Kritische Übersetzungswissenschaft – Theoriekritik, Ideologiekritik, Übersetzungskritik

Albrecht Dürer: Reiter im Harnisch
Ein Werk von Albrecht Dürer ziert die Titelseite: Reiter im Harnisch aus dem Jahr 1498, ausgewählt vom Autor.

Im vergangenen Jahr hatte Rainer Kohlmayer bereits mit Literaturübersetzen – Ästhetik und Praxis sein als Schwanengesang gedachtes Spätwerk vorgelegt. Doch nun ist er – seit 2013 im Ruhestand – rückfällig geworden und bringt erneut ein Buch heraus: Kritische Übersetzungswissenschaft – Theoriekritik, Ideologiekritik, Übersetzungskritik. Dieses enthält eine Art Best-of seiner übersetzungswissenschaftlichen Aufsätze, versehen mit einer aktuellen Einleitung.

Seine Aufsätze seien nun „nicht mehr weit verstreut und schwer zu finden, sondern hübsch beisammen und lassen eine klare Linie erkennen: Kritik“, so Kohlmayer. Lange vor seinen letzten drei Monographien (Sprachkomik 2017, Rhetorik und Translation 2018, Literaturübersetzen 2019) habe ihm eine solche Zusammenstellung seiner kritischen Essays vorgeschwebt. Den letzten Anstoß dazu habe eine Rezension gegeben, in der kritisiert wurde, dass die Aufsätze schwer zu finden seien.

Essays aus Sicht der Literaturübersetzung

Kritische ÜbersetzungswissenschaftDie Kritische Übersetzungswissenschaft lehnt jeden theoretischen Monismus ab und versteht Geisteswissenschaft als Wettbewerb der Argumente. Fünf Essays in Kohlmayers Buch argumentieren aus der Sicht der Literaturübersetzung gegen die Invasion des Funktionalismus, gegen den unzureichenden Textbegriff des Strukturalismus und gegen den kompromissfeindlichen Dualismus Schleiermachers.

Zwei Essays gelten der Ideologisierung und Entnazifizierung des Stildudens und den Übersetzungen von Oscar Wildes An Ideal Husband unter NS- und DDR-Bedingungen. Ein Essay beschäftigt sich mit der Komikübersetzung bei Wilde; der letzte Essay zeigt die Wirkung der Übersetzung Hedwig Lachmanns auf die theatrale und musikalische Rezeption von Wildes Salomé: Richard Strauß’ Musik wurde bis in Details durch Lachmanns Text beeinflusst.

Inhaltsübersicht

Einleitung

Theoriekritik

  • Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien
  • Vom Scopus zum Skopos. Herleitung von und Kritik an Vermeers Skopos-Begriff
  • Was dasteht und was nicht dasteht. Kritische Anmerkungen zum Textbegriff der Übersetzungswissenschaft
  • Literarisches Übersetzen: Die Stimme im Text
  • „Das Ohr vernimmts gleich und hasst den hinkenden Boten“ (Herder). Kritische Anmerkungen zu Schleiermachers Übersetzungstheorie und -praxis

Ideologiekritik

  • Ideologie im Wörterbuch. Kontinuitäten und Wandlungen im Stilduden von 1934 bis 1988
  • Ein Dandy „bester Zucht“. Oscar Wildes Gesellschaftskomödie An Ideal Husband in Karl Lerbs’ Bühnenbearbeitung aus dem Jahr 1935. Mit einem Anhang über eine DDR-Version des Stücks

Übersetzungskritik

  • Sprachkomik bei Wilde und seinen deutschen Übersetzern: Normalisierung, Konfliktdämpfung und Selbstzensur in den frühen Komödienübersetzungen
  • Oscar Wildes Einakter Salomé und die deutsche Rezeption

Literaturverzeichnis

Register

Bibliografische Angaben

  • Rainer Kohlmayer (2020): Kritische Übersetzungswissenschaft – Theoriekritik, Ideologiekritik, Übersetzungskritik. Bern: Peter Lang. 260 Seiten, 49,95 Euro, E-Book (Kindle) 34,98 Euro, ISBN: 978-3-631-81674-5. Bei Amazon ansehen/bestellen.

Über den Autor

Rainer Kohlmayer
Rainer Kohlmayer lebt seit Jahrzehnten im Elsass.

Rainer Kohlmayer war außerplanmäßiger Professor an der Universität Mainz. Er habilitierte dort in Interkultureller Germanistik und lehrte am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) in Germersheim bis 2013 Sprach- und Übersetzungswissenschaft.

Er gründete die Uni-Bühne, inszenierte eigene und von ihm selbst übersetzte Stücke, besonders Komödien von Corneille, Molière, Labiche und Oscar Wilde.

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