Hundertster Deutscher Esperanto-Kongress findet in Braunschweig statt

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Bild: OpenClipart-Vectors / Pixabay

Über Pfingsten findet in Braunschweig der 100. Deutsche Esperanto-Kongress statt, zu dem annähernd 200 Teilnehmer aus 15 Ländern erwartet werden (26.-29.05.2023). Gemeinsame Sprache der Teilnehmer ist die Plansprache Esperanto, die die meisten Teilnehmer seit Jahren sprechen. Ergänzend werden auf der Tagung aber auch Esperanto-Sprachkurse für Anfänger angeboten.

Während des Hauptkongresses finden insbesondere Vorträge, einige Fachveranstaltungen, Mitgliederversammlungen von Esperanto-Verbänden sowie Sitzungen von Arbeitsgruppen statt.

Der sich nahtlos anschließende Nachkongress (30.05.-02.06.2023) bietet ein Kulturprogramm mit Konzerten der Esperanto-Sängerin Kjara aus Italien, von Kimo aus Dänemark (mit Radio Mondo) sowie von Georgo Handzlik (Polen) und Sascha Pilipovič (Serbien). Das Theater „Verda Banano“ (die grüne Banane) führt außerdem ein Kabarettprogramm auf.

Ausflüge führen nach Braunschweig selbst sowie in die Esperanto-Stadt Herzberg am Harz und zu anderen Orten der Umgebung.

Erster deutscher Esperanto-Kongress fand 1906 ebenfalls in Braunschweig statt

Die Stadt Braunschweig wurde als Veranstaltungsort ausgewählt, weil hier im Jahr 1906 der erste deutsche Esperanto-Kongress stattfand. Vom 19. bis 20. Mai 1906 kamen Vertreter der deutschsprachigen Esperanto-Gruppen zusammen und gründeten die „Germanlingva Esperantista Societo“ (wörtlich: deutschsprachige Esperantosprecher-Gesellschaft) für Esperantosprecher und Gruppen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Wechselvolle Esperanto-Geschichte

Der 100. Deutsche Esperanto-Kongress bietet auch Gelegenheit, auf die bewegte Geschichte des Esperanto in Deutschland und der Welt zurückzublicken.

Esperanto schädigt
Das Exponat im Wiener Esperantomuseum zitiert die Haltung der Obrigkeit im Jahr 1930. – Bild: Richard Schneider

Verbot in der Zeit des Nationalsozialismus

Während sich Esperanto in den letzten Jahrzehnten ungehindert verbreiten und stetig neue Anwendungsbereiche erschließen konnte, so war der Weg dorthin doch steinig. Von 1915 bis 1920 konnten wegen des Ersten Weltkriegs keine Esperanto-Kongresse in Deutschland stattfinden.

Die Unterdrückung des Esperanto in der Zeit des Nationalsozialismus und der zweite Weltkrieg hatten erneut eine Unterbrechung der organisierten Esperanto-Tätigkeit zur Folge. In Westdeutschland fand der 26. Deutsche Esperanto-Kongress dann erst im Jahr 1948 in München statt.

Auflösung von Esperanto-Gruppen in der DDR

Anfang 1949 wurde in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands noch vor der Gründung der DDR die Auflösung von Esperanto-Gruppen verordnet. Esperanto-Sprachrubriken in Zeitungen und Zeitschriften wurden eingestellt.

Dies war eine Auswirkung der Verfolgung der Esperantosprecher in der Sowjetunion unter Stalin seit 1937, wo einige gar zum Tode oder zu Lagerhaft verurteilt wurden.

In der DDR war je nach Region die Pflege der Plansprache teilweise bis in die 1960er Jahre unmöglich oder stark erschwert. Allerdings wurde 1965 in der DDR ein Zentraler Arbeitskreis Esperanto gebildet. Und 1981 erfolgte die Gründung des Esperanto-Verbandes der DDR.

In Westdeutschland wurde 1951 die Deutsche Esperanto-Jugend als selbständiger Jugendverband gegründet. Ab 1957 wurde jährlich ein „Internationales Seminar“ über Silvester organisiert, das von ursprünglich rund 25 Teilnehmern im Laufe der Jahrzehnte bis auf etwa 400 Gäste in den 1990er Jahren anwuchs.

Auch in anderen europäischen Ländern wurden neue Esperanto-Jugendveranstaltungen organisiert. Parallel dazu bildete sich eine Musikszene. Ebenso nahm die Zahl der internationalen Paare zu und damit auch die Zahl der Esperanto-Muttersprachler.

Esperanto sprechende Wissenschaftler begannen, die Kunstsprache sowie die Soziologie und Geschichte der internationalen Esperanto-Sprachgemeinschaft intensiver zu erforschen und die Sprache auch wissenschaftlich zu verwenden.

Afrika, Lateinamerika und Asien

Nach dem Ende der Kolonialzeit entstand in Europa das Bewusstsein, dass die kolonisierten Völker nicht unbedingt nur die Kolonialsprachen lernen sollten.

Mit zunehmendem Erfolg warb man für das Erlernen von Esperanto als einer internationalen und vergleichsweise neutralen Sprache. Heute gibt es vermutlich mehr Esperantosprecher außerhalb als innerhalb Europas.

Ludwik Zamenhof
Der Warschauer Augenarzt Dr. Ludwik Zamenhof (1859 – 1917) begründete 1887 unter dem Pseudonym „Doktoro Esperanto“ (deutsch: Doktor Hoffender) die Plansprache Esperanto. Er bezeichnete sich selbst nicht als Polen, sondern als „russländischen Hebräer“. Das Gemälde hängt im Wiener Esperanto-Museum. – Bild: Richard Schneider

Internet eröffnet Esperanto neue Möglichkeiten

Ganz neue Möglichkeiten bot die Entwicklung des Internets. Esperanto-Sprecher können jetzt mit Freunden in aller Welt per E-Mail, Mailinglisten, soziale Netze und Videokonferenzen kommunizieren.

Es entstanden Angebote für das Online-Lernen von Esperanto (u. a. bei Duolingo) und Wissensspeicher wie Wikipedia, dessen Esperanto-Bestand heute mehr als 330.000 Artikel umfasst und  damit größer ist als etwa die slowakische oder griechische Version. Natürlich gibt es auch Online-Wörterbücher, die maschinelle Übersetzung von Google sowie auch ChatGBT auf Esperanto.

Esperantosprecher in über 130 Ländern

Die internationale Sprache Esperanto wurde 1887 von Ludwik Zamenhof in Warschau vorgestellt. Seither wurde sie von Millionen Menschen in mittlerweile über 130 Ländern weltweit erlernt. Etwa 10.000 Esperanto-Bücher sind bisher erschienen, Esperanto-Lieder findet man im Internet.

Esperanto-Kongress 1906 Genf
Die Teilnehmer des zweiten internationalen Esperanto-Kongresses, der 1906 in Genf stattfand. Das Foto hängt im Wiener Esperanto-Museum. – Bild: Richard Schneider

Warum Esperanto lernen?

Esperanto kann man in etwa einem Viertel der Zeit lernen, die für andere Sprachen wie Englisch oder Spanisch benötigt werden. Außerdem bietet Esperanto mehr kulturelle Gleichberechtigung als nationale Sprachen.

Die Esperanto-Kultur wird nicht von einem Land, sondern von Menschen aus Dutzenden von Ländern geprägt. In dieser internationalen Sprachgemeinschaft kommen daher nicht Franzosen mit Engländern, nicht Russen mit Polen zusammen, sondern Menschen mit Menschen. Diesen Aspekt formulierte Ludwik Zamenhof, der Initiator des Esperanto, schon im Jahr 1905:

„Kunvenis ne francoj kun angloj, ne rusoj kun poloj, sed homoj kun homoj.“

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Weiterführender Link

Louis v. Wunsch-Rolshoven (Deutscher Esperanto-Bund)