Systemrelevant: Sprachmittlerberuf rückt 1943 „in Vordergrund der öffentlichen Betrachtung“

Deutsche Zeitung in den Niederlanden
„Sprachmittler-Kurse: Russische Sonderlehrgänge in Paris“ ist ein Artikel in der Deutschen Zeitung in den Niederlanden vom 13.02.1943 überschrieben. - Bild: Nationalbibliothek der Niederlande

Übersetzer und Dolmetscher sind es gewohnt, dass ihnen von der Politik keine sonderliche Relevanz beigemessen wird. Seit Jahrzehnten müssen sich die Hochschulen gegen Mittelkürzungen wehren. Ein deutschlandweites Konzept zur Abdeckung des Bedarfs an Sprachmittlern für die am dringendsten benötigen Fremdsprachen existiert nicht.

Bei Forderungen an den Gesetzgeber schafft es die mit rund 40.000 Angehörigen zahlenmäßig recht kleine Branche nur im Schulterschluss mit anderen Berufsgruppen, sich Gehör zu verschaffen. In Sachen JVEG und GDolmG sind dies etwa die als gesellschaftlich wichtiger betrachteten Anwälte, von denen es 2019 165.000 gab.

In 1930er Jahren wurden Sprachmittler systemrelevant

In der Zeit des Nationalsozialismus war dies anders: Dem Übersetzen und Dolmetschen und der Neuordnung der Branche durch die Reichsfachschaft für das Dolmetscherwesen (RfD) wurde staatspolitisch eine große Bedeutung beigemessen.

Allerdings nicht deshalb, weil es sich beim Übersetzen um „eins der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltwesen“ (Goethe) handelt, sondern weil Sprachmittler zur Vorbereitung und Durchführung von Angriffskriegen benötigt wurden.

Dolmetscher-Institut der Universität Heidelberg im Krieg weiterbetrieben

Das 1931 an der Mannheimer Handelshochschule gegründete und 1934 an die Universität Heidelberg verlagerte damalige Dolmetscher-Institut (DI) war 1939 das zahlenmäßig bestbesuchte nichtmedizinische Institut der Universität; eine Situation, die heute unvorstellbar wäre.

Im Wintersemester 1934/35 waren lediglich 84 Studierende eingeschrieben. Im Sommersemester 1943, also mitten im Zweiten Weltkrieg, belief sich deren Zahl hingegen auf 643. Das ist mehr als eine Versechsfachung der Einschreibezahlen innerhalb von neun Jahren.

Im Gegensatz zu allen anderen Einrichtungen der Universität führte das DI seinen Betrieb über die gesamte Kriegszeit fort (1939 bis 1945). Denn die Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern wurde als „kriegsrelevant“ eingestuft.

Russisch-Dolmetscher zur Verwaltung des „neugewonnenen Ostraums“ gesucht

Auf ein weiteres Indiz für die Bedeutung, die der Rekrutierung geeigneter Dolmetscher beigemessen wurde, sind wir bei Recherchen eher zufällig gestoßen. In einem Artikel, den die Deutsche Zeitung in den Niederlanden am 13. Februar 1943 veröffentlicht hat werden Sprachmittler für die russische Sprache gesucht.

Diese sollen in Sonderlehrgängen in Paris für die Verwaltung und wirtschaftliche Erschließung des „neugewonnenen Ostraums“ausgebildet werden. Der Bedarf war so groß, dass „auch die Sprachmittlerin […] von nun an in verstärktem Masse zur Lösung dieser Aufgaben herangezogen“ werden sollte.

Ein Autor des Textes wird nicht genannt. Es steht aber zu vermuten, dass der Beitrag von der Reichsfachschaft für das Dolmetscherwesen zugeliefert wurde. Die RfD stand Zeit ihres Bestehens unter der Leitung von Reichsfachschaftsleiter Otto Monien.

Sprachmittlerberuf „rückt in Vordergrund der öffentlichen Betrachtung“

In dem Artikel heißt es:

Sprachmittler-Kurse

Russische Sonderlehrgänge in Paris

Amsterdam. Bei der grossen Ausdehnung des besetzten Raumes im Osten – mit seinen dicht besiedelten und kriegswirtschaftlich wichtigen Gebieten – rückt der Sprachmittlerberuf in den Vordergrund der öffentlichen Betrachtung.

Der Sprachmittler wirkt an der Durchführung aller Aufgaben mit, die eine besondere Kenntnis der Eigenart des fremden Landes und seiner Sprache voraussetzen. Seine Sprach- und Fachkenntnisse sind für die Lösung zahlreicher Fragen militärischer, wirtschaftlicher, verwaltungstechnischer und kulturpolitischer Art unentbehrlich.

Zu Beginn des Ostfeldzuges haben sich die besten Fachkräfte der Wehrmacht zur Verfügung gestellt. Aber die Zahl der Anforderungen wächst. Der neugewonnene Ostraum muss verwaltet und wirtschaftlich erschlossen werden. Wer also seine Sprachkenntnisse zur Verfügung stellt, hilft tatkräftig mit , die Enge des deutschen Raumes zu überwinden und die Ernährung des deutschen Volkes sicherzustellen. Auch die Sprachmittlerin wird von nun an in verstärktem Masse zur Lösung dieser Aufgaben herangezogen.

Die Reichsfachschaft für das Dolmetscherwesen hat auf Wunsch der zuständigen Stellen die beschleunigte Ausbildung der russischen Sprachmittler-Reserven übernommen. In dem Unterrichtsplan sind neue russische Abend- und Tages-Sonderlehrgänge vorgesehen; sie werden durch Lehrgänge für die Umschulung von Sprachmittlern ergänzt, die eine verwandte Sprache beherrschen: Bulgarisch, Kroatisch, Tschechisch, Serbisch, Polnisch. Ukrainische und weissruthenische Sprachmittler sind natürlich – genau so wie russische – besonders erwünscht. Voraussetzung für die Teilnahmeberechtigung sind gewisse Grundkenntnisse (Russisch, Ukrainisch, Weissruthenisch) oder Beherrschung der im Zusammenhang mit der Umschulung genannten Sprachen.

Wer für diese Sonderlehrgänge In Frage kommt, schicke folgende Angaben an die Dienststelle der Feldpost-Nr. 43 071 D.: a) Dienstgrad, Vor- und Zuname, b) Geburtsdatum, c) Beruf (eventuell auch frühere), d) Feldpost-Nummer, e) genaue Angabe der Sprachkenntnisse, wann, wie und wo erworben, f) Schulbildung.

RfD hatte 13.000 Mitglieder

Die RfD hatte gut 13.000 Mitglieder, also deutlich mehr als alle heutigen Sprachmittlerverbände in Deutschland und Österreich zusammengenommen. Und das, obwohl sie keine Monopolstellung bei der Vermittlung von Übersetzern und Dolmetschern besaß und kein Zwang zur Mitgliedschaft bestand, denn sie war keine Kammer.

Ihr Erfolg dürfte in erster Linie auf die Möglichkeiten zur Fortbildung und Vernetzung zurückzuführen sein. Ihre der Fortbildung dienenden und weitgehend unpolitischen Lehrhefte für Übersetzer, die für verschiedene Sprachen monatlich erschienen, sind auch heute noch antiquarisch erhältlich.

Durch die marktbeherrschende Größe der RfD und fehlende berufsverbandliche Konkurrenz dürfte für Sprachmittler aber ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Druck entstanden sein, ihr beizutreten.

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