Zuger Übersetzer-Gespräche 2021 mit Berthold Zilly sowie Nadja und Alex Capus

Zuger Übersetzer-Stipendium
Bild: Montage UEPO

Zu den Zuger Übersetzer-Gesprächen waren am 29. und 30. Oktober 2021 im Gotischen Saal des alten Zuger Rathauses vor Publikum folgende Gäste geladen:

  • Berthold Zilly, Preisträger des Zuger Übersetzer-Stipendiums 2019, und Übersetzer von Grande Sertão: Veredas, dem Jahrhundertroman des brasilianischen Schriftstellers João Guimarães Rosa.
  • Nadja Capus erforscht als Strafrechtsprofessorin die Rolle und den Status von Gerichtsdolmetschern. Ihr Mann Alexandre „Alex“ Capus beschäftigt sich neben der eigenen schriftstellerischen Arbeit auch mit der Übersetzung von Romanen US-amerikanischer Autoren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Nach fast zweijähriger Zwangspause werten die Veranstalter die diesjährigen Gespräche als „vollen Erfolg“.

Zuger Übersetzer-Gespräche 2021
Literaturübersetzer Berthold Zilly (links) sprach mit Thomas Sträter vom Institut für Übersetzen und Dolmetschen (IÜD) der Universität Heidelberg über Zillys Neuübersetzung des brasilianischen Jahrhundertromans „Grande Sertão: Veredas“. – Bild: VZÜ

Georg Gerber vom Verein Zuger Übersetzer fasst die Gespräche wie folgt zusammen:

Am Freitagabend sprach der ausgewiesene Brasilienkenner Thomas Sträter von der Universität Heidelberg mit Berthold Zilly, dem Träger des Zuger Übersetzer-Stipendiums 2019. Berthold Zilly erhielt das Stipendium für seine Übersetzung von «Grande Sertão: Veredas» (erschienen 1956) des brasilianischen Autors João Guimarães Rosa. Bei diesem Werk handelt es sich um einen der wichtigsten Romane der brasilianischen, ja der lateinamerikanischen Literatur überhaupt.

Wie bei vielen bahnbrechenden Büchern sei in diesem Roman, so führte Berthold Zilly aus, das «Wie» wichtiger als das «Was». Obwohl das Buch auch ein wichtiges Zeugnis über die brasilianische Landschaft des Sertão und dessen Gesellschaftsstruktur ist – beides gibt es in dieser Form nicht mehr – stehen also Sprache und Komposition im Vordergrund.

Guimarães Rosa bedient sich beim Schreiben aller Ausdrucksmöglichkeiten der portugiesischen Sprache und mehr noch, er geht auch darüber hinaus: beispielsweise mit Neologismen oder mit dem Durchbrechen sprachlogischer Zusammenhänge. Berthold Zilly skizzierte anschaulich die Schwierigkeiten, einen solchen Text adäquat ins Deutsche zu übertragen.

Wie sehr Rosas Sprache aber auch von einer poetischen Musikalität geprägt ist, zeigte eine kurze Lesung aus dem Originaltext durch die aus Brasilien stammende Künstlerin Betty Leirner.

Zuger Übersetzer-Gespräche 2021
Radio- und Fernsehmoderator Röbi Koller (links) spricht mit Nadja Capus über die von ihr wissenschaftlich untersuchte Rolle der Gerichtsdolmetscher und mit Alex Capus über dessen Übersetzung amerikanischer Romane, etwa von John Fante oder John Kennedy Toole. – Bild: VZÜ

Am Samstagmorgen sprach Röbi Koller mit dem Ehepaar Nadja und Alex Capus. Beide Gäste haben in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen mit Übersetzen zu tun.

Nadja Capus ist Professorin für Straf- und Strafprozessrecht an der Universität Neuchâtel. Sie forscht zum Übersetzen oder Dolmetschen in Strafverfahren. Sie legte anschaulich dar, was für eine wichtige Rolle das Dolmetschen in polizeilichen Untersuchungen und in Strafverfahren spielen kann, so zum Beispiel bei geheimer Kommunikationsüberwachung sowie Vernehmungen durch die Polizei oder vor Gericht; vorausgesetzt, die Verdächtigen sprechen nicht in einer der Landessprachen.

Die Justiz ist in solchen Fällen also auf die Arbeit von Sprachmittlerinnen und Sprachmittlern angewiesen und abhängig von der Korrektheit und Qualität der Übersetzungen. Nadja Capus möchte mit ihren Forschungsarbeiten zunächst das allgemeine Bewusstsein für dieses heikle Thema schärfen und Prozesse zur Qualitätssteigerung und -sicherung anstossen.

Alex Capus ist nicht nur einer der bekanntesten und bedeutendsten Schweizer Gegenwartsautoren, sondern auch als Übersetzer tätig. Darüber gab er Auskunft. Vor allem in Phasen, in denen er nicht selber schreibe, sei das Übersetzen eine auch für das eigene Schreiben wertvolle Tätigkeit, die das Stilbewusstsein voranbringe.

Capus, in Frankreich geboren und als Fünfjähriger in die Schweiz gekommen, übersetzt Romane aus dem Amerikanischen. Auf Röbi Kollers Frage, warum er nicht aus dem Französischen übersetze, erklärte der Autor, dass das Englische einfach viel näher beim Deutschen sei, in welchem er schreibe. In den Romanen von John Fante oder John Kennedy Toole stehe zudem die Geschichte im Vordergrund. Auch für Capus ist es beim Schreiben wichtig, die Sprache in den Dienst der Geschichte und des nachvollziehbaren Erzählens zu stellen.

Das Ehepaar Capus berichtete auch über die private Bedeutung von Sprache und Übersetzen. Wie ihr Mann wuchs auch Nadja Capus zunächst nicht mit Deutsch, sondern mit Italienisch und einem Italienisch-Schweizerdeutsch auf; zudem lebten beide mit ihren Kindern eine Zeit lang im Ausland.

Zuger Übersetzer-Gespräche

Bei den Zuger Übersetzer-Gesprächen treffen sich in Zug, dem Hauptort des gleichnamigen Kantons, Übersetzer, Autoren, Verleger und Literaturwissenschaftler, um über die Kunst und Kultur des Übersetzens zu diskutieren. Das fachkundige Publikum wird dabei in den Dialog einbezogen.

Veranstalter ist der 1996 gegründete Verein Zuger Übersetzer, in dem Vertreter wichtiger kultureller Vereinigungen der Stadt und des Kantons Zug mitwirken. Der Verein verantwortet auch die Vergabe des Zuger Übersetzer-Stipendiums, dem mit 50.000 Schweizer Franken (45.800 Euro) höchstdotierten Übersetzerpreis im deutschsprachigen Raum.

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