Deutsch als Wissenschaftssprache vs. Englisch als Lingua franca?

Seit vielen Jahren wird das Verschwinden der deutschen Sprache aus der Wissenschaft heiß diskutiert. In vielen Disziplinen gewinnt das Englische nämlich zunehmend an Bedeutung. So auch in der Wissenschaft. Deutsche Wissenschaftler publizieren ihre Aufsätze und Forschungsbeiträge vorwiegend in englischer Sprache. Nur noch ein Prozent der naturwissenschaftlichen Publikationen erscheinen auf Deutsch. Zudem werden Tagungen, Konferenzen und sogar Vorlesungen mit ausschließlich deutschsprachigen Teilnehmern bzw. Studierenden an deutschen Universitäten immer häufiger auf Englisch abgehalten. Und das, obwohl man sich in seiner Muttersprache pointierter und präziser ausdrücken kann als in einer Fremdsprache. Das Sprachniveau der nicht englischsprachigen Wissenschaftler lässt oftmals zu wünschen übrig.

Grund für dieses Phänomen ist: Alle führenden Zeitschriften liegen in US-amerikanischer Hand. “Die deutschen Naturwissenschaftler müssen auf Englisch schreiben, um in diesen Zeitschriften publizieren zu können. Sie schreiben also in einer Fremdsprache und konkurrieren dabei mit anderen Wissenschaftlern, für die das Englische die Muttersprache ist. Dazu kommt: Auch die wissenschaftlichen Standards werden auf diese Weise von der US-amerikanischen Wissenschaft festgelegt. Dadurch wird auf lange Sicht international die Vielfalt an Wissenschaftskulturen eingeschränkt”, sagt der Chemnitzer Germanist Winfried Thielmann. Es geht hier also zentral um die Frage der Gleichberechtigung. In diesem Zusammenhang muss man jedoch anmerken, dass die Deutschen Deutsch als Wissenschaftssprache auch benutzen und pflegen müssen. Eine Lösung liegt zum Beispiel darin, mehr in Übersetzungen zu investieren.

In etwa 600 Studiengängen in Deutschland wird teilweise ausschließlich in englischer Sprache unterrichtet. Viele stellen sich angesichts der oben beschriebenen Tatsachen die Frage: Stirbt Deutsch als Wissenschaftssprache aus? Sind nichtenglischsprachige Wissenschaftler gegenüber englischen Muttersprachlern im Nachteil? Wird die Mehrsprachigkeit der europäischen Wissenschaft gefährdet? Sprechen die Wissenschaftler eher ein (schlechtes) Pidgin-Englisch? Wird sich Englisch als Lingua Franca in der europäischen Wissenschaft durchsetzen?

Zunächst einmal muss man sagen, dass die Wissenschaft seit jeher international ausgerichtet ist. Der Austausch über die Grenzen hinweg gehört zum wissenschaftlichen Arbeiten selbstverständlich dazu. Der Vorteil liegt also darin, dass sich Forscher und Wissenschaftler weltweit in einer gemeinsamen Sprache über ihre Ergebnisse und Meinungen austauschen können.

Außerdem vertreten immer mehr Wissenschaftler die Ansicht, dass Englisch in einigen Disziplinen wie in den Natur- oder Ingenieurwissenschaften unabdingbar ist. In diesen Fächern ist der Gebrauch der englischen Sprache für das Ansehen eines Forschers äußerst wichtig. Allerdings bedeutet der Verzicht auf die deutsche Sprache als Wissenschaftssprache einen Qualitätsverlust; vor allem, weil eine fremde Sprache die Ausdrucksmöglichkeiten begrenzt.

“Gerade die Geisteswissenschaften leben aber vom Wert ihrer je eigenen Sprachen. Und es sollte heute mehr Anreize geben, sich auf die unterschiedlichen Sprachen einzulassen”, sagt Peter Funke, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Vor allem bei sprachabhängigen Fächern wie der Philosophie werden sich die Wissenschaftler schwerer tun, nicht in ihrer Muttersprache zu schreiben als beispielsweise Physiker oder Mathematiker. Insbesondere in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, gestalte sich dies sicherlich problematisch. “Ich möchte betonen, dass die Sprachenvielfalt gerade auch für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess ein kostbares Gut ist, das wir unbedingt bewahren und pflegen sollten”, so Funke.

Ralph Mocikat, Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS), ist ähnlicher Meinung: “Unsere Denkmuster, das Auffinden von Hypothesen, die Argumentationsketten bleiben – auch in den Naturwissenschaften – stets in dem Denken verwurzelt, das auf der Muttersprache beruht. Wissenschaftliche Theorien arbeiten immer mit Wörtern, Bildern, Metaphern, die der Alltagssprache entlehnt sind. […] Da jede Sprache einen anderen Blickwinkel auf die Wirklichkeit zulässt und individuelle Argumentationsmuster bietet, läuft es auf eine geistige Verarmung hinaus, wenn Lehre und Forschung auf das Englische eingeengt werden”, erklärt er in einem Artikel in der Zeit Online.

Diese Theorie vertrat bereits Wilhelm von Humboldt Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts. Er sagte nämlich, dass unser Denken durch unsere Sprache bestimmt wird. Darüber hinaus erklärte der Sprachphilosoph, dass die Verschiedenheit der Sprachen nicht eine Verschiedenheit von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten ist. Die Sprachen unterscheiden sich also nicht nur in der Aussprache und dem Alphabet, sondern auch und insbesondere in der Art und Weise, wie in der Sprache gedacht wird. Nur in Ausnahmefällen kann ein deutscher Muttersprachler einen Gegenstand so detailliert und reflektiert im Englischen beschreiben wie im Deutschen.

Abschließend ein Zitat von Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, der sich über die Glaubwürdigkeit deutscher Sprachpolitik in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Forschung & Lehre äußert: “Wenn einerseits in Indien derzeit an mehr als 1.000 Schulen Deutsch als Fremdsprache eingeführt wird, wenn das Goethe-Institut in China erfolgreich Sprachlernzentren gründet und wir in Deutschland andererseits dann den Eindruck vermitteln, dass Deutschkenntnisse nicht erforderlich sind, um an unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu arbeiten und zu forschen, dann ist das zutiefst demotivierend.”

Auf der Website des Deutschlandradios ist ein etwa 50-minütiger Vortrag vom Germanisten Jürgen Trabant abrufbar, den er im Januar 2011 in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig gehalten hat.

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2009-02-03: Wissenschaftssprache Deutsch liegt im Sterben

[Text: Jessica Antosik. Quelle: goethe.de, 10/2010, 09/2011; zeit.de, 25.01.2011; bildungsklick.de, 27.04.2012.]