Gebärdensprache als Muttersprache: Die Weltsicht hörender Kinder gehörloser Eltern

Lea-Marie Kenzler
Lea-Marie Kenzler untersucht die sprachbezogene Weltsicht hörender Kinder gehörloser Eltern und ihrer Familien. - Bild: Julia Tetzke

Als hörender Mensch zuerst die Gebärdensprache zu lernen, das ist gar nicht so selten, wie man glaubt. Denn: 90 bis 95 Prozent aller Kinder, die gehörlose Eltern haben, können selbst hören. Sie wachsen mit der Laut- und Gebärdensprache auf. Für sie ist das Gebärden ihre Muttersprache, sprechen lernen sie häufig erst später.

Dass das durchaus komplex ist und hohe Anforderungen stellt, erforscht die Rostocker Wissenschaftlerin Lea-Marie Kenzler, Doktorandin am Institut für Germanistik der Universität Rostock. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung steht die sprachbezogene Weltsicht hörender Kinder gehörloser Eltern und ihrer Familien.

„Die Kinder entwickeln ihre Identität in zwei Sprachsystemen. Mit zunehmendem Alter sind sie sehr stolz auf ihre zweisprachigen Fähigkeiten“, sagt die 28-jährige gebürtige Parchimerin, die an der Universität Rostock Germanistik sowie Erziehungs- und Bildungswissenschaften studiert hat. Die Datengrundlage für ihre Forschung liefern bis jetzt etwa dreißig Interviews mit hörenden Kindern gehörloser Eltern.

Schnittpunkt von Sprachbiographieforschung und Mehrsprachigkeitsforschung

„Mit ihrem Dissertationsprojekt bewegt sich Lea-Marie Kenzler am Schnittpunkt zweier moderner linguistischer Forschungsfelder – der Sprachbiographieforschung und der Mehrsprachigkeitsforschung“, sagt ihr Doktorvater Andreas Bieberstedt, Professor für Niederdeutsche Sprache und Literatur an der Universität Rostock.

Das innovative Potenzial der Studie liege vor allem in der Übertragung aktueller Fragestellungen und Methoden aus diesen beiden Forschungsbereichen auf ein bislang weitgehend unbeleuchtetes Thema, die bimodale Mehrsprachigkeit von Kindern gehörloser Eltern.

„Diese gehören zwei sprachlichen Welten jeweils eigener Prägung an und kommunizieren in zwei unterschiedlichen Modi, einem verbalen sowie einem nonverbalen, gestischen“, betont Professor Bieberstedt. Ihre Bimodalität, also ihre Kompetenz in Laut- und Gebärdensprache, lasse diese Personen häufig zu sprachlichen Mittlern zwischen ihren gehörlosen Elternteilen und deren Umwelt werden. Gleichzeitig entwickeln sie aufgrund ihrer spezifischen sprachlichen Lebensumstände und Lebensverläufe eine einzigartige Sichtweise und Kompetenz in diesen sprachlichen Welten.

Keine Gebärdensprachkurse in Mecklenburg-Vorpommern

Lea-Marie Kenzler hat selbst Gebärdensprachkurse belegt. „Ich musste die Sprache und Kultur kennenlernen, um meine Probanden besser zu verstehen“, sagt sie. Die bilingualen Sprecherinnen und Sprecher erlebe sie froh und dankbar, über ihre gehörlosen Eltern und sprachlichen Erfahrungen offen sprechen zu können.

Kenzler beklagt allerdings, dass es in Mecklenburg-Vorpommern keinen Gebärdensprachkurs gebe, obwohl das Interesse unter Studierenden groß sei. Ihre Studien treffen übrigens auf einen weißen Fleck in der Forschungslandschaft. Die hörenden Kinder gehörloser Eltern standen lange Zeit weder im Fokus der Forschung, noch widmete sich die linguistische Praxis jemals den spezifischen Bedürfnissen dieser Gruppe.

Einer der aktuellen Befunde: Erstgeborene haben eine besondere sprachliche Rolle in Familien mit gehörlosen Eltern. Eine Probandin habe erklärt: „Als ich geboren wurde, waren die Familien beider Eltern froh, weil sie nun wussten, meine Eltern haben eine Sprecherin. Nun wird es ihnen bessergehen.“

Kinder werden in die Rolle des Dolmetschers hineingeboren

„Wenn ein Kind als Sprecher der Familie auf die Welt kommt und sich später die Rolle als Dolmetscher zuschreibt, ist das auch für die Sprachwissenschaft sehr interessant.“ Dieses Phänomen nehme ab, sobald Geschwister vorhanden sind, hat Lea-Marie Kenzler herausgefunden. Ihr gehe es in ihrer sprachbiographischen Forschung darum, wie hörende Kinder gehörloser Eltern ihren sprachlichen Lebenslauf verarbeiten. Was kann man daraus ableiten?

Die Rostocker Forscherin formuliert es so: „Ziel meiner Untersuchung ist, ein umfassendes Bild der bimodalen Mehrsprachigkeit durch das Erfassen von Spracheinstellungsmustern und Bewertungen zu generieren. Auch interessiert mich, welches historische Wissen über Gehörlose und welche sprachlichen Kompetenzen tatsächlich in diesen besonderen Familien vorhanden sind. Ich habe in einigen Erhebungen Anzeichen für eine Art Analphabetismus unter älteren Gehörlosen ausmachen können, das zu belegen wäre hochinteressant.“

Lea-Marie Kenzler hat schon sehr früh großes Interesse für die deutsche Sprache entwickelt. Mit ihrer Oma habe sie gelesen, gereimt, gedichtet und Plattdeutsch gesprochen. Zudem habe sie später im Abitur eine Lehrerin gehabt, die sie für die Sprache begeistert habe. „Sprache ist für mich wie ein Lieblingslied, ein gutes Buch, ein gemaltes Bild. Ich setze mich mit ihr auseinander wie Menschen mit einem Kunstwerk und empfinde Freude bei der Betrachtung.“

Wird die Gebärdensprache an die nächste Generation weitergegeben?

Die große Frage, die Lea-Marie Kenzler in Zukunft umtreibt: Wird die Gebärdensprache an die nächste Generation weitergegeben? Eine erste Tendenz ihrer Forschung besage, dass die Sprache in den Familien durchaus gepflegt und an Enkelkinder weitergegeben werde. Sie gerate also nicht in Vergessenheit. Viele Familien würden sogar eine eigene Familien-Gebärdensprache entwickeln. Ein Proband habe gesagt: „Das ist unsere Plaudersprache“.

Gebärdensprache erst seit 1960er Jahren Gegenstand der Sprachwissenschaft

Seit 2002 ist die deutsche Gebärdensprache als eigenständige Sprache anerkannt. Lea-Marie Kenzler geht es um die soziale, politische auch kulturelle Anerkennung dieser Zielgruppe, also hörender Kinder gehörloser Eltern. Interessant: In der Gebärdensprache gibt es auch Dialekte.

Die Gebärdensprache hat sich im Bereich der Sprachwissenschaft erst seit den 1960er-Jahren etabliert. Andreas Bieberstedt sieht den großen Verdienst der Forschungsarbeit von Lea-Marie Kenzler darin, dass es ihr gelungen sei, „mittels selbst entwickelter sprachbiographischer Tiefeninterviews und Fragebogenerhebungen erstmals einen tieferen Einblick in das (zwei)sprachige Agieren und die sprachliche Vorstellungswelt dieser Personengruppe zu eröffnen, deren subjektive Wahrnehmungen ihres bimodalen Spracherwerbs und Sprachgebrauchs im Alltag sowie deren subjektive Bewertungen beider Sprachen und ihrer Sprecher nunmehr ins Licht gerückt werden“.

Doktorandin sucht weitere Gesprächspartner

Für ihr Forschungsprojekt sucht Lea-Marie Kenzler noch Gesprächspartner: Wer mindestens 18 Jahre alt, selbst hörend und mit zwei gehörlosen Elternteilen aufgewachsen ist oder jemanden kennt, auf den diese Beschreibung zutrifft, kann sich gern unter der E-Mail-Adresse lea-marie.kenzler@uni-rostock.de melden.

Wolfgang Thiel / Universität Rostock

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