Ulrich Ammon gestorben – Initiator des Variantenwörterbuchs des Deutschen

Ulrich Ammon
Ulrich Ammon in seinem Arbeitszimmer an der Universität Duisburg-Essen. Das Bild stammt vermutlich aus dem Jahr 2005. - Bild: Universität Duisburg-Essen

Am 3. Mai 2019, zwei Monate vor seinem 76. Geburtstag, ist unerwartet Prof. Dr. Ulrich Ammon verstorben, wie die Universität Duisburg-Essen mitteilt. Der Linguistikprofessor war ein anerkannter Experte für die deutsche Sprache, ihre Dialekte und die Stellung des Deutschen in der Welt.

34 Jahre forschte und lehrte er in Duisburg und war auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand (2008) weiterhin wissenschaftlich und publizistisch tätig. „Mit Ulrich Ammon verlieren wir einen engagierten, ebenso streitbaren wie humorvollen Kollegen“, heißt es aus dem Institut für Germanistik.

Wegbereiter der Soziolinguistik

Ammon gilt als Wegbereiter der Soziolinguistik. Schon früh untersuchte er, welche Schwierigkeiten das Dialektsprechen in Schule und Beruf mit sich bringt. In späteren Projekten ging es unter anderem um die internationale Stellung von Sprachen, die Varietäten von Sprachen, um Deutsch in internationalen Wirtschaftsbeziehungen und die schwindende Bedeutung der deutschen Sprache in der internationalen Wissenschaftskommunikation.

Initiator des Variantenwörterbuchs des Deutschen

Variantenwörterbuch des Deutschen

Mehrere von Ammons Büchern entwickelten sich zu wissenschaftlichen Bestsellern, darunter das 2004 in erster Auflage erschienene und nicht nur für Übersetzer höchst nützliche Variantenwörterbuch des Deutschen.

Dieses von Ulrich Ammon initiierte Nachschlagewerk ist international einzigartig und wurde als “epochal” gefeiert. Es enthält ca. 12.000 Wörter und Wendungen, die in den jeweiligen Ländern oder Regionen als Standard gelten.

Erst 2016 brachte er mit 40 Mitautoren eine vollständig überarbeitete und aktualisierte 2. Auflage des 994 Seiten starken Wörterbuchs heraus. Inzwischen ist es auch als preiswerte Taschenbuchausgabe erhältlich. (Auf Amazon ansehen/bestellen.)

Gefragter Redner und Gesprächspartner

Pointiert und überzeugend – so vertrat Ulrich Ammon seine Positionen. Er verstand es, wissenschaftliche Erkenntnisse anschaulich und verständlich darzulegen. Auch deswegen war er ein gefragter Redner und Gesprächspartner, auf Kongressen und in den Medien.

Gastprofessuren führten ihn u.a. in die USA, nach Australien, Afrika, China und Japan sowie in zahlreiche europäische Länder. Er hatte zahlreiche Ämter inne: So war er im Beirat des Goethe-Instituts sowie im Internationalen Rat des Instituts für Deutsche Sprache und Präsident der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL).

GAL: “Er zog die klare Artikulation von Dissens oberflächlicher Harmonie vor”

Ulrich Ammon war der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL) eng verbunden. Mehrere Jahre leitete er die Sektion Soziolinguistik und war von 2003 bis 2006 Präsident der GAL.

Prof. Dr. Arnulf Deppermann vom Leibnitz-Institut für deutsche Sprache (IDS) in Mannheim würdigt in einem Nachruf im Namen der GAL die Verdienste Ammons:

Seine frühen Forschungen zur Dialektbarriere waren wegweisend für unser Verständnis des Zusammenhangs von Sprachgebrauch, Bildung und sozialer Ungleichheit. Fälschlich wurde seine Position oft als Diskreditierung des Dialekts verstanden; es ging Ulrich Ammon aber vielmehr darum, die gesellschaftlichen Hindernisse für den sozialen Aufstieg von Dialektsprechern zu erkunden und Wege zu ihrer Überwindung finden. […]

Unter dieser Perspektive entstand auch sein Interesse am Deutschen als plurizentrischer, plurinationaler Sprache. Ein epochales, auch im internationalen Maßstab nach wie vor einzigartiges Werk ist das von ihm initiierte Variantenwörterbuch, das die Unterschiede der nationalen Varietäten und der regionalen Standardvarietäten des Deutschen im lexikalischen Bereich in eindrucksvoller Weise umfassend und onomasiologisch vergleichbar dokumentiert. […]

Er unterhielt intensive Kontakte zur Auslandsgermanistik in zahlreichen Ländern und war immer bestrebt, den Wert und die Schönheit des Deutschen als lernenswerte Sprache und als Schlüssel zu einer faszinierenden Kultur und einer reichen Wissenschaftswelt vermitteln.

Ulrich Ammon war einer der wichtigsten Botschafter der deutschen linguistischen Forschung in aller Welt. Das Nachdenken über die Stellung des Deutschen in der Welt und im Kontext anderer Sprachen, vor allem in Relation zum Englischen, doch auch bspw. in Osteuropa und Ostasien, war Ulrich Ammon ein zentrales Anliegen.

Die Rolle des Deutschen als Wissenschaftssprache und innerhalb der EU in Bildung, Wissenschaft, Institutionen, Politik und zuletzt auch im Tourismus betrachtete er dabei nicht nur mit Blick auf sozio-politische Dynamiken, sondern auch als interessierter Verfechter des Status des Deutschen im internationalen und besonders im europäischen Kontext.

Ulrich Ammon war ein streitbarer Wissenschaftler. Er nahm stets intensiv, konzentriert und beredt an Diskussionen im fachlichen, aber auch im (wissenschafts-)politischen Kontext teil. Er zog die klare Artikulation von Dissens oberflächlicher Harmonie oder einem zur Beliebigkeit neigenden Pluralismus vor. Ulrich Ammon war ein Unbequemer. Auch die, die mit seinen oft pointierten Thesen und Einschätzungen nicht übereinstimmten, haben die Klarheit seiner Argumentation geschätzt und von der Schärfe seiner Gedankengänge und seiner Begriffsarbeit viel gelernt. […]

Publikationen von Ulrich Ammon
Die letzten Veröffentlichungen von Ulrich Ammon: “Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt” (2018) und (als Mitherausgeber) “Förderung der deutschen Sprache weltweit – Vorschläge, Ansätze und Konzepte” (2019).

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[Quelle: Pressemitteilung Universität Duisburg-Essen, 2019-05-14; Nachruf GAL, undatiert.]