Auf dem Kunstfest Weimar wurde am 28. August 2026 in einem öffentlichen Festakt in der Weimarhalle die wichtigste Auszeichnung der auswärtigen deutschen Kulturpolitik verliehen.
Die Goethe-Medaille 2026 ging an die italienische Übersetzerin Anita Raja, einen estnischen Komponisten und einen griechischen Theaterregisseur. Raja ist nach Zeitungsrecherchen von 2016 unter dem Pseudonym Elena Ferrante auch schriftstellerisch tätig.
Gründungsdirektorin der Biblioteca Europea, Literaturübersetzerin und mehr
Anita Raja ist eine italienische Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und zentrale Vermittlerin deutschsprachiger Literatur in Italien. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Übertragung bedeutender deutschsprachiger Autoren ins Italienische, insbesondere im Bereich der Moderne und der Nachkriegsliteratur.
Darüber hinaus prägt sie seit Jahrzehnten den kulturellen Austausch zwischen Italien und dem deutschsprachigen Raum durch ihre Arbeit in Bibliotheken, als Verlagsscout und als publizistische Stimme.
Geboren 1953 in Neapel, studierte Raja Literaturwissenschaft in Rom. Ende der 1970er Jahre begann sie im Bibliothekswesen der Stadt Rom zu arbeiten und war parallel dazu als Übersetzerin aus dem Deutschen ins Italienische tätig.
Sie etablierte zentrale Werke von Christa Wolf im italienischen Sprachraum und erschloss darüber hinaus Texte von Franz Kafka, Ingeborg Bachmann und Georg Büchner sowie weitere Stimmen der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts, darunter auch weniger rezipierte Autoren der DDR.
Ein bedeutender institutioneller Schritt war ihre Ernennung zur Gründungsdirektorin der Biblioteca Europea in Rom im Jahr 2005, die sie über zehn Jahre leitete und als Modellprojekt für eine neue Form europäisch ausgerichteter Kulturvermittlung etablierte.
Für ihre Leistungen im Bereich der Übersetzung und des deutsch-italienischen Kulturaustauschs wurde sie 2008 mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis ausgezeichnet.

„Europa ist eine Übersetzungsaufgabe“
Die Preisträger stünden für ein europäisches Verständnis von Kultur als verbindende Kraft, die Grenzen überwinde und unterschiedliche Stimmen miteinander ins Gespräch bringe, so das ausrichtende Goethe-Institut (GI).
Die Präsidentin des Instituts, Gesche Joost, erklärte:
In diesem Jahr wird die Goethe-Medaille an drei Europäer verliehen, deren Schaffen in besonderer Weise mit Deutschland verbunden ist: […]
Anita Raja hat nicht nur die Werke von Christa Wolf ins Italienische übersetzt, sondern auch Texte von Büchner, Bachmann, Kafka oder Brecht sowie zahlreiche Gedichte und Essays von in Italien nahezu unbekannten Autorinnen. Damit hat sie maßgeblich zu einem besseren Verständnis der deutschen Kultur und Geschichte in Italien beigetragen und insbesondere die Türen zu Ostdeutschland und Osteuropa geöffnet.
Christa Wolf wurde durch diese Übersetzungen in den 1980er-Jahren zu einer Ikone des feministischen und pazifistischen Denkens in Italien.
Anita Raja, Sie selbst glaubten immer an die utopische Kraft der Sprache –auch als Gründungsdirektorin der Biblioteca Europea in Rom 2005, die sie über 10 Jahre leiteten. Sie sind eine Verfechterin des „Rechts auf Lesen“ und Dank Ihres mutigen Einsatzes haben zahlreiche Menschen – für die der Zugang dazu nicht selbstverständlich war – den Weg zur Literatur gefunden.
Thomas Oberender, Vorsitzender der Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille 2026, führte aus: „Europa ist kein bloßer kultureller Besitzstand, sondern eine Übersetzungsaufgabe. Es bringt sich ständig aktiv selbst hervor.“
Raja Stammübersetzerin von Christa Wolf
Die Laudatio auf Raja hielt die Literaturkritikerin Maike Albath. Sie führte aus:
[…] die Sprache ist ein Schichtengebilde, in dem sich ein Leben lang etwas ablagert. Sedimente, kleine Goldadern, Unbewusstes, Redewendungen aus der Herkunftsfamilie, die Sprache des Vaters, die Sprache der Mutter, durchdrungen von Literatur. Diese Vielsprachigkeit – die Nähesprache in der Familie, die Distanzsprache in der Schule und Universität – verstärkt sich, wenn von Anfang an eine zweite Sprache im Spiel ist, noch dazu eine, die durch den großen Zivilisationsbruch des 20. Jahrhunderts gebrandmarkt ist.
Bei Anita Raja ist dies der Fall. Deutsch war die Sprache ihrer jüdischen Mutter. Dass sie selbst Übersetzerin wurde und mehr als ein Dutzend Werke von Christa Wolf, Gedichte von Ingeborg Bachmann, schließlich Georg Büchner und Franz Kafka ins Italienische übertrug, ist vielleicht auch ein nachgetragener Heilungsversuch.
Im Jahr 1990 legt Anita Raja ihre Übertragung von Christa Wolfs Kassandra vor, ergänzt durch ein vorzügliches Nachwort. Der hohe Ton des Monologs, das Atemlose, die antike Texte nachahmende archaische Diktion der Seherin ist nicht leicht zu reproduzieren. Mit dem Wissen um ihren herannahenden Tod versucht Kassandra in ihrer aufrüttelnden Rede, der weiblichen Sichtweise der Wirklichkeit Geltung zu verschaffen. Ihre Syntax ist peitschend, oft gebrochen, dann assoziativ gelockert, und Anita Raja vermittelt dies aufs Glücklichste, denn ihre Kassandra trägt eine besondere Dringlichkeit in der Stimme, löst einen Sog aus, dem man sofort verfällt. Dem sehr eigenen Pathos des Originals verschafft sie einen zeitlosen Glanz.
Anfang der 1990er Jahre wagt sich Anita Raja an Kafkas Prozess. Es folgen weitere Bücher von Christa Wolf, dann 2016 Dantons Tod von Georg Büchner. Und vielleicht brauchte es diesen Umweg, um vor zwei Jahren eine großartige Übersetzung von Franz Kafkas Verwandlung vorzulegen, erschienen in einer zweisprachigen Ausgabe, was besonders mutig ist.
Bereits der erste Satz birgt enorme Schwierigkeiten. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Raja staffelt den Satzbau neu, akzentuiert das Erlittene: „si scoprì mutato“, und vermittelt das Grauen dieses neuen Körpers: „una immonda bestia fuori misura“. Ein Wesen jenseits allen Maßes, „immondo“. Sie verzichtet, genau wie Kafka es tut, auf den Begriff des Insekts. Kafka vermisst die Grenze zwischen Mensch und Tier.
Mit ihrer Übersetzung der Verwandlung, dieser Erzählung eines deutschsprachigen Prager Juden, rückt sie der Sprache ihrer Mutter besonders nahe. Vielleicht ist es das, was ihre Übersetzung so lebendig macht. Sie begegnet Wörtern wie „Leintuch“, „Bedienerin“ und „Zimmerherr“, leuchtet die Räume unterhalb des vermeintlich einfachen Sprachgebrauchs aus und bringt einen neuen Klang hinein. Die aufgebundenen Röcke von Gregors Mutter, die einer nach dem anderen zu Boden gleiten, werden bei ihr zu einer alliterierenden Reihe: „incespicando nelle sottane slaciate che scivolavano a terra“. Anita Raja nimmt die deutschen Wörter in den Mund und formt ein berückend fließendes, zugleich packendes Italienisch daraus.
„Deutsch ist nicht meine Muttersprache, wohl aber die Sprache meiner Mutter“
Raja selbst betonte in ihrer Dankesrede:
[…] ich danke dem Goethe-Institut, der Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille und dem Goethe-Institut Rom für diese Auszeichnung. Es ehrt und bewegt mich zutiefst, dass mir der Verdienst zugesprochen wird, Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen, Identitäten und Zugehörigkeiten gebaut zu haben. Und dies sowohl für meine mehr als vierzigjährige Tätigkeit als Kulturmittlerin in den römischen Stadtbibliotheken als auch für meine Arbeit als Übersetzerin aus dem Deutschen.
Es ist mir eine besondere Ehre, dass dieser Preis, der nach dem bedeutendsten Autor der deutschsprachigen Literatur benannt ist, mir verliehen wird, die ich dieser deutschen Sprache so eng verbunden bin und die mir von zwei für mich fundamental wichtigen Menschen nähergebracht wurde: meiner Mutter und Christa Wolf.
Deutsch ist nicht meine Muttersprache, wohl aber die Sprache meiner Mutter – und darin liegt der Schlüssel meiner Beziehung zu dieser Sprache. Meine Mutter, eine deutsche Jüdin polnischer Herkunft, die vor der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime in Deutschland geflüchtet war und nach Kriegsende nach Italien gelangte, sprach mit mir ausschließlich Italienisch. Das Deutsche – ihre Herkunftssprache, ihre Muttersprache – blieb fast nur der Kommunikation mit ihren Eltern vorbehalten.
„Deutsch bleibt für mich auf unwiderrufliche Weise eine Zweitsprache“
So habe ich Deutsch nur gelegentlich und auf indirekte, unbewusste Art aufgesogen, indem ich es gelegentlich hörte, oft mit dem Gefühl behaftet, mich in einen Bereich einzuschleichen, der mir auf geheimnisvolle Weise verschlossen war. Ich lese und verstehe Deutsch, aber es bleibt für mich auf unwiderrufliche Weise eine Zweitsprache, der ich als Kind nur gelauscht habe, die ich zuerst auf Abstand gehalten und erst später gesucht habe, ihr gefolgt bin und sie gewählt habe. Doch habe ich sie mir wahrscheinlich nie ganz und gar zu eigen gemacht.
Deutsch war und bleibt die Sprache, die meine Mutter mit ihrer Herkunftsfamilie sprach, aber mit ihren Kindern mied. Irgendwann kam der Moment in meinem Leben, da ich beschloss, sie aus den Tiefen meiner Erinnerung und meines Herzens hervorzuholen. Ich begann, sie zu studieren, und schüchtern machte ich die ersten Schritte als Übersetzerin.
Christa Wolfs Sprache mächtiger als die eigene
Christa Wolf war für mich wie ein zweites Tor zur deutschen Sprache. Ich musste mich mit einer reichen, komplexen und literarisch höchst anspruchsvollen Schreibweise auseinandersetzen: Sie war das Fenster zu einer Welt, die mir bis dahin unbekannt war. Ich musste mich mit einer Sprache messen, die viel mächtiger war als meine Eigene, und die Grenzen meiner Ausdruckskraft überwinden, um für sie Platz zu schaffen, sie aufzunehmen und neu zu erfinden, und dabei den von ihr gesetzten Rahmen nicht zu überschreiten.
In meinen beiden Tätigkeiten – als Bibliothekarin wie auch als Übersetzerin – habe ich mich stets an einem Begriff, ja einem bestimmten Prinzip orientiert. Lassen Sie es mich zuerst auf Italienisch sagen: accoglienza, denn im Deutschen finden sich mehrere und doch nicht vollständig befriedigende Übersetzungen: „Aufnahme“, „Aufnehmen“ oder „Gastfreundschaft“. Insbesondere das Übersetzen bedeutet für mich nicht nur, etwas in meiner Sprache zu beherbergen, sondern es regelrecht aufzunehmen. Die Praxis der accoglienza, also des Aufnehmens, ist aber mehr und etwas anderes als bloße Gastfreundschaft.
Um das besser zu erklären, erlauben Sie mir, mich mit der Etymologie zu behelfen: Das italienische Wort ospitalità, im Englischen hospitality, im Deutschen eher selten gebraucht „Hospitalität“, also Gastfreundschaft, leitet sich vom lateinischen Wort hospes ab, dem „Fremden“. Es teilt seine indoeuropäische Wurzel mit dem Wort hostis, dem „Feind“ – einem Feind, den wir trotz aller Unterschiede zähmen und besänftigen müssen, damit er einen Platz in unserem Raum finden kann.
Das italienische Wort accoglienza hingegen geht auf das lateinische Wort ad-colligere, also „sammeln“, „zusammentragen“, „vereinigen“ zurück. Das Prinzip der accoglienza, also des „Aufnehmens“, verstehe ich als etwas IN sich aufzunehmen und AUF sich zu nehmen, das heißt etwas, das verschieden ist, zusammenzuführen, zusammenzuhalten und dabei vorurteilsgetriebene Starrheiten abzubauen.
„Nichts ist unübersetzbar. Niemand ist unübersetzbar.“
Jedes Übersetzen ist ein Zusammenführen zweier Sprachen und damit eine eindeutige Absage an die Vorstellung der Unübersetzbarkeit. Nichts ist unübersetzbar. Niemand ist unübersetzbar. Die Praxis des Aufnehmens einzufordern ist – davon bin ich überzeugt – die beste Art, einen Preis zu ehren, der nach Goethe benannt ist, dem Autor, der wie kein anderer für Offenheit und Neugier gegenüber der Welt steht.
Je fremder uns das Andere erscheint, desto entschiedener sollten wir es aufnehmen und dafür eine Form finden, sei sie auch nur vorläufig. Denn Endgültiges gibt es nicht.
Begleitveranstaltungen im Vorfeld
Wenige Tage zuvor fand in Berlin ein Podiumsgespräch der Preisträger statt. Die Veranstaltung stand unter der Überschrift „Europa erzählen – über Grenzen hinaus“.
Und im Rahmen des Kunstfests Weimar war eine Lesung unter dem Titel „Christa Wolf: Von Kindheitsmuster bis August“ zu hören. Ausgangspunkt der Veranstaltung waren Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster (1976) sowie die Erzählung August (2012), aus denen die Schauspielerin Petra Hartung unter der Regie von Beate Seidel las.
Die Preisträgerin Anita Raja, die zentrale Werke Christa Wolfs ins Italienische übersetzt hat, sprach im Anschluss mit der Literaturwissenschaftlerin Birgit Dahlke. Im Zentrum des Gesprächs standen Rajas nuancierte Übersetzungsarbeit und die Frage, wie Christa Wolfs Schreiben jenseits Deutschlands gelesen und verstanden wird.
Goethe-Medaille wird seit 1955 jährlich verliehen
Seit 1955 verleiht das Goethe-Institut einmal im Jahr die Goethe-Medaille als offizielles Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland. Sie ist der wichtigste Preis der auswärtigen Kulturpolitik. Die Kandidaten werden von den Goethe-Instituten in aller Welt in Abstimmung mit den deutschen Auslandsvertretungen nominiert.
Aus diesen Vorschlägen entwickelt die Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille, die sich aus Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst und Kultur zusammensetzt, eine Auswahl, die das Präsidium des Goethe-Instituts bestätigt.
Die Verleihung findet traditionell am 28. August, dem Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes, statt. Seit der ersten Verleihung 1955 wurden bereits 386 Persönlichkeiten aus 71 Ländern geehrt.
Auszeichnung für Verdienste um deutsche Sprache sowie von Kultur und Künsten
Die Goethe-Medaille würdigt Verdienste um die Förderung der deutschen Sprache sowie von Kultur und Künsten in den Heimatländern der Preisträger. Sie ehrt damit auch die Erneuerung und ständige Aktualisierung eines internationalen Verständnisses von Kultur. Der Preis soll auf zukunftsweisende Themen und Strömungen aufmerksam machen und die Internationalisierung der deutschen Kulturlandschaft, die globale Vernetzung und wechselseitig lernende Zusammenarbeit stärken.
Seit 1992 richtet das Goethe-Institut die Verleihung der Medaille in Weimar aus, seit 2009 am 28. August, dem Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes. Gemeinsam mit dem Kunstfest Weimar konzipiert das Goethe-Institut ein Begleitprogramm, das Möglichkeiten zur Begegnung mit den Preisträgern und ihrer Arbeit bietet. Seit 2022 können die Preisträger im Rahmen einer Netzwerkreise nach Deutschland ihre Beziehungen zu in Deutschland arbeitenden Institutionen und Personen stärken oder neu knüpfen.
Weltweit tätiges Kulturinstitut
Das Goethe-Institut als weltweit tätiges Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland feiert 2026 sein 75-jähriges Bestehen. Mit derzeit 154 Instituten in 100 Ländern fördert es die Kenntnis der deutschen Sprache, pflegt die internationale kulturelle Zusammenarbeit und vermittelt ein aktuelles Deutschlandbild. Durch Kooperationen mit Partnereinrichtungen an zahlreichen weiteren Orten verfügt das Goethe-Institut insgesamt über rund 1.000 Anlaufstellen weltweit.

Mehr zum Thema Goethe-Medaille, Goethe-Institut
- 2024-09-01: Mexikanische Literaturübersetzerin Claudia Cabrera mit Goethe-Medaille geehrt
- 2023-10-04: Wegen Spardiktat der Politik: Goethe-Institut schließt neun Niederlassungen, vor allem in Frankreich und Italien
Mehr zum Thema Elena Ferrante
Im Jahr 2016 legte der italienische Wirtschafts- und Investigativjournalist Claudio Gatti eine überzeugende Indizienkette vor, derzufolge sich hinter dem im Westen weithin bekannten Pseudonym „Elena Ferrante“ die Bibliothekarin und Übersetzerin Anita Raja verbirgt. Sie galt schon in früheren Jahren als eine von mehreren möglichen Autorinnen des erfolgreichen Romanzyklus Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes.
Diese und weitere Ferrante-Romane sind im deutschen Sprachraum bei Suhrkamp erschienen und wurden von Karin Krieger ins Deutsche übersetzt.
Während sich frühere Mutmaßungen über die Autorenschaft der weltweiten Bestseller auf Textvergleiche stützten, beherzigte Gatti die alte Watergate-Maxime „follow the money“. Er wies nach, dass sich das Einkommen der freiberuflichen Literaturübersetzerin Raja zeitgleich mit dem kommerziellen Erfolg der Ferrante-Romane und einer Verfilmung sprunghaft erhöhte und sich die frischgebackene Multimillionärin in der Folge teure Immobilien in den nobelsten Vierteln Roms und in der Toskana zulegte. Die entsprechenden Grundbucheinträge sind öffentlich einsehbar.
Die offensichtlich gerichtsfesten Ergebnisse Gattis wurden von den Verlagen und der Autorin nie dementiert, aber auch nicht bestätigt – nicht einmal kommentiert. Fragen des Journalisten im Rahmen der Recherche waren zuvor schon abgeblockt worden.
Das internationale Feuilleton reagierte empört darauf, dass ein Journalist es wagte, in der Literaturbranche zu recherchieren. Die Autorin habe ein Recht auf Anonymität. Dabei ist genau das die Aufgabe von Journalisten, die ihren Beruf ernst nehmen. Etwas veröffentlichen, was andere nicht veröffentlicht sehen wollen. Sagen, was ist.
In den Folgejahren entschieden sich die Verlage, die Autorin und der gesamte Literaturbetrieb dazu, den neuen Erkenntnisstand zu ignorieren. Das bereits seit Anfang der 1990er Jahre praktizierte Spiel mit dem Pseudonym „Elena Ferrante“ wurde einfach weitergespielt.
So auch jetzt in Weimar bei der Verleihung der Goethe-Medaille, bei der niemand es wagte, auch nur andeutungsweise darauf aufmerksam zu machen, dass Raja nicht nur eine herausragende Bibliothekarin und Übersetzerin ist, sondern möglicherweise auch ein erhebliches schriftstellerisches Talent besitzt.
- 2016-10-02: Andreas Platthaus: Die wahre Frau hinter Elena Ferrante (FAZ, Bezahlschranke umgangen)
- 2016-10-02: Claudio Gatti: Wer ist Elena F.? (FAZ, Bezahlschranke umgangen)
- 2016-10-02: Claudio Gatti: Elena Ferrante: An Answer? (vollständige Recherche in der New York Review, Bezahlschranke umgangen)
PM GI, Richard Schneider
