ESC 2021 unerwartet ein Fest der Muttersprachen – 4 der Top 5 sangen nicht auf Englisch

Eurovision Song Contest
Bild: ESC

Das Finale des 65. Eurovision Song Contest (ESC) am 22. Mai 2021 entwickelte sich unerwartet zu einem Fest der Muttersprachen. Die wenigen nicht auf Englisch singenden Länder haben dabei außergewöhnlich gut abgeschnitten.

Gewonnen hat Italien mit einem kraftvollen Rock-Titel, der von der Band Måneskin vorgetragen wurde. „Måneskin“ ist Dänisch und bedeutet Mondschein. Der Name war von der Bassistin der Gruppe, die nach eigener Aussage eine „halbe Dänin“ ist, bei deren Gründung 2016 vorgeschlagen worden.

Auf Platz 2 und 3 landeten die französischsprachigen Beiträge Frankreichs und der Schweiz.

Damit konnte sich kein einziger englischsprachiger Titel unter den ersten drei platzieren. Das hat es in der jahrzehntelangen Geschichte des ESC so offenbar noch nicht gegeben.

Erst auf Platz 4 taucht ein in der Verkehrssprache Englisch gesungener Beitrag Islands auf. Rang 5 wird aber wieder von einem Land belegt, das sich seiner Muttersprache nicht schämt, sondern bewusst auf Ukrainisch singt.

Auch Russisch landete mit Platz 9 in der oberen Hälfte der Rangfolge. Im Mittelfeld folgten dann noch Serbisch (Platz 15) und auf den hinteren Rängen Albanisch (21) und Spanisch (24).

Großbritannien als Mutterland des Englischen schnitt diesmal denkbar schlecht ab. Der Beitrag erhielt weder von den Fachjurys noch in der Publikumswertung auch nur einen einzigen Punkt und landete auf dem letzten Platz.

ESC 2021 Tabelle
Die Platzierungen im Finale mit Angabe der Sprachen und Punkte. – Bild: ESC/UEPO

Sprachenstatistik Finale

Die Sprachenstatistik für die insgesamt 26 Finalteilnehmer:

  • 18 x Englisch
  • 2 x Französisch
  • 1 x Albanisch, Italienisch, Russisch, Serbisch, Spanisch und Ukrainisch

Auf Englisch sangen 18 Länder, in ihrer Muttersprache 9. (Großbritannien fällt in beide Kategorien und wird daher hier zweimal gezählt.)

Damiano David
Tausende von Teenies googeln jetzt, was die auffällige Tätowierung „Il ballo della vita“ des Måneskin-Sängers Damiano David bedeutet. Nein, nicht der „Ball“, sondern der „Tanz des Lebens“ ist gemeint. Das war auch der Titel des zweiten Albums der Gruppe aus dem Jahr 2018. – Bild: ESC

Portugal sang erstmals auf Englisch

Für Sprachenfreunde enttäuschend war die Entscheidung Portugals, zum ersten Mal überhaupt seit Beginn des ESC im Jahr 1956 nicht auf Portugiesisch, sondern auf Englisch zu singen.

Moderation ausschließlich auf Englisch

Warum drei Moderatorinnen und ein Moderator auf der Bühne stehen, aber niemand von ihnen die Landessprache – in diesem Fall Niederländisch – spricht, bleibt rätselhaft, ist aber schon seit Jahren so üblich. Die Gastgeber verschenken damit die Chance, vor einem Millionenpublikum für ihre Sprache zu werben und den Zuschauern zumindest ein paar Standardfloskeln wie „Hallo“, „Guten Abend“, „Vielen Dank“ oder anhand der Punktevergabe die Zahlen von 1 bis 12 beizubringen.

Bis 2001 hieß die Veranstaltung in Deutschland noch Grand Prix Eurovision de la Chanson und es wurde grundsätzlich in Landessprache moderiert. Die wichtigsten Infos dolmetschte meist eine polyglotte zweite Moderatorin ins Englische und Französische. Seit dieser Zeit weiß jeder Deutsche, dass „zwölf Punkte“ auf Französisch „douze points“ heißt.

Sprachenstatistik 1. Halbfinale

Am 1. Halbfinale am 18. Mai 2021 nahmen 16 Länder mit folgenden Sprachen teil:

  • 14 x Englisch
  • 1 x Russisch (mit einer Strophe auf Englisch)
  • 1 x Ukrainisch

Zypern sang auf Englisch, streute aber einige Wörter Spanisch ein: „El Diablo“ (Titel) und „Mi Amor“. Auch Malta entschied sich für Englisch, aber mit der französischen Titelzeile „Je me casse“ (Ich hau ab). Kroatien hatte in seinem englischen Liedtext immerhin drei Zeilen in der Landessprache versteckt: „Tick-tock, vrijeme curi gdje si više? Usne grizem sama jedva dišem. Tick-tock, vrijeme juri ne mogu više.“

Sprachenstatistik 2. Halbfinale

Am 2. Halbfinale des ESC am 20. Mai 2021 nahmen 17 Länder teil. Die Sangessprachen waren:

  • 13 x Englisch
  • 1 x Serbisch mit spanischen und englischen Einsprengseln („Loco Loco“, „H-h-h Hurricane“)
  • 1 x Albanisch
  • 1 x Französisch (Schweiz)
  • 1 x Dänisch

Die albanische Interpretin Anxhela Peristeri wurde vorab gefragt, warum sie auf Albanisch und nicht wie fast alle anderen auf Englisch singe. „Weil das Lied sonst nicht authentisch klingt“, hat sie laut dem deutschen Moderator Peter Urban geantwortet.

Den auf Englisch gesungenen finnischen Hardrock-Beitrag kommentierte Urban mit: „Das war deftig.“ Auf Finnisch hätte das Stück aber vermutlich noch viel deftiger geklungen.

An den drei Veranstaltungen des ESC 2021 nahmen insgesamt 39 Länder teil, darunter auch Australien.

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Richard Schneider