Literatur-Nobelpreis an Abdulrazak Gurnah: Keine Übersetzungen lieferbar

Abdulrazak Gurnah
Abdulrazak Gurnah - Bild: Ill. Niklas Elmehed / Nobel Prize Outreach

Als am 7. Oktober 2021 in Stockholm verkündet wurde, wer den Literaturnobelpreis erhält, hat es die Verlage im deutschsprachigen Raum wieder kalt erwischt.

Zwar wurden fünf Romane des britischen Autors Abdulrazak Gurnah in den Jahren 1998 bis 2006 ins Deutsche übersetzt, aber die Ausgaben sind nicht mehr lieferbar. Selbst im Online-Antiquariat ZVAB.com und dem Internet-Flohmarkt Ebay lassen sich keine deutschsprachigen Gurnah-Titel mehr auftreiben.

Und so können die Buchhandlungen – wie schon im Vorjahr bei Louise Glück – erneut nichts ins Schaufenster stellen, die Verlage nichts auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren.

Abdulrazak Gurnah, deutsche Übersetzungen

Gurnah hat zehn Romane und einige Kurzgeschichten geschrieben. Die folgenden Romane wurden ins Deutsche übersetzt:

  • Das verlorene Paradies (Paradise). Übersetzt von Inge Leipold, erschienen bei FISCHER Krüger, Frankfurt 1996, zuletzt aufgelegt 2001.
  • Donnernde Stille (Admiring Silence). Übersetzt von Helmuth A. Niederle, erschienen in der edition KAPPA, München 2000.
  • Ferne Gestade (By the Sea). Übersetzt von Thomas Brückner, erschienen bei edition KAPPA, München 2001.
  • Schwarz auf Weiss (Pilgrims Way). Übersetzt von Thomas Brückner, erschienen im A1 Verlag (seit 2017 in Liquidation), München 2004.
  • Die Abtrünnigen (Desertion). Übersetzt von Stefanie Schaffer-de Vries, erschienen im Berlin Verlag (Piper), Berlin 2006.

Aufregung im Fischer-Verlag: Die Rechte sind weg, die Übersetzerin ist tot

Normalerweise werden in solchen Fällen, die ein sicheres Geschäft versprechen, die alten Ausgaben einfach so schnell wie möglich nachgedruckt. Jetzt aber hat sich gezeigt, dass dies ausgerechnet bei Das verlorene Paradies, dem Werk, das sich wahrscheinlich am besten verkaufen würde, gar nicht so einfach ist.

Julia Giordano, Presseleitung Literatur beim S. Fischer Verlag, musste gegenüber dem Börsenblatt einräumen: „Aktuell halten wir die Rechte nicht mehr, um den Titel neu aufzulegen.“ Ihre Kolleginnen aus dem Lektorat seien aber dabei, sich die Sachlage genau anzuschauen. Hinzu kommt, dass die Übersetzerin, Inge Leipold, bereits 2010 verstorben ist.

Bei einem weiteren Titel, Schwarz auf Weiss, befindet sich der Münchner A1 Verlag in Liquidation, was die Rechtesituation auch nicht vereinfachen und eine Neuauflage erschweren dürfte.

Fein ziseliertes Bild der zwischenmenschlichen Begegnungen im Kolonialismus

Derweil sind Übersetzer als Experten für ausländische Autoren wieder gefragte Gesprächspartner der Medien:

  • In einem Interview mit der österreichischen Presseagentur apa lobt Helmuth A. Niederle das „fein ziseliertes Bild“, das Gurnah von den zwischenmenschlichen Begegnungen im Kolonialismus entwerfe. Dass dessen Werke nicht mehr aufgelegt und weiter übersetzt werden, bedauert er. Als Grund sei ihm aus der Verlagswelt vermittelt worden: „Es gibt eben Namen, die im deutschen Sprachraum nicht funktionieren.“
  • Der Deutschlandfunk hat mit dem Leipziger Dr. Thomas Brückner gesprochen, der zwei Gurnah-Romane ins Deutsche übertragen hat. Dieser berichtet: „Als es an die Übersetzungen ging, hatte ich das Glück, dass der Autor so ein freundlicher Mensch ist, seinem Übersetzer die eine oder andere Frage zu beantworten, die im Lauf einer Übersetzung auftauchen. Darüber hat sich dann ein persönlicheres Verhältnis etwas intensiverer Art entwickelt.“

Auf Sansibar geboren, in Tansania aufgewachsen

Abdulrazak Gurnah wurde als Sohn jemenitisch-kenianischer Eltern als Muslim auf Sansibar geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Tansania. Als seine Muttersprache bezeichnet er Swahili (Suaheli/Kisuaheli).

Doch schon im Alter von 20 Jahren entfloh er dem autoritären Regime, studierte in Großbritannien, erlangte die Doktorwürde und arbeitete bis zu seiner Emeritierung als Professor für Englisch und postkoloniale Literaturen an der University of Kent im englischen Canterbury.

Ist Gurnah ein „tansanischer“ Schriftsteller und „afrikanischer“ Autor?

Verwirrend ist, dass die Medien einen 73-Jährigen, der mit 20 Jahren Tansania verließ, seit 53 Jahren in England lebt, auf Englisch schreibt und britischer Staatsbürger ist, als einen „tansanischen“ und „afrikanischen“ Autor bezeichnen:

  • Süddeutsche Zeitung: „Als erster Ostafrikaner erhält Abdulrazak Gurnah den Literatur-Nobelpreis.“
  • taz: „afrikanischer Autor, der in Großbritannien lebt“
  • arte: „der Schriftsteller Abdulrazak Gurnah aus Tansania“
  • Zeit: „Die höchste Literaturauszeichnung der Welt geht an den Tansanier Abdulrazak Gurnah.“

Auch die Briten selbst scheinen nicht zu begreifen, dass der Literatur-Nobelpreis an ihre Sprache und in ihr Land vergeben wurde. Sie erkennen in Abdulrazak Gurnah nicht einen der ihren.

  • The Guardian: „Zanzibari novelist becomes first black African writer in 35 years to win prestigious award.“
Ozelot Buchhandlung
Die bei Übersetzern beliebte Buchhandlung ocelot in Berlin macht aus der Not eine Tugend und empfiehlt statt der nicht lieferbaren Werke des Nobelpreisträgers thematisch ähnlich gelagerte Literatur. – Bild: ocelot

Weiterführender Link

  • Eine ausführliche Zusammenstellung der biografischen und bibliografischen Fakten zur schriftstellerischen Arbeit des Preisträgers einschließlich der Übersetzungen ins Schwedische, Deutsche und Französische hat das Nobelpreiskomitee in einer zehnseitigen PDF-Datei auf Englisch veröffentlicht: Svenska Akademien Bibliographical Notes Abdulrazak Gurnah

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Richard Schneider