„Hochgeehrte Herren!“ – Berliner Seminar für orientalische Sprachen 1887 feierlich eröffnet

Prof. Dr. Eduard Sachau
Prof. Dr. Eduard Sachau war der erste Direktor des Seminars für orientalische Sprachen an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. - Bild: HU Berlin

Am 27. Oktober 1887 wurde das Seminar für orientalische Sprachen (SOS) an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (heute Humboldt-Universität) mit einem Festakt feierlich eröffnet. War das der Beginn der universitären Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern in Deutschland?

Als Geburtsjahr der modernen Konferenzdolmetscherausbildung gilt das Jahr 1929 (Handelshochschule Mannheim, später an Universität Heidelberg verlagert). Aber schon 42 Jahre zuvor wurden in Berlin Grundprinzipien der Sprachmittlerausbildung entwickelt, die bis heute gelten.

Das Institut war keine reine Kaderschmiede für Berufsdiplomaten des Auswärtigen Amts, wie man oft hört, sondern wandte sich an eine wesentlich breiter aufgestellte Zielgruppe, die Kultusminister Dr. Gustav v. Goßler in seiner Ansprache umschreibt:

Seine Pforten öffnet das Seminar Allen, welche der hier vertretenen Sprachen für den Verkehr mit den Eingeborenen bedürfen, – dem Dragoman, welcher seiner juristischen und neusprachlichen Vorbildung noch die Kenntniß orientalischer Idiome zufügen will, – nicht minder dem Missionar, dem Museumsbeamten, dem Forschungsreisenden, dem Kaufmann, dem Techniker.

Das Seminar sollte die Sprachen des Orients „zum praktischen Gebrauche lehren, als Hülfsmittel und Ausrüstung für die Erreichung von Zielen, welche außerhalb des Gebietes der Philologie liegen“, so v. Goßler. Und Prof. Dr. Eduard Sachau, der erste Direktor der neuen Einrichtung, betont: „Nicht die reine, sondern die angewendete Wissenschaft soll hier gepflegt werden.“

Diese Praxisorientierung war für die damalige Zeit ungemein fortschrittlich. Die Dozenten bestanden zur Hälfte aus Philologen, zur Hälfte aus Vertretern der Berufspraxis – wie auch heute noch in den Studiengängen für die Branche.

Ein weiteres bis heute gültiges Konzept, das im SOS gepflegt wurde: das Muttersprachlerprinzip. Japanisch wurde von Japanern, Suaheli von Afrikanern unterrichtet. Der Lehrkörper bestand zur Hälfte aus Deutschen, zur Hälfte aus Ausländern.

Außerdem galt laut Sachau:

[…] der sprachliche Unterricht soll keineswegs isolirt dastehen; die Lehrer werden ihn ergänzen und weiterführen durch das, was sie aus ihrer Kenntniß von Land und Leuten über das betreffende Gebiet ihren Schülern mitzutheilen vermögen. Wissenschaft und Leben sollen gleichen Antheil an diesem Hause haben.

Seminar für orientalische Sprachen, Berlin
In einem repräsentativen Bau im Stadtzentrum, der Alten Börse am Berliner Lustgarten, hatte das Seminar für orientalische Sprachen seinen ersten Sitz (1887-1893). – Bild: Grafik von Leopold Ludwig Müller, 1820, gemeinfrei

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung berichtet am 27. Oktober 1887 in ihrer Abendausgabe ausführlich über das Ereignis und dokumentiert die Eröffnungsreden in voller Länge. [Absatzeinteilung wie im Original. Zwischenüberschriften von UEPO.de.]

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Eröffnungsfeier
des Seminars für orientalische Sprachen.

Das Seminar für orientalische Sprachen an der königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität wurde heute Mittag 12 Uhr mit einem Festakte in seinem neuen Heim, der alten Börse am Lustgarten, feierlich eröffnet. Seitdem im Jahre 1801 die Börse ihren Prachtpalast am anderen Ufer der Spree bezogen, lag das Gebäude, in welchem sodann das anatomische Museum untergebracht worden war, still und wenig beachtet da. Jetzt wird es wieder mit einbezogen in den Kreis unseres modernsten praktischen Lebens; Die, welche in die weite Ferne ziehen, um dem Vaterlande auf volkswirthschaftlichem Gebiet zu dienen, werden hier vorbereitet für den Verkehr mit den fremden Völkern. Zu Ehren des Tages hatte das Gebäude den Schmuck deutscher und preußischer Fahnen angelegt, die lustig in der bewegten Luft des herrlichen Oktober-Tages spielten.

Der feierliche Akt selbst fand in dem ehemaligen Börsensaale statt. Nicht allzu zahlreichen Berlinern wird dieser verhältnißmäßig kleine und niedrige Raum mehr bekannt sein; unwillkürlich drängt sich die Verwunderung auf, daß er einst für die Bedürfnisse der Berliner Börse, die sich heute getrost neben die von London und Paris stellt, ausreichen konnte. Diesem Kontrast zwischen Einst und Jetzt verdankt ja das orientalische Seminar seine Entstehung. Der Saal, dessen Decke durch zwei kassetirte, von dorisirenden Säulen getragene Gurtgewölbe Gliederung erhält, trägt noch die alte Zier: einen Relieffries, der aus Handel und Gewerbe Bezug hat. Zu diesem den praktischen Zielen gewidmeten Schmucke, der nun wieder seine Bedeutung erlangt hat, gesellte sich heute an der einen Schmalseite ein prächtiger Aufbau von Blattpflanzen, von deren saftigem Grün sich die Büsten des Kaisers und des Kronprinzen wirkungsvoll abhoben, zu beiden Seiten der Büste des großen Kurfürsten aufgestellt. Die Büsten der Prinzen Wilhelm und Heinrich hatten zwischen den ersten Säulenpaaren Aufstellung gefunden.

Die Spitzen der Behörden des Deutschen Reichs und Preußens und zahlreiche Männer der Wissenschaft hatten sich zu der Feier eingefunden. Wir sahen die Herren Kultusminister Dr. v. Goßler, Staatssekretair Graf Herbert v. Bismarck, Staatssekretair v. Schelling, Unterstaatssekretair Homeyer, Unterstaatssekretair Lucanus, Ministerialdirektor De la Croix, Ministerialdirektor Greiff, Wirkl. Geheim. Legationsrath Humbert, Geh. Legationsrath Dr. Krauel, Geh. Ober-Regierungsrath Schöne, Reg.-Rath Naumann, General der Infanterie v. Strubberg, Generalarzt Bardeleben, Generalarzt v. Coler, Generalmajor Ritter von Xylander, bayerischen Militairbevollmächtigten, den Rektor der Universität Prof. Dr. Schwendener, die Professoren v. Helmholtz, Mommsen, Dernburg, v. Bergmann, Dubois-Reymond, Petzold, Hofmann, v. Richthofen, v. Fritsch, Geheimrath Spinola, Konsul z. D. Annecke, Pastor Diestelkamp u. A.

An der linken Seite des vor der Kaiserbüste stehenden Rednerpultes hatte der Lehrkörper des neuen Seminars Platz genommen, der kommissarische Direktor Prof. Dr. Sachau, Prof. Arendt (Chinesisch) mit den Lektoren Kuei-Lin und Pan Fei-Shing, die in chinesischer Tracht erschienen, Dr. Lange (Japanisch) mit Dr. Inouyé, Herr F. Rosen (Hindustani), Professor Hartmann (Arabisch) mit den Herren Ä. Maarbes und Hasan Taufik, Letzterer trug seine heimathliche egyptische Tracht, den langen hechtgrauen Mantel und den weißrothen Turban; Dr. Andreas (Persisch, Türkisch) und Dr. Moritz, Missionsinspektor Büttner (Suaheli). Die bisher angemeldeten Hörer des Seminars, wohl 30 bis 40 an der Zahl, waren in den Nebenräumen versammelt.

Gustav v. Goßler
Dr. Gustav v. Goßler leitete das Preußische Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. – Bild: gemeinfrei

Dr. Gustav v. Goßler, preußischer Kultusminister

Der Kultusminister Dr. v. Goßler eröffnete die Festversammlung mit folgender Ansprache:

„Wenige Jahrzehnte sind erst verflossen, seitdem dieser Saal den Mittelpunkt des gesammten kommerziellen Lebens der preußischen Hauptstadt umschloß, und die Räume, welche vor Kurzem noch ausreichten, die zahlreichen Zweige der Berliner Börse in sich aufzunehmen, öffnen sich heute, um einem neuen Institute der Universität eine durchaus zweckentsprechende und wohnliche, aber doch nicht überflüssig ausgedehnte und nicht verschwenderisch ausgestattete Heimstätte zu gewähren. Welche Wandlungen wir im Laufe eines Menschenalters erfahren haben, wissen wir Alle, – schon ein Blick auf die Geschichte dieses Gebäudes würde es uns lehren; und dieses Vorwärtsschreitens grade heute zu gedenken, dazu ist der Antrieb um so lebhafter, als es sich um die Eröffnung einer Bildungsstätte handelt, welche in ihrem Wesen, ihren Aufgaben und Zielen sich ausschließlich auf die Erfahrungen der letzten Jahre, auf die Bedürfnisse der Gegenwart gründet.

Auch die treibenden Kräfte sind uns nicht verborgen, – genügt doch ein Blick aus diesen Fenstern, wenn er über die Kirchen zum Schlosse des Deutschen Kaisers hinschweift, zu den Anstalten geistigen Schaffens und Wirkens, zu dem Zeughause, zu so zahlreichen Stätten ernster, oft entsagungsvoller Arbeit.

Mitten in diese Vertreter unserer höchsten Interessen wollen wir das neue Seminar hineinstellen, – heute selbst noch ein Samenkorn, dereinst, wie wir hoffen und vertrauen, ein reicher Fruchtbaum, der seinen Samen weit über die Grenzen unseres Vaterlandes tragen wird.

Gegründet vom Deutschen Reiche und dem preußischen Staat in der Hauptstadt, – eingefügt in den Bau der königlichen Universität, – bestimmt für die Erlernung orientalischer Sprachen, – dies ist die Ueberschrift des Seminars, und sie kennzeichnet seine Entstehung, sein Wesen und seine Zwecke.

Nicht soll das Seminar das Studium der orientalischen Sprachen etwa erst einführen. Seit langen Jahrzehnten hat deutscher Scharfsinn und Forschungstrieb auf dem Gebiete der indogermanischen und semitischen Sprachen, wie der Sprachvergleichung die reichsten Lorbeeren errungen. Auch soll nicht das Seminar die auf unsern Universitäten bestehenden altbegründeten Lehrstühle beeinträchtigen. Mit nichten. Wenn diese die Sprachen an und für sich, in ihrer Eigenart wie im Zusammenhange mit anderen Sprachgebilden, zum Gegenstände des Forschens und Lehrens machen, mit kritisch-historischer Methode, unter Anlehnung an die Physiologie und Psychologie, – so wird das Seminar die Hauptsprachen des Orients nur zum praktischen Gebrauche lehren, als Hülfsmittel und Ausrüstung für die Erreichung von Zielen, welche außerhalb des Gebietes der Philologie liegen.

Seine Pforten öffnet das Seminar Allen, welche der hier vertretenen Sprachen für den Verkehr mit den Eingeborenen bedürfen, – dem Dragoman, welcher seiner juristischen und neusprachlichen Vorbildung noch die Kenntniß orientalischer Idiome zufügen will, – nicht minder dem Missionar, dem Museumsbeamten, dem Forschungsreisenden, dem Kaufmann, dem Techniker. Eigenartig wie der Zweck, erscheint auch die Zusammensetzung der Lehrerschaft. Neben unsern Landsleuten, welche mit der theoretischen Beherrschung der Sprache ihre zuverlässige Handhabung im täglichen Verkehr verbinden, erblicken wir Angehörige der Nationen, deren Sprachen hier gelehrt werden, heute schon Bewohner des Nillandes und der beiden großen ostasiatischen Kaiserreiche.

Mögen auch manche Züge einen fremdartigen Charakter aufweisen, so hat sich doch das Seminar leicht eingefügt in die erprobte Organisation der königlichen Universität, welche ebenso fest in ihrer Verwaltung ist, als beweglich für die Ausgestaltung der Lehrthätigkeit. In ihrem Direktor wird es festhalten den Zusammenhang mit der reinen Wissenschaft, welche den Lehrern neue Stärke, ihrem Wirken Licht und Wärme verleiht; und nicht zum Mindesten wird das Seminar selbst eine reiche Quelle für fruchtbringende Studien dem Fachgelehrten darbieten.

Vor Allem aber mögen die Kräfte, welche in der Friedrich-Wilhelms-Universität lebendig sind, auf das neue Institut übergehen, – die Treue in der Arbeit, das Bewußtsein, Glied eines großen Ganzen zu sein -, dann wird das Seminar sicher die neuen Pfade wandeln und die Hoffnungen erfüllen, welche bei seiner Begründung gehegt werden.

Im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt des Deutschen Reichs übergebe ich nunmehr das Seminar für orientalische Sprachen der königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität und erkläre dasselbe hiermit für eröffnet.“

Prof. Dr. Simon Schwendener, Rektor der Universität

Simon Schwendener
Simon Schwendener – Bild: HU Berlin

Der Rektor der Universität, Prof. Dr. Schwendener, erwiderte mit Worten des Dankes für diese Bereicherung der Hochschule, die in dem Seminar eine kraftvolle Ergänzung ihrer Vorlesungen erkennt und in der Zuweisung desselben einen neuen Beweis für die ihr zugewandte Fürsorge der königlichen Regierung erblickt, und lieh den Glückwünschen der Universität für das neue Institut und ihren Direktor warmen Ausdruck.

Prof. Dr. Eduard Sachau, Direktor des SOS

Prof. Dr. Sachau legte nun in folgender Rede Wesen, Ziele und Zwecke des seiner Leitung anvertrauten Seminars dar:

„Hochgeehrte Herren! Die Weihe eines Hauses zu begehen, ein altes Haus einem neuen, aus den Bedürfnissen der jüngsten Zeit erwachsenen Berufe zu widmen, ist die Aufgabe dieser festlichen Stunde, eine Aufgabe, über deren Bedeutung und Tragweite die Gegenwart so vieler ausgezeichneter Vertreter unserer Nation für Nah und Fern ein unzweideutiges Zeugniß ablegen wird. Wollte ich wie ein Sterndeuter des orientalischen Alterthums nach Zeichen und Wundern spähen, wollte ich die Gestirne, welche an dem Geburtsmorgen dieser Anstalt sich über dem östlichen Horizont erheben, und ihre Konstellationen zu den gebietenden Wesen an der lichten Himmelshälfte zu erforschen suchen, so würden alsbald sich zahlreiche Erscheinungen dem Blicke darbieten, welche dem verheißungsvollen Morgen einen segensreichen Tag als Nachfolger versprachen. In den schaffensreichen Tagen unseres allergnädigsten Kaisers und Herrn, Sr. Majestät Kaiser Wilhelm, aus der fernsichtigen Fürsorge seiner Regierung hervorgezogen, von dem Wohlwollen der berufenen Vertreter unseres Volkes durch alle Vorbereitungsstadien getragen, durch das Entgegenkommen orientalischer Regierungen in ganz wesentlichen Stücken gefördert, mit sichtlicher Theilnahme von der Oeffentlichkeit in allen deutschen Landen aufgenommen, thut diese Pflanzstätte neuen Unterrichts am heutigen Tage den ersten Schritt ins Leben, und Ihre Gegenwart, hohe Herren, ist ihr ein freundliches Glückauf zum Werk.

Die Wissenschaft des Orients, meine Herren, gehört nicht zu den jüngsten Zweigen am Baum des deutschen Geisteslebens. Sie ist gleichzeitig mit dem Studium des klassischen Alterthums im Zeitalter des Humanismus in Deutschland gegründet, in die deutschen Universitäten eingezogen, und seitdem in gesegnetem Wachsthum zu einer großen, fast ganz Asien und große Theile von Afrika umspannenden Entwickelung gelangt.

Johann Reuchlin, ein Sohn Schwäbens, eine der hervorragendsten Gestalten in der Geschichte des deutschen Geistes, der Vater unserer griechischen und lateinischen Studien, war zugleich der Erste, der an deutschen Universitäten Hebräisch lehrte, in Tübingen und Heidelberg, und das Studium dieser Sprache durch seine Werke den Jüngeren der Wissenschaft allgemein zugänglich machte. Was er begründet, wird auf allen unseren Hochschulen mit Eifer fort und fort geflegt. Das Studium der hebräischen Sprache und des Alten Testamentes ist bis in die Gegenwart hinein das Zentrum, gegen welches die meisten der auf vorder-asiatischem Boden sich bewegenden Studien gravitiren.

H. H! [Hochgeehrte Herren!] Ich darf Sie nicht von dem Anwachsen unterhalten, welches die Orientstudien erfahren, seitdem die Engländer sich den unteren Ganges erkämpft und das Verständniß der klassischen Literatur der Braminen erschlossen haben, seitdem die Räthsel der Keilschrift gelöst und die Bauinschriften eines Nebucadnezar, wie die Kriegsberichte eines Tialatpilesar und Sardanapal, Gestalten, welche früher nach den skizzenhaften Berichten der Bibel mehr wie traumhafte Schemen in unseren Vorstellungen lebten, nun aber mit historischem Fleisch und Blut bekleidet wie lebensfrische Träger der Weltgeschichte vor unseren Augen auftauchen, ihre, während mehrerer Jahrtausende verschwiegenen Geheimnisse dem Forschergeist unserer Tage haben preisgeben müssen. Fast alle Kulturgebiete des in Völkern und Sprachen so reich gegliederten Asiens sind in den Bereich deutscher Forscher einbezogen worden. Der Strom derselben ist immer breiter und tiefer geworden, aber seine Richtung ist stets dieselbe geblieben, die Richtung auf das Alterthum, auf die klassischen Sprachen und Literaturen Asiens, die in der Hauptsache vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden angehören. Was dagegen die lebenden Volksmundarten anbetrifft, welche aus jenen klassischen Sprachen zum Theil durch eine oder mehrere Mittelstufen hindurch sich entwickelt haben, so ist deren Schicksal sowohl in Asien selbst, wie in Europa viel weniger von der Gunst des Schicksals getragen worden.

Ein gebildeter Araber kann nicht begreifen, warum ein Orientalist dem Patois ungebildeter Leute seine Formen und Redewendungen abzulauschen sucht. Für ihn giebt es nur eine arabische Sprache, diejenige, die Allah durch den Mund seines Propheten zu der Menschheit geredet, und diese ist längst erstorben. Nicht dieselben, aber ähnlich waren zum Theil die Gesichtspunkte, nach denen die Gelehrten Europas vorgingen und vorgehen mußten. Wollten sie die Grundlage der eigenthümlichen Kulturen des Morgenlandes erforschen, so mußten sie seine heiligen Schriften verstehen lernen und zu diesem Behufe Sprachen studiren, die von den jetzt gesprochenen Idiomen zum Theil so weit abstehen, wie das Gothische in Ulfilas‘ Bibel-Uebersetzung oder das Hochdeutsche in Otfrieds Evangelien-Bearbeitung von dem Hochdeutsch unserer Tage.

Aber bei alledem, h. H. [hochgeehrte Herren], fehlte keineswegs die lebenswarme Gegenwart unter den Vorlagen der deutschen Universitätsstudien, wenn sie auch nicht in der Weise und in der Absicht gepflegt wurde, wie es in diesem Hause geschehen soll. Ich könnte hier das Persische nennen, das schon seit mehr als 200 Jahren in Deutschland heimisch ist. Herzog Friedrich III. von Holstein-Gottorp hegte den Plan, den Handel Persiens über Moskau nach seinen Landen zu lenken, und schickte zu dem Ende seinen Bibliothekar, den Adam Olearius oder Oelschläger über Moskau nach Persien. Eine Frucht dieser höchst denkwürdigen Reise war die deutsche Uebersetzung des Gulistan oder Rosengartens von Sadi, eines der Prunkwerke der persischen Literatur, welche Olearius 1654 in Schleswig herausgab. Die Sprache, welche Sadi schrieb, und ebenso Firdusi, oder richtiger Firdausi, der Verfasser des Schahname, ist dieselbe, welche noch heutigen Tags von allen Gebildeten Persiens gesprochen und weit über Persiens Grenzen hinaus an vielen muhammedanischen Fürstenhöfen als Ausdruck höchster Gesittung angewendet wird. Seit tausend Jahren ist sie stationair geblieben, und es scheint fast, als habe die Alles zersetzende Zeit ihr gegenüber einen Theil ihrer Zerstörungskraft eingebüßt. Aehnlich, wie das Persische, ist auch das Türkische frühzeitig aus leicht begreiflichen Gründen an den Zentren deutscher Studien bekannt geworden. Die Sprache, die jetzt diesseits und jenseits des Bosporus gesprochen wird, ist in allem Wesentlichen dieselbe, die vor 600 Jahren Osman sprach, der Ahnherr der Sultane und der Begründer ihres Reiches, dem zu Ehren das türkische Volk seine Sprache die Osmanische nennt.

Wenn also auch auf vielen Universitäten Deutschlands die Gelegenheit geboten war, Persisch und Türkisch und andere lebende Sprachen zu lernen, so war doch auch dieser Unterricht wenig dazu angethan, für das praktische Leben im Orient vorzubilden, denn Lehrer und Schüler hatten gleich wenig Veranlassung, den mündlichen oder schriftlichen Gebrauch dieser Sprachen zu üben. – 20 Universitäten, jede mit einem oder mehreren orientalischen Lehrstühlen, in einem Lande, das weder eine asiatische oder afrikanische Kolonie hatte, noch auch einen nennenswerthen Handel dorthin betrieb, Alles um der reinen Wissenschaft willen, das war der Stand der Ding in unserem Vaterlande bis in die jüngste Zeit hinein.

Das Haus, das wir heute seiner Bestimmung übergeben, ist nicht ein Heim reiner Wissenschaft. Nicht die reine, sondern die angewendete Wissenschaft soll hier gepflegt werden. Ist, wie ich soeben ausgeführt, der Lehrberuf des Seminars im Organismus unserer Universität keineswegs etwas absolut Neues, so ist dagegen vollkommen neu sowohl der Umfang wie die Tendenz des Studienplanes, der hier zur Ausführung gelangen soll. Von der westlichen Grenze des arabischen Sprachgebietes, wo es den Atlantischen Ozean berührt, bis zum fernen Inselreich des Mikado sind fast alle großen lebenden Sprachen des nördlichen und östlichen Afrikas, des westlichen, südlichen und östlichen Asiens hier vertreten: Das Arabische in den zwei Mundarten, die in Egypten und Syrien gesprochen werden; die Verkehrssprache Ostafrikas, das Suaheli, das sich vom Indischen Ozean bis in die Gegend der zentralafrikanischen Seen erstreckt und dort mit dem von Norden eindringenden Arabisch berührt; das Türkische, das über das Gebiet des türkischen Volksstammes hinaus als Sprache der türkischen Verwaltung und Beamten von großer praktischer Bedeutung ist; das Hindustanische oder Urdu, das neben zahlreichen Provinzialdialekten als eine Art Hochindisch in den meisten Theilen des nördlichen und zentralen Indiens gesprochen und fast überall verstanden wird; das Chinesische in zwei Mundarten, welche ihre Zentren im höchsten Norden, in Peking und im tropischen Süden, in Kanton haben, und zuletzt und nicht das geringste, das Japanische. Längst ist der deutsche Seemann auf den Meeren Ostasiens trotz Typhone mit zahlreichen Schiffen heimisch und erfolgreich thätig, aber die deutsche Wissenschaft ist ihm dorthin nur ausnahmsweise gefolgt.

Der Unterricht in allen diesen Idiomen ist für Diejenigen bestimmt, welche den Wunsch hegen, nicht sie zu kennen, – wer kann überhaupt von sich sagen, daß er eine Sprache kennt! – sondern sie zu können, wenigstens soweit zu können, um selbstständig den ersten Anforderungen der Praxis genügen und allein erfolgreich weiterarbeiten zu können. Von dem strengen Befolgen dieses rein praktischen Lehrberufes hängt die Zukunft unserer Anstalt ab. Uebung der Hand zu deutlicher Schrift, des Auges zu schnellem Lesen und Entziffern; Uebung der Zunge zu korrekter Aussprache, des Ohres zu schnellem Erfassen und Verstehen; Erlernung der im täglichen Verkehr häufigsten Formen und Wörter, Uebungen im mündlichen und schriftlichen Ausdruck, das ist das Ziel, dem der Unterricht des Seminars zustreben muß. Und wenn die Lehrthätigkeit, fest gegründet in wissenschaftlicher Erkenntniß, in praktischem Können und reicher Erfahrung, dies Programm voll und ganz zur Ausführung bringt, dann ist dem Seminar eine segensreiche Wirksamkeit gesichert, und es wird nicht nöthig sein, den Einrichtungen desselben, welche einstweilen bis zur Gewinnung weiterer Erfahrung mehr den Charakter des Provisorischen tragen, eine wesentlich veränderte Gestalt zu geben. Natürlich ist dabei vorauszusetzen, daß auch der andere Theil, daß auch die Schüler dasjenige leisten, was für das Gedeihen des Seminars von ihnen gefordert werden muß. Das Studium fast aller orientalischen Sprachen, an und für sich in hohem Grade mühsam, ist durch die Schwierigkeiten der Schrift von allen Seiten wie mit einer schwer ersteigbaren Mauer umgeben, und es erfordert in dem Anfänger ein nicht geringes Maß von Standhaftigkeit, die Fluchtanwandlung, welche vor einem Urwalde orientalischer Charaktere auch den kühnsten unter ihnen beschleicht, siegreich niederzukämpfen.

Aber der sprachliche Unterricht soll keineswegs isolirt dastehen; die Lehrer werden ihn ergänzen und weiterführen durch das, was sie aus ihrer Kenntniß von Land und Leuten über das betreffende Gebiet ihren Schülern mitzutheilen vermögen. Wissenschaft und Leben sollen gleichen Antheil an diesem Hause haben. Sprachlicher und realistischer Unterricht sollen, sich gegenseitig durchdringend, vorbereiten für alle praktischen Aufgaben des Lebens, welche Deutschen, sowohl Privaten wie Beamten in orientalischen Ländern, gestellt werden können.

H. H. [Hochgeehrte Herren]! Beleuchtet in dem Glanz einer herbstlichen Sonne, erhebt sich dieses Haus an der Seite eines ernsten Tempels unserer Religion, neben zwei Schatzhäusern von Kunstwerken aller Zeiten und in nächster Nähe der Stammburg unseres glorreichen Fürstenhauses. Fürwahr, eine vornehme Nachbarschaft, eine Versammlung historischer Größen, welche von ihrer Höhe hinunterschauen auf Alles, was sich in ihrer Nähe der Erde entringt und aufwärts, dem Lichte entgegenstrebt. Aber eine noch größere Ehre ist dieser jungen Schöpfung zu Theil geworden. Sie steht nicht allein, nicht ohne Stütze da; sie lehnt sich an an einen großen Organismus, in dem ein reiches, viel gegliedertes, aus den edelsten Theilen unserer Nation genährtes Leben pulsirt. Sie ist ein Theil unserer Universität. Durch die Einfügung in den Organismus der größten Universität Deutschlands als eine Weiterbildung des Instituts der Lektoren, ist das Seminar in die erste Reihe der deutschen Unterrichtsanstalten gerückt und ihm damit die schwere Aufgabe zum Loose gefallen, diese ehrenvolle Stellung durch Leistungen zu verdienen und sich zu erhalten. Es ist dies, wie nicht minder der Hinblick auf die ausgezeichneten Erfolge der verwandten Anstalten in den Nachbarländern, eine eindringliche Mahnung zur Vorsicht und zur Bescheidenheit. In allen Dingen ab ovo beginnend, hegen wir, wie nun einmal jeder Anfänger das Recht zu haben glaubt, die Erwartung nachsichtiger, gütiger Beurtheilung, und werden bemüht sein, alle Sehnen zu kräftig nachhaltiger Arbeit anzuspannen, um Schritt zu halten mit dem geistigen Fortschritt der Universität und, soviel an uns liegt, zur Erweiterung und Förderung des deutschen Geisteslebens unser Scherflein beizutragen.

H. H.! Verfolgen wir die Aufgabe des Seminars aus der Wissenschaft in das Leben, so schweifen unsere Blicke unwillkürlich in weite Ferne hinaus auf die unbezeichneten Wege durch die Wüsteneien des Ozeans, und über den Ozean binaus an fremde Gestade, wo unter einer exotischen Pflanzen- und Thierwelt, unter fremdartigen Menschen und Einrichtungen der Deutsche als Arzt oder Lehrer, als Forschungsreisender, als Techniker, als Missionar, als Kaufmann, als Staats- oder Privatbeamter den Kampf ums Dasein kämpft. Das Seminar will ihn für diesen Kampf vorbereiten und wappnen, und ihm denselben erleichtern. Es will für sein bescheiden Theil an den Grundlagen einer neuen Zeit mitarbeiten, einer Zeit, in welcher deutsche Männer auf vielen ihren Vorfahren unbekannten Wegen die tausendfachen Interessen unserer Nation auf deutsche Art, mit deutscher Geschicklichkeit und Ausdauer zu verfolgen und zu fördern bestrebt sein werden.

Möge es dem Seminar auf seiner mit dem heutigen Tage beginnenden Lebensbahn beschieden sein, das Pfand des Vertrauens, das man ihm bei seinem Entstehen so bereitwillig gewährt, dereinst in Ehren einzulösen und sich einen würdigen Platz zuerringen in den Annalen deutscher Pflichttreue und deutscher Geistesarbeit, zu Nutz und Frommen unseres Vaterlandes!“

Herbert von Bismarck
Herbert von Bismarck, Zeichnung von C. W. Allers, 1892, gemeinfrei

Herbert Graf von Bismarck-Schönhausen, Staatssekretair des Äußeren

Staatssekretair Graf von Bismarck [ältester Sohn Otto von Bismarcks] trat nun an das Rednerpult, um mit einer Begrüßung der Lehrer und Lernenden die Feier zu beschließen. Wir haben, so etwa führte der Redner aus, das geflügelte Wort von der angewandten Wissenschaft gehört, zu deren Dienst jene unserer Mitbürger berufen sind, die sich in diesem Institute für den Dienst im Auslande zum Besten des Vaterlandes ausbilden. Sprachstudium und Wissenschaftlichkeit war von jeder ein Erbtheil unseres Volkes; die Anstalt hat dieselben mit den Anforderungen der Praxis in einer uns noch nicht bekannten Form zu vereinigen. Die Sympathieen, die ihr im ganzen Lande entgegengebracht werden, geben die Sicherheit, daß in ihr ein gesunder Gedanke zum Ausdruck gelangt. Die hervorragenden Kräfte, die an ihr zu wirken berufen sind, bürgen dafür, daß sie zu gedeihlicher Entwickelung gelangt, daß sie sich neben die fremden Anstalten ihrer Art getrost stellen kann. Wünschen wir Lehrenden und Lernenden, daß ihre Thätigkeit, ihr Streben an der Anstalt stets ein erfolgreiches sei, daß sich stets mit stolzer Befriedigung auf sie zurückblicken im Sinne des Horazischen Wortes: Indocti discant et ament meminisse periti [Mögen die Unwissenden lernen und die Gelehrten ihr Wissen auffrischen].

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Siegelmarke Seminar für orientalische Sprachen
Siegelmarke des Seminars für orientalische Sprachen an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. – Bild: UEPO.de

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Richard Schneider
Quelle: Deutsches Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek. Die stark fehlerbehaftete Digitalisierung wurde von UEPO.de korrigiert.

 

 

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