LMU weist nach: In Ukraine wird jetzt mehr auf Ukrainisch als auf Russisch getwittert – Krieg hat Sprachenverhältnis umgekehrt

Twitter, Vogel
Bild: Clker / Pixabay, UEPO

Ein multidisziplinäres Team der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, der University of Bath und der Technischen Universität München (TUM) hat Sprachveränderungen in den sozialen Medien in der Ukraine vor und während des Kriegs analysiert.

Dabei konnte die für Beobachter des Zeitgeschehens subjektiv deutlich wahrnehmbare Abkehr von der russischen und gleichzeitige Hinwendung zur ukrainischen Sprache im Zeitverlauf empirisch detailliert nachgewiesen und quantifiziert werden.

„Offenbar führt der Krieg dazu, dass sich die Menschen mehr und mehr von der russischen Sprache abwenden“, sagt Daniel Racek, Erstautor der im Fachmagazin Communications Psychology veröffentlichten Studie. Racek ist Doktorand am Lehrstuhl von Professor Göran Kauermann am Institut für Statistik der LMU.

Russisch, Ukrainisch, Englisch auf Twitter in Ukraine
Tägliche Anzahl der Tweets in den drei häufigsten Sprachen über einen Zeitraum von 1.008 Tagen. Russisch ist rot dargestellt, Ukrainisch blau, Englisch grün. Die erste vertikale Linie markiert den Aufmarsch russischer Truppen entlang der Grenze (11. November 2021). Die zweite vertikale Linie markiert den Einmarsch (24. Februar 2022). Die Grafik belegt auch, dass die Entwicklung bereits vor der heißen Phase des Kriegs zu einer Umkehr der Reihenfolge der beliebtesten Twitter-Sprachen in der Ukraine geführt hat. – Bild: LMU (vergrößern mit Rechtsklick)

Vier Millionen Tweets ausgewertet

Zusammen mit seinem Team untersuchte Daniel Racek über vier Millionen Tweets mit ukrainischen Standortinformationen von rund 63.000 Nutzern von Twitter (das zurzeit „X“ heißt) aus der Zeit von Januar 2020 bis Oktober 2022.

Mit Künstlicher Intelligenz (KI) und statistischen Analysen konnte zwischen Effekten, die auf Verhaltensveränderungen der Nutzer zurückzuführen sind, und Effekten auf der Basis von Nutzerfluktuationen unterschieden werden.

Verschiebung von Russisch zu Ukrainisch schon vor Kriegsbeginn

Die Ergebnisse zeigen eine langfristige Verschiebung von Russisch zu Ukrainisch bereits vor dem Krieg, die sich mit diesem aber erheblich beschleunigt hat und hauptsächlich auf Verhaltensänderungen zurückzuführen ist.

Während 2020 die in der Ukraine abgesetzten Tweets in der Regel auf Russisch formuliert wurden (Verhältnis Russisch zu Ukrainisch etwa 2 zu 1), hat sich dieses Verhältnis bis 2022 umgekehrt, wie die obige Abbildung zeigt.

Die Forscher vermuten, dass die beobachtete Verhaltensänderung eine hochpolitische Reaktion ist. Offenbar wollen sich die Nutzer von Russland distanzieren und entscheiden sich bewusst dazu, weniger bzw. in vielen Fällen kein Russisch mehr zu verwenden.

Eine ausführliche Darstellung der Studienergebnisse mit zahlreichen Diagrammen findet sich in der unten verlinkten Originalpublikation.

Sprache für Aufbau einer ukrainischen Identität unabdingbar

Sprache spielt in der post-sowjetischen Identität der Ukraine eine entscheidende Rolle. Viele Ukrainer beherrschen sowohl Russisch als auch Ukrainisch. Bis vor Kurzem benannte aber nur rund die Hälfte bis zwei Drittel der Bevölkerung Ukrainisch als Hauptmuttersprache.

Seit den Protesten des Euromaidan, ausgelöst durch die vorläufige Nicht-Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU, dem vom Westen unterstützten Sturz der gewählten Regierung und der sich anschließenden russischen Annexion der Krim 2013/2014 gibt es allerdings Indizien, dass sich dieser Anteil aufgrund der damaligen russischen Militärintervention erhöht hat.

Sprachenkrieg in Ukraine spannendes Forschungsobjekt

Der Krieg um die Ukraine zwischen NATO/EU und Russland ist für Sprachpolitiker und Sprachhistoriker ein hochgradig interessanter Forschungsgegenstand. Denn dort vollziehen sich zurzeit im Schweinsgalopp innerhalb weniger Jahre Entwicklungen, die sich normalerweise kaum wahrnehmbar über Generationen vollziehen:

  1. Eine freiwillige Abkehr von einer in Misskredit geratenen Sprache, die für fast ein Drittel der ukrainischen Staatsbürger Muttersprache ist.
  2. Das systematische „Abwürgen“ (FAZ) der zweitgrößten Landessprache durch Sprachpolitik unter Aushebelung etwaiger Widerstände durch das Kriegsrecht.
  3. Faszinierend ist auch, wie Punkt 2 im Westen schöngeredet, entschuldigt, gerechtfertigt und meist schlichtweg geleugnet wird. („Die fördern nur das Ukrainische.“ „Es gibt keine Diskriminierung der russischen Sprache.“) Dabei liegen die entsprechenden Beschlüsse schwarz auf weiß in Form von Gesetzestexten und Verordnungen für jedermann einsehbar vor.

Langfristiger Erfolg fraglich

Um eine Sprache auszumerzen, müssen die Maßnahmen zur Unterdrückung mindestens über eine Generation, besser noch über zwei Generationen, also einen Zeitraum von 20 bis 40 Jahren, konsequent fortgeführt werden. Nur so kann verhindert werden, dass die Muttersprache von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben wird. Außerdem muss die russische Sprache aus den Schulen und Hochschulen entfernt werden (was bereits geschieht).

Aber selbst dann ist der Erfolg nicht garantiert. Die Ukraine selbst ist dafür das beste Beispiel: Die von russischer Seite über viele Generationen betriebene Unterdrückung der ukrainischen Sprache war letztlich vergebens.

Weiterführender Link

  • Originalpublikation: Daniel Racek, Brittany I. Davidson, Paul W. Thurner, Xiao Xiang Zhu, Göran Kauermann: „The Russian war in Ukraine increased Ukrainian language use on social media.“ In: Communications Psychology 2024 (doi.org/10.1038/s44271-023-00045-6)

Mehr zum Thema

Richard Schneider

Leipziger Buchmesse 2024