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Archiv der Kategorie Geschichte

Freitag der 13. - Glückstag oder Unglückstag?

Viele Menschen sind heute besonders vorsichtig anlässlich des Datums- Freitag der 13. Die 13 galt schon immer als eine Unglückszahl. Fällt aber dieser 13. Tag eines Monats auf einen Freitag, sollen angeblich besonders viele Unglücke passieren.

Warum gilt die 13 also bei uns als Unglückszahl?

Dies hängt vermutlich mit unserem  Glauben zusammen. Judas war der 13. Jünger, der der Jesus später verraten hat. Nach einer Überlieferung wurde Jesus an einem 13. gekreuzigt. Die 12 hingegen erweist sich als Glückszahl: Jesus hatte 12 Apostel, es gibt 12 Tierkreiszeichen, das Jahr hat 12 Monate, der Tag 2mal 12 Stunden, eine schöne runde Zahl eben.

Doch wie ist das in anderen Ländern?  Ist auch dort die 13 eine Zahl des Unglücks?

In Spanien und Griechenland fürchtet man zwar den 13. des Monats , allerdings nur, wenn dieser auf einen Dienstag fällt. Italiener fürchten Freitag, den 17., da die römischen Ziffern XVII das Wort “VIXI” ergeben, was übersetzt so viel heißt wie “Ich bin tot”. Die Chinesen, Mexikaner und Italiener allerdings sehen die 13 sogar als eine Glückszahl an. Man sieht also, die 13 ist nicht überall so unbeliebt wie hier.

[Text: Janine Fischer. Quelle: diverse Zeitschriftenartikel]

Übersetzungsfehler: So kam der Osterhase in die Bibel

FeldhaseDer Osterhase versteckt zu Ostern volkstümlich die Eier im Garten. Jedes Kind freut sich alle Jahre wieder auf den Osterhasen. Doch was hat der Hase überhaupt mit Ostern, dem Fest der Auferstehung Jesu Christi, zu tun?

Der Kirchenvater Hieronymus, Verfasser der Vulgata, der lange Zeit maßgeblichen Bibelübersetzung der katholischen Kirche, erwähnte den „Hasen“ seinerzeit in der Heiligen Schrift. Als er die Bibel im vierten Jahrhundert ins Lateinische übersetzte, entschied er sich für die Worte „lepus“ oder „lepusculus“, d. h. also übersetzt für „Hase“ bzw. „Häschen“. Dort heißt es, dass sie zu den Kleinsten auf Erden gehörten und ein schwaches Volk seien. Sie bauten ihr Haus in den Felsen, was symbolisch bedeutet, dass sie auf Christus bauten. Auch in Psalm 104, Vers 18 wird in älteren Übersetzungen vom „Hasen“ oder „Kaninchen“ gesprochen, der in Felsklüften Zuflucht findet wie bei Gott: „Die hohen Berge sind der Gemsen Zuflucht, und die Steinklüfte der Kaninchen.“

KlippschlieferVolkmar Wirth, früherer Direktor des Naturkundemuseums Karlsruhe, sagt, dass in der Bibel ursprünglich gar keine Rede von „Hasen“ war. Vielmehr sprachen die hebräischen Texte vom „shaphan“, dem „Klippschliefer“ (unteres Bild). Somit liegt ein Übersetzungsfehler vor, der auch Jahrhunderte später nicht aufgedeckt wurde. Erst in neueren Bibelübersetzungen ist das Wort mit „Klippschliefer“ bzw. „Klippdachs“ übersetzt worden.

Die Verwechslung oder Umbenennung ist durchaus nachzuvollziehen. Die Kinder-Naturkundezeitschrift geolino erklärt: „Wer einen Klippschliefer das erste Mal sieht, denkt eher an ein pummeliges Kaninchen.“ Die Tiere sind kaninchengroß, braun und kommen in felsigen Gebieten Afrikas und Westasiens vor. Da die europäischen Übersetzer nichts mit dem Begriff „Klippschliefer“ bzw. „Klippdachs“ in Verbindung bringen konnten, benannten sie das Tier um. Dies bedeutet also, dass der Sinn der Bibelstelle den europäischen Bibellesern deutlich gemacht werden sollte, indem ein Tier genannt wird, das die Leser kennen.

Seit Ambrosius existiert zudem eine ältere Deutung des Hasen als Auferstehungssymbol. Eine weitere mögliche Erklärung besagt, dass der Hase für die Fruchtbarkeit steht. Bis heute gibt es jedoch keine endgültige Erklärung dafür, warum der Hase zu Ostern Eier bringt.

„Wie es zum eierlegenden Osterhasen kam, wird wohl nie ganz ergründet werden“, so Volkmar Wirth. Er zitiert den Pfarrer und Dichter Eduard Mörike, der im Jahr 1847 Folgendes schrieb: „Sophisten und die Pfaffen stritten sich mit viel Geschrei: Was hat Gott zuerst erschaffen, wohl die Henne, wohl das Ei? – Wäre das so schwer zu lösen? Erstlich ward ein Ei erdacht, doch weil noch kein Huhn gewesen, Schatz, so hat’ s der Has gebracht.“

[Text: Jessica Antosik. Quelle: Ludwigsburger Kreiszeitung, 07.04.2012; bibel-online.net. Bild: Fmickan, CC-BY; Andreas Tusche, CC-BY.]

Günther Haensch 1956: “Junge Mädchen, die um die Jahrhundertwende Gouvernanten geworden wären”

Günther HaenschPapier ist geduldig und so mancher Autor wünscht sich nach Jahren oder Jahrzehnten, bestimmte Dinge nicht geschrieben zu haben. So womöglich auch Prof. Dr. Günther Haensch (88, Bild), emeritierter Professor für angewandte Sprachwissenschaft (Romanistik) der Universität Augsburg. Im zarten Alter von 33 Jahren schrieb Dr. Haensch 1956 in der von ihm über Jahrzehnte herausgegebenen Fachzeitschrift Lebende Sprachen unter der Überschrift „Die gegenwärtige Lage des Dolmetscherwesens und die Berufsaussichten für den Konferenzdolmetscher“:

Weit gefährlicher als die Tendenz zur Marktbeschränkung ist heute die Gefahr, daß der Beruf des Konferenzdolmetschers überlaufen wird. Zuviele Zeitungen und Zeitschriften haben – mit oder ohne Bildbeilagen – über den so lukrativen Beruf des Konferenzdolmetschers, der auch irgendwie par excellence ein Beruf unseres Zeitalters ist, berichtet. Dazu kommt, daß von verantwortungslosen Schulen der Eindruck erweckt wird, es sei ein ungeheurer Bedarf an Konferenzdolmetschern vorhanden. […]

Die Marktlage rechtfertigt einen solchen Andrang keineswegs, denn man kann sagen, daß heute der Markt mehr oder weniger gesättigt ist. Man muß vor allem dagegen ankämpfen, daß alle jungen Mädchen, die um die Jahrhundertwende Gouvernanten geworden wären, heute Konferenzdolmetscherinnen werden wollen. Die negativen Auswirkungen eines solchen ungesunden Andranges von Nachwuchskräften zeigen sich bereits darin, daß junge Mädchen ,,mit Dolmetscherdiplom“ in Zeitungsanzeigen eine Anstellung als ,,Übersetzerin, Korrespondentin oder Erzieherin“ suchen. Kommentar überflüssig!

Die wenigen wirklich qualifizierten Nachwuchskräfte, die ,,geborene“ Konferenzdolmetscher sind und sich mit Leib und Seele diesem manchmal etwas seltsam anmutenden Beruf verschreiben wollen, werden immer ihren Weg machen; für eine größere Anzahl von zusätzlichen Konferenzdolmetschern ist auf dem Arbeitsmarkt einfach kein Platz vorhanden, dessen Gesamtkapazität W. Keiser in seinem oben erwähnten Artikel wohl richtig – für die ganze Welt – auf 400-450 abschätzt. Die sich daraus ergebende Schlußfolgerung ist, daß nur überdurchschnittlich begabte junge Leute noch gewisse Aussichten in diesem Beruf haben. Im übrigen ist es die Aufgabe aller Verantwortlichen, vor allem der Sprachenschulen und Dolmetscherinstitute, ihre Schüler von Anfang an nach anderen Sprachberufen hin zu orientieren, wie dies verantwortungsbewußte Schulen bereits heute tun. Alles andere wäre bei der herrschenden Marktlage so etwas wie Hochstapelei.

Ein weltweiter Bedarf an Konferenzdolmetschern von 400 bis 450? Im Nachhinein ist man immer klüger. Die Zahl der Konferenzdolmetscher hat sich in den vergangenen 50 Jahren vervielfacht. Heute hat allein die AIIC, der elitäre Weltverband der Konferenzdolmetscher, 2.970 Mitglieder. Die Zahl der berufstätigen Simultandolmetscher dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Die Einschätzung von Haensch und Keiser aus den 1950er Jahren erinnert ein wenig an die Worte von IBM-Chef Thomas J. Watson , der 1943 gesagt haben soll: „Ich glaube, es gibt einen weltweiten Bedarf an vielleicht fünf Computern.“

Der ansonsten aber von Sachkenntnis geprägte, kluge und nach wie vor treffende Zeitschriftenbeitrag von Günther Haensch kann auf einer Website des Springer Verlags eingesehen werden.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Lebende Sprachen, 1956-01-01. Bild: SDI München.]

1967: Dr. Paul Schmidt nimmt Abschied vom SDI München - “Es hat sich gelohnt”

Dr. Paul Schmidt 1949Die Wochenzeitung Die Zeit digitalisiert ihr Archiv und stellt es online zur Verfügung. In diesem Fundus befindet sich auch ein Artikel vom 24.02.1967 mit der Überschrift „Der Dolmetscher am Katheder. Ein vielgerühmtes Lehrsystem – Leiter der ‚Schmidt-Schule‘ nimmt Abschied“. Darin heißt es über den scheidenden Direktor des Sprachen- und Dolmetscher-Instituts München (SDI):

Dr. Paul Schmidt, Gesandter a. D. war, von 1923 bis 1945 Chefdolmetscher deutscher Reichsregierungen. Er selbst bezeichnete sich rückblickend als „Statist auf diplomatischer Bühne“. Ausländische Staatsmänner verzichteten auf eigene Dolmetscher, wenn Paul Schmidt dabei war. Bei der Münchner Konferenz 1938 war er der einzige Dolmetscher - Statist und zugleich Vermittler. 1952 holte ihn das gerade gegründete Münchner „Sprachen- und Dolmetscher Institut“ als Direktor. In diesen Tagen nun scheidet Paul Schmidt aus dem Amt. […]

Das Blatt beschreibt die Besonderheiten des SDI München:

Das Dolmetscherinstitut gehört einem privaten eingetragenen Verein, bekommt keine Zuschüsse und war in der Anlage eine Sprachenschule wie andere auch, ohne Aussicht, sich mit Universitätsinstituten wie Saarbrücken, Heidelberg oder Germersheim/Mainz messen zu können. Heute heißt es im Volksmund „Schmidt-Schule“ und wird, im Gegensatz etwa zu den städtischen Sprachenschulen mit den Hochschulen in einem Atemzug genannt. […] Die Anforderungen sind hochgeschraubt; die Übungen sind schwerer als die Prüfungen, die Prüfungen schwerer als die Praxis. […]

Dass sich das SDI einen ausgezeichneten Ruf erarbeiten konnte, lag maßgeblich an Schmidt und dessen „bedächtigem Sendungsbewußtsein“. Er setzte auf ein praxisorientiertes Lernen, sprach von „Sprach-Sacherlernung“ und einem Prinzip der „Entphilologisierung des Sprachenlernens“. Dabei profitierte Schmidt von seinen guten internationalen Kontakten:

Korrespondenten aus den Hauptstädten der Welt schicken ihm die neuesten Tonbänder von den Pressekonferenzen und Reden der Staatsmänner. Noch vor den Presseberichten sind die Texte abgezogen und liegen den Schülern vor. Die Aktualität zahlt sich aus: Das Interesse der damit Konfrontierten ist frisch, der Lehrstoff findet Interesse.

Den vollständigen Artikel können sie auf der Website der Zeit lesen und auch im Original-Layout als PDF-Datei abrufen.

Dr. Paul Schmidt 1941
Dr. Paul Schmidt am 28.03.1941 als Dolmetscher bei einem Besuch des japanischen Außenministers Matsuoka Yosuke.

War Schmidt ein Nazi?

Es gibt zahllose Fotos, die Schmidt als Dolmetscher Hitlers zeigen. Aus den zehn Jahren davor, als Schmidt für demokratische Reichsregierungen und unter anderem für den deutschen Außenminister und Friedensnobelpreisträger Gustav Stresemann dolmetschte, existiert hingegen (zumindest im Internet) kein einziges Foto. Und auch aus der Nachkriegszeit konnten wir nur das oben rechts abgebildete Foto aus dem Spiegel vom 01.12.1949 aufspüren.

Durch dieses Ungleichgewicht der historischen Bilddokumente könnte der Eindruck entstehen, Schmidt sei ein überzeugter Nazi gewesen. Dies scheint jedoch nicht der Fall gewesen zu sein, obwohl er die traumhaften beruflichen Möglichkeiten, die das neue Regime ihm als Dolmetscher bot, begeistert aufgriff. Schmidt stand an der Seite seiner Auftraggeber mehr als 10 Jahre lang im Mittelpunkt weltgeschichtlicher Ereignisse. Eine Position, der er sich intellektuell gewachsen fühlte und die ihn beruflich erfüllte. Für viele Besprechungen auf höchster Ebene war er nach dem Krieg der einzige verbliebene Zeuge. Entsprechend gefragt waren seine Aussagen im Rahmen der Nürnberger Prozesse. Auf YouTube gibt es ein kurzes Video, das ihn im Zeugenstand zeigt.

Schmidt wurde 1945 von den Amerikanern verhaftet und war bis 1948 interniert. 1950 wurde er von der Spruchkammer Miesbach als „entlastet“ eingestuft.

Die Nazi-Assoziationen mögen ein Grund dafür sein, dass das SDI München zunehmend auf Distanz zu seinem Gründervater zu gehen scheint. Auf der SDI-Website kommt der Name Dr. Paul Schmidt jedenfalls nicht vor. Und auch in den Festreden zur Eröffnung des neuen Campus im Jahr 2011 wurde er nur beiläufig erwähnt. Obwohl auch der heutigen SDI-Leitung klar sein dürfte, dass das Münchner Institut ohne das engagierte Wirken von Schmidt eine gewöhnliche Sprachschule geblieben wäre, wie es sie in jeder größeren Stadt gibt.

Mehr zu Schmidt können Sie in dessen Wikipedia-Eintrag lesen. Die Autoren versuchen bemüht, Schmidt Nazi-Verfehlungen nachzuweisen. Sein Wirken als Dolmetscher und Dozent wird hingegen in einem Nebensatz abgehandelt: „Sachkenntnis [ist] für das Dolmetschen wichtiger […] als die Sprachbeherrschung“.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Die Zeit, 1967-02-24. Bild: Spiegel; Bundesarchiv.]

Als Dolmetscher bei den Mächtigen der Welt: Wolfgang Ghantus war Diener vieler Herren

Che Guevara, Wolfgang Ghantus: Ein Diener vieler HerrenSalvador Allende, Indira Ghandi, Erich Honecker, Walter Ulbricht, Margaret Thatcher, George Bush sen., Bill Clinton. Wolfgang Ghantus, Jahrgang 1930, kannte sie alle. In 60 Jahren Berufspraxis als Dolmetscher spielte sich seine Arbeit nicht selten vor dem Hintergrund weltpolitischer Ereignisse auf vier Kontinenten ab. Jetzt hat Ghantus seine Lebenserinnerungen verfasst, die in wenigen Tagen als Buch erscheinen.

Anekdotenhaft, aber nie sensationslüstern, charakterisiert er darin viele Figuren der Zeitgeschichte, die seine Auftraggeber waren. Der BILD-Zeitung hat er schon einiges verraten, zum Beispiel über Erich Honecker:

Als ich Honecker 1950 das erste Mal traf, bot er mir eine Camel an. Damals hat er ja noch geraucht wie ein Schlot. […] Ahnung von Fremdsprachen hatte er nicht. Was mich verwundert hat, denn er war ja einige Zeit in der Sowjetunion. Aber sprachlich war nichts zu machen bei ihm. Er war auch kein guter Redner, hat immer nur abgelesen. Er hat monoton gesprochen, ohne Punkt und Komma. Er war furchtbar schwer zu dolmetschen. Seine Frau Margot war da viel besser. Mit ihr hatte ich auch ein persönlicheres Verhältnis. Sie war intelligent und flexibel. Eigentlich war sie all das, was ihr Mann nicht war. […] Honecker selbst hat mich immer geduzt, aber ich musste ihn mit Genosse Staatsratssekretär ansprechen. So formell ist das gewesen.

Über Walter Ulbricht schreibt Ghantus in seinem Buch:

Er war mir erst unsympathisch. Wenn der den Mund aufmachte mit seinem unheimlichen Sächsisch … Aber das war ein oberflächlicher Eindruck. Ich habe hinterher erfahren, dass er mit Stalin immer wieder im Konflikt war, weil die DDR von der Sowjetunion geschwächt und geschröpft wurde bis zum Geht-Nicht-Mehr.

Im Gegensatz zu den meisten DDR-Bürgern konnte Ghantus weltweit reisen. Trotzdem hat er sich nie von seinen Arbeitgebern abhängig gemacht, sondern wahrte seine Unabhägigkeit als freiberuflicher Dolmetscher.

Ghantus hat in Leipzig und Halle Journalistik studiert und spricht Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch. “Entdeckt” hat ihn noch während des Studiums Erich Honecker, der damals Vorsitzender der Freien Deutschen Jugend war. Ghantus begleitete den späteren Staatsratsvorsitzenden auf zahlreichen Auslandsreisen.

Der Verlag kündigt das Werk als “lesenwertes Zeitpanorama” vom Zweiten Weltkrieg bis in unsere heutige Zeit an. Wir sind gespannt.

Über das Buch
Wolfgang Ghantus: Ein Diener vieler Herren. Als Dolmetscher bei den Mächtigen der Welt. Leipzig: Militzke.
Zahlreiche Fotos, 200 Seiten, 13,5 x 22 cm Hardcover, ISBN 9783861898467, 17,90 Euro. Erscheint am 4. Oktober 2011.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: bild.de, 14.09.2011; militzke.de. Bild: militzke.de.]

Mord an Osama bin Laden: Auch ein Dolmetscher war dabei

Osama bin LadenDrei Monate nach der Ermordung Osama bin Ladens (Bild) am 2. Mai 2011 durch eine amerikanische Spezialeinheit kommen bislang unbekannte Details ans Licht. So soll bei dem Einsatz auch ein Vertreter unserer Berufsgruppe mit von der Partie gewesen sein. Die Berliner Umschau schreibt:

Zwei Hubschrauber MH-60 Black Hawk hoben gegen Mitternacht am 1. Mai von Jalalabad in Afghanistan ab. An Bord waren 23 Soldaten der Spezialeinheit DEVGRU der US Navy sowie ein Dolmetscher und ein Hund. […] Während des Sturmes auf die Unterkunft des Terroristen musste der Dolmetscher auf der Straße aufgeregte Passanten beruhigen.

Zur Kommunikation mit dem meistgesuchten Mann der Welt wurde der Dolmetscher nicht benötigt. Diese bestand bekanntlich nur aus zwei Kugeln Blei. Eine „in den Bauch, eine zweite unter das linke Auge“.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Berliner Umschau, 2011-08-03. Bild: Al-Kaida.]

“Wie der Herrgott in Frankreich” - Als Übersetzerin im Auswärtigen Amt 1941-45

Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn bietet im Rahmen des Projekts „Kollektives Gedächtnis“ jedermann die Möglichkeit, persönliche Erinnerungen zu veröffentlichen, die in einem Zusammenhang mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts stehen. Die Sammlung enthält auch einen Beitrag von Dorothea Günther, Jahrgang 1914, die von 1941 bis 1945 als Übersetzerin im Sprachendienst des Auswärtigen Amts tätig war. Hier einige Auszüge:

Ab Frühjahr 1941 arbeitete ich in der englischen Abteilung des Sprachendienstes des Auswärtigen Amtes (AA). Meine Arbeit dort wurde die beste Tätigkeit, die ich je hatte. Acht englische Mitarbeiter gehörten der Abteilung an. Diese Engländer waren aus Internierungslagern ausgewählt und für die Deutschen verpflichtet worden. Es gab darunter Journalisten, Auslandskorrespondenten und auch einen Hochschulprofessor. Natürlich waren sie als Zwangsverpflichtete nur widerwillig nach Berlin gekommen, aber versöhnlich stimmte sie, dass sie als freie Menschen in der Stadt leben konnten. Zwischen ihnen und mir entwickelte sich allmählich eine recht harmonische Beziehung.

Unser oberster Chef war der Gesandte Dr. Paul Schmidt [Bild unten]. Die Dienstzeiten im Sprachendienst des AA wurden sehr großzügig gehandhabt, von 9.30 bis gegen 13 Uhr und von 15 bis 17.30 Uhr. […]

Jeden Morgen fand ich auf meinem Schreitisch zwei dicke geheftete Bücher vor. Sie enthielten alle am Vortag aufgezeichneten Rundfunksendungen der sogenannten Feindsender wie BBC, Soldatenfunk Calais etc. Wir bekamen also genau jene begehrten Sendungen frei Haus geliefert, für die Tausende von Deutschen ihr Leben riskierten, wenn sie zu Hause - unter einer Decke verkrochen - heimlich diese Sender hörten, um Klarheit über die tatsächliche militärische Lage zu bekommen. Wir sollten diese Berichte zu sprachwissenschaftlichen Zwecken studieren, was wir sehr gründlich taten. […]

Führerreden brachten stets einen ungeheuren Wirbel mit sich. Bereits 12 Stunden vorher gingen wir in Klausur, die gesamte vierte Etage des Adlon wurde für den Sprachendienst beschlagnahmt und von der Außenwelt abgeschottet. Die Reden wurden im Vorhinein in etliche Sprachen übersetzt, um bereits Übersetzungen in alle Welt senden zu können, während Hitler die Rede hielt. Bei diesen Nachteinsätzen wurden wir “friedensmäßig” und nach Art des Hauses Adlon verpflegt.

Die Übersetzung der Hitler-Reden wurde nicht nur sorgfältig überprüft, sondern Wort für Wort gründlich diskutiert. Die Entscheidung über die treffendste Formulierung musste manchmal von Dr. Paul Schmidt, dem Chefdolmetscher der Regierung, persönlich gefällt werden. Einmal hieß es bei Hitler voll Pathos: “Dieser blutige Krieg…” Mit unschuldsvoller Miene übersetzten die Engländer: “This bloody war…”, was “dieser Scheißkrieg” bedeutet. […]

Im Weinkeller des Adlon war stets französischer Rotwein vorrätig, und so lebten wir mitten im Krieg tatsächlich wie der Herrgott in Frankreich. […]

Im Januar 1945 endete meine Arbeit beim AA. Meine Abteilung wurde weitgehend aufgelöst, der Rest des Sprachendienstes siedelte über ins Riesengebirge nach Krumhübel. Gehalt bekam ich für sechs Monate im Voraus. Das konnte mich allerdings kaum freuen, denn es gab für das Geld fast nichts mehr zu kaufen.

Chamberlain, Mussolini, Schmidt, Hitler
Dr. Paul Schmidt (2. von rechts), hier mit Chamberlain, Mussolini und Hitler auf der Münchner Konferenz zur Beilegung der Sudetenkrise am 29.09.1938. Schmidt war Chefdolmetscher aller deutschen Reichsregierungen von 1924 bis 1945. Nach dem Krieg leitete er als Direktor das Sprachen- und Dolmetscherinstitut (SDI) München.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Deutsches Historisches Museum. Bild: Auswärtiges Amt.]

Stalins Französisch-Dolmetscher: Wladimir Jerofejew mit 90 Jahren gestorben

Wladimir JerofejewWladimir Iwanowitsch Jerofejew (auf dem Buchtitel rechts mit seinem Sohn Viktor), seinerzeit persönlicher Dolmetscher von Josef Stalin, ist am 18. Juli 2011 im Alter von 90 Jahren in Moskau gestorben. Dies teilte sein Sohn, der bekannte russische Schriftsteller Wiktor Wladimirowitsch Jerofejew und Autor der Bücher Die Moskauer Schönheit und Der gute Stalin, dem Radiosender Echo Moskwy mit. Sein Vater sei nach langer Krankheit an akuter kardiovaskulärer Insuffizienz gestorben. Am 21. Juli wurde er auf dem Wagankowoer Friedhof in der russischen Hauptstadt beigesetzt.

Wladimir Jerofejew war der Berater von Wjatscheslaw Molotow, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates der Sowjetunion, und Stalins persönlicher Dolmetscher für die französische Sprache. Später war er Botschafter in Afrika und Österreich und Vizepräsident der UNESCO.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung charakterisierte ihn 2010 wie folgt:

Stalins persönlicher Französisch-Dolmetscher, der dann Assistent des Außenministers Molotow wurde und für Jahrzehnte dem diplomatischen Dienst der Sowjetunion angehörte, blickt auf ein langes, ereignisreiches, vor allem aber glückliches Leben zurück. Davon ist sein Sohn Viktor, der Schriftsteller, überzeugt, dessen Mitarbeit an dem Dissidenten-Almanach Metropol 1979 dem Karriereglück des Vaters freilich jäh den Todesstoß versetzte. Manches in der Biographie von Jerofejew senior erinnert an den gutgläubigen Iwan aus dem russischen Märchen, mit dem es das Schicksal dann auch gut meint. Als junger Mann wollte der glühende Kommunist in den spanischen Bürgerkrieg ziehen, woraufhin er an der Übersetzerschule des Zentralkomitees studierte. […] Jerofejews inspirierter Blick sah in Stalin eine “magische” Persönlichkeit.

Nach Stalins Tod wurde der glückliche Wladimir Jerofejew Kulturattaché in Paris. Er liebte französische Weine und sibirische Pelmeny. Er genoss die Begegnungen mit Picasso, Aragon und Yves Montand ebenso wie die mit den russischen Musikern Rostropowitsch, Emil Gilels, Leonid Kogan, die zu Gastspielen kamen. Er brachte die Witwe Iwan Bunins, Vera Muromzewa, dazu, den Nachlass des Schriftstellers der Sowjetunion zu übergeben, und seine Regierung überzeugte er, der verarmten alten Dame eine Rente zu zahlen. Dafür war er selbst als Sowjetdiplomat in Paris, als Botschafter im Senegal, später als Unesco-Bevollmächtigter in Wien, für europäische Verhältnisse fast arm. […] Doch er nutzte die für Sowjetbürger kostbaren Gelegenheiten zum Reisen. […]

Später habe der überzeugte Kommunist Jerofejew den Reformkurs Gorbatschows zwar begrüßt, den Zusammenbruch des Sowjetsystems aber “als globale Katastrophe von geschichtsphilosophischer Tragweite” empfunden.

Jerofejews Sohn Viktor schrieb in seinem Roman Der gute Stalin über das Verhältnis zum Vater:

Papa arbeitete im Kreml. Was er da eigentlich machte, wusste ich nicht so genau, aber wenn ich mit meinen Freunden am Kreml vorbeifuhr (im Winter bis über die Nase in Schals gehüllt, in Biberlammpelzen, Mützen, Filzstiefeln und mit Schäufelchen ausgerüstet, um im Gorki-Park im Schnee zu spielen), dann sagte ich sachkundig zu ihnen: »Hier arbeiten mein Papa und Genosse Stalin.«

[Text: Jessica Antosik. Quelle: de.rian.ru, 2011-07-18.]

SDI München: Ein Blick zurück auf 59 Jahre Übersetzerausbildung in Bayern

Bei seiner Eröffnungsrede für das soeben bezogene neue Gebäude des Sprachen & Dolmetscher Instituts München (SDI) am 21.05.2011 umriss der Direktor Dr. Felix Mayer [Bild rechts] die 59-jährige Geschichte des Instituts. Wir geben den Vortragstext hier leicht gekürzt wieder:

Prof. Dr. Felix MayerLassen Sie mich einen Blick zurück und einen nach vorn werfen: Gegründet wurden wir 1952 als „Sprachen- und Dolmetscher-Akademie“ – Prof. Dr. Günther Haensch [zweites Bild von oben] zählt zu den damaligen neun Gründern unseres eingetragenen Vereins. Doch musste dieser Name, da er wohl eine zu große Nähe zu den Hochschulen suggerierte, auf Weisung des Ministeriums in unseren heutigen, Sprachen- und Dolmetscher-Institut, geändert werden.

Die damalige Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern, zunächst in den ersten drei Jahre in der von-der-Tann-Straße, danach am Amiraplatz, war sui generis: Es war eine Ausbildung des SDI. Das SDI hatte ein eigenes Curriculum, hatte eine eigene Prüfungsordnung, die im Ministerium hinterlegt war, und es nahm aus eigener Kraft die Auswahl der Dozenten und Lehrbeauftragten vor.

Das zweite Standbein des SDI war die Ausbildung von Wirtschaftkorrespondentinnen und Auslandssekretärinnen. Die „Abteilung für Auslandssekretärinnen“ leitete seit 1954 Sigrid Kester [drittes Bild von oben].

Prof. Günther HaenschDas dritte Standbein war die so genannte „Deutsche Abteilung“, die später „Deutsch für Ausländer“ hieß und heute „Deutsch als Fremdsprache“. Damals, 1953, also gleich am Anfang, mit 10 Studierenden. Daneben wurden Sprachkurse angeboten, die abends stattfanden, und in denen unsere heutigen Sprachen, also Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, und zusätzlich Portugiesisch, allerdings noch nicht Chinesisch, gelehrt wurden.

Lassen Sie mich nun einen Sprung machen in die späten 60er Jahre und die 70er Jahre. Die damalige Generation hatte an vielen Fronten zu kämpfen, und ich möchte heute nur zwei Herausforderungen herausgreifen: Zum einen kündigten die Vereinigten Werkstätten dem SDI die lieb gewordene Heimat am Amiraplatz. Hier war die Lösung, dass unser Gebäude in der Amalienstraße, das damals im Bau war, gekauft und 1970 bezogen wurde.

Zum anderen ging es um den Status der Studienabschlüsse, denn es wurde deutlich, dass nur das gute Renommee des SDI allein nicht mehr reichte. Aus den Akten lässt sich ersehen, dass in diesen Jahren, Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, die Statusfrage in viele Richtungen diskutiert wurde. Und dass auch wieder – wie bereits in den fünfziger und den sechziger Jahren – die Errichtung einer Hochschule im Gespräch war.

Sigrid KesterDoch wurde im damaligen Kultusministerium eine Bedarfsanalyse erarbeitet mit dem Ergebnis: Es besteht – ich zitiere aus den Akten – „keine Notwendigkeit einer akademischen Übersetzer und Dolmetscher-Ausbildung in Bayern“ Diese Aussage wurde mir vor einigen Jahren kolportierend zusammengefasst in dem Bonmot: „Studierte ho’m ma in Bayern eh’ scho gnua.“ Daher hat sich das SDI mit meinem Vorvorgänger Heinz Graf – und mit tatkräftiger Unterstützung eines jungen Landtagsabgeordneten, seit 1971 Mitglied im Kuratoriums des SDI und heute Ehrensenator unserer Hochschule, Herrn Dr. Erich Schosser [viertes Bild von oben] – also durchgerungen, das Angebot zur Errichtung einer Fachakademie für Übersetzen und Dolmetschen anzunehmen. Übrigens in einem gemeinsamen Antrag zusammen mit dem „Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde bei der Universität Erlangen-Nürnberg“.

Die damalige „Wirtschaftskorrespondentenausbildung (Wiko)“ wurde bereits zwei Jahre früher, nämlich 1973, in die Berufsfachschule für Fremdsprachenberufe, die wir bis heute betreiben, überführt. Damit waren die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für viele Jahrzehnte geklärt und unser SDI konnte weiter wachsen und gedeihen.

Dr. Erich SchosserIn den achtziger Jahren war es dann wieder an der Zeit, sich über den Stellenwert der Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern Gedanken zu machen. In der Chronik des SDI ist zu lesen: „Tatsache ist auch, daß bayerische Absolventen von Fachakademien für Fremdsprachenberufe keine Chance haben, in die Sprachendienste nationaler und supranationaler Institutionen eingestellt zu werden. Diese Entwicklung führt allmählich dazu, daß Bayern mit seiner fremdsprachlichen Ausbildungskonzeption mehr und mehr an den Rand gedrängt wird und nur noch Fremdsprachenkräfte für die heimische Wirtschaft, aber nicht für den europäischen Wirtschaftsraum produziert.“

Vor diesem Hintergrund gelang es aber, im alten Hochschulgesetz den so genannten. „Dr.-Schosser-Paragraphen“ einzubauen. Damit konnten sehr gute Absolventen des SDI an der Universität Augsburg relativ zügig einen Magister erwerben. Einige unserer besten Absolventen haben dann übrigens promoviert, einzelne sich auch habilitiert.

Etwa 10 Jahre später war es wieder soweit: Bei der 40-Jahr-Feier 1992 versprach der damalige Kultusminister Prof. Zehetmaier, uns beim 50-Jährigen zur Errichtung einer Fachhochschule zu gratulieren. Die vielen Arbeiten und Sitzungen in den neunziger Jahren brachten aber wieder nicht den gewünschten Erfolg, dem Haus aber, wenn ich es mal so sagen darf, einiges mehr an Erfahrung.Und es brachte dem Haus eine gewisse – Motivation.

Denn als ich im Jahre 2000 mein Amt antrat, stand das Haus vor mehreren Herausforderungen, von denen ich drei hier nennen möchte:

  1. die organisatorischen Strukturen und Abläufe des Hauses an die heutigen Anforderungen anzupassen,
  2. die Übersetzer- und Dolmetscherausbildung zukunftsträchtig zu gestalten und die Ausbildungsangebote des SDI noch stärker auf die Bedürfnisse des Marktes zuzuschneiden und,
  3. Räumlichkeiten zu schaffen, um den wachsenden Ansprüchen der Dozenten und der Studierenden Genüge tun, was sich natürlich erst nach der Tilgung der letzten Hypothek der Amalienstraße im Jahre 2003 als Möglichkeit herauskristallisierte.

Ad 1: Wir haben die organisatorischen Strukturen des SDI weiterentwickelt. Und wir arbeiten in einem kontinuierlichen Prozess an den Abläufen. Hier sind wir entscheidend vorangekommen, doch wird uns die Fortentwicklung von Abläufen, deren vornehmste Aufgabe doch darin besteht, inhaltliche Exzellenz, also Exzellenz der Lehre und damit Exzellenz der Absolventen, zu ermöglichen, auch in Zukunft beschäftigen.

Ad 2: Wir haben 2007 die Hochschule für Angewandte Sprachen errichtet und damit mehrere Ziele erreicht:

a) Einmal: Gute Absolventinnen und Absolventen aller bayerischen Fachakademien für Übersetzen und Dolmetschen können nun an unserer Hochschule einen Bachelor-Abschluss erwerben. Damit ist die Übersetzerausbildung in Bayern der im Rest Deutschlands – es gibt inzwischen über 20 Hochschulen in Deutschland, die Übersetzen anbieten – gleichgestellt. Und ich möchte anmerken: auch diese Regelung im Bayerischen Hochschulgesetz haben wir entscheidend Herrn Dr. Schosser zu verdanken.

b) Dann: Wir haben die Elite-Ausbildung des SDI, unseren Kodo, in den Master-Studiengang Konferenzdolmetschen überführt. Damit haben wir endlich die formale Gleichstellung unseres Kodo-Abschlusses mit den anderen Hochschulen in Europa erreicht. Den ersten Kodo-Kurs des Hauses hatte Dr. Paul Schmidt im Januar-Februar 1953 für sieben Studierende durchgeführt. Und drei haben im Sommer 1953 die Kodo-Prüfung bestanden.

c) Und wir haben schließlich neue Studiengänge eingeführt, die auf dem Markt gut nachgefragt werden. Sie haben im Mittelpunkt den professionellen Einsatz von Sprache und zwar in der Kombination Sprache und Wirtschaft sowie Sprache und Technik.

Stefan BroschwitzAd 3: Und nun zu der dritten Herausforderung, den Räumlichkeiten: Herr Stefan Broschwitz [Bild rechts], unser Geschäftsführer, hat in den sieben Jahren zwischen 2002 und 2009 über hundert Gebäude besichtigt. Jetzt sind wir hier. Auf unserem Campus.

Wie geht es jetzt mit dem SDI weiter? Was machen wir morgen? Ich kann Ihnen versichern: wir werden nicht ruhen. Wir werden uns nicht ausruhen. Wir werden nicht die Füße hochlegen.

Heute allerdings, heute möchten wir feiern. Mit ihnen gemeinsam. Denn: viele von Ihnen, die Sie heute hier sitzen, im Hintergrund stehen oder im Haus noch vorbereiten oder aus der Ferne bei uns sind, haben, manche von Ihnen entscheidend, dazu beigetragen, dass wir heute hier sind. Dass wir unser neues Gebäude und den neuen Campus haben (und die Amalienstraße gut vermietet haben). Dass wir auf unserem Campus gute Studiengänge und Ausbildungen anbieten
können. Und dass sich viele von uns, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Schülerinnen, Schüler und Studierende, hier wohl fühlen. Gerne hier sind, gerne hier studieren, gerne hier arbeiten.

Dolmetschteam SDI München
Das bei der Eröffnungsveranstaltung eingesetzte Dolmetschteam des SDI München: Cornelia Dickow, Charlotte Seebode, Christine [Nachname auf Namensschild unleserlich], Solveig Rose, Thibaut Mollard, Serena Tirinnanzi, Maria Di Pierro, Laura Ferrarotti,  Rafael Adam.

Dolmetschkabinen SDI München
Brähler ICS Konferenztechnik hat die neuen Dolmetschkabinen im Audimax installiert

Mehr zum Thema auf uepo.de
2011-06-06: SDI München: Feierliche Neueröffnung nach Umzug
2005-02-16: Europäische Verlagsanstalt legt Paul Schmidts Statist auf diplomatischer Bühne neu auf

[Text: Johanna Bietau. Quelle: SDI München. Bild: SDI. Alle Aufnahmen wurden am Tag der Eröffnungsfeier gemacht.]

Ruth Levy-Berlowitz, die Gerichtsdolmetscherin von Adolf Eichmann

Die Wochenzeitung Die Zeit porträtiert die in Dresden geborene und aufgewachsene Ruth Levy-Berlowitz (85), die im Jerusalemer Eichmann-Prozess als Gerichtsdolmetscherin tätig war. Adolf Eichmann war in der Nazizeit Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt. Ab 1961 stand er in Israel als einer der Verantwortlichen für die Judenverfolgung vor Gericht, wurde dort zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Levy-Berlowitz hatte 1952 in Genf die Dolmetscherschule abgeschlossen und war 35, als der Prozess begann. Sie übersetzte aus dem Hebräischen, Englischen und Französischen ins Deutsche. Im Artikel heißt es:

Es gab mehrere Übersetzerteams im Gerichtssaal. Zunächst jenes, das Zeugenaussagen, Statements des Richters sowie Einlassungen Eichmanns und seines Verteidigers ins Hebräische übertrug, in die Prozesssprache. Zudem wurde ins Englische und ins Französische übersetzt. Sowie ins Deutsche, das war die Aufgabe von Ruth Levy-Berlowitz, die sie sich mit einem aus Wien stammenden Kollegen teilte. […]

Die Stimme versagte ausgerechnet am 11.April 1961, dem Morgen des ersten Prozesstages. »Ich bekam hohes Fieber und eine Mandelentzündung. Meine Stimme war weg«, sagt die Übersetzerin. »So etwas ist mir vorher noch nie und nachher nie wieder passiert. Ich bin sicher, dass es psychosomatische Ursachen hatte.« Nach einer Woche konnte sie ihren Platz in der Kabine einnehmen.

Es sei angesichts der emotionalen Belastung nicht leicht gewesen, so Levy-Berlowitz, in diesem Verfahren zu dolmetschen. Das Simultandolmetschen helfe aber dabei, dass sich das Gehörte nicht im Gedächtnis festhaken könne. Man sei darauf konzentriert, die richtigen Worte zu finden und das Tempo einzuhalten. Sie habe sich auf die Tonlage der Zeugen eingestellt, aber auch versucht, deren Emotionalität ein wenig abzuschwächen. Es wäre aber unangebracht gewesen, vollkommen seelenlos und sachlich zu sprechen.

Abends, nach Prozessende, suchten die Dolmetscher gemeinsam eine andere Form der Entlastung, etwas Normales. »Ich war noch nie in meinem Leben so oft in Bars wie in dieser Zeit«, sagt die Frau heute. Sie beschloss, nie wieder solch eine Aufgabe zu übernehmen.

Den vollständigen Artikel können Sie auf der Website der Zeit lesen.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Die Zeit, 2011-04-21.]