Frankfurter Buchmesse 2019: Das Programm des Weltempfangs steht

Weltempfang-Schild
Am Stand "Weltempfang" finden die meisten übersetzungsbezogenen Veranstaltungen statt, seit 2010 das beliebte "Übersetzer-Zentrum" aus Kostengründen nicht fortgeführt wurde. - Bild: Richard Schneider

Als weltweit größte Veranstaltung ihrer Art gehört die Frankfurter Buchmesse alljährlich im Herbst zu den wichtigsten Veranstaltungen für Literaturübersetzer.

Anlaufstelle für alle am Thema Interessierten ist der Stand Weltempfang, das Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung in Halle 4.1, Stand B 81, in dessen Nähe sich auch die Stände des Literaturübersetzerverbands VdÜ und des Fachübersetzerverbands BDÜ befinden.

Neben einer Bühne für Vorträge und Podiumsdiskussionen (mit Dolmetschkabinen) und dem etwas intimeren Salon für Lesungen und kleinere Runden besitzt der Stand auch eine Cafeteria. Dort kann man sich gut vom Messetrubel erholen oder zu Treffen mit Kolleginnen verabreden.

Thema dieses Jahr: Anthropozän – Das letzte Zeitalter?

Der diesjährige Weltempfang der Frankfurter Buchmesse widmet sich dem Verhältnis von Kultur und Natur. Unter der Überschrift “Anthropozän – Das letzte Zeitalter?” stellt sich die unheilschwangere Frage, ob die Epoche des Menschen – das Anthropozän – der Erde den Garaus machen wird. “Ist unser Einfluss auf den Planeten zu extrem geworden?”, fragen sich die Organisatoren. Eine Veranstaltung trägt den fatalistischen Titel “Zwischen Hilflosigkeit und Hoffnung – Leben mit dem Klimawandel”.

Die von der Politik vorgegebenen Weltuntergangsahnungen könnten einem glatt die Laune verderben, wenn sich nicht 11 der 24 Veranstaltungen mit etwas sehr viel Schönerem, nämlich mit dem Thema Sprache und Übersetzung beschäftigen würden. Nachfolgend eine Auflistung der übersetzungsbezogenen Beiträge. Ein Programmheft im PDF-Format scheint es dieses Jahr nicht zu geben.

Podiumsdiskussion
An vielen Podiumsdiskussionen auf der Frankfurter Buchmesse sind Übersetzer beteiligt, wie hier im Jahr 2018. Am Mikrofon Autor David Wagner, in der Mitte der Dolmetscher und Übersetzer Mustafa Al-Slaiman (früher Dozent am FTSK Germersheim), ganz rechts Übersetzer Mahmoud Hassanein, der von seinen Erfahrungen bei der Übersetzung eines Kinderbuchs mit dem “Sams” berichtete. Im Vordergrund ist das schüttere Haupt des UEPO-Herausgebers zu sehen. – Bild: Kalima

Für Übersetzer interessante Veranstaltungen am Weltempfang

(1) Mittwoch, 16.10.2019, 13:30-14:30 Uhr, Bühne, VdÜ
Verleihung der Übersetzerbarke 2019
Der Verband der Literaturübersetzer zeichnet jährlich Personen und Institutionen aus, die sich um das Übersetzen verdient gemacht haben. Die Barke 2019 geht an die Hamburger Buchhandlung Christiansen. Seit vielen Jahren bereitet sie der Literaturübersetzung mit regelmäßigen, stets gut besuchten Übersetzungsveranstaltungen eine Bühne, die das Interesse des Lesepublikums an der Übersetzung weckt und wachhält.
Teilnehmer:
Sigrid Lemke (Hamburg), Buchhändlerin, Buchhandlung Christiansen
Patricia Klobusiczky (Berlin), Vorsitzende des VdÜ, Laudatorin

(2) Donnerstag, 17.10.2019, 12:00-13:00 Uhr, Bühne, VdÜ
N-Wort und Gender-Gap: Wie politisch korrekt sind Übersetzungen?
Was wird im Deutschen aus James Baldwins American Negro? Wie sollen wir den flüchtigen Sklaven in Mark Twains Huckleberry Finn nennen? Welche genderneutralen deutschen Pronomina verwendet die New Yorker LGBTQ-Aktivistin? Können, sollen, dürfen wir an Texte der Fünfziger Jahre oder des 19. Jahrhunderts heutige Maßstäbe anlegen? Und wer entscheidet das? Ein Gespräch über Theorie und Praxis des Übersetzens.
Teilnehmer:
Miriam Mandelkow, Übersetzerin aus dem Englischen
Andreas Nohl, Autor, Herausgeber und Übersetzer aus dem Englischen
Mithu M. Sanyal, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin, Autorin
Moderation: Ingo Herzke, Übersetzer aus dem Englischen

(3) Donnerstag, 17.10.2019, 10:30-12:30 Uhr, Salon, VdÜ
Gläsern Übersetzen
Ursula K. Le Guin, bahnbrechende Autorin fantastischer Literatur, schrieb 1972 den Roman The Word For World Is Forest über den interplanetaren Raubbau an der Natur durch terranische Kolonisatoren. Karen Nölle übersetzt viele Werke der im letzten Jahr verstorbenen Schriftstellerin neu, so auch Das Wort für Welt ist Wald. Heute kann man dabei zusehen, nachfragen, mitreden – Übersetzen transparent gemacht.

(4) Donnerstag, 17.10.2019, 16:30-17:30 Uhr, Bühne, Sheikh Zayed Book Award und Litprom e.V.
Trends in der Kinderliteratur – arabische und deutsche Stimmen
Kinderbücher, ihre Themen, Erzählweisen und Gestaltungsvorlieben spiegeln immer auch die Vorstellungen der jeweiligen Gesellschaft vom Kindsein wider. Welche Ideen zeigen sich im Vergleich von aktuellen Kinderbüchern aus der arabischen Welt und aus Deutschland? Welche Geschichten werden erzählt? Welche Rolle spielt der kindliche Alltag, welche Rolle die Phantasie?
Teilnehmer: Hussain Al Mutawaa, Christiane Raabe, Stephan Trudewind
Moderation: Stefan Weidner

(5) Freitag, 18.10.2019, 12:00-13:00 Uhr, Bühne, Kulturministerium der Tschechischen Republik
Mehr als ein Wort: Václav Havel – Friedenspreisträger 1989
Im Oktober 1989 erhielt Václav Havel den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den er nicht persönlich entgegennehmen konnte. Havels vorgetragene Preisträgerrede „Ein Wort über das Wort“, in der es über die Macht von und den verantwortungsvollen Umgang mit Worten geht, ist heute aktueller denn je. Was können wir aus der Geschichte lernen? Wie mächtig sind Worte? Was darf heute wo und wie gesagt werden?
Teilnehmer: Hans Maier, Michael Žantovský, Alexander Aleksejewitsch Drozdow
Moderation: Josef Joffe

(6) Freitag, 18.10.2019, 15:00-16:00 Uhr, Bühne, Deutsches Literaturarchiv Marbach
Was wäre die (Welt-)Literatur ohne Übersetzer? – Die Rolle der Übersetzung im Literaturbetrieb
Übersetzungen halten die Literaturen der Welt in Bewegung, sie sorgen für Austausch und öffnen Horizonte. Doch was macht etwa Kafkas Schloss im postsowjetischen Raum so interessant? Welche Werke haben global Konjunktur und stoßen international auf Interesse? Welche Autoren bleiben im Gedächtnis, welche werden vergessen?

(7) Freitag, 18.10.2019, 13:00-14:00 Uhr, Salon, European Network for Literary Translation ENLIT
Literaturübersetzung: Beruf, Kunst, Herzensangelegenheit? Diskussion zur Lage der Übersetzungsbranche (auf Englisch)
Wie sind die Arbeitsbedingungen für Literaturübersetzer heutzutage? Haben sie sich im vergangenen Jahrzehnt verbessert? Ob öffentliche Wahrnehmung, vertragliche Standards oder Vergütung – in Europa unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen für Übersetzer deutlich und sind gleichzeitig von EU-Legislation und Urheberrecht betroffen. Übersetzer sprechen über ihre persönlichen Erfahrungen und diskutieren die aktuelle Lage der Branche.

(8) Freitag, 18.10.2019, 13:30-14:30 Uhr
Übersetzer in Krisengebieten – zu welchem Preis, mit welchem Risiko? Übersetzen unter Lebensgefahr
Zivile Übersetzer und Dolmetscher, die in Krisen- und Kriegsgebieten wertvolle Hilfe leisten, sind großen Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt. Weltweit sind sie bevorzugte Ziele der Gewalt staatlicher und nichtstaatlicher Akteure geworden, in deren Augen sie Verräter, Spione oder Staatsfeinde sind. Wie ist die Situation dieser Menschen vor Ort? Wie sensibilisiert ist die Öffentlichkeit? Was motiviert Übersetzer und Dolmetscher in Krisengebiete zu gehen?
Video-Einspieler: Interview mit einem afghanischem Dolmetscher, der für die kanadischen ISAF-Truppen in Afghanistan tätig ist

(9) Freitag, 18.10.2019, 16:00-17:00 Uhr, Salon, VdÜ
Gibt es „kleine“ Sprachen und Literaturen Europas?
Ein Großteil europäischer Literatur ist in „kleinen“ oder „Minderheitensprachen“ geschrieben und trägt neben den dominierenden Literatursprachen zu Europas Vielfalt bei. Wie lebendig sind ihre literarischen Stimmen im europäischen Kontext? Autorinnen und Übersetzerinnen aus dem Walisischen, Katalanischen und Irischen diskutieren über sprachliche und politische Grenzüberschreitungen.
Teilnehmer:
Gabriele Haefs (Hamburg), Autorin und Übersetzerin u.a. aus dem Irischen und Norwegischen
Llŷr Gwyn Lewis (Cardiff), walisischer Autor, Lyriker und Essayist
Bel Olid (Barcelona), Autorin und Übersetzerin aus dem Katalanischen
Moderation: Elin Haf Gruffydd Jones (Wales), Professorin für Medien- und Kulturwissenschaften

(10) Samstag, 19.10.2019, 10:30-11:30 Uhr, Salon, Deutsches Kulturforum Östliches Europa und Institut für Auslandsbeziehungen (ifa)
Bedrohte Vielfalt in Europa? Slawische und deutsche Minderheiten im Fokus
Zur Lage der sprachlichen Minderheiten in Deutschland und dem östlichen Europa. In Deutschland leben die slawischen Sorben und im östlichen Europa deutschsprachige Gruppen, jeweils mit jahrhundertelanger Geschichte. Wie werden sie von den Mehrheitsgesellschaften in Zeiten neuer nationalistischer Rhetorik wahrgenommen? Sterben ihre Sprachen und Mundarten im Zuge der Globalisierung aus? Wie ist ihr Verhältnis zu anderen Minderheiten?

(11) Samstag, 19.10.2019, 12-14 Uhr, Salon, VdÜ
Translation Slam
Gute Einfälle und Improvisationstalent sind der Motor des Übersetzens. Schauen Sie zu, wie spontan Übersetzungsaufgaben gelöst werden: Wie hört derselbe Satz sich an, wenn ihn ein Jugendlicher von heute, ein Autor des 18. Jahrhunderts und ein Kind sagen würde? Sind berühmte Sätze der Weltliteratur sprachlich neu interpretierbar? Eine höchst unterhaltsame Übersetzungswerkstatt.
Peter Torberg, Übersetzer aus dem Englischen
Karin Betz, Übersetzerin aus dem Chinesischen, Spanischen u. Englischen
Ingo Herzke, Übersetzer aus dem Englischen
Moderation: Annette Kopetzki, Übersetzerin

Der Weltempfang ist ein Gemeinschaftsprojekt der Frankfurter Buchmesse und des Auswärtigen Amts.

[Text: Richard Schneider.]