Wer an die Übersetzung glaubt, glaubt an die Liebe

Cristina Morales
Cristina Morales im September 2022 auf der Vorschau-Pressekonferenz in Frankfurt. - Bildschirmfoto

Was hat das Übersetzen mit Liebe und Sex zu tun? Die spanische Autorin Cristina Morales hat erstaunliche Parallelen ausgemacht und am 8. September 2022 in einer kurzen Rede auf der Vorschau-Pressekonferenz zur Frankfurter Buchmesse präsentiert:

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Penetrieren und penetriert werden

(Übersetzung: Friederike von Criegern)

Übersetzt zu werden ist, als würde eine fremde Sprache dich penetrieren. Es ist ein Vertrauensbeweis für meine Übersetzerinnen und Übersetzer, so wie es auch immer um Vertrauen geht, wenn man sich in die Arme einer oder eines neuen Geliebten wirft. Wenn zwei sich zum ersten Mal streicheln, verfügen sie noch über keinen gemeinsamen Code, nur den Willen, einander zu verstehen.

Dieser Wille ist es, der mich davon abhält, jeden Morgen alles zum Teufel zu jagen: die Stadt, in der ich lebe – Barcelona -, die Wohnung, die mich beherbergt, das Zuhause, das ich mir gerade kaufe, die Verwandten, die Bank, den Notar, die Flughäfen, die Hotels, die Verletzungen, die Drogen, den Tanz und, das vor allem anderen, das Schreiben und die gesamte Literatur. Ich kenne nichts anderes und kann nur über Liebe schreiben.

So formulierte es jemand, der in meiner Jugend mein Lehrer war und selbst gerade dreißig: der spanisch-argentinische Schriftsteller Andrés Neuman. Neuman sagte: „Wer an die Übersetzung glaubt, glaubt an die Liebe.“

Ich habe ihm einmal von einem ausländischen Geliebten erzählt (einem Deutschen, um genau zu sein), in den ich, wie ich sagte, wahnsinnig verliebt war. „Was meinst du mit ‚wahnsinnig’?“, fragte er mich und legte damit, wie jeder gute Lehrer, den Finger in die Wunde.

Neuman wusste so gut wie ich, dass ich eine Phrase benutzt hatte, einen Euphemismus, einen hohlen Romantizismus, um mir die Anstrengung einer ehrlicheren Beschreibung meiner Gefühle zu sparen. Eine Schriftstellersünde, diese Trägheit.

Ich kann mich nicht erinnern, was ich meinem Lehrer geantwortet habe, doch seine ins Schwarze treffende Frage hat mich dazu gebracht, mich ins Schreiben zu werfen, um eine Antwort zu geben. Ich schrieb den Text „Antes loba“ [Eher Wölfin], der mir, wenn ich ihn heute wiederlese – er ist noch nicht übersetzt – außerordentlich aktuell vorkommt, ich finde mich selbst extrem scharfsinnig, unübertrefflich weise in puncto Liebe und Verlangen, wie man mit Anfang Zwanzig so ist. Das meine ich nicht ironisch.

„Erklärst du mir genauer, was das bedeuten soll: ‚Wer an die Übersetzung glaubt, glaubt an die Liebe‘“, fragte ich Neumann, als er diese Maxime äußerte.

Damals hatte ich erst einen Erzählband veröffentlicht, der in einem kleinen Verlag in meiner Heimatstadt erschienen war – und übersetzt zu werden, das war Teil des literarischen Starsystems, jenes Starsystems, zu dem mein junger Lehrer langsam gehörte.

Ich weiß noch genau, was er mir antwortete: Er sagte, dass es Leute gibt, die keine Übersetzungen lesen, oder die sie nur unter großen Vorbehalten lesen, weil sie meinen, die Essenz des Werks gehe verloren, wenn es in eine fremde Sprache übertragen wird.

Wer so denke, würde auch die Liebe auf eine essentialistische Art begreifen: Entweder stimmen die Beteiligten perfekt überein, oder man könne das Ganze nicht Liebe nennen. Entweder vermischten sich die Liebenden, „würden eins“ – noch so eine verkitschte hohle Phrase, wie die vom „wahnsinnig verliebt sein“ –, oder es ist gar nichts und sicher keine Liebe.

Neumans Auffassung von Liebe, die heute auch meine ist, ähnelt dem Prozess des Übersetzens. Die Treue zum Ausgangstext kann niemals absolut sein, so wie auch in der Liebe die Gegenseitigkeit nie absolut ist. Die Liebenden sind unterschiedliche Menschen, radikal unterschiedlich, wenn man mich fragt, so wie auch die Sprachen radikal unterschiedlich sein können. Sogar die Sprachen, die einander ähneln, sind radikal unterschiedlich. Sogar die Liebenden, die einander zum Verwechseln ähneln, sind radikal unterschiedliche Menschen. Wenn es überhaupt eine Essenz gibt, ist es der Unterschied.

Die Übersetzung und die Liebe versuchen nicht, diesen Unterschied zu verringern, nein, im Gegenteil! Sie versuchen ihn in Szene zu setzen. Meine Geliebten ermöglichen mir, ich selbst zu sein, bei ihnen kann ich authentisch sein. Sie sind Freiräume. Die Liebe löscht den Unterschied nicht aus: Sie vergrößert und umarmt ihn.

Die Sprache, die übersetzt, ist wie ein großherziger Liebender, der seine Beine der übersetzten Sprache öffnet, sie ist wie die Liebende mit williger Erektion. Die übersetzende Sprache sagt dem Ausgangstext: „Komm mit, geben wir uns alles, was wir noch nicht haben, vertrau mir: Nur wenn du dich hingibst, wirst du empfangen.“

Übersetzte Literatur zu lesen ist wie der Besuch einer Peep-Show oder, besser noch, als wäre man zum Gruppensex eingeladen und entscheide sich, lieber zuzugucken, wie die anderen einander zugleich intim und öffentlich Liebe schenken, und auch du selbst liebst und wirst geliebt, einfach weil du da bist.

Als übersetzte Schriftstellerin lade ich euch ein zu den Sado-Maso-Sessions mit mir und meinen Übersetzerinnen und Übersetzern ins Deutsche, Französische, Griechische, Slowenische, Brasilianische, Italienische, Portugiesische, Polnische, Englische.

Ihr seid alle herzlich willkommen, wir haben Liebe im Überfluss. Es gibt Gründe, nicht jeden Morgen alles zum Teufel zu jagen.

[Geschrieben in] Mandello del Lario, Italien, 5. September 2022

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Morales ist mehrfach preisgekrönte Nachwuchsautorin in Spanien

Cristina Morales wurde 1985 in Granada geboren. Sie studierte Rechts- und Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Sie verfasste mehrere preisgekrönte Romane und Kurzgeschichten. Als Dramatikerin hat sie u. a. für Sol Picó, Sara Molina und das Nationaltheater von Katalonien gearbeitet.

2019 gewann Morales als jüngste Autorin den „Premio Nacional de Narrativa“ des spanischen Kulturministeriums; im Jahr 2021 wurde sie von der Zeitschrift Granta zu einer der besten Nachwuchsautorinnen Spaniens gewählt.

Morales ist Tänzerin und Choreografin der zeitgenössischen Tanzkompanie „Iniciativa Sexual Femenina“, Executive Producer der Punkband At-Asko sowie Mitglied des Kollektivs BachiniBachini.

Für ihren Roman Leichte Sprache erhielt sie 2022 den „Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt“.

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