Quatsch mit Soße? Städtische Kantinen in Hannover führen kein Zigeunerschnitzel mehr

Kabarettisten, Comedians und Karnevalisten hatten es bereits 2006 kommen sehen, als damals der Negerkuss aus Gründen der politischen Korrektheit in Schokokuss zwangsumbenannt wurde. „Darf man bald auch nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen?“, fragten die Hofnarren damals auf offener Bühne und ernteten schallendes Gelächter aus dem Publikum. Wer hätte gedacht, dass die Realität die Kabarettisten so schnell einholt?

Wie jetzt bekannt wurde, gibt es schon seit Längerem in den Kantinen aller städtischen Einrichtungen in Hannover kein Zigeunerschnitzel mehr – zumindest nicht unter dieser Bezeichnung. Stattdessen wird es jetzt als Schnitzel Balkan Art oder Schnitzel Budapester Art bezeichnet. Auch der Zigeunergulasch wurde vorsorglich in Paprikagulasch umgetauft.

Mit der Essensausgabe in der rot-grün regierten niedersächsischen Landeshauptstadt sind unter anderem das Rathaus samt Restaurant, das Congresszentrum, die Verkehrsbetriebe, die Stadtwerke sowie das Studentenwerk beschäftigt. Die Regelung beschränkt sich also nicht nur auf die Rathauskantine, sondern zieht etwas weitere Kreise.

Die Stadtverwaltung hatte die Umbenennungen vor Monaten in einem Rundschreiben verfügt, das aus aktuellem Anlass nun erneuert wurde. Die Stadt Hannover legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass man kein Verbot, sondern lediglich eine Empfehlung ausgesprochen habe. Eine Empfehlung, der man sich als Küchenchef freilich kaum entziehen kann, wenn einem der eigene Arbeitsplatz lieb ist.

Forum der Sinti und Roma in Hannover: „Zigeuner“ diskriminierend

Den Stein ins Rollen gebracht hatte das offenbar nur aus wenigen Einzelpersonen bestehende, aber dafür umso aktivere Forum der Sinti und Roma e. V. in Hannover, das bereits vor zwei Monaten versucht hatte, die Hersteller von Zigeunersoßen zu einer Umbenennung ihrer Produkte zu bewegen – bislang erfolglos.

Der Vereinsvorsitzende geht stets nur in Begleitung von ein oder zwei Anwälten vor die Presse, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen.

„Das Wort Zigeuner ist unumstritten diskriminierend.“ Mit dieser Behauptung versucht einer der Anwälte des Forums die Aktion zu begründen. Doch so einfach ist es in diesem Fall nicht, denn das Wort besitzt auch eine verherrlichend-romantisierende Komponente wie sie im Zigeunerschnitzel, der Zigeunersoße und der Zigeunermusik zum Ausdruck kommt.

Mindestens einer der vielen Verbände sowie zahlreiche Musiker der Volksgruppe benutzen das Z-Wort ganz bewusst und voller Stolz als Eigenbezeichnung.

Unverständnis, Kritik und Spott in der Öffentlichkeit

Schon bei der Zigeunersoßen-Aktion im August 2013 hatte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma vor einer dogmatischen Sprachregelung gewarnt und das Hannoveraner Grüppchen zurückgepfiffen. Sinnvoller sei es, zu einem kritischen und reflektierten Sprachgebrauch aufzurufen. Durch Aktionen wie die zur Umbenennung der Zigeunersoße würde das eigentliche Anliegen der Sinti und Roma ins Lächerliche gezogen.

„Ich persönlich esse jederzeit gerne ein Zigeunerschnitzel – und zwar ohne dass ich mich deshalb gleich auf dem Schneidebrett des Metzgers liegen sehe!“, so der Vorsitzende des Bundesrates der Jenischen, Timo Adam Wagner.

Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband hält die Bezeichnung Zigeunerschnitzel für unproblematisch. Für Restaurantgäste sei das Wort sogar positiv besetzt, da es für pikantes Essen und damit für Lebensfreude stünde, sagte eine Verbandssprecherin.

In Internet-Foren stößt die Aktion überwiegend auf Unverständnis. Auf Twitter spöttelt einer: „Darf das Lied ,Zigeunerjunge‘ noch gespielt werden oder gilt es nun als ,entartete Musik‘?“

Der Anfang vom Ende des Zigeunerschnitzels?

Obwohl die Öffentlichkeit mehrheitlich das Hannoveraner Zigeunerschnitzel-Verbot für lächerlich hält und ablehnt, braucht man kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass diese Provinzposse wahrscheinlich der Anfang vom Ende des Zigeunerschnitzels ist.

Schon in wenigen Jahren dürfte sich kein Restaurant mehr trauen, das traditionelle Gericht unter seinem seit Generationen bestehenden Namen auf die Speisekarte zu setzen. Weil es sonst riskiert, dass Linksautonome die Fassade mit Farbbeuteln bewerfen oder der Ortsverein der Grünen oder Linken sich auf dem Bürgersteig aufstellt und „Esst nicht bei Nazis!“ skandiert.

Auch um die weitere Aufführung der Operette „Der Zigeunerbaron“ sollte man sich ernstlich Sorgen machen …

Der Negerkuss ist tot – Es lebe der Schokokuss

Die 2006 erfolgte sprachliche Hinrichtung des Negerkusses war übrigens erfolgreich. Zumindest im Internet kommt der politisch korrekte Schokokuss inzwischen deutlich häufiger vor als der traditionelle Negerkuss, wie die folgende mit GoogleFight erstellte Grafik zeigt:

Negerkuss, Schokokuss

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[Text: Richard Schneider. Quelle: Tagespresse. Bild: Richard Schneider.]