Ein in Stuttgart 1942 erschienener Zeitungsartikel von Martha-Maria Bosch beleuchtet die Rolle der Wehrmachtsdolmetscher im Zweiten Weltkrieg. Bosch war eine in der Nähe von Stuttgart lebende Schriftstellerin, die hauptsächlich Kinder- und Jugendbücher verfasste.
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Ein Kapitel vom Sprachmittler im Kriege
Ueber den Dolmetscher im Kriege ist noch wenig geschrieben worden. Und doch leistet der Sprachmittler im stillen wertvollste Arbeit. Auf Grund einer Unterhaltungmit einem Dolmetscher ist der folgende Aufsatz entstanden, der freilich auch bei weitem noch nicht das ganze Aufgabengebiet umfaßt, aber doch einen Einblick in die verantwortungsvolle Arbeit des Sprachmittlers gewährt.
Daß wir uns den Krieg heute nicht ohne den Sprachmittler oder Dolmetscher, wie wir ihn auch nennen, denken können, hat wohl seinen Grund darin, daß wir von der Wichtigkeit und Größe seiner Aufgabe überzeugt sind. Und doch scheint es noch Menschen zugeben, die in dem Sprachmittler einen Manu sehen, der rein mechanisch, entweder mündlich oder schriftlich, das zu übersetzen hat, was gerade von ihm gefordert wird. Wenn es aber tatsächlich so wäre, dürften wir sicher sein, daß im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten längst schon ein Dolmnetscher-Automat erfunden wäre, der auf der einen Seite einen bestimmten Text aufnimmt, um ihn auf der anderen, mittels Lautsprecher, übersetzt wiederzugeben.
Schon die Erlernung einer Fremdsprache ist bei den einzelnen Menschen verschieden. Die meisten lernen eine Sprache instinktiv, das heißt, genau so, wie sie als Kind die Muttersprache gelernt haben. Die anderen ziehen dagegen die rein methodische, zweifellos mühsamere Lernweise vor; sie dringen zuerst in die Grammatik ein, lernen Vokabeln und bauen schließlich das Ganze zusammen. Die einen sind die sogenannten Praktiker, die anderen die Theoretiker. Selten trifft man beides an, nämlich den Praktiker, der sein Wissen theoretisch gründlich unterbaut oder den Theoretiker, der noch längere Zeit praktiziert.
Wenn nun einer behauptet: „Ich spreche perfekt französisch“, dann taucht unwillkürlich die Frage auf: „Und wie steht es mit deiner Muttersprache?“ Es ist tatsächlich so, daß nur derjenige, der in seiner eigenen Sprache vollkommen sicher ist und sie ganz erfühlt hat, auch eine Fremdsprache einigermaßen beherrschen mag. Das Sicheinfühlen in eine andere Sprache, der Ton, mit dem eine bestimmte Stelle hervorgehoben wird, das Zwischen-den-Zeilen-Lesen und jenes gewisse Fingerspitzengefühl für die klanglichen Feinheiten, das sind Fähigkeiten, die der Dolmetscher besitzen muß. Die Erfahrung lehrt, daß nur wenige Menschen eine Fremdsprache bis in die kleinsten Einzelheiten erfaßt und bis zur letzten Vollkommenheit erlernt haben und selbst dann noch nicht immer Sprachmittler sein können. Daran ermessen wir, wie unendlich weit und vielververzweigt das Arbeitsgebiet des Dolmetschers ist.
Schon vor Ausbruch des Krieges hat die Reichsfachschaft für das Dolmetscherwesen in Deutschland in der Erfassung und Weiterbildung der Sprachmittler eine große Vorarbeit geleistet, die jetzt unserer Wehrmacht sehr zustatten kommt. Die Bedeutung des Sprachmittlers kommt heute bei diesem gewaltigen Ringen, zu dem sich ganz Europa in seinem Existenzkampf zusammengefunden hat, zu seiner ganzen Bedeutung: Gewandtheit, Sicherheit im Auftreten, Geistesgegenwart, rasche Auffassung, gute Formulierung des Uebersetzten sowohl in der Mutter- als auch in der Fremdsprache selbst.
Von der Tätigkeit des Dolmetschers hängt oft sehr viel ab und vor allen Dingen bedarf es einer ungemein pünktlichen und zugleich raschen Arbeitsweise. Da sind zum Beispiel Befehle in Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten in die betreffende Sprache zu übersetzen, dort werden Gefangene verhört, deren Aussagen sauber und flink übersetzt, uns vor Verlusten hüten und manche wichtigen Wege weisen. Unentbehrlich und von besonderer Wichtigkeit ist die Arbeit des Sprachmittlers bei Staatsverträgen und Verhandlungen zwischen zwei Ländern.
Der Dolmetscher soll sich auch nicht nur in den vielen Sparten der Wehrmacht mit den zahllosen Fachausdrücken, sondern auch in politischen und wirtschaftlichen Fragen, im Gerichtswesen und noch auf vielen anderen Gebieten auskennen, was ein gründliches Allgemeinwissen voraussetzt. Je umfassender der Sprachmittler alle diese Eigenschaften besitzt, desto verantwortlicher ist der Posten, an dem er eingesetzt wird. Er ist nicht nur beim Stab, oft sogar in vorderster Linie zu finden und von manch einem wird ein kühnes „Reiterstückchen“ erzählt, bei dem nicht nur die Fähigkeiten als Fremdsprachler, vielmehr Mut und Entschlußkraft entscheidend waren. Darum trägt auch der Dolmetscher heute einen großen Teil zur Erreichung unseres gemeinsamen Zieles, des Endsieges, bei, und viele von ihnen haben schon ihr Leben für die Zukunft und die Größe unseres Vaterlandes dahingegeben.
Martha-Maria Bosch
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Quelle: Stuttgarter NS-Kurier; Tageszeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur; Amtsblatt für den Stadtkreis Stuttgart; Gauorgan der NSDAP mit Regierungs-Anzeiger, vom 11.12.1942.
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red
