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Archive für November 2009
Jibbigo: Dolmetschsoftware für das iPhone
14.11.2009 von Richard Schneider.
Wissenschaftler aus Karlsruhe, Pittsburgh und Silicon Valley haben gemeinsam einen Sprach-zu-Sprach-Übersetzer für das iPhone entwickelt, welcher jetzt über Apple vertrieben wird. Die Anwendung soll gesprochenes Englisch ins Spanische und umgekehrt übersetzen können.
Jibbigo, so der Name der Übersetzungssoftware, läuft auf dem iPhone 3GS und hat ein Vokabular von etwa 40.000 Wörtern. Das Kommunikationssystem ist vor allem für humanitäre Einsätze aber auch für Touristen gedacht. Der Nutzer spricht ein oder zwei Sätze in sein Mobiltelefon und dieses gibt umgehend die Übersetzung per Sprache und Text aus.
“Jibbigo läuft direkt auf dem iPhone und benötigt keinen Zugang zum Internet oder einem Server”, sagt Alex Waibel (Bild unten), Professor für Informatik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und an der Carnegie Mellon University, Pittsburgh, USA. “Diese Unabhängigkeit ist ein entscheidender Vorteil für Reisende oder Helfer bei humanitären Einsätzen fernab des Einzugsbereichs von Mobilfunkanlagen. Es sind gerade diese Gegenden, in denen es kaum drahtlose Hotspots gibt, wo Jibbigo am nötigsten gebraucht wird”, so Waibel. Für Touristen ein weiterer Vorteil: Es fallen keine teuren Roaming-Gebühren an.
Waibels Forschungsgebiet ist die automatische Sprach-zu-Sprach-Übersetzung. Bereits 1990 entwickelte er den ersten Sprach-zu-Sprach-Übersetzer für Englisch, Deutsch und Japanisch. Er ist Direktor des international center for Advanced Communication Technologies (interACT), einem internationalen Forschungsverbund aus vier führenden Universitäten in diesem Bereich.
“Jibbigo wurde in einer Firmenneugründung von Absolventen der interACT Partner an Standorten in drei Kontinenten in einem internationalen Team rasch entwickelt”, sagt Waibel. “Es zeigt, dass eingespielte internationale Teams zu erstaunlichen Leistungen fähig sind und wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Forschung rasch und effektiv umsetzen können.”
Mehr als 6000 verschiedene Sprachen werden auf der Welt gesprochen. Jibbigo soll dazu beitragen, die Verständigung unter den Menschen ein Stück einfacher und besser zu machen. An weiteren Sprachenpaaren wird mit Hochdruck gearbeitet.
Weitere Informationen unter: www.jibbigo.com
Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und staatliche Einrichtung des Landes Baden-Württemberg. Es nimmt sowohl die Aufgaben einer Universität als auch die eines nationalen Forschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft wahr.
[Text: KIT. Quelle: Pressemitteilung, 2009-11-04. Bild: KIT.]
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Kulturstaatsminister Neumann: Höhere Subventionen für Literaturübersetzer, KSK bleibt
13.11.2009 von Richard Schneider.
Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) tagte am 11. und 12.11.2009 in Berlin und feierte das 40-jährige Bestehen der neben dem PEN wichtigsten Interessenvertretung deutscher Autoren. In einer Ansprache ging Bernd Neumann (Bild), Staatsminister im Bundeskanzleramt und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, auch auf die Bedeutung und Situation der Literaturübersetzer ein:
Die Arbeit der Übersetzer liegt mir sehr am Herzen, denn Sprache und Literatur bieten den wohl unmittelbarsten Zugang zur Kultur eines Landes. Bedeutende Dichter und Schriftsteller sind bisweilen auch bedeutende Übersetzer. Einer von Ihnen, Johann Wolfgang von Goethe, war sich bewusst, dass jede Übersetzung unsere Sprache “gewaltig bewegt” und unsere eigene Sprache durch die fremde “erweitert und vertieft”.
Wir haben die Übersetzungs-Förderung kontinuierlich ausgebaut und werden sie weiter ausbauen. So wird die Zuwendung für den Deutschen Übersetzerfonds schrittweise erhöht, bereits in diesem Jahr um 50.000 Euro auf 350.000 Euro. Neu ist der deutsch-italienische Übersetzerpreis, den wir im Frühjahr 2010 zum dritten Mal gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt verleihen. […]
Zur umstrittenen Künstlersozialkasse (KSK), deren Abschaffung seit Langem von der Wirtschaft gefordert wird, sagte Neumann:
Der “Arme Poet” hat zwar als “Spitzweg”-Idyll seinen Reiz – als Lebensmodell für Kreative aber ist er unzumutbar. Die Basis sind bessere, möglichst ausreichende Einkommen. Zur Unterstützung der Absicherung haben wir in Deutschland – einmalig auf der Welt – die Künstlersozialkasse. Sie wurde in den letzen Jahren entscheidend gestärkt und zukunftsfest gemacht.
Mehr zum Thema
Bundesrat: Vorstoß zur Abschaffung der Künstlersozialkasse vorerst gescheitert
[Text: Richard Schneider. Quelle: Pressemitteilung Bundesregierung, 2009-11-11. Bild: Bundesregierung.]
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“Ein Dolmetscher darf für niemanden Partei ergreifen” - Walid Abd El Gawad zum Marwa-Prozess
12.11.2009 von Richard Schneider.
Im Prozess gegen den Mörder der Ägypterin Marwa S. (31) wurde am 11.11.2009 in Dresden das Urteil gefällt: lebenslänglich. Der Täter Alex W. (28) stammt aus Russland, ist in der Region Perm und Kasachstan aufgewachsen und hält sich erst seit fünf Jahren in Deutschland auf.
Die beiden Kontrahenten waren im August 2008 auf einem Spielplatz aneinandergeraten, auf dem sich die Frau mit ihrem zwei Jahre alten Sohn und der arbeitslose Angeklagte mit seiner Nichte und Mutter aufhielt. Marwa S. forderte Alex W. auf, eine Schaukel für ihr Kind frei zu machen. Daraufhin beschimpfte der nach eigenen Aussagen ausländerfeindlich eingestellte junge Mann, der das Leben in Deutschland als „Multikultischeiße“ empfindet, die Kopftuch tragende Frau als „Islamistin“ und „Terroristin“.
Passanten mischten sich ein und versuchten, die lautstarke Auseinandersetzung zu schlichten. Die Angelegenheit eskalierte, weil jemand die Polizei rief. Die Ägypterin nutzte die Gelegenheit und erstattete Anzeige wegen Beleidigung. Alex W. erhielt zunächst einen Strafbefehl über 330 Euro und wurde nach seinem Widerspruch vom Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 780 Euro verurteilt. Dagegen legte er Berufung ein.
In der Berufungsverhandlung erstach der Russlanddeutsche dann im Gerichtssaal seine schwangere Kontrahentin mit 15 Messerstichen und verletzte deren Mann schwer. Mit seinem Ausländerhass habe das nichts zu tun gehabt, erklärte er später die Tat. Vielmehr habe er sich durch die Anzeige und die deutsche Justiz ungerecht behandelt und in die Enge getrieben gefühlt.
Der banale Anlass der Auseinandersetzung geriet in der Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit. Stattdessen entwickelte sich die Geschichte vor allem in Ägypten zu einem Medienspektakel. Auch deshalb, weil das Opfer als schöne, gebildete und selbstbewusste Mutter dem Idealbild einer fortschrittlichen Muslima entsprach.
In Ägypten wurde das Opfer von Islamisten zur Kopftuch-Märtyrerin hochstilisiert, die für ihre Religion gestorben sei. Die „Muslimbruderschaft“ organisierte in Kairo mehrere Demonstrationen und forderte die Todesstrafe für den Täter. Die Affäre beherrschte am Nil zeitweise die Titelseiten. Dabei wirkte die Presse nicht aufklärend, sondern verbreitete eine anti-deutsche Stimmung. Für die Medien saß Deutschland auf der Anklagebank.
Die Deutschen hingegen fühlten sich als unbeteiligte Dritte: „Was haben wir damit zu tun, wenn ein Russe eine Ägypterin ersticht? Außer dass die Gerichtskosten an uns hängen bleiben?“ In Deutschland wurden die Beleidigung und der Mord nicht als ausländerfeindliche Taten eines Deutschen, sondern als Auseinandersetzung zwischen zwei rechthaberischen Einwanderern wahrgenommen. Das Thema besaß für die deutschen Medien daher nur eine mittlere Bedeutung. Marwa S. sprach weit besser Deutsch als Alex W. und gehörte zu den Gewinnern, Alex W. hingegen zu den Verlierern unter den Einwanderern.
Wie empfindet ein Gerichtsdolmetscher die Situation als Mittler zwischen Kulturen und Rechtssystemen in einem Prozess, der gleich in zwei Ländern im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht? Die Berliner taz hat kurz vor der Urteilsverkündung mit Walid Abd El Gawad (31) gesprochen, der an zwei Verhandlungstagen für den Ehemann des Opfers und einen Anwalt gedolmetscht hat.
Die Verhandlung selbst bezeichnet Abd El Gawad als Prozess auf hohem Niveau, der all seine Erwartungen übertroffen habe: „Es wurde auf jede Kleinigkeit geachtet, zum Beispiel darauf, dass die arabischen Rechtsanwälte genügend Material in ihrer Sprache zur Verfügung hatten.“ Er wünsche sich, dass die Sachlichkeit der deutschen Justiz auch in den arabischen Ländern akzeptiert werde. Die Mehrheit der Deutschen habe mehr Mitgefühl gezeigt als dies in Ägypten wahrgenommen werde.
Das Dolmetschen sei zeitweise emotional schwierig gewesen: „Ich musste mich sehr zusammenreißen, damit ich nicht mitleide - beziehungsweise man mir meine Gefühle nicht ansieht. Ich habe großen Respekt vor den Richtern, die trotz der immensen emotionalen Herausforderungen vollkommen sachlich mit dem Fall umgehen.“
Walid Abd El Gawad studierte Islamwissenschaft und Germanistik in Kairo sowie Arabistik und Orientalische Philologie in Leipzig. Zurzeit ist er Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Orientalischen Instituts der Uni Leipzig.
Im Oktober 2009 wurde er mit dem Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) ausgezeichnet, bei dieser Gelegenheit entstand das obige Foto. Aus der Laudatio: „Walid Abd El Gawad bereichert mit seinem vorbildlichen sozialen und kulturellen Engagement verschiedene universitäre Initiativen. Herausragendes Engagement zeigte Abd El Gawad bei der Mitarbeit am Hörbuch Der Koran und als wissenschaftlicher Übersetzer. Ehrenamtlich wirkt er unter anderem in der Internationalen Doktorandeninitiative und als ein Repräsentant der Leipziger Muslime im interreligiösen Dialog in Stadt und Universität.“
Das Interview mit Walid Abd El Gawad können Sie auf der Website der taz lesen. Einen Audiobeitrag von Abd El Gawad, in dem es unter anderem auch um den Marwa-Prozess geht, finden Sie auf der Website von radio 1 des rbb.
[Text: Richard Schneider. Quelle: taz, 2009-11-10. Bild: Informationsdienst Wissenschaft, Stephan Flad.]
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Expolingua Berlin: Ian Andersen sucht Dolmetscher für EU
11.11.2009 von Richard Schneider.
Zur Einstimmung auf die Sprachen-Messe Expolingua Berlin veröffentlicht die Sprachlernzeitschrift Business Spotlight ein Interview mit Ian Andersen (Bild). Der Vertreter der EU-Generaldirektion Dolmetschen erklärt, wie der Einstieg in Fremdsprachen-Berufe gelingt.
Als Dolmetscher erlebt man Politik hautnah, als Übersetzer hält man spannende Romane und informative Fachliteratur in Händen: Berufe mit Fremdsprachen sind zunehmend gefragt. Tipps für den Einstieg gibt die Expolingua. Die Internationale Messe für Sprachen und Kulturen findet vom 20. bis 22. November 2009 im „Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur“ in Berlin-Mitte statt.
Den Auftakt für den diesjährigen Themen-Schwerpunkt „Dolmetschen und Übersetzen“ macht Ian Andersen. Der External Communications Adviser der EU-Generaldirektion Dolmetschen steht der Zeitschrift Business Spotlight Rede und Antwort. Nach Angaben von Andersen suchen die EU-Institutionen zurzeit aktiv Dolmetscher. Er erklärt die verschiedenen Arten des Dolmetschens und nennt die Voraussetzungen, die Kandidaten mitbringen müssen. Andersen:
If you’re in Germany, and you have a chance to come to the Expolingua, we’re going to be there with an interpreting booth. This means that anybody can sit in the booth and watch a video clip of a fairly easy speech, nothing really dramatic, and try interpreting live. There will be interpreter colleagues with me there who will be very happy to help anyone who wants to try.
Das vollständige Interview finden Sie unter www.business-spotlight.de/andersen - zusätzlich auch als Audio-Datei. Auf der Website des Veranstalters steht das Vortragsprogramm der Expolingua als PDF-Datei zur Verfügung.
Business Spotlight
Business Spotlight ist Medienpartner der Expolingua Berlin. Im Fokus des Englischmagazins für den beruflichen Erfolg stehen internationale Kommunikation, Wirtschaftstrends und Tipps für den Arbeitsalltag. Alle Beiträge sind auf Englisch verfasst und mit hilfreichen Vokabelangaben ergänzt. Weitere Informationen am Stand des Spotlight Verlags auf der Expolingua.
www.spotlight-verlag.de
Expolingua Berlin
Rund 15.000 Schüler und Studenten sowie Berufstätige mit Interesse an sprachlicher Weiterbildung und Lehrkräfte werden zur Expolingua vom 20. bis 22.11.2009 erwartet. Über 180 Aussteller informieren auf der Messe über Angebote zum Fremdsprachenlernen und -lehren. Das Vortragsprogramm bietet Mini-Sprachkurse, Infos zu Berufsbildern und Wissenswertes für den Auslandsaufenthalt. Schirmherr der Veranstaltung ist Leonard Orban, EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit.
www.expolingua.com

Die Expolingua Berlin findet im „Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur“ statt

Mehr als 180 Aussteller aus 30 Ländern präsentieren auf der Expolingua ihre Angebote. Hinzu kommen rund 100 Vorträge und Mini-Sprachkurse
[Text: Vitesse Hoepfner. Quelle: Pressemitteilung Spotlight Verlag, 2009-11-11. Bild: EU, Expolingua.]
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“In die Haut des Mörders schlüpfen”: Gerichtsdolmetscher am Berner Kreisgericht
11.11.2009 von Richard Schneider.
„Nur ein Wort falsch zu übersetzen, könnte fatal sein: Gerichtsübersetzer arbeiten im Hintergrund, tragen aber viel Verantwortung.“ Das schreibt die Schweizer Zeitung Der Bund, die mit zwei Gerichtsdolmetschern des Kreisgerichts Bern gesprochen hat: Martine Wegmann (54, Französisch, Deutsch) und Rajiv Masillamoni (53, Tamilisch, Englisch, Deutsch). Die Zeitung schreibt:
Ungefähr ein Dutzend Übersetzer und Übersetzerinnen arbeiteten regelmässig am Kreisgericht Bern-Laupen, erklärt der Presseverantwortliche und Gerichtssekretär, René Graf, auf Anfrage. Während vor einigen Jahren häufiger Übersetzer fürs Albanische und Serbo-Kroatische gefragt waren, sind heute vermehrt auch afrikanische Sprachen gefragt – eine Entwicklung, die auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung darstellt. Es sei nicht immer einfach, für seltene Sprachen Dolmetscher zu finden, sagt Graf. Zwischen den Behörden gebe es daher einen regen Austausch von Übersetzer-Adressen. […] Am Kreisgericht würden bei 30 bis 40 Prozent der Fälle Übersetzer beigezogen.
Den vollständigen Artikel können Sie in der Zeitung Der Bund lesen.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Der Bund, 2009-10-29.]
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Polnisches Konsulat Hamburg: Vorträge und Diskussion zu juristischen Sprachmittlerleistungen
10.11.2009 von Richard Schneider.
Die Rechtsabteilung des Generalkonsulats der Republik Polen in Hamburg lädt in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Polnischen Juristen-Vereinigung e.V. und der IGBG (Interessengemeinschaft Bundesdeutscher Gerichtsdolmetscher) zur dritten Veranstaltung ihrer Seminarreihe ein. Diese hat Fragen des aktuellen beruflichen Umfelds vereidigter Dolmetscher und Übersetzer für Polnisch in der Bundesrepublik Deutschland zum Thema. Insbesondere wird auf die zunehmend geforderte Doppelkompetenz eines „lawyer-linguist“ an der Schnittstelle Rechtswissenschaften, Dolmetschen und Übersetzen zwecks Grundrechtsgewährleistung gleichermaßen im bundesdeutschen wie europäischen Kontext abgestellt.
Das Referat „Grundrechtsgewährleistung vor dem Hintergrund juristischer Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen - im Spannungsfeld zwischen bundesdeutscher Theorie und Praxis“ wird von Frau Dipl.-Phil. Helena Piprek (Bild), Gründerin der IGBG, gehalten.
Im Anschluss daran erfolgt eine Podiumsdiskussion. Die Moderatoren sind Gerhard Schaberg, Vorsitzender des Hamburgischen Richtervereins e.V. und Rechtsanwalt Dr. Jan Schürmann, Vorstand der Deutsch-Polnischen Juristen-Vereinigung e.V. Herr Schaberg wird zudem aus richterlicher Sicht auf einige Aspekte juristischer Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen und die Rolle der Dolmetscher vor Gericht eingehen.
Teilnehmen werden neben Gerichtsdolmetschern und -übersetzern diplomatische Vertreter, Präsidenten von Amts- und Landgerichten, Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Notare, die auch für persönliche Fragen und Hinweise zur Verfügung stehen.
Auf Grund der begrenzten Teilnehmerzahl wird eine frühzeitige Anmeldung zur Veranstaltung empfohlen. Anmeldeschluss ist der 18.11.2009, die Teilnahme selbst ist kostenlos. Anmeldung per E-Mail an: agnieszka.ozubko@botschaft-polen.de
Die Veranstaltung findet am Mittwoch, dem 25.11.2009, um 17.00 Uhr in der Residenz des Generalkonsuls der Republik Polen, Gründgensstraße 20, 22309 Hamburg, statt. Anschließend lädt das Generalkonsulat zu einem kleinen „Incoming“ ein. (Die Bedeutung dieses polnischen Anglizismus ist unklar. Vermutlich ist ein Stehempfang mit Getränken und Häppchen gemeint.)
[Generalkonsulat der Republik Polen in Hamburg, IGBG. Quelle: Mitteilung IGBG, 2009-11-03. Foto: IGBG.]
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tekom-Jahrestagung 2009: Trotz Wirtschaftskrise solides Ergebnis
10.11.2009 von Richard Schneider.
Trotz Wirtschaftskrise endete die tekom-Jahrestagung 2009 mit einem soliden Ergebnis. Sowohl bei den Messebesuchern als auch bei den Tagungsteilnehmern verbuchten die Veranstalter im Vergleich zu 2008 nur geringe Einbußen. Die Zahl der Aussteller stieg sogar leicht an.
Tagungsteilnehmer: - 8 % (2009 2.110, 2008 2.279)
Messebesucher, die keine Tagungsteilnehmer sind: - 13 % (2009 1.019, 2008 1.168)
Aussteller: + 2 % (2009 187, 2008 183)
Die Zahl der Aussteller aus dem Ausland hat sich mehr als verneunfacht: 2009 56, 2008 6
Parallel zur Messe fanden etwa 200 Vorträge und Workshops statt, davon fast ein Drittel in englischer Sprache.
Die tekom organisiert pro Jahr zwei Großveranstaltungen: eine vergleichsweise kleine (500 Teilnehmer) Frühjahrstagung an wechselnden Standorten sowie im Herbst die Jahrestagung in Wiesbaden mit rund 3.000 Teilnehmern und Besuchern. Die nächste Frühjahrstagung findet am 29.-30.04.2010 in Schweinfurt statt.
Mehr zum Thema
tekom-Jahrestagung Wiesbaden: Messebesuch kostenlos möglich
[Text: tekom. Quelle: tekom, 2009-11-09.]
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Parteibuch Voraussetzung für Sprachmittlerstudium in DDR?
9.11.2009 von Richard Schneider.
In einem Artikel auf der Website der Deutschen Welle heißt es über eine Schriftstellerin: „Sylvia Kabus fühlt sich verloren, als sie mit 18 aus dem überschaubaren Görlitz nach Ost-Berlin zieht. […] Eigentlich wäre sie gerne Dolmetscherin geworden, doch ohne Parteibuch war der Zugang zu diesem Studiengang verwehrt.“
Stimmt diese Aussage? Musste man fürs Sprachmittlerstudium in der Partei sein? Wir haben in der Mailingliste U-Forum nachgefragt. Das seit 1993 bestehende Online-Diskussionsforum für Übersetzer hat rund fünfhundert Teilnehmer, darunter auch viele, die in der DDR studiert haben.
Birgit Strauß, Bielefeld, Diplom-Sprachmittlerin Russisch, Slowakisch, Tschechisch, www.uebersetzungsservice.de:
Also da muss ich vehement widersprechen: Ich stamme auch aus Görlitz, ich habe auch Diplom-Sprachmittlerin studiert und ich hatte kein Parteibuch und werde auch nie eins irgendeiner Partei haben.
Man musste einen harten Eignungstest überstehen, aber ich war vorher in einer Schule mit erweitertem Russischunterricht und wir hatten schon damals (ich habe 1978 mit dem Studium begonnen) ein Sprachkabinett. Wir konnten also schon in der Schule das Dolmetschen in der Kabine üben.
Es sind nur wenige genommen worden. Aber auch Westverwandtschaft war kein Hindernis. Das hat lediglich bei der Zuteilung der Sprachen eine Rolle gespielt. Ich konnte mir meine Sprachen nicht aussuchen. Damals war ich kreuzunglücklich, mittlerweile ist das so in Ordnung.
Klar hatten wir Unterricht in Marximus-Leninismus, politischer Ökonomie usw. Aber wir waren ja alle intelligente, denkende Menschen und haben uns selbst unser Bild gemacht.
Nora Spieler, Berlin, Portugiesisch, Spanisch, Englisch:
Diese Behauptung kann so generell nicht stimmen. Ich persönlich habe von 1970 bis 1975 Lateinamerikanistik und Sprachwissenschaften studiert (mit Dolmetscher- und Übersetzerausbildung sowie Politologie) und war während dieser ganzen Zeit parteilos, also auch kein Mitglied einer Blockpartei. Und ich war absolut kein Einzelfall. Gegen Ende des Studiums und in den ersten Berufsjahren danach war ich immer noch parteilos, obwohl ich als Konferenz- und Verhandlungsdolmetscherin auf höchster Ebene eingesetzt wurde. Zahlreiche Kolleginnen waren ebenfalls parteilos.
Natürlich wurden in der DDR Entscheidungen über die Besetzung von Ämtern, Posten etc. auch nach Parteizugehörigkeit, “Klassenstandpunkt” und ähnlichen Kriterien vorgenommen (davon ist ja auch die jetzige Gesellschaft nicht ganz frei). Natürlich gab es auch junge Menschen, denen ein Studium versagt bliebt, weil ihre Eltern nicht “staatstreu” handelten. Aber es gibt auch genug andere Fälle (wie z. B. Kanzlerin Angela Merkel oder ehemalige Mitschülerinnen aus meiner Abiturklasse), die trotz erzchristlicher Erziehung und Elternhäuser ihr Wahlstudium absolvierten und danach an wichtigen Stellen arbeiten konnten.
Das eigene Parteibuch der Kinder als Kriterium zur Zulassung zu einem bestimmten Studium ist allerdings ein wenig glaubwürdiges Argument. In die SED und die anderen Parteien der DDR konnte man erst mit Eintritt der Volljährigkeit aufgenommen werden, also mit Vollendung des 18. Lebensjahres. Wie andere Diskussionsteilnehmer schon bemerkten, ging der Parteiaufnahme ein langwieriges Prozedere voraus, so dass eine gewünschte Aufnahme oft erst während des Studiums erfolgen konnte. Zum Zeitpunkt der Bewerbung um einen Studienplatz (dies hatte bereits in der 11. Klasse zu erfolgen) waren die Abiturienten in der Regel erst 17 Jahre alt. Fazit: Bewerber mit Parteibuch konnte es objektiv nicht geben, mit Ausnahme der jungen Männer, die nach dem Abi ihren Wehrdienst absolvieren mussten und daher das Studium nach Eintritt ihrer Volljährigkeit begannen.
Ich möchte der Autorin des Buches, das Anlass dieser Diskussion war, nichts Unredliches unterstellen. Ich kenne ihren konkreten Fall nicht. Im Allgemeinen würde ich jedoch sagen, dass wenn jemand behauptet, wegen eines fehlenden Parteibuches am Studium gehindert worden zu sein, dies eher nach einer Schutzbehauptung aussieht. Menschen neigen oft dazu, Gründe woanders zu suchen, weil sie sich in ihrer Jugend nicht entscheiden konnten, sich nicht Zwängen (Lernen, Selbstdisziplin) unterwerfen wollten, gebotene Chancen nicht ergriffen oder aus welchen Gründen auch immer in der Schule zu schlechte Noten bekommen hatten.
Ein Studium in der DDR, dazu noch ein Sprachstudium, war nicht der geeignete Ort für diejenigen, die sich erst noch ausprobieren wollten. Es war “verschult”. Studienunterbrechungen, Studienwechsel und das individuelle Zusammenbasteln eines Studienplanes waren Dinge der Unmöglichkeit. Kreative Auszeiten gab es nicht. Das Studium wurde innerhalb der vorgesehen Regelzeit (4 oder 5 Jahre) durchgezogen. “Ewige” Studenten waren eine unbekannte Spezies. Das mag auf manche abschreckend gewirkt haben, sowie übrigens auch die Aufnahmeprüfungen, die bei vielen Studienrichtungen (auch bei Sprachmittlern) zu bestehen waren.
Solche Gründe sind jedoch zu banal, um sie für die öffentliche Darstellung zu verwenden. Es macht sich immer noch gut, sich als Systemopfer darzustellen. Damit wird denjenigen Unrecht getan, die wirklich gelitten haben und die tatsächlich als Bürgerrechtler aktiv wurden.
Peter Ganzer, Berlin, Diplomsprachmittler und Konferenzdolmetscher, Niederländisch, Französisch, Afrikaans, www.peter-ganzer.de:
Eine bestimmte Richtlinie oder Bestimmung gab es dafür sicherlich nicht (von meiner Seminargruppe war bei Studienbeginn vielleicht ein Viertel der Studenten in der SED und eine Kommilitonin in der NDPD, der Nationaldemokratischen Partei), dies entschied immer die Zulassungskommission vor Ort, in der, zumindest in meinem Fall, auch nicht nur SED-Genossen gesessen haben. Ein gewisses Wohlverhalten oder auch Loyalität gegenüber der DDR wurde jedoch immer vorausgesetzt. Wurde man abgelehnt, gab es keinerlei Widerspruchsmöglichkeiten, da es in der DDR keine Verwaltungsgerichtsbarkeit gab.
Es hatte aber sicherlich Vorteile, in der SED zu sein, vor allem, wenn man eine oder zwei so genannte Westsprachen studieren wollte. Dadurch wird es hier und da passiert sein, dass Leute mit schlechterem Abitur bevorzugt wurden, nur weil sie in der SED waren. Nur bei so genannter Westverwandschaft ging meines Wissens überhaupt nichts mit Westsprachen, aber auch hier hat es Ausnahmen gegeben.
Eine mir bekannte prominente Dolmetscherin hat übrigens bis zum Schluss für Honecker gedolmetscht und war in keiner Partei.
Petra Gürtler, Dresden, Dipl.-Dolmetscher/Übersetzer, Englisch und Französisch:
Das kann ich dementieren. In unserer Seminargruppe 1976-1980 (und das war eine heiße Zeit) waren wir zehn Studenten (5 Französisch/Englisch und 5 Französisch/Portugiesisch). Zwei davon waren vom MDI (Ministerium des Inneren, nicht Stasi) abgestellt, da sie für besondere Aufgaben vorgesehen waren. Wir waren die erste Portugiesisch-Gruppe in Leipzig. Das stand damals in Zusammenhang mit der Entwicklung in Angola und Mosambik, und sie sollten dorthin. Die anderen acht waren in keiner Partei und auch nicht bei der Stasi.
Ich habe sogar eine Freundin in der Schweiz, mit der ich seit 1970 in regem Briefwechsel stehe, die mich schon während der Schulzeit besucht hatte und die ich auch immer als Kontakt angegeben hatte. Für mich hat sich das nicht als Problem erwiesen. Sicher wurde es unterschiedlich gehandhabt, das steht außer Frage. Doch niemand sollte behaupten, dass das Parteibuch eine Voraussetzung für das Studium von Westsprachen war. Dafür kenne ich zu viele Kollegen, die nie in einer Partei waren.
Joachim Peter, Berlin:
So wie das da steht, ist das mal gelinde gesagt journalistisch stark übertrieben. Die Auswahl zum Studium oder auch zu anderen Karriereschritten erfolgte in der DDR sowohl nach fachlicher Leistung als auch sogenannter “gesellschaftlicher Arbeit”. Letzteres äußerte sich im Engagement erst mal in der FDJ, eine Parteimitgliedschaft war natürlich ein besonderes Kennzeichen und Grund zur Bevorzugung.
Wie weit politisches Engagement und Wohlverhalten ausschlaggebend war, war oft undurchschaubar, oft lag es an auch einzelnen Entscheidern. Ich erinnere mich an eine katholische Mitschülerin, der, obwohl sie mit Ausnahme von Sport ausschließlich Einsen auf dem Zeugnis hatte, die Aufnahme an die EOS (vergleichbar mit dem Gymnasium) verweigert wurde. Im Studium kannte ich dagegen einen, der sogar den Wehrdienst mit der Waffe verweigert hatte. Sowas wurde eigentlich als besonders aufmüpfig angesehen, war dadurch an einer Uni auch die absolute Ausnahme.
Was das Dolmetscherstudium betrifft, auf die politische Akte wurde da schon genau geschaut, immerhin musste man ja damit rechnen, im späteren Berufsleben auch eine Menge mit staatstragenden oder geheimen Texten zu tun zu haben, sowie mit Auslandsreisen, je nach Sprachrichtung auch in Gegenden, die dem gewöhnlichen Sterblichen verschlossen waren. Die sogenannten “Reisekader” wurden stets sehr genau unter die Lupe genommen, eine Parteimitgliedschaft war dafür auf jeden Fall sehr nützlich, ebenso wie eine Kirchenmitgliedschaft oder noch vielmehr Westbeziehungen sehr hinderlich waren, ein Ausschlusskriterium war das aber nicht.
25 % Parteimitglieder erscheinen mir als Durchschnittswert realistisch, nicht mit vordergründig politischen Studienrichtungen vergleichbar, aber auch durchaus mehr als z. B. in meiner Mathematik-Seminargruppe (unter 10 %).
Katja Plaisant, Berlin, Englisch, www.professionelle-uebersetzungen.de:
Vielleicht hat die junge Frau ein nicht so glänzendes Abitur gehabt, und damit wäre ihre einzige Chance das Parteibuch gewesen. Wer weiß. Aber dann sollte man es auch so schreiben.
Ich hatte mich 1988 in Berlin für Englisch/Portugiesisch beworben mit Abi 1,8, allerdings mit 3 in Staatsbürgerkunde. Das wurde natürlich nichts. Vielleicht hätte es ja mit einem Parteibuch funktioniert? Das war aber keine Option für mich.
Rimma Alperowitsch, Dipl.-Translatorin, Russisch, Tschechisch, Belarussisch, Berlin, www.transearly.de:
Das stimmt genauso, wie das, was meinem Sohn in der Schule erzählt worden ist: Die Amerikaner haben 1945 Berlin befreit!
[Textzusammenstellung: Richard Schneider.]
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Putin am 9. November 1989 in Dresden: “Ich bin der Dolmetscher.”
9.11.2009 von Richard Schneider.
Heute vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin war zu dieser Zeit als KGB-Offizier in Dresden stationiert. An seine Jahre in Deutschland denkt er mit einer gewissen Nostalgie zurück: „Ich erinnere mich noch heute an die Wärme und Herzlichkeit.“
Brenzlig wurde es aber am 9. November 1989. In einem Gespräch mit dem russischen Fernsehsender NTW schildert Putin die Wende-Tage in Sachsen als „sehr stürmische“ Zeit. Er selbst habe vor seinem Dienstsitz eine Menschenmenge beruhigen müssen. Gegenüber den aufgebrachten Demonstranten habe er sich jedoch nicht als KGB-Offizier zu erkennen gegeben. Stattdessen schlüpfte der gut Deutsch sprechende Spion in eine andere Rolle: „Ich sagte, ich sei der Dolmetscher.“
[Text: Richard Schneider. Quelle: Die Zeit, 2009-11-08.]
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Schon Babys schreien in Muttersprache - Spracherwerb beginnt im Mutterleib
8.11.2009 von Richard Schneider.
Vergleiche zwischen wenige Tage alten Babys in Frankreich und Deutschland zeigen: Selbst Neugeborene schreien in ihrer Muttersprache. Die Fähigkeit, aktiv Sprache zu produzieren, ist demnach sehr viel früher vorhanden als bisher angenommen. Schon in den ersten Tagen ihres Lebens schreien französische Säuglinge anders als deutsche. Während die französischen Neugeborenen häufiger ansteigende Schreimelodien produzieren, schreien kleine Deutsche eher mit fallender Tonhöhe. Der Grund dafür sind vermutlich unterschiedliche Betonungsmuster in den beiden Sprachen, die von den Föten bereits im Mutterleib wahrgenommen und später reproduziert werden.
Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die unter der Federführung von Wissenschaftlern der Universität Würzburg entstanden ist. Daran beteiligt waren Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften sowie des Laboratoire de Sciences Cognitives et Psycholinguistique der Ecole Normale Supérieure in Paris. Die Fachzeitschrift Current Biology berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe über die Untersuchung.
Spracherwerb beginnt im Mutterleib
Immer wenn die wenige Tage alten Babys Hunger, Durst oder einfach nur Sehnsucht nach ihrer Mutter hatten und dies mit ihren Schreien kund taten, standen die Wissenschaftler mit ihren Mikrofonen parat und zeichneten die Klagen auf. “Wir sind diejenigen, die zuerst Belege dafür geliefert haben, dass Sprache bereits mit den ersten Schreimelodien beginnt”, sagt Kathleen Wermke. “Wir” - das sind Kathleen Wermke, Leiterin des Zentrums für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen an der Poliklinik für Kieferorthopädie am Würzburger Universitätsklinikum, und ihr Kollege Werner Mende von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Schon lange ist bekannt, dass Babys im letzten Drittel der Schwangerschaft in der Lage sind, die Stimme der Mutter zu erkennen und die “Muttersprache” von einer Fremdsprache zu unterscheiden. Klar war auch, dass Neugeborene schon nach wenigen Monaten die Technik beherrschen, in ihren Schreien einfache Melodiebögen und unterschiedliche Betonungen zu erzeugen. Die Diskussion drehte sich in erster Linie um die Frage, wann sich aus einem “unkontrollierten Schrei” das erste “Sprachprodukt” entwickelt.
“Die vorherrschende Meinung war bisher, dass Neugeborene nicht aktiv auf die Lautproduktion Einfluss nehmen können”, sagt Kathleen Wermke. Stattdessen galt die Überzeugung: Die Schreimelodie von Neugeborenen wird wie bei Affenjungen allein durch Aufbau und Abfallen des Atemdrucks bestimmt und ist nicht vom Gehirn beeinflusst. Diese Ansicht hat das Forscherteam jetzt widerlegt.
Signifikante Unterschiede zwischen Deutsch und Französisch
Die Wissenschaftler haben sich für ihre Untersuchung auf deutsche und französische Neugeborene konzentriert, weil zwischen diesen beiden Sprachen besonders große Unterschiede in der Intonation, also der Melodie und dem Rhythmus, existieren: “Im Französischen werden sehr viele Worte zum Ende hin betont, so dass die Sprachmelodie ansteigt, im Deutschen ist es meist umgekehrt”, erklärt Angela Friederici vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. So rufen beispielsweise französische Kinder nach dem “Papá”, während die deutschen nach ihrem “Pápa” verlangen.
Ein ähnliches Muster fand Kathleen Wermke in ihren Analysen der mehr als 20 Stunden Schreiaufnahmen: “Die Neugeborenen bevorzugen genau diejenigen Melodiemuster, die für ihre jeweiligen Muttersprachen typisch sind”, so Wermke. Was bedeutet: Die Schreimelodie der deutschen Säuglinge beginnt häufiger mit einem anfänglichen Maximum und zeigt dann eine abfallenden Kurve. Die französischen Säuglinge schreien dagegen öfter in ansteigenden Melodien und betonen damit das Ende stärker. Damit reproduzieren sie genau diejenigen Intonationsmuster, die für ihre jeweiligen Muttersprachen typisch sind.
Schreimelodie als Hinweis auf Sprachentwicklungsstörungen
Die frühe Sensibilität für sprachmelodische Eigenschaften könnte den Säuglingen später beim Erlernen ihrer Muttersprache helfen, so die Forscher. “Die im Weinen trainierten Melodiemuster sind Bausteine für die nachfolgenden Lautproduktionen, wie dem Gurren und Babbeln bis hin zu den ersten Worten und Sätzen”, sagt Wermke. Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen nach Ansicht der Forscher am Beginn der Evolution gesprochener Sprache vor mehreren Millionen Jahren. Es hat sich gemeinsam mit einem spezifischen Mutter-Kind-Verhalten entwickelt.
Das neue Wissen um den frühen Start des Spracherwerbs könnte nach Ansicht von Kathleen Wermke dazu beitragen, Sprachentwicklungsstörungen frühzeitig zu entdecken und dann umso besser zu behandeln. “Wenn sich zeigt, dass die Schreimelodie als Hinweis auf eine mögliche Störung nutzbar ist, trägt das natürlich dazu bei, frühzeitig eine Diagnose zu stellen”, so Wermke. Schon 2007 hat ein Forscherteam um Kathleen Wermke gezeigt, dass die Melodiemuster der Schreie junger Säuglinge ein potentieller Risikoindikator für spätere Sprachentwicklungsstörungen sind.
Untersuchungen auch in anderen Ländern
Ob Neugeborene tatsächlich von Anfang an in ihrer Muttersprache schreien, wollen Wermke und ihre Mitarbeiter jetzt noch detaillierter untersuchen. Die dafür notwendigen Schreie haben sie bereits in anderen Ländern gesammelt. Die Auswertung hat gerade begonnen.
[Text: Robert Emmerich, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit Universität Würzburg. Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, 2009-11-05.]
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