Studie: Rahmenbedingungen für Sprachmittlung im Sozialwesen professionalisieren

Studie: Sprachmittlung im Sozialwesen
Bild: Hochschule Bremen

Der Bedarf an Sprachmittlung im Sozialwesen – oft auch als Dialogdolmetschen, Community Interpreting / Gemeindedolmetschen oder Laiendolmetschen bezeichnet – steigt seit Jahren. Und er bleibt angesichts offener Grenzen und anhaltender Massenmigration hoch.

Gemeindedolmetschen bedeutet Dolmetschen in Situationen, in denen Mitarbeiter öffentlicher oder sozialer Einrichtungen und die von ihnen betreuten Ausländer keine gemeinsame Sprache sprechen bzw. die Amtssprache nicht ausreichend beherrschen.

Über die Risiken und Good-Practice-Ansätze bei der Sprachmittlung im Sozialwesen haben zwei Wissenschaftler der Hochschule Bremen (HSB) und der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg jetzt eine Studie veröffentlicht. Sie enthält Handlungsempfehlungen, die zur Weiterentwicklung der Sprachmittlungspraxis in Bremen dienen sollen.

In der Studie haben Dr. Can M. Aybek, Professor für Empirische Sozialforschung an der HSB, und Dr. Mehmet Kart, Professor für Sozialwissenschaften in der Sozialen Arbeit der OTH, die Rolle der Sprachmittlung im Sozialwesen sowie die daraus resultierenden professionellen Herausforderungen untersucht – sowohl vor Ort als auch digital.

Im Fokus standen die organisationalen Rahmenbedingungen der Sprachmittlung sowie die Deutungsmuster und Rollenerwartungen der Interviewten.

Sprachmittler nicht immer neutral, Machtgefälle zwischen Beteiligten

Sprachmittlung wird dabei als zentrale Ressource verstanden, um die kommunikative Teilhabe zu sichern. Die Studie basiert auf Leitfadeninterviews, die inhaltsanalytisch ausgewertet wurden.

„Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass in Gesprächen zwischen Fachkraft, Klient und Sprachmittler die Sprachmittlung zwar häufig als ’neutral‘ beschrieben wird, in der Praxis jedoch Sprachmittelnde oft aktivere Aufgaben übernehmen, indem sie sich etwa an der Moderation und Strukturierung von Gesprächsverläufen beteiligen“, sagt Professor Aybek.

Dennoch zeige die Studie auch, dass die Gespräche zumeist durch Machtasymmetrien zugunsten der Fachkräfte gekennzeichnet seien. „Die Anforderungen an die Vertraulichkeit der besprochenen Inhalte sind hoch. Die Gesprächsdynamik zwischen den Beteiligten ist häufig durch interkulturelle Aspekte beeinflusst“, so Professor Kart.

Die Autoren halten insgesamt fest, dass die Mehrheit der als Sprachmittler im Sozialwesen tätigen Personen im Bremer Raum über keine formale Ausbildung als Dolmetscher verfügen.

Trotz Digitalisierung Gespräche in Präsenz weiterhin wichtig

Die digitale Sprachmittlung, im Gegensatz zu Vor-Ort-Gesprächen, bietet zwar Vorteile bei dringlichen oder sachlich-informativen Anliegen durch schnelle Verfügbarkeit und Flexibilität der zugeschalteten Laiendolmetscher. Allerdings stellt sie die Beteiligten auch vor organisatorische, technische und interaktive Herausforderungen.

Insgesamt, so das Fazit der Studie, erfordert eine gelingende Sprachmittlung kontextsensible Rahmenbedingungen, interaktionsbezogene Kompetenzen und organisationale Unterstützung. In sensiblen Kontexten und bei Erstkontakten bleibt die Vor-Ort-Präsenz oft unerlässlich.

Die Studie endet mit Handlungsempfehlungen, die zur Weiterentwicklung der Sprachmittlungspraxis in Bremen dienen sollen.

Bibliografische Angaben

  • Can Aybek, Mehmet Kart (2026): Sprachmittlung im Sozialwesen – Risiken und Good-Practice-Ansätze. Bremer Schriften zur Sozialen Arbeit, Band 5. Bremen: Hochschule Bremen. 52 Seiten. Open-Access-Download

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PM Hochschule Bremen