Phoenix klemmt überforderter Dolmetscherin Mikro ab und übernimmt Dolmetschkanal von Konkurrenzsender

Erdogan
Recep Tayyip Erdoğan weilte im September 2018 zu einem mehrtägigen Staatsbesuch in Deutschland.

Spott und Häme erntete auf Twitter die suboptimale Leistung einer vom Dokumentationskanal Phoenix engagierten Dolmetscherin. Diese war angetreten, um bei der Direktübertragung der gemeinsamen Pressekonferenz des türkischen Präsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin für die Fernsehzuschauer zu dolmetschen. Erdoğan und Merkel traten am 28. September 2018 im Bundeskanzleramt vor die Presse.

Der Unmut entbrannte, weil die Dolmetscherin dem Redefluss des Präsidenten kaum folgen konnte und mehrfach den Anschluss verpasste. Ihre Stimme klangt gehetzt, unsicher und der Verzweiflung nah. Zwischendurch waren leichte Seufzer zu hören. Zudem handelte es sich nicht um eine deutsche Muttersprachlerin, was der akustischen Verständlichkeit abträglich war.

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Hier noch ein zweiter Schwung der gnadenlosen Kritik auf dem Kurznachrichtendienst:

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Nachdem sich die Dolmetscherin sechs Minuten lang gequält hatte, erfolgte – wie es schien – ein fliegender Wechsel zu einem anderen Dolmetscher. Dieser bewältigte die Aufgabe mit Bravour – sicher, schnell und verständlich. Auch dies wurde auf Twitter umgehend kommentiert und mit Erleichterung zur Kenntnis genommen:

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In den restlichen 20 Minuten der Pressekonferenz war nur noch der neue Dolmetscher zu hören.

Kein Dolmetscherwechsel – Phoenix übernahm einfach den Dolmetschkanal von Welt und n-tv

Für die Zuschauer hörte sich der Wechsel ganz normal an – wie eine abgesprochene Übergabe in einer doppelt besetzten Dolmetschkabine. In diesem Fall von einer unerfahrenen Kollegin zu einem routinierten Profi.

Vergleicht man jedoch die Aufzeichnungen der Pressekonferenz bei den Nachrichtensendern Phoenix, Welt und n-tv, stellt man überrascht fest, dass auf allen Kanälen derselbe Dolmetscher zu hören ist. Lediglich bei Phoenix wurden die ersten sechs Minuten der Stellungnahme des türkischen Präsidenten von besagter Frau gedolmetscht.

Offenbar hat man bei dem öffentlich-rechtlichen Sender, um die eigene überforderte Dolmetscherin zu erlösen, einfach ihr Mikrofon abgeklemmt und den Dolmetschkanal der privaten Konkurrenzsender aufgeschaltet. Der Wechsel erfolgte in Bruchteilen einer Sekunde genau zwischen zwei Sätzen – ohne Überschneidung.

Kompliment an die Phoenix-Techniker! Diese pragmatische Lösung habt ihr überaus geschickt eingefädelt.

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[Text: Richard Schneider. Bild: Richard Schneider.]

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