Der Literaturübersetzer und frühere Richter am Bundesgerichtshof Claus Sprick ist im Juli im Alter von 80 Jahren gestorben. In der Übersetzungsbranche wurde er vor allem als langjähriger Präsident (1990 bis 2021) des Europäischen Übersetzer-Kollegiums (EÜK) in Straelen am Niederrhein bekannt, zu dessen Gründungsmitgliedern er 1978 gehörte.
„Ein glänzender Übersetzer, ein geistreicher Redner, ein hervorragender Jurist, ein ungeheuer arbeitsamer Mensch, ein absolut liebenswerter, hilfsbereiter und übrigens leiser Freund ist zu betrauern“, schreibt Renate Birkenhauer in einem Nachruf, der vom EÜK und vom Literaturübersetzerverband VdÜ veröffentlicht wurde.
Richter mit Leidenschaft für Sprachen
Zur juristischen Tätigkeit Spricks heißt es bei Birkenhauer:
Im Brot- und Hauptberuf war er aber seit 1973 Richter, bildete über 30 Jahre lang Referendare in französischem Recht aus, und war die letzten 15 Jahre, bis er sich 2009 vorzeitig pensionieren ließ, Bundesrichter in Karlsruhe. „Von kaum zu überschätzendem Wert“ seien „die profunden Kenntnisse von Herrn Sprick im internationalen Privatrecht und in ausländischen Rechtsordnungen gewesen“. Seine „glänzende und unerhört vielseitige intellektuelle Begabung“ und seine „hilfsbereite, humorvolle und ausgleichende Art“ waren nicht nur beim Bundesgerichtshof nachhaltig wirksam, sondern später und noch bis zu diesem Jahr auch beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg.
Schon als junger Kollege hatte er seine juristische Kompetenz auch in den Dienst der Übersetzerinnen und Übersetzer gestellt und sie beraten […].
Als Übersetzer, Freund und Berater war er ganze 43 Jahre seines Lebens im Übersetzer-Kollegium präsent. Mit seinem juristischen Sachverstand hat er uns mehrmals aus schwierigen Situationen heil heraus manövriert. […]

Der Bundesgerichtshof veröffentlichte 2009 zur Verabschiedung von Sprick in den Ruhestand eine Pressemitteilung, in der es heißt:
Bei Herrn Sprick vereint sich höchstes juristisches Können mit einem ganz außergewöhnlichen Talent für fremde Sprachen. Dafür legen zahlreiche Entscheidungen, die sich mit Fragen ausländischer Rechtsordnungen befassen, beredtes Zeugnis ab; sie sind stets aus gründlichsten, das deutsche und das fremdsprachige Schrifttum ausschöpfenden Forschungen erwachsen. Herr Sprick stellte seine überragenden Befähigungen ferner in den Dienst der Entwicklung eines modernen Zivilrechts in den osteuropäischen Staaten. Der Europarat griff in den Jahren 2002 bis 2007 wiederholt auf die hohe – juristische und fremdsprachliche – Kompetenz von Herrn Sprick zurück und zog ihn als Gutachter zu den Entwürfen des moldawischen Zivil und Zivilverfahrensrechts, des ukrainischen Handelsver-fahrensrechts, des montenegrinischen Obligationenrechts und des Personen-standsgesetzes des Kosovo bei.
Trotz seiner hohen Belastung durch die spruchrichterliche Tätigkeit ließ es sich Herr Sprick nicht nehmen, den deutschen Juristennachwuchs zu fördern, indem er Rechtsreferendare aus der ganzen Bundesrepublik in Seminaren mit dem französischen Zivil und Zivilprozessrecht vertraut machte.
Neben seiner richterlichen Tätigkeit hatte Herr Sprick einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf inne. Er verfügt über die Befähigung zum Dolmetscher und Übersetzer für Englisch, Französisch und Russisch und ist Mitgründer – seit 1990 Präsident – des Europäischen Übersetzerkollegiums. Aus seiner Feder stammen Übertragungen bedeutender Werke der französischen und englischen Literatur. Herr Sprick wurde vor kurzem zum ad hoc-Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg bestellt.
Herr Sprick gehört zu dem Kreis verdienter, durch Persönlichkeit, Kompetenz und Leistung profilierter Bundesrichterinnen und Bundesrichter. Er genießt im Bundesgerichtshof wegen seiner glänzenden und unerhört vielseitigen intellektuellen Begabung sowie wegen seiner hilfsbereiten, humorvollen und ausgleichenden Art besondere Wertschätzung.
Ruhrdeutsch-Kenner und -Übersetzer
Claus Sprick wirkte lange in Essen und Bochum. Dort beschäftigte er sich auch mit dem Ruhrdeutschen als Regiolekt. So heißt es im Nachruf von Birkenhauer:
Nicht zu vergessen: Er übersetzte nicht nur geistreiche französische und englische Literatur, er hatte auch ein untrügliches Ohr für das Deutsch des Ruhrgebiets, seine eigentliche Muttersprache, und schuf hier seine kommerziell erfolgreichsten Titel, nämlich das Wörterbuch Hömma! Sprache im Ruhrgebiet (Straelener Manuskripte Verlag) und, zusammen mit Reinhardt Stratenwerth, die beiden Asterix-Übersetzungen Zoff im Pott (Streit um Asterix)und Asterix und sein Ulligen (Der Sohn des Asterix) bei Ehapa.
Bedeutendes Erbe
Auf der Website des Europäischen Übersetzer-Kollegiums, dem weltweit ältesten und größten Arbeitszentrum für Literaturübersetzer, ist zu lesen:
Er hinterlässt ein bedeutendes Erbe und wird dem Team des EÜK immer so lebendig wie lebhaft in Erinnerung bleiben.
- 2021-05-19: Barbara Hendricks ist neue Präsidentin des Europäischen Übersetzerkollegiums in Straelen
- 2018-04-26: Europäisches Übersetzer-Kollegium Straelen: Tag der offenen Tür am 7. Oktober 2018
Richard Schneider
