei seit den 60er Jahren.
Die Musikgruppe Kardeş Türküler (Songs of Fraternity) ist im Kontext von Veränderungen in der türkischen Gesellschaft entstanden. In der Dokumentation KARDEŞ TÜRKÜLER İLE 30 YIL – 30 YEARS WITH SONGS OF FRATERNITY (24.04.) wird gezeigt, wie die Gruppe, deren Repertoire die ganze Bandbreite der musikalischen Traditionen Anatoliens aufgreift, zum Symbol für den Zusammenhalt der verschiedensten ethnischen Gruppen wurde. Die Regisseurin Ayşe Çetinbaş ist anwesend.
Brisant und aktuell ist die Dokumentation GÖNÜLLÜ – THE VOLUNTEER (25.04.). Im Mittelpunkt stehen die ehrenamtlichen Aktivistinnen der Plattform „We Will Stop Femicide“ (KCDP), die sich für die Opfer von Femiziden einsetzt und selbst mit einem Verbotsverfahren bedroht wurde. Eine der Regisseurinnen, Münire Armstrong, wird den Film vorstellen und über die Arbeit der Organisation berichten.
Politische Repression wirkt sich auch auf den Schaffensprozess von Künstlern aus. In dem Film GÖRÜNÜR GÖRÜNMEZ – SEEN UNSEEN (26.04.) formen sechs Arbeiten von acht Regisseuren eine kollektive Erzählung über Zensur und Selbstzensur. Die sehenswerte Anthologie macht die Grenzen und die Fragilität künstlerischer Produktion unter repressiven Bedingungen in einer experimentellen Filmsprache sichtbar.
Auch in den Anfangsjahren der türkischen Republik stand freie Meinungsäußerung unter Druck. Das wird in der beeindruckenden Dokumentation ROMAN GİBİ – LIKE A NOVEL (26.04.) über das Leben der ersten Journalistin und bedeutenden Publizistin Sabiha Sertel deutlich. Sie wurde politisch verfolgt und starb 1968 im Exil. Sogar in ihrer Familie wurde ihre Existenz lange Zeit verschwiegen.
Während der 1930er Jahre fanden wiederum viele von den Nationalsozialisten verfolgte Deutsche eine Heimat in der Türkei. Die Geschichte eines dieser Exilanten erzählt der Film TRAUGOTT (25.04.) des deutschen Regisseurs Dirk Schäfer. Traugott Fuchs war ein angesehener Akademiker, der auch nach 1945 in der Türkei blieb. Der Film öffnet den Blick auf einen idealistischen Mann, der ein reiches Erbe hinterließ.
Das Leben zwischen verschiedenen Kulturen ist auch Gegenstand des Films YERLİ YURTSUZ – ROOTLESS RESIDENT (25.04.). Ein Porträt des armenisch-türkisch-kurdischen Yervant Demirci, der versucht, sich mit seinem kulturellen Erbe zu verbinden, und eine neue Heimat in Armenien findet.
Mit der urbanen Transformation Istanbuls beschäftigt sich BİR GARİP RÜYA RENGİ – A STRANGE COLOUR OF DREAM (26.04.), ein intimes filmisches Porträt von Ertil Ayaydın, dem Großvater der Regisseurin Yasemin Akıncı. Der in Istanbul lebende, pensionierte Architekt arbeitet Tag für Tag an seinen imaginären 3D-Projekten, während sich die Stadt um ihn herum in atemberaubendem Tempo verändert. Yasemin Akıncı ist während der Vorstellung anwesend.
In eine ganz andere Welt entführt KEÇİ 501 – GOAT 501 (25.04.). Das Dokudrama begleitet den kleinwüchsigen Hirten Cengiz, der an der Schwarzmeerküste ein Leben außerhalb der Grenzen von Wirtschaft, Gesellschaft und Zeit führt und allmählich eins wird mit seiner Ziegenherde.
Zum Abschluss des Festivals wartet auch dieses Jahr wieder ein herausragendes Kurzfilmprogramm (26.04.) auf die Vergabe des Publikumspreises. Hier treffen unterschiedliche ästhetische Ansätze und Erzählformen aufeinander. Manche der acht Filme widmen sich einer persönlichen Erinnerung, andere einer gegenwärtigen Bruchstelle, wieder andere suchen in experimentellen Formen nach Ausdruck.
OmU
Die Filme werden im türkischen Original mit englischen oder deutschen Untertiteln gezeigt, PSYCHO THERAPY im englischen Original mit türkischen Untertiteln. Das Podiumsgespräch und die Filmworkshops für Kinder werden ausschließlich auf Türkisch angeboten.
Veranstalter: SinemaTürk Filmzentrum e.V., Filmstadt München e.V., Münchner Stadtbibliothek. Förderer: Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Migrationsbeirat München. Hauptsponsor: Allianz, Murat Lekesiz und Vasistdas. Kooperationspartner: Münchner Kammerspiele.
Ausführliches Programmheft und Tickets für alle Vorstellungen im Vorverkauf auf der Website tuerkischefilmtage.de.
PM TFM
