Gelungene Premiere: Der “Weltempfang” auf der Frankfurter Buchmesse

Eröffnung Weltempfang
Eröffnet wurde der „Weltempfang“, das neue „Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung“ von Buchmessen-Chef Juergen Boos und Wiltrud Kern vom Auswärtigen Amt (Bild oben). Der neue Stand vereint aus Kostengründen das bisherige „Internationale Zentrum“ des Außenministeriums und das 2003 erstmals eingerichtete „Übersetzer-Zentrum“. Boos erklärte, der „Weltempfang“ sei sein Lieblingsstand, weil er wie kein anderer das verkörpere, was sich die Messe zur Aufgabe gemacht habe. Kern empfand die bisherige Trennung von Internationalem Zentrum und Übersetzer-Zentrum als „künstlich“. Das Ministerium habe den Vorschlag zur Zusammenlegung deshalb gerne aufgegriffen.

Podiumsdiskussion
Die große Bühne mit Vortragspult, Leinwand, Beamer und Dolmetschkabinen wurde vor allem für Podiumsdiskussionen genutzt.

Denis Scheck
An einer Diskussion zum Thema Übersetzungsförderung nahm auch der Übersetzer und Literaturkritiker Denis Scheck teil. Scheck moderiert im Fernsehen das monatliche Büchermagazin „druckfrisch“.

Dolmetschkabinen
Die beiden Dolmetschkabinen hinter den Zuschauerreihen waren wegen der Vielzahl ausländischer Redner und Gäste unentbehrlich.

Simultanübersetzung
Hätte es hier nicht „Simultanverdolmetschung“ heißen müssen? Aber das nimmt in der Praxis ohnehin niemand so genau.

Salon
Neben dem großen Podium gab es auch einen kleineren Veranstaltungsbereich, den so genannten „Salon“.

Lesung
Dort fanden in einer etwas intimeren Wohnzimmeratmosphäre vor allem Lesungen statt, wie zum Beispiel der überaus amüsante zweisprachige Vortrag von Schauspieler und Synchronsprecher Jochen Nix (Deutsch, im Bild links) und dem Übersetzer und Kulturvermittler Michael Kegler (Portugiesisch). Sie lasen Kurzgeschichten aus dem zur Buchmesse zweisprachig erschienenen Buch Um Brasileiro em Berlim / Ein Brasilianer in Berlin von João Ubaldo Ribeiro (Übersetzung Ray-Güde Mertin), dessen humorvolle, liebevoll-ironische Beobachtungen ein wenig an Kishon erinnern. Die Frankfurter Buchhandlung TFM (Centro do Livro e do Disco de Lingua Portuguesa) hatte die Lesung organisiert und bot das Werk praktischerweise auch gleich zum Kauf an. Es fand schon während der Veranstaltung reißenden Absatz.

Salon
Die Berliner Russisch-Übersetzerin Olga Radetzkaja (rechts) leitete eine Diskussionsrunde zum Thema „Die Übersetzung in der Literaturkritik“ über das Zusammenspiel von Übersetzer und Verlagslektor sowie die Wahrnehmung dieser intensiven Textarbeit durch die Literaturkritiker des Feuilletons. Teilnehmer war anderem Suhrkamp-Lektor Jürgen Dormagen (links).

Standpersonal

Das ebenso charmante wie aufmerksame Standpersonal sorgte für einen reibungslosen Ablauf der zahlreichen Veranstaltungen.

Infotheke
Zwischen den beiden Veranstaltungsbereichen befand sich die Infotheke für Übersetzer, wo man sich auch in die Übersetzerdatenbank der Buchmesse eintragen konnte.

Gläserner Übersetzer
Beim „Gläsernen Übersetzer“ konnte man den Übersetzungsprozess unmittelbar verfolgen und mit Literaturübersetzern ins Gespräch kommen. Hier übersetzt Elisabeth Müller (Übersetzerin von Gioconda Belli, José Carlos Somoza und Rosario Ferré) La isla de la pasión von Laura Restrepo (deutsch bei Luchterhand).

Gläserner Übersetzer
Ingo Herzke (Übersetzer von Alan Bennett, A. L. Kennedy und A. M. Homes) arbeitete an Passagen aus Super Sad True Love Story von Gary Shteyngart (deutsch bei Rowohlt). Darüber hinaus ließen sich dieses Jahr auch Eva Bonné, Thomas Gunkel, Christian Hansen, Andreas JandlStefanie Retterbush und Peter Torberg über die Schulter schauen.

Café Weltempfang
Ebenfalls zum Weltempfang gehörte ein Café.

Sitzgelegenheiten
Den weitläufigen Bereich mit Tischen und Stühlen konnte man für Verabredungen und zum Pausieren im Messetrubel nutzen.

Blick vom Podium bis zum Salon
Dieser Blick von der großen Bühne bis zum Salon vor der dunkelroten Wand im Hintergrund verdeutlicht die Dimensionen des Weltempfang-Standes.

Stand von BDÜ und VdÜ
Die Übersetzerverbände VdÜ (Literaturübersetzer) und BDÜ (Fachübersetzer) teilten sich eine Standfläche.

VdÜ-Stand
Hier die Ecke des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) mit einer Ausstellung von Büchern, die von Verbandsmitgliedern übersetzt wurden.

BDÜ-Stand
Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) wird traditionell durch den Landesverband Hessen auf der Buchmesse vertreten. Dieser präsentierte eine Auswahl aus dem Verlagsprogramm des Verbands sowie Ausgaben der Fachzeitschrift MDÜ und weiteres Informationsmaterial zur Ausbildung und Berufspraxis der Dolmetscher und Übersetzer.

Musik
Aber es wurde nicht nur informiert, diskutiert, übersetzt und gedolmetscht, sondern auch gefeiert. Am Freitagabend sorgte eine Musikgruppe vor vollbesetzten Rängen bis eine Stunde nach Messeschluss für Stimmung unter dem intellektuellen Publikum. Viele der Kopfmenschen ließen sich sogar dazu hinreißen zu tanzen und zu singen. (Es gab Rotwein und Häppchen umsonst.)

Sänger
Die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als ein Amateurbariton aus dem Publikum mitsang und daraufhin gebeten wurde, auf der Bühne eine Kostprobe seines Könnens abzugeben.

Freigelände
Goldener Oktober in Südhessen: Die Sonne machte das Freigelände zu einem beliebten Aufenthaltsort.

Langenscheidt-Tragetasche
Die beste Tragetasche – sehr groß, sehr stabil und sehr gelb – hatte dieses Jahr unbestritten Langenscheidt. Die Nachfrage war so groß, dass der Wörterbuchverlag ein Schild mit der Aufschrift „Taschenausgabe nur zur vollen Stunde“ aushängen musste.

Langenscheidt-Tragetasche
Die Ausgabe der begehrten Sammlerstücke gestaltete sich wie die Fütterung der Raubtiere im Zoo.

Langenscheidt-Tragetasche
Picknick mit Langenscheidt-Tasche auf dem Freigelände.

Die Premiere des neuen Standkonzepts „Weltempfang“ darf als gelungen bezeichnet werden. Die Befürchtungen, die Berufsgruppe der Literaturübersetzer würde dadurch wegrationalisiert und wäre dann auf der Buchmesse nicht mehr sichtbar, haben sich nicht bewahrheitet. Zwar musste jeder der alten Stände von Internationalem Zentrum und Übersetzer-Zentrum etwa ein Viertel seiner früheren Fläche abgeben, der Selbstdarstellung aller Beteiligten und dem Veranstaltungsprogramm hat dies jedoch nicht geschadet.

Einen Überblick über die zahlreichen Veranstaltungen am Weltempfang vermittelt das Programmheft (PDF-Datei, 3,5 MB).

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2010-05-29: Weltempfang statt Übersetzer-Zentrum: Tobias Voss im Interview
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[Text: Richard Schneider. Bild: Peter Hirth/Buchmesse (2), Richard Schneider (22).]