VDS startet zum 23. Mal Abstimmung zum Sprachpanscher des Jahres

VDS-Vorsitzender Walter Krämer
Der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer ist Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache. - Bild: VDS

„Denglish rules“ – so scheint es zumindest, wenn man sich die Kandidaten für den Negativpreis Sprachpanscher des Jahres anschaut. Bereits zum 23. Mal wählen die Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache (VDS) eine Person oder Institution, die sich besonders bemerkenswerte Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache geleistet hat. Abstimmen können alle 36.000 Mitglieder des VDS bis zum 28. August 2020 – entweder online oder traditionell per Wahlzettel.

Die Kandidaten für die Wahl 2020:

  • Bundeszentrale für politische Bildung
    „The Years of Change 1989-1991“ heißt ein Programmschwerpunkt der Bundeszentrale für politische Bildung. Gemeint sind die Umbrüche in Ungarn, Polen, Tschechien oder Russland. Jede dieser Muttersprachen oder auch das Deutsche wäre als Titel für einen solchen wichtigen Programmschwerpunkt gerechtfertigt, aber Englisch?
  • famila-Einkaufsland in Oldenburg-Wechloy
    Der famila-Markt im Oldenburger Stadtteil Wechloy hat sich 2019 mit einer Werbekampagne das Ziel gesetzt, so gut es geht auf die deutsche Sprache zu verzichten: „[…] ist dein Place. Für Shopping und much mehr. Von Kids bis Education, von Meetings bis Health, von Entertainment bis Gastro: Alles you need.“
  • Tagesschau und heute-Nachrichten
    Mit dem Corona-Virus kam eine Welle neuer Anglizismen in die deutsche Sprache: shutdown/lockdown, homeschooling, social distancing, homeoffice, exit und weitere Ausdrücke. Wie fast alle anderen Medien haben auch die Tagesschau und die heute-Nachrichten vieles nachgeplappert. Beide gelten als Leitsendungen mit Vorbildfunktion und einem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag. Diesem werden sie nach Ansicht des VDS durch die nicht hinterfragte Übernahme der neuen Corona-Anglizismen nicht gerecht.
  • Oberbürgermeister Ulf Kämpfer
    Der Oberbürgermeister der Stadt Kiel („Sailing City“) hat ein Problem mit Ratten – und der sprachlichen Außendarstellung. Eine 200.000 Euro teure Kampagne mit Plakaten, Flugblättern und einer Infoseite im Netz fordert nun: „Don’t feed rats“. Warum auf Englisch?
  • Bundesbildungsministerin Anja Karliczek
    Die Verwirrung durch Bachelor- und Masterstudiengänge an den Universitäten war anscheinend noch nicht genug. Jetzt will die Bundesbildungsministerin auch englische Bezeichnungen im Handwerk. „Bachelor Professional“ und „Master Professional“ dürfen sich Handwerksmeister künftig nach einer Fortbildung nennen. Die Begeisterung bei den Handwerkern hält sich in Grenzen.

VDS-Logo„Wer ‚Für Shopping und much mehr‘ als Werbespruch wählt, nimmt hin, einen großen Teil seiner Kundschaft auszuschließen; das ist absolut unverständlich“, sagt Prof. Dr. Walter Krämer, Vorsitzender des VDS. „Aber auch das ‚Don’t feed rats‘ von Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer ist ein Paradebeispiel dafür, wie man sich ins Englische flüchtet, weil man meint, dass dann etwas besser klingt.“

Auch die Nachrichten von ARD und ZDF hätten sich vor allem in Zeiten von Corona nicht gerade mit Ruhm bekleckert, so Krämer: „Da gibt es lockdown, homeschooling und social distancing statt Stillstand, Fernunterricht und soziales Abstandhalten – einer fängt an, und alle plappern es nach.“

Dazu käme der Versuch des Genderns, der die gesprochene Sprache verunstalte: „Wenn Claus Kleber beim Wort Reporterinnen zwischen ‚Reporter‘ und ‚innen‘ eine Pause macht, um einen Genderstern zu ‚sprechen‘, dann klingt das wie der Sprung in einer Schallplatte“, stellt Krämer fest.

Der Negativpreis soll Politik, Wirtschaft und Presse für die eigene Sprache sensibilisieren und ermuntern, sorgsamer mit ihren Aussagen in der Öffentlichkeit umzugehen und Sachverhalte so auszudrücken, dass alle Adressaten sie verstehen – und nicht nur die, die eine Fach- oder Fremdsprache kennen.

Vom Sprachpanscher zum Sprachwahrer: Positivbeispiel Deutsche Bahn

Dass derartige Bemühungen um eine klare, verständliche Sprache durchaus von Erfolg gekrönt sein können, zeigt das Beispiel der Deutschen Bahn, die 2006 zum Sprachpanscher des Jahres gekürt wurde. Unter Bahnchef Hartmut Mehdorn war zwischen 1999 und 2009 eine Vielzahl englischer und pseudoenglischer Bezeichnungen eingeführt worden.

Ab 2010 versprach Mehdorns Nachfolger Rüdiger Grube, unterstützt vom neuen Verkehrsminister Peter Ramsauer, sowohl in der Kundenansprache als auch intern zunehmend die deutsche Sprache zu verwenden und auch die Rechtschreibregeln stärker zu beachten.

Die BahnCard First wurde daraufhin wieder zur BahnCard 1. Klasse, der Service Point zu DB Informationen, aus der unverständlichen Kiss & Ride-Zone wurden Kurzzeit-Parkplätze, das ReiseZentrum war fortan wieder ein Reisezentrum.

Damals wurde unternehmensintern ein Anglizismenindex mit 2.200 Einträgen aufgebaut, der Mitarbeitern erläuterte, wie man deutsch-englisches Kauderwelsch vermeidet und Produkte, Dienstleistungen und Sachverhalte auf gut Deutsch formuliert. Die Bahnmitarbeiter wurden angehalten, ihren alltäglichen Sprachgebrauch kritisch unter die Lupe nehmen, „um eine inflationäre Verwendung englischer und scheinenglischer Begriffe zu bremsen“, wie es ein Sprecher damals formulierte.

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