Die Mitgliederzahl des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) ist bereits seit zehn Jahren rückläufig. Von 7.908 Einzelmitgliedern im Jahr 2015 ging sie auf 6.846 im Jahr 2025 zurück. Das entspricht einem Rückgang um 13,43 Prozent.
In den Jahrzehnten davor war sie noch stetig angestiegen: Zum Beispiel von 5.167 im Jahr 2005 auf 7.908 im Jahr 2015, was einem Wachstum um sagenhafte 53,05 Prozent entspricht.
Im Jahr seiner Gründung (1955) verfügte der BDÜ als Zusammenschluss mehrerer regionaler Verbände über lediglich 580 Einzelmitglieder (ohne Berlin).
Ursachen im Wesentlichen nicht verbandsspezifisch
Seit die Mitgliederzahlen rückläufig sind, hält sich der Verband mit deren Publikation merklich zurück.
Zwar ist der BDÜ nicht in Bestform und macht bisweilen einen dysfunktionalen Eindruck, aber der Rückgang der Mitgliederzahlen hat im Wesentlichen externe Gründe, unter denen auch die meisten anderen Übersetzerverbände im In- und Ausland leiden.
Lavieren in Sachen GDolmG sorgt für Unmut
Selbst verursacht ist allerdings der Groll in der Mitgliedschaft in Sachen Gerichtsdolmetschergesetz (GDolmG), der zu einzelnen Austritten geführt hat.
Die jahrelange und noch andauernde Auseinandersetzung mit dem von unfähigen Politikern stümperhaft zusammengeschusterten Gerichtsdolmetschergesetz hat der BDÜ dem deutlich kleineren ADÜ Nord überlassen.
Dieser brachte in einer enormen Kraftanstrengung eine gut ausgearbeitete und überzeugende Verfassungsbeschwerde auf den Weg. Das Bundesverfassungsgericht hat sich allerdings nicht damit befasst und verwies darauf, dass zunächst der Weg über die Verwaltungsgerichte auszuschöpfen sei, was derzeit geschieht.
Dass das neue Gesetz keinen Bestandsschutz vorsieht und damit allen – auch jahrzehntelang etablierten – Gerichtsdolmetschern die ursprünglich lebenslang erteilte allgemeine Beeidigung entzieht, hat der BDÜ nicht nur achselzuckend hingenommen, sondern sogar begrüßt.
Tausende von Betroffenen hatten den Eindruck, dass der Verband damit den eigenen Mitgliedern in den Rücken fällt.
Demografischer Wandel
Die entscheidenden Ursachen für rückläufige Mitgliederzahlen sind jedoch gesamtgesellschaftlicher Natur.
Zum einen schlägt der demografische Wandel nun unerbittlich zu. Die deutsche Gesellschaft vergreist in besonders starkem Maß und die Studentenzahlen gehen allgemein zurück – nicht nur in den Studiengängen der angewandten Sprachwissenschaft.
Die Universität Düsseldorf verzeichnet zum Beispiel einen Rückgang von 37.526 Studenten (Allzeithoch im WS 2019/20) auf 29.241 (WS 2023/24). Das ist ein Rückgang um 22 Prozent in nur 4 Jahren in einer der attraktivsten Städte der Republik.
Am größten Institut für Übersetzer und Dolmetscher, dem FTSK Germersheim der Universität Mainz, ging die Zahl der Eingeschriebenen von 2.258 im Wintersemester 2004/05 auf nur noch 862 im WS 2024/25 zurück. Das entspricht einem Rückgang um 62 Prozent innerhalb von 20 Jahren.
Kleinere Studiengänge wie die „Internationale Fachkommunikation“ (Bachelor und Master) an der Hochschule Flensburg werden bereits abgewickelt.
In der Folge sterben in den Verbänden die geburtenstarken Jahrgänge der Mitglieder weg, aber es rücken kaum noch junge Berufseinsteiger nach.
MÜ und KI größte Nägel im Sarg der Branche
Noch schwerwiegender als der Geburtenrückgang ist für die Übersetzungsbranche der Umstand, dass sich Jugendliche kaum noch für die klassischen Übersetzerstudiengänge entscheiden, obwohl der Anteil der Fremdsprachen-Begeisterten in einem Jahrgang unverändert hoch sein dürfte. Die Ausbildungsinstitute und Hochschulen versuchen, dem entgegenzuwirken und ihre Angebote zukunftsfest zu machen – durch Neukonzipierung und Umbenennung der Bildungs- und Studiengänge.
Wegen der anhaltenden Erfolge der maschinellen Übersetzung im Zusammenspiel mit künstlicher Intelligenz räumen gerade junge Menschen dem Beruf des Übersetzers und Dolmetschers aber nur noch geringe Zukunftschancen ein.
Die Institute müssen schon seit Jahren zum Beispiel mit Schnuppertagen (vor Ort und online) aktiv um Einschreibungen werben, während in den 1980er Jahren Studienanfänger zum Beispiel in Germersheim noch durch einen Numerus clausus in beliebten Sprachen wie Englisch abgewehrt wurden.
Fatalismus unangebracht, aber Blütezeit des Berufs vorbei
Der sich in der Allgemeinheit verfestigende Fatalismus hinsichtlich der Zukunftsperspektiven der Übersetzungsbranche ist in seiner Pauschalität falsch.
So gibt es Bereiche der Branche, die von MÜ und KI vollkommen unberührt bleiben, wie etwa das Urkundenübersetzen und Gerichtsdolmetschen. In der Gerichtsdatenbank unter justiz-dolmetscher.de sind immer noch 24.927 in diesem Bereich tätige Personen verzeichnet.
Berufsgruppe bleibt bestehen, wird aber kleiner
Übersetzer und Dolmetscher – gerade die hoch qualifizierten – werden auch künftig benötigt. Das Berufsbild wandelt sich jedoch stark. Und während das Übersetzungsvolumen weiter zunimmt, dürfte die Zahl der Beschäftigten in der Übersetzungsbranche zurückgehen.
Damit verringert sich auch das Gewicht, die Bedeutung und der Einfluss einer Branche, deren Belange heute schon von der Politik ignoriert und mit Füßen getreten werden.
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Richard Schneider
