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Archiv der Kategorie Geschichte
Parteibuch Voraussetzung für Sprachmittlerstudium in DDR?
9.11.2009 von Richard Schneider.
In einem Artikel auf der Website der Deutschen Welle heißt es über eine Schriftstellerin: „Sylvia Kabus fühlt sich verloren, als sie mit 18 aus dem überschaubaren Görlitz nach Ost-Berlin zieht. […] Eigentlich wäre sie gerne Dolmetscherin geworden, doch ohne Parteibuch war der Zugang zu diesem Studiengang verwehrt.“
Stimmt diese Aussage? Musste man fürs Sprachmittlerstudium in der Partei sein? Wir haben in der Mailingliste U-Forum nachgefragt. Das seit 1993 bestehende Online-Diskussionsforum für Übersetzer hat rund fünfhundert Teilnehmer, darunter auch viele, die in der DDR studiert haben.
Birgit Strauß, Bielefeld, Diplom-Sprachmittlerin Russisch, Slowakisch, Tschechisch, www.uebersetzungsservice.de:
Also da muss ich vehement widersprechen: Ich stamme auch aus Görlitz, ich habe auch Diplom-Sprachmittlerin studiert und ich hatte kein Parteibuch und werde auch nie eins irgendeiner Partei haben.
Man musste einen harten Eignungstest überstehen, aber ich war vorher in einer Schule mit erweitertem Russischunterricht und wir hatten schon damals (ich habe 1978 mit dem Studium begonnen) ein Sprachkabinett. Wir konnten also schon in der Schule das Dolmetschen in der Kabine üben.
Es sind nur wenige genommen worden. Aber auch Westverwandtschaft war kein Hindernis. Das hat lediglich bei der Zuteilung der Sprachen eine Rolle gespielt. Ich konnte mir meine Sprachen nicht aussuchen. Damals war ich kreuzunglücklich, mittlerweile ist das so in Ordnung.
Klar hatten wir Unterricht in Marximus-Leninismus, politischer Ökonomie usw. Aber wir waren ja alle intelligente, denkende Menschen und haben uns selbst unser Bild gemacht.
Nora Spieler, Berlin, Portugiesisch, Spanisch, Englisch:
Diese Behauptung kann so generell nicht stimmen. Ich persönlich habe von 1970 bis 1975 Lateinamerikanistik und Sprachwissenschaften studiert (mit Dolmetscher- und Übersetzerausbildung sowie Politologie) und war während dieser ganzen Zeit parteilos, also auch kein Mitglied einer Blockpartei. Und ich war absolut kein Einzelfall. Gegen Ende des Studiums und in den ersten Berufsjahren danach war ich immer noch parteilos, obwohl ich als Konferenz- und Verhandlungsdolmetscherin auf höchster Ebene eingesetzt wurde. Zahlreiche Kolleginnen waren ebenfalls parteilos.
Natürlich wurden in der DDR Entscheidungen über die Besetzung von Ämtern, Posten etc. auch nach Parteizugehörigkeit, “Klassenstandpunkt” und ähnlichen Kriterien vorgenommen (davon ist ja auch die jetzige Gesellschaft nicht ganz frei). Natürlich gab es auch junge Menschen, denen ein Studium versagt bliebt, weil ihre Eltern nicht “staatstreu” handelten. Aber es gibt auch genug andere Fälle (wie z. B. Kanzlerin Angela Merkel oder ehemalige Mitschülerinnen aus meiner Abiturklasse), die trotz erzchristlicher Erziehung und Elternhäuser ihr Wahlstudium absolvierten und danach an wichtigen Stellen arbeiten konnten.
Das eigene Parteibuch der Kinder als Kriterium zur Zulassung zu einem bestimmten Studium ist allerdings ein wenig glaubwürdiges Argument. In die SED und die anderen Parteien der DDR konnte man erst mit Eintritt der Volljährigkeit aufgenommen werden, also mit Vollendung des 18. Lebensjahres. Wie andere Diskussionsteilnehmer schon bemerkten, ging der Parteiaufnahme ein langwieriges Prozedere voraus, so dass eine gewünschte Aufnahme oft erst während des Studiums erfolgen konnte. Zum Zeitpunkt der Bewerbung um einen Studienplatz (dies hatte bereits in der 11. Klasse zu erfolgen) waren die Abiturienten in der Regel erst 17 Jahre alt. Fazit: Bewerber mit Parteibuch konnte es objektiv nicht geben, mit Ausnahme der jungen Männer, die nach dem Abi ihren Wehrdienst absolvieren mussten und daher das Studium nach Eintritt ihrer Volljährigkeit begannen.
Ich möchte der Autorin des Buches, das Anlass dieser Diskussion war, nichts Unredliches unterstellen. Ich kenne ihren konkreten Fall nicht. Im Allgemeinen würde ich jedoch sagen, dass wenn jemand behauptet, wegen eines fehlenden Parteibuches am Studium gehindert worden zu sein, dies eher nach einer Schutzbehauptung aussieht. Menschen neigen oft dazu, Gründe woanders zu suchen, weil sie sich in ihrer Jugend nicht entscheiden konnten, sich nicht Zwängen (Lernen, Selbstdisziplin) unterwerfen wollten, gebotene Chancen nicht ergriffen oder aus welchen Gründen auch immer in der Schule zu schlechte Noten bekommen hatten.
Ein Studium in der DDR, dazu noch ein Sprachstudium, war nicht der geeignete Ort für diejenigen, die sich erst noch ausprobieren wollten. Es war “verschult”. Studienunterbrechungen, Studienwechsel und das individuelle Zusammenbasteln eines Studienplanes waren Dinge der Unmöglichkeit. Kreative Auszeiten gab es nicht. Das Studium wurde innerhalb der vorgesehen Regelzeit (4 oder 5 Jahre) durchgezogen. “Ewige” Studenten waren eine unbekannte Spezies. Das mag auf manche abschreckend gewirkt haben, sowie übrigens auch die Aufnahmeprüfungen, die bei vielen Studienrichtungen (auch bei Sprachmittlern) zu bestehen waren.
Solche Gründe sind jedoch zu banal, um sie für die öffentliche Darstellung zu verwenden. Es macht sich immer noch gut, sich als Systemopfer darzustellen. Damit wird denjenigen Unrecht getan, die wirklich gelitten haben und die tatsächlich als Bürgerrechtler aktiv wurden.
Peter Ganzer, Berlin, Diplomsprachmittler und Konferenzdolmetscher, Niederländisch, Französisch, Afrikaans, www.peter-ganzer.de:
Eine bestimmte Richtlinie oder Bestimmung gab es dafür sicherlich nicht (von meiner Seminargruppe war bei Studienbeginn vielleicht ein Viertel der Studenten in der SED und eine Kommilitonin in der NDPD, der Nationaldemokratischen Partei), dies entschied immer die Zulassungskommission vor Ort, in der, zumindest in meinem Fall, auch nicht nur SED-Genossen gesessen haben. Ein gewisses Wohlverhalten oder auch Loyalität gegenüber der DDR wurde jedoch immer vorausgesetzt. Wurde man abgelehnt, gab es keinerlei Widerspruchsmöglichkeiten, da es in der DDR keine Verwaltungsgerichtsbarkeit gab.
Es hatte aber sicherlich Vorteile, in der SED zu sein, vor allem, wenn man eine oder zwei so genannte Westsprachen studieren wollte. Dadurch wird es hier und da passiert sein, dass Leute mit schlechterem Abitur bevorzugt wurden, nur weil sie in der SED waren. Nur bei so genannter Westverwandschaft ging meines Wissens überhaupt nichts mit Westsprachen, aber auch hier hat es Ausnahmen gegeben.
Eine mir bekannte prominente Dolmetscherin hat übrigens bis zum Schluss für Honecker gedolmetscht und war in keiner Partei.
Petra Gürtler, Dresden, Dipl.-Dolmetscher/Übersetzer, Englisch und Französisch:
Das kann ich dementieren. In unserer Seminargruppe 1976-1980 (und das war eine heiße Zeit) waren wir zehn Studenten (5 Französisch/Englisch und 5 Französisch/Portugiesisch). Zwei davon waren vom MDI (Ministerium des Inneren, nicht Stasi) abgestellt, da sie für besondere Aufgaben vorgesehen waren. Wir waren die erste Portugiesisch-Gruppe in Leipzig. Das stand damals in Zusammenhang mit der Entwicklung in Angola und Mosambik, und sie sollten dorthin. Die anderen acht waren in keiner Partei und auch nicht bei der Stasi.
Ich habe sogar eine Freundin in der Schweiz, mit der ich seit 1970 in regem Briefwechsel stehe, die mich schon während der Schulzeit besucht hatte und die ich auch immer als Kontakt angegeben hatte. Für mich hat sich das nicht als Problem erwiesen. Sicher wurde es unterschiedlich gehandhabt, das steht außer Frage. Doch niemand sollte behaupten, dass das Parteibuch eine Voraussetzung für das Studium von Westsprachen war. Dafür kenne ich zu viele Kollegen, die nie in einer Partei waren.
Joachim Peter, Berlin:
So wie das da steht, ist das mal gelinde gesagt journalistisch stark übertrieben. Die Auswahl zum Studium oder auch zu anderen Karriereschritten erfolgte in der DDR sowohl nach fachlicher Leistung als auch sogenannter “gesellschaftlicher Arbeit”. Letzteres äußerte sich im Engagement erst mal in der FDJ, eine Parteimitgliedschaft war natürlich ein besonderes Kennzeichen und Grund zur Bevorzugung.
Wie weit politisches Engagement und Wohlverhalten ausschlaggebend war, war oft undurchschaubar, oft lag es an auch einzelnen Entscheidern. Ich erinnere mich an eine katholische Mitschülerin, der, obwohl sie mit Ausnahme von Sport ausschließlich Einsen auf dem Zeugnis hatte, die Aufnahme an die EOS (vergleichbar mit dem Gymnasium) verweigert wurde. Im Studium kannte ich dagegen einen, der sogar den Wehrdienst mit der Waffe verweigert hatte. Sowas wurde eigentlich als besonders aufmüpfig angesehen, war dadurch an einer Uni auch die absolute Ausnahme.
Was das Dolmetscherstudium betrifft, auf die politische Akte wurde da schon genau geschaut, immerhin musste man ja damit rechnen, im späteren Berufsleben auch eine Menge mit staatstragenden oder geheimen Texten zu tun zu haben, sowie mit Auslandsreisen, je nach Sprachrichtung auch in Gegenden, die dem gewöhnlichen Sterblichen verschlossen waren. Die sogenannten “Reisekader” wurden stets sehr genau unter die Lupe genommen, eine Parteimitgliedschaft war dafür auf jeden Fall sehr nützlich, ebenso wie eine Kirchenmitgliedschaft oder noch vielmehr Westbeziehungen sehr hinderlich waren, ein Ausschlusskriterium war das aber nicht.
25 % Parteimitglieder erscheinen mir als Durchschnittswert realistisch, nicht mit vordergründig politischen Studienrichtungen vergleichbar, aber auch durchaus mehr als z. B. in meiner Mathematik-Seminargruppe (unter 10 %).
Katja Plaisant, Berlin, Englisch, www.professionelle-uebersetzungen.de:
Vielleicht hat die junge Frau ein nicht so glänzendes Abitur gehabt, und damit wäre ihre einzige Chance das Parteibuch gewesen. Wer weiß. Aber dann sollte man es auch so schreiben.
Ich hatte mich 1988 in Berlin für Englisch/Portugiesisch beworben mit Abi 1,8, allerdings mit 3 in Staatsbürgerkunde. Das wurde natürlich nichts. Vielleicht hätte es ja mit einem Parteibuch funktioniert? Das war aber keine Option für mich.
Rimma Alperowitsch, Dipl.-Translatorin, Russisch, Tschechisch, Belarussisch, Berlin, www.transearly.de:
Das stimmt genauso, wie das, was meinem Sohn in der Schule erzählt worden ist: Die Amerikaner haben 1945 Berlin befreit!
[Textzusammenstellung: Richard Schneider.]
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Putin am 9. November 1989 in Dresden: “Ich bin der Dolmetscher.”
9.11.2009 von Richard Schneider.
Heute vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin war zu dieser Zeit als KGB-Offizier in Dresden stationiert. An seine Jahre in Deutschland denkt er mit einer gewissen Nostalgie zurück: „Ich erinnere mich noch heute an die Wärme und Herzlichkeit.“
Brenzlig wurde es aber am 9. November 1989. In einem Gespräch mit dem russischen Fernsehsender NTW schildert Putin die Wende-Tage in Sachsen als „sehr stürmische“ Zeit. Er selbst habe vor seinem Dienstsitz eine Menschenmenge beruhigen müssen. Gegenüber den aufgebrachten Demonstranten habe er sich jedoch nicht als KGB-Offizier zu erkennen gegeben. Stattdessen schlüpfte der gut Deutsch sprechende Spion in eine andere Rolle: „Ich sagte, ich sei der Dolmetscher.“
[Text: Richard Schneider. Quelle: Die Zeit, 2009-11-08.]
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Siegelmarken von Gerichtsdolmetschern
3.11.2009 von Richard Schneider.
Siegelmarken aus bedrucktem und zusätzlich oft geprägtem Papier mit feuchtklebender Rückseite wurden früher verwendet, um Briefe mit wichtigen und vertraulichen Unterlagen zu versiegeln. Sie wurden auf die Rückseite der Briefumschläge über die Verschlussklappe geklebt.
Diese Siegelmarken, auch Verschlussmarken oder Briefverschlussmarken genannt, wurden von Ministerien, Gerichten, Ämtern, Universitäten und dem Militär sowie sonstigen „offiziellen“ Stellen und hochstehenden Persönlichkeiten benutzt, zu denen sich offensichtlich auch die Gerichtsdolmetscher zählten.
Siegelmarken verbreiteten sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Preußen, Österreich und anderen deutschen Staaten. Sie lösten die bis dahin übliche Versiegelung mit Siegellack ab und waren bis zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Gebrauch.

Die hier dargestellten Marken haben in Originalgröße einen Durchmesser von 3,5 bis 4 cm und befinden sich im Besitz des Autors. Eine genaue Datierung ist schwierig. Die Marken sind mindestens 70, unter Umständen sogar 100 Jahre alt. Sie tragen folgende Beschriftung:
- Hof- & Gerichtsadvokat Dr. Theodor Reisch, Wien, XIX. [Bezirk], Gatterburggasse 19, beeideter Dolmetsch der ungarischen Sprache.
- Maximilian Max Edler von Maxen, gerichtl. beeideter Dolmetsch der ungarischen Sprache in Brünn [Brno, Tschechien].
- Beeidigter Dolmetscher lic. jur. C. F. Rempen [Hamburg].
- Julius Haacke, vereideter Dolmetscher u. Translator der englischen Sprache für den Bezirk des Kammergerichts [vermutlich Berlin].
- Dr. Sigmund Karplus, Hof- u. Gerichts-Advokat, Gerichtsdolmetsch für die englische und französische Sprache, Wien.
[Text: Richard Schneider. Bild: Richard Schneider.]
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“Der Dolmetscher”: Bildpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg
22.9.2009 von Richard Schneider.

Die Bildpostkarte „Der Dolmetscher“ aus der Zeit des Ersten Weltkriegs gehört zu einer Motivreihe, die einzelne Berufe im Regiment vorstellt.
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Von Chruschtschow bis Gorbatschow: Interview mit Dolmetscher Viktor Sukhodrev
31.8.2009 von Richard Schneider.

Viktor Sukhodrev (77) arbeitete als Dolmetscher des sowjetischen Außenministeriums von 1956 bis 1994 auf höchster Ebene für Spitzenpolitiker wie Chruschtschow und Breschnjew. Dabei lernte er acht amerikanische Präsidenten persönlich kennen, am intensivsten Richard Nixon. Das Bild oben zeigt ihn im Jahr 1961, als er für den sowjetischen Außenminister Andrei Gromyko bei einer Unterredung mit dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy dolmetschte. Sukhodrev wurde in Litauen geboren und verbrachte sechs Jahre seiner Kindheit in London. Zuletzt arbeitete er auch für Michail Gorbatschow, der in Russland nicht als guter Redner gilt. Ein Teil von „Gorbis“ Popularität im Westen wird der hervorragenden Arbeit seiner Dolmetscher zugeschrieben.
Der russische Fernsehsender Russia Today (RT) hat vor Kurzem zwei Interviews mit Sukhodrev in englischer Sprache geführt. RT ist ein 2005 gegründeter und staatlich finanzierter Fernsehsender mit Sitz in Moskau, der sich in englischer Sprache an ein internationales Publikum wendet.

Video 1: Interview mit Sukhodrev aus Anlass des Obama-Besuchs 2009 in Moskau (7:23 Minuten)

Video 2: Spotlight: General of Interpreters. Viktor Sukhodrev als Gast von Al Gurnov in der täglich ausgestrahlten Gesprächsrunde Spotlight (25:02 Minuten)
[Text: Richard Schneider. Quelle: RT. Bild: RT.]
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Auch Piraten brauchen Dolmetscher
6.8.2009 von Richard Schneider.

Selbst die Piraten an der Küste Somalias können auf Dolmetscher nicht verzichten, wollen sie ihre Verhandlungen um Lösegeld zu einem erfolgreichen Abschluss führen. Als im April 2009 der deutsche Frachter MV Patriot im Golf von Aden von somalischen Freibeutern aufgebracht wurde, schrieb Spiegel Online:
Die “MV Patriot” soll nach Informationen aus Marinekreisen bereits auf dem Weg zu einem der Häfen in Somalia sein, die von den Piraten kontrolliert werden. Dort, so jedenfalls der mittlerweile fast routinierte Ablauf der Schiffsentführungen, nehmen die Piraten meist einen Dolmetscher an Bord, der die Verhandlungen über ein Lösegeld beginnt.
Ist der Dolmetscher nicht willig, gebrauchen die Piraten Gewalt. Der ukrainische zweite Offizier des Frachters Bosphorus Prodigy erzählt:
Die somalischen Seeräuber, unter ihnen viele Ex-Militärs, sind vor Ort erstaunlich gut organisiert. Nachdem das Schiff vor Anker liegt, kommt sogar ein einheimischer Übersetzer an Bord, der Englisch spricht. […] Es stellt sich heraus, dass der Übersetzer eigentlich ein Farmer ist und nicht freiwillig im Dienst der Seeräuber steht. Man habe ihn „mit der Kalaschnikow direkt vom Feld weggeholt“, erzählt er.
Die Bosphorus Prodigy war im Dezember 2008 von Piraten in zwei Schnellbooten auf offener See gekapert und 48 Tage in einem somalischen Hafen festgehalten worden. Erst gegen ein von der Reederei gezahltes Lösegeld von 1,5 Mio. USD durfte das Schiff wieder ablegen.
Doch nicht nur die Seeräuber, sondern auch die Kriegsschiffe, die die internationalen Handelsrouten beschützen sollen, sind auf sprachkundige Helfer angewiesen. So verkündete der Pressesprecher der Fregatte Bremen (Bild) vor dem Einsatz am Horn von Afrika, dass die reguläre Besatzung um einige Spezialisten aufgestockt worden sei. Neben Ärzten und einem Juristen zählte dazu auch der wichtigste Mann an Bord - der Dolmetscher.
Ein Journalist, der einen ähnlichen Einsatz an Bord der Fregatte Emden miterlebte, beschreibt, wie deutsche Soldaten mit Hilfe des Dolmetschers ein somalisches Segelschiff kontrollieren:
Etwa 75 Seemeilen von der jemenitischen Kürste entfernt ordnet der Kommandant einen “approach” an, eine “Annäherung”, die etwas weniger martialisch wirkende Vorstufe des Boardings. Ein Speedboot mit neun Soldaten wird zu Wasser gelassen und nimmt Kurs auf die Dhau. Ein Kunststoffboot, drei bis vier Meter lang, mit Außenbordmotor. Die Anspannung steigt. Mit welchen Waffen sind die Männer ausgerüstet? Sollten sie, was häufig vorkommt, einen oder mehrere “RPG-7″ mit sich führen, Granatwerfer russischer Provenienz, liegt der Fall ziemlich klar. Die Speedboot-Besatzung, zu der auch ein arabisch sprechender Dolmetscher in Tarnfleckuniform gehört, gibt per Funk die ersten Erkenntnisse durch: Treibstofffässer befinden sich an Bord, eindeutig weit mehr als zum Eigenbedarf notwendig.
Oha, das könnte brenzlig werden … Und zwar auch für den Dolmetscher, der seine Arbeit wie bei allen militärischen Einsätzen notgedrungen an vorderster Front mit garantiertem Feindkontakt verrichtet. Ein toller Job!
[Text: Richard Schneider. Quellen in der Reihenfolge des Zitats: Spiegel Online, 2009-04-22; Eurasisches Magazin, 2009-08-03; Presse- und Informationszentrum Marine, 2009-07-23; Mitteldeutsche Zeitung, 2009-07-27. Bild: Presse- und Informationszentrum Marine.]
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Bildwörterbücher - für das Militär unentbehrlich
20.7.2009 von Richard Schneider.
Für den Afghanistan-Krieg hat das Bundessprachenamt ein Bildwörterbuch in den Sprachen Deutsch, Dari und Paschtu entwickelt, das der Bundeswehr die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung in der deutschen Besatzungszone im Norden des Landes erleichtern soll. Hier einige Beispielseiten:





Der Einsatz von Bildwörterbüchern beim Militär ist nicht neu. Die Sprachendienste der Truppe sind dabei recht erfindungsreich und können auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblicken. Nachfolgend zwei Beispiele aus früheren Kriegen:

Das Faltblatt der Amerikaner zur Verständigung mit Einheimischen beim Überfall auf den Irak im Jahr 2003.


Besonders innovativ und praktisch: Der Stumme Dolmetsch der Wehrmacht beim Russland-Feldzug (1941-1945).
Ein Bildwörterbuch mit eher zivilem Inhalt aus dem Zweiten Weltkrieg.
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Themenabend in Saarbrücken: Simultandolmetschen bei Nürnberger Prozessen
19.1.2009 von Richard Schneider.
Die Nürnberger Prozesse 1945/46 waren ein Meilenstein in der Geschichte des Völkerrechts wie auch des Dolmetschens und Übersetzens. Über den genauen Ablauf ist jedoch recht wenig bekannt; ebenso wie über die Beteiligten, die vor und hinter den Kulissen dafür sorgten, dass dieser internationale Prozess überhaupt zustande kommen konnte.
Ein Themenabend am 23. Januar 2009 an der Uni Saarbrücken behandelt mit zwei Vorträgen und anschließender Publikumsdiskussion dieses Kapitel der nationalen und internationalen Geschichte. Dabei werden auch zahlreiche Fotos aus dem Gerichtssaal gezeigt, die damals zu Archivzwecken von Ray D’Addario aufgenommen wurden. So erhalten Prozessbeteiligte wie der Hauptankläger Jackson oder die ersten Simultandolmetscher ein Gesicht. Außerdem zeigen die Fotos unter anderem die technische Ausrüstung, die für die Verständigung der Prozessbeteiligten unabdingbar war, sowie die Papierberge, die durch den enormen Übersetzungsaufwand entstanden. Tausende Seiten Beweisdokumente und Protokolle mussten in den vier Arbeitssprachen vorliegen.
Der Themenabend “Der Nürnberger Prozess der Hauptkriegsverbrecher” wird von zwei Vortragenden gestaltet, die sich intensiv mit diesem und den Nachfolgeprozessen auseinandergesetzt haben:
Dr. Theodoros Radísoglou ist Dolmetscher und Übersetzer in Nürnberg und hat für den Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), eine Wanderausstellung mit den Fotos von Ray D’Addario konzipiert sowie immer wieder in Aufsätzen und Vorträgen über die Nürnberger Dolmetscher und ihre Arbeitsbedingungen berichtet.
Prof. Dr. Klaus Kastner ist Jurist und arbeitete lange an Nürnberger Gerichten, unter anderem in dem Gebäude, in dessen Schwurgerichtssaal die Kriegsverbrecherprozesse stattfanden. Nun hat er eine Honorarprofessur an der Universität Erlangen-Nürnberg. Auch er veröffentlichte Aufsätze und Bücher, insbesondere zu völkerrechtlichen Aspekten der Prozesse.
Veranstalter des Themenabends sind die Fachrichtung 4.6 Angewandte Sprachwissenschaft sowie Übersetzen und Dolmetschen und das Europa-Institut der Universität des Saarlandes. Im Anschluss an die Vorträge ist eine ausführliche Diskussion vorgesehen.
Freitag, 23.01.2009, 19 Uhr, Universität des Saarlands, Gebäude A2 2, Konferenzsaal 1.20.
[Text: Saar-Uni-Presseteam. Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, 2009-01-15.]
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Sprachgesetzgebung im Kaiserreich
6.1.2009 von Richard Schneider.
Die deutsche Nation hätte 2009 allen Grund zum Feiern (den sie freilich nicht nutzen wird). Sie wird 2000 Jahre alt, wenn man den Sieg der Germanen im Jahre 9 über die Römer als „Geburt der Deutschen“ bezeichnet, wie der Spiegel es vor Kurzem in einer Titelgeschichte getan hat (51/2008).
Die Sprache der Deutschen, das Deutsche, ist im Lauf dieser 2000 Jahre offenbar nie auf Verfassungsebene als Landessprache festgelegt worden. Auch in Zukunft wird dies nicht geschehen, wie eine kurz in den Medien aufflackernde Diskussion im Dezember 2008 gezeigt hat. (Anlass: Die Delegierten des CDU-Parteitags stimmten gegen den ausdrücklichen Willen der Parteiführung für einen Antrag, Deutsch als Landessprache in der Verfassung zu nennen.)
Dieser Umstand ist im Vergleich zu den Nachbarländern in Europa ein überaus merkwürdiges Kuriosum. Besitzen die Deutschen ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Sprache? Immerhin spielte diese erst sehr spät, nämlich mit dem Protestantismus, als Geschäfts- und Amtssprache neben dem Latein eine gewisse Rolle.
Welche gesetzlichen Regelungen gab es in vergangenen Jahrhunderten hinsichtlich der zu verwendenden Sprache? Oliver Dehn hat in einem Hauptseminarreferat einige interessante Fakten zu diesem Thema zusammengetragen. Der Titel: „Die deutsche Sprache als Rechtsgut: die Sprachgesetzgebung im Kaiserreich“. Er weist unter anderem auf Folgendes hin:
- Der älteste auf die Sprache bezogene Rechtstext ist die ,,Goldene Bulle” von 1356, die sich unter anderem mit der Frage befasst, welcher Sprache sich der Regent eines vielsprachigen Reiches befleißigen sollte. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (1157-1806) waren Latein und Deutsch Amtssprachen.
- Beglaubigte Übersetzungen gibt es seit 1654. Die ,,Reichshofratsordnung” aus diesem Jahr verlangt bei fremdsprachigen Eingaben: ,,… es soll dabei eine beglaubte, und von der Obrigkeit versiegelte und approbierte Translation in Teutscher oder lateinischer Sprach, stets mit producirt werden.”
- Das Anfang des 18. Jahrhunderts in der feinen Gesellschaft überaus beliebte Französisch schaffte es nie, in der Staatsverwaltung Latein und Deutsch zu verdrängen und blieb eine vorübergehende Modeerscheinung.
- 1876 verabschiedete Preußen für sein Staatsgebiet ein Geschäftssprachengesetz, das die ausschließliche Verwendung der deutschen Sprache im preußischen Verwaltungsapparat vorsah. Das Gerichtsverfassungsgesetz von 1877 schuf für den Bereich der Justiz klare Verhältnisse. § 186 bestimmte: ,,Die Gerichtssprache ist die deutsche.” (Heute lautet der § 184 GVG: ,,Die Gerichtssprache ist deutsch.”) Das Reichspatentgesetz übernahm diese Regelung und legte sie in § 33 noch enger aus: ,,Eingaben, welche nicht in deutscher Sprache abgefaßt sind, werden nicht berücksichtigt.”
Den Volltext des Referats können Sie unter folgender Adresse aufrufen: www.grin.com/e-book/107392
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Ivan Ivanji, Titos Dolmetscher: Als Literat am Pulsschlag der Politik
16.9.2008 von Richard Schneider.
Über fünfzehn Jahre lang hat Ivan Ivanji in den 1970er und 1980er Jahren die Begegnungen von Josip Broz Tito und anderer führender jugoslawischer Politiker mit Staatsmännern des deutschsprachigen Raumes gedolmetscht. Auf diese Weise nahm der Schriftsteller in der Rolle des Übersetzers unmittelbar am historischen Zeitgeschehen teil.
In seinem Buch Titos Dolmetscher beschreibt Ivanji Weltgeschichte, gesehen mit den Augen eines Literaten und Übersetzers. Als Teilnehmer von drei großen internationalen Konferenzen - der Gründungskonferenz der KSZE (deren Nachfolge die OSZE angetreten hat) 1975 in Helsinki, der Versammlung der kommunistischen und Arbeiterparteien 1976 in Ostberlin und der Gipfelkonferenz der Blockfreien in Havanna 1979 - entwirft Ivan Ivanji ein sehr lebendiges Bild der so genannten multilateralen Diplomatie der 1970er Jahre, als Jugoslawien im Konzert der Staatengemeinschaft eine allseits anerkannte Rolle gespielt hat.
Jahrelang verbringt Ivanji an der Seite Titos und lernt dabei die interessantesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der westdeutschen, ostdeutschen und österreichischen Politik kennen: Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt; Walter Ulbricht, Erich Honecker und Willy Stoph; Bruno Kreisky, Franz Jonas und Kurt Waldheim.
Titos Dolmetscher ist ein Zeitdokument der besonderen Art. Ivanji nimmt darin die Rolle des exakten Beobachters ein, distanziert in der politischen Herangehensweise und dennoch mit großer persönlicher Nähe zu den Repräsentanten der europäischen Politik in den 1970er und 1980er Jahren. Am Ende seines Buches drückt der Autor, einem unzeitgemäßen Bekenntnis gleich, seine Sympathie mit dem in schrecklichen Kriegswirren der 1990er Jahre untergegangenen Vielvölkerstaat Jugoslawien und dessen eindrucksvollstem Politiker, Tito, aus.
Die Süddeutsche Zeitung schreibt zum Buch: “Der Dolmetscher befindet sich mitten im politischen Geschehen und ist doch eine Randfigur. Aus dieser besonderen Perspektive gewinnt Ivanji eine Vielzahl reizvoller und oft süffisanter Betrachtungen.” Die SPD-Parteizeitung Vorwärts meint: “Humorvoll und angerechert mit brisanten Anektoten vermittelt Ivanji die Arbeitswelt eines Dolmetschers zu Zeiten des Kalten Krieges. Seine Haltung gegenüber Tito könnte dabei distanzierter sein.” Die Neue Zürcher Zeitung kritisiert: “Der Leser vermisst Absatnd, er spürt: Der Dolmetscher war mitnichten kühler Zeuge, er war Nutznießer des Systems und Rädchen im Getriebe.”
Zum Autor:
Ivan Ivanji wurde am 24. Januar 1929 in Zrenjanin in eine jüdische Ärztefamilie hineingeboren. Verhaftet in Novi Sad, verbrachte er über ein Jahr in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald. Dem nazionalsozialistischen Grauen entronnen, studierte Ivanji Germanistik in Belgrad. Er war Lehrer, Journalist, Verlagslektor, Dramaturg und Direktor mehrerer Belgrader Theater. Von 1974 bis 1978 arbeitete er als Botschaftsrat Jugoslawiens in Bonn, danach bis 1981 im jugoslawischen Außenministerium. Von 1982 bis 1988 war Ivanji Generalsekretär des jugoslawischen Schriftstellerverbandes. Seit 1992 lebt er in Wien und Belgrad.
Ivan Ivanji: Titos Dolmetscher. Als Literat am Pulsschlag der Politik. Promedia Verlag 2008, ISBN 978-3-85371-272-6, 208 Seiten, 15,90 Euro.
[Text: Promedia Verlag.]
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